Wilfrid Sellars
1912–1989 · Pittsburgh
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der amerikanische Philosoph, der den Mythos des Gegebenen angriff und den Weg von der Sprachanalyse zur Pittsburgher Schule mit Brandom und McDowell bahnte.
Er knüpft an Kant an und richtet seine Kritik vor allem gegen Carnaps Positivismus und den kantischen Pragmatismus von C. I. Lewis. Brandom, McDowell und Rorty bauen auf ihn auf, so dass er die Brücke von der analytischen Tradition zu den Pittsburgher Denkern bildet.
Kernidee
Sellars sagt: Es gibt keine nackte Erfahrung, auf der unser Wissen sicher ruht. Wissen heißt, Gründe zu geben und zu verlangen, und dieser Raum der Gründe lässt sich nicht auf bloße Ursachen in der Natur zurückführen. Zugleich will er das Alltagsbild vom Menschen mit dem Bild der Wissenschaft zu einer Gesamtsicht verbinden.
Bekannt für
Sellars wurde durch seinen Aufsatz Empiricism and the Philosophy of Mind (1956) bekannt, in dem er den Mythos des Gegebenen kritisiert. Der Aufsatz gilt als Grundtext der heutigen Erkenntnistheorie und wirkt auf Autoren wie Brandom und McDowell.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Mythos des Gegebenen
Sellars wendet sich gegen die Annahme, unsere Erkenntnis ruhe auf einer Schicht von Eindrücken, die ohne Begriffe sicher gegeben ist. Wissen ist für ihn eingebettet in ein Netz von Gründen und kann sich immer wieder selbst korrigieren. Wenn ein Controller sagt, die Zahlen sprächen für sich, übersieht er, dass jede Zahl erst durch Begriffe und Fragen etwas bedeutet.
Raum der Gründe
Jemandem Wissen zuzuschreiben heißt, ihn in einen normativen Raum von Begründen und Rechtfertigen zu stellen. Das lässt sich nicht einfach durch eine Beschreibung von Ursachen ersetzen. Im Team heißt das: Wer eine Entscheidung trifft, schuldet anderen Gründe, nicht nur eine Erklärung, wie es dazu kam.
Manifestes und wissenschaftliches Bild
Das manifeste Bild zeigt den Menschen als Person mit Gründen, Absichten und Normen, das wissenschaftliche Bild beschreibt die Welt aus Theorien über unbeobachtbare Strukturen. Sellars will beide zu einer stereoskopischen Sicht verbinden, also so, wie zwei Augen ein räumliches Bild ergeben. In der Führung gleicht das dem Zusammenspiel von Zahlen und Gesprächen: Beides allein verzerrt, zusammen entsteht Tiefe.
Begriffe
- Mythos des Gegebenen
- Raum der Gründe
- manifestes und wissenschaftliches Bild
- funktionale Semantik
- wissenschaftlicher Realismus
- Normativität
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Roy Wood Sellars: Vater und Philosoph, nennt die SEP unter seinen Lehrern
- H. A. Prichard und H. H. Price: Tutoren und Einflüsse in Oxford laut SEP, über sie wirkte auch Cook Wilson auf ihn
Schüler
- Paul Churchland, Jay Rosenberg, Willem deVries: Doktoranden laut Wikipedia
- Fred Dretske: bekannter Schüler laut Wikipedia
Freunde
- Herbert Feigl: Kollege in Iowa und Minnesota, gemeinsame Herausgeberschaft
Gegner
- Rudolf Carnap und C. I. Lewis: richtet seine Arbeit gegen deren Positionen laut Wikipedia
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Gilbert RyleDeutung
Deutung: Sellars benennt die Ryleaner in seinem Gedankenexperiment in Empiricism and the Philosophy of Mind nach Ryle und geht von deren behavioristischer Sprache aus, um über sie hinauszugehen.
baut auf Immanuel KantDeutung
Die SEP nennt Sellars' Philosophie des Geistes kantisch geprägt.
Grundlage für Robert BrandomDeutung
Brandom, Sellars' jüngerer Kollege in Pittsburgh, nannte ihn und Quine laut Wikipedia die beiden bedeutendsten Philosophen ihrer Generation.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Rudolf CarnapDeutung
Wikipedia nennt Carnap und C. I. Lewis als Ziele von Sellars' Kritik.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Sellars diente im Zweiten Weltkrieg von 1943 bis 1946 in der US Navy und unterbrach dafür seine Lehrtätigkeit in Iowa.[1]
Biografie Deutung
Sellars war Sohn des Philosophen Roy Wood Sellars und wuchs in einem philosophischen Haushalt auf, studierte in Oxford und wechselte mehrfach zwischen amerikanischen Universitäten. Das kann seine Verbindung von britischer Sprachanalyse und amerikanischem Realismus erklären.[1]
Kritik
Seine Aufsätze gelten selbst bei der SEP als vielschichtig und schwer zugänglich. Seine Anhänger spalten sich in rechte Sellarsianer wie die Churchlands, Millikan und Rosenberg, die den wissenschaftlichen Realismus betonen, und linke wie Rorty, McDowell und Brandom, die Normativität und das Soziale betonen. Mit Quine und Davidson wird ihm zugeschrieben, den Fundamentalismus (die Lehre von einem sicheren Fundament des Wissens) seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in die Defensive gebracht zu haben.
Wirkung heute
Die Idee des Raums der Gründe prägt die Pittsburgher Schule und die Debatte über Wahrnehmung und Begriffe. Der Streit zwischen Alltagsbild und wissenschaftlichem Bild bleibt in Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie aktuell.
Brücke zu Führung und Coaching
Sellars schützt dich vor der Illusion, dass Daten für sich sprechen: Jede Zahl im Reporting setzt Begriffe und Entscheidungen darüber voraus, was zählt. Frage im Team: Welche Annahmen stecken in dieser Kennzahl, und welche Gründe würden wir dafür geben? So wird aus Zahlen ein Gespräch und nicht ein Urteil.
Lebensstationen
- 1912Geboren in Ann Arbor, Michigan
- 1934Beginn des Studiums am Oriel College, Oxford, als Rhodes-Stipendiat
- 1938University of Iowa, auf Angebot von Herbert Feigl
- 1956Empiricism and the Philosophy of Mind erscheint
- 1958Gast in Yale, dort ab 1959 fest angestellt
- 1963University of Pittsburgh, bis zum Tod
- 1989Gestorben in Pittsburgh
Werke
Empiricism and the Philosophy of Mind (1956); Philosophy and the Scientific Image of Man (1962); Science, Perception and Reality (1963); Science and Metaphysics: Variations on Kantian Themes (1968); Naturalism and Ontology (1979)
Lesetipps
- Einstieg
- Wilfrid Sellars: Empiricism and the Philosophy of Mind, Harvard University Press (Neuausgabe 1997, mit Einleitung von Richard Rorty und Studienführer von Robert Brandom), der Aufsatz mit dem Mythos des Gegebenen. Eine deutsche Ausgabe ist nicht bestätigt.
- Vertiefung
- Robert Brandom: Studienführer zu Empiricism and the Philosophy of Mind in der Ausgabe von 1997
Noch nicht sicher belegt
- SEP-Text nur bis ca. 100000 Zeichen gelesen. Stationen: SEP Iowa ab 1938, Minnesota 1946; Wikipedia Iowa 1938–1946, Minnesota 1947–1958; Kriegsdienst SEP Navy 1943–1946, Wikipedia Geheimdienst. Anekdote: keine belegt, daher null (Wikipedia nennt Studenten-Kooperative und Alkohol als Todesursache, nicht verwendet). Todesort Pittsburgh nur aus Wikipedia. Der Begriff Psychological Nominalism steht laut SEP nicht im Text. Sellars-Roy-Wood-Sellars als Lehrer laut SEP-Zusammenfassung. Deutsche Ausgabe von Empiricism and the Philosophy of Mind nicht bestätigt. Die Oxford-Studiendaten 1934 stammen aus SEP, Wikipedia nennt abweichende Jahre. Kante zu Carnap nur über Wikipedia (Abruf). Prüfer: Kriegsdienst nur nach SEP (Navy 1943–1946); Geheimdienst in keiner abgerufenen Fassung bestätigt, gestrichen. Cook Wilson (gest. 1915) war kein Lehrer, nur mittelbarer Einfluss. Der Rylean myth ist laut Wikipedia keine Kritik an Ryle, daher Gegner Ryle entfernt und Kante zu Ryle als Deutung (auf) umgestellt. Kante zu Carnap weiter nur über en.wikipedia; SEP nennt Carnap nur in der Bibliografie.
Herkunft der Daten: Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Sellars
- [1]SEP Wilfrid Sellars · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (en): Wilfrid Sellars · Wikipedia
- [3]academic.oup.com/book/12510 · Webseite