Richard Rorty
1931–2007 · Charlottesville
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der amerikanische Neopragmatist, der Wissen als gesellschaftliche Rechtfertigung im gemeinsamen Gespräch versteht und Solidarität an die Stelle von Gewissheit setzt.
Rorty baut auf Dewey, Quine und Sellars auf, wird aber von Pragmatisten wie Cheryl Misak und Susan Haack angezweifelt. Williams und Putnam widersprechen ihm in der Wahrheitsfrage.
Kernidee
Rorty bestreitet, dass unser Wissen die Welt wie ein Spiegel abbildet. Wissen ist für ihn eine Sache von Gespräch und gesellschaftlicher Praxis, nicht von Gewissheit. Fortschritt heißt, den Kreis derer zu erweitern, die wir als „einen von uns“ ansehen.
Bekannt für
Rorty ist bekannt für sein Buch Philosophy and the Mirror of Nature (1979), das die Idee kritisiert, Wissen spiegele die Wirklichkeit. Später schrieb er auch politische Bücher wie Achieving Our Country (1998), in denen er für eine Rückkehr zur reformorientierten Linken der 1960er Jahre in Amerika warb.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Gegen den Spiegel der Natur
Rorty greift die Vorstellung an, Wissen sei ein geistiges Abbild einer Außenwelt (Repräsentation). Mit Werkzeugen von Quine, Sellars und Davidson, dazu Gedanken von Kuhn und Wittgenstein, sagt er: Wir verstehen Wissen, wenn wir verstehen, wie Überzeugungen in einer Gemeinschaft gerechtfertigt werden. Eine tiefe Theorie der Wahrheit hält er für überflüssig, Wahrheit ist für ihn kein Ziel jenseits guter Begründung. Wenn eine Führungskraft sagt „Das sind die Fakten“, kannst du fragen, in welchem Vokabular und für welchen Zweck diese Fakten gerade gebraucht werden.
Der liberale Ironiker
Der Ironiker hält seine eigenen Grundbegriffe für zufällig gewachsen und ist deshalb offen für neue Beschreibungen. Zugleich bleibt er einem Ziel treu: Grausamkeit zu verringern. Das Zufällige seiner Werte macht sie nicht schwächer, sagt Rorty. Eine Teamkultur kann so ernst gemeint und zugleich offen für Veränderung bleiben.
Solidarität und Neubeschreibung
Fortschritt entsteht für Rorty nicht durch bessere Theorie, sondern dadurch, dass wir unser Mitgefühl trainieren, indem wir uns dem Leid von bisher Übersehenen aussetzen. So wächst das „Wir“ allmählich. Er verlangt außerdem wirtschaftliche Sicherheit, denn wenn es hart auf hart kommt, schrumpft der Kreis der Loyalität. In einer Firma heißt das: Wenn du Zusammenhalt über Abteilungen willst, sorge zuerst dafür, dass niemand um seine Existenz fürchtet.
Begriffe
- Antirepräsentationalismus
- Spiegel der Natur
- liberaler Ironiker
- Solidarität
- Redeskription
- Ethnozentrismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Rudolf Carnap, Charles Hartshorne, Richard McKeon: seine Lehrer in Chicago
- Paul Weiss: Betreuer seiner Dissertation in Yale
Gegner
- Bernard Williams: Truth and Truthfulness (2002) gegen Rortys Skepsis gegenüber Wahrheit
- Hilary Putnam: freundlicher Kritiker, der dem Gedanken widerspricht, es gebe nur gesprächsbedingte Grenzen des Wissens
- Susan Haack und Cheryl Misak: bezweifeln seine Deutung der klassischen Pragmatisten
Verbindungen im Netz
7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Robert BrandomDeutung
Brandom promovierte 1977 unter Rorty, nennt ihn laut SEP seinen Lehrer und gab Rorty and His Critics (2000) heraus.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf John DeweyDeutung
SEP: Dewey ist für Rorty die Schlüsselfigur des Pragmatismus, wenn auch in selektiver, umstrittener Lesart.
baut auf Willard Van Orman QuineDeutung
SEP: Rorty verwendet Quines Angriff in „Two Dogmas of Empiricism“ für seine Kritik an der Erkenntnistheorie.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Bernard WilliamsDeutung
SEP: Williams kritisiert Rortys Wissenschaftsverständnis; in Truth and Truthfulness (2002) stellt er sich gegen Rortys Wahrheitsskepsis.
wird kritisiert von Cheryl MisakDeutung
Die SEP nennt Misak unter denen, die Rortys Verzicht auf die Wahrheitsfrage kritisieren.
wird kritisiert von Hilary PutnamDeutung
SEP: Putnam gehört zu den freundlichen Kritikern, die keine nur gesprächsbedingten Grenzen des Wissens akzeptieren.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Hilary PutnamDeutung
Die SEP führt Rorty und Putnam nebeneinander als Träger der Wiederbelebung des Pragmatismus seit den 1970ern.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Rorty wuchs nach eigener Auskunft in der antikommunistischen, reformorientierten Linken Mitte des 20. Jahrhunderts auf; seine Eltern James und Winifred Rorty waren politisch aktive Schriftsteller. Sein Vater unterstützte 1932 zunächst den Präsidentschaftswahlkampf des Kommunisten William Z. Foster und stieg dann aus; wie diese Herkunft Rortys Denken färbte, bleibt Deutung.[5]
Abhängigkeit belegt
Rorty wurde in Princeton zunehmend enttäuscht davon, wie die führenden Köpfe des Fachbereichs Philosophie betrieben, was nach der SEP wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, und wechselte 1982 nach Virginia. Sein Buch von 1979 wurde als Angriff auf das Credo der analytischen Philosophie gelesen, nicht als wohlmeinende Reform, wie er es sah.[1]
Geld Deutung
Rorty erhielt 1973/74 ein Guggenheim-Stipendium und 1981 bis 1986 ein MacArthur-Stipendium. Dass diese Förderung ihm die Freiheit für seine Abkehr von der Fachphilosophie gab, ist Deutung.[1]
Kritik
Kritiker wie Williams halten Rortys Sicht auf Wissenschaft für schädlich: Wenn sie sich durchsetzte, verlören Forschende die Motivation, die Wahrheit zu suchen. Putnam, McDowell und Dennett, eigentlich freundlich, wollen nicht akzeptieren, dass es nur gesprächsbedingte Grenzen des Wissens gibt. Auch seine Berufung auf den Pragmatismus ist umstritten: Haack und Misak bestreiten, dass er Dewey und Peirce richtig liest.
Wirkung heute
Rortys Frage, ob Wahrheit mehr ist als gut begründete Übereinstimmung, wird in Debatten über Wahrheit und Objektivität weiter gestellt; Bernard Williams schrieb noch 2002 ein ganzes Buch gegen solche Zweifel an der Wahrheit. Seine Idee, dass Fortschritt aus Mitgefühl und der Erweiterung des Wir entsteht, bleibt ein Bezugspunkt in Gesprächen über Solidarität.
Brücke zu Führung und Coaching
Rorty gibt dir Mittel für Teams, die sich in Lagern gegenüberstehen. Frage in einem festgefahrenen Streit: Welche Wörter benutzen wir, und welche Beschreibung der Lage würde die andere Seite wählen? Und achte darauf, dass Zusammenhalt Sicherheit braucht: Wo Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten, schrumpft das „Wir“ von selbst.
Lebensstationen
- 1931geboren in New York
- 1956Promotion in Yale
- 1961Professor in Princeton bis 1982
- 1979Philosophy and the Mirror of Nature erscheint
- 1982Wechsel an die University of Virginia
- 2007gestorben am 8. Juni (Palo Alto)
- 1998Wechsel an die Stanford University (Vergleichende Literaturwissenschaft)
Werke
Philosophy and the Mirror of Nature (1979); Consequences of Pragmatism (1982); Contingency, Irony, and Solidarity (1989, deutsch Kontingenz, Ironie und Solidarität, 1991); Achieving Our Country (1998)
Anekdote überliefert
Wenige Wochen vor Rortys Rede als Präsident der Eastern Division der American Philosophical Association (1979/80) erschien sein Buch Philosophy and the Mirror of Nature. Zu seiner Überraschung wurde es als Angriff auf das Credo der analytischen Philosophie gelesen, und die meisten Rezensionen fielen feindlich aus.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität (Suhrkamp, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 981, deutsch zuerst 1991, übersetzt von Christa Krüger), weil es seine Ethik des „liberalen Ironikers“ am zugänglichsten ausführt.
- Vertiefung
- Christopher J. Voparil, Richard Rorty: Politics and Vision (Rowman & Littlefield, 2006)
Noch nicht sicher belegt
- Kein Zitat verwendet: Die SEP-Zitate (PMN, CIS) sind englisch und die deutsche Seitenzahl wurde nicht geprüft. Die Eltern „brachen in den frühen 1930er Jahren mit der KP“ stammt aus Britannica. Rortys Verhältnis zu Peirce (dismissive) in der SEP, aber keine Kante gesetzt, da Peirce hier nur als Bezug und nicht als Einfluss. Der Kreis um Misak und Haack steht nur in der SEP. Die Eastern-Division-Anekdote nennt als Quelle ein Interview, das nicht selbst abgerufen wurde. Einordnung des Putnam-Zitats: SEP nennt Putnam einen „freundlichen Kritiker“, nicht mehr. Prüfer: Britannica (britannica.com) war beim Prüfen nicht abrufbar (403); Angaben daraus wurden über SEP und Wikipedia gegengeprüft. Der Satz, die Eltern hätten in den frühen 1930er Jahren mit der KP gebrochen, ist nur über Suchtreffer (Rorty-Erinnerung, Gross-Biografie) gestützt, nicht über eine geöffnete Quelle; ersetzt durch den belegten Foster-Wahlkampf 1932 des Vaters. Die Gleichsetzung von Wahrheit mit Nutzen stand nicht in der SEP (Rorty bezweifelt den Sinn jeder Wahrheitstheorie) und wurde korrigiert. Deutsche Erstausgabe von Kontingenz, Ironie und Solidarität laut Suhrkamp 1991, nicht 1989. Britannica-Artikel als Sekundärlektüre ersetzt durch Voparil (2006, Katalog belegt). Ort Charlottesville ist nur eine Wirkungsstätte (geboren New York, 21 Jahre Princeton, gestorben Palo Alto). Britannica-Eintrag nicht abrufbar (403), daher aus quellen entfernt (Orchestrator).
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Rorty
- [1]Richard Rorty – SEP, Abschnitt 4.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Bernard Williams – Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]suhrkamp.de/buch/richard-rorty-kontingenz-ironie-und-solidaritaet-t-9783518285817 · Buch
- [4]Wikipedia (en): Richard Rorty · Wikipedia
- [5]Richard Rorty – SEP – https://plato.stanford.edu/entries/rorty/ ; James Rorty – Wikipedia · Wikipedia
- [6]scholars.lynn.edu/en/publications/richard-rorty-politics-and-vision-politics-and-vision · Webseite