Chasdai Crescas
um 1340–1410/11 · Barcelona, Saragossa (Aragon)
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der schärfste jüdische Kritiker des Aristotelismus im Mittelalter: Er greift Maimonides' Beweise und die aristotelische Physik an und bereitet damit das neuzeitliche Denken vor.
Er richtet sich gegen Maimonides und gegen Gersonides und stützt sich dabei auf Kritik an Aristoteles aus der christlichen Physik des 14. Jahrhunderts (Ockham, Buridan). Über ihn kommen seine Ideen später zu Spinoza.
Kernidee
Crescas zeigt, dass viele Grundsätze der aristotelischen Physik, auf die sich Maimonides stützt, unbewiesen sind, etwa dass es keinen leeren Raum und keine unendliche Größe geben könne. Die Philosophie kann nach ihm beweisen, dass es eine erste Ursache gibt, aber nicht, dass Gott einzig ist; das lernt man nur aus der Offenbarung. Das Ziel des Menschen ist nicht Wissen, sondern die Liebe zu Gott.
Bekannt für
Man kennt Crescas als Anführer der Juden Aragons in der Zeit der Pogrome von 1391 und als Verfasser des Or Haschem, einer systematischen Widerlegung der aristotelischen Philosophie. Seine Gedanken über Unendlichkeit, Raum und Gottes Raumhaftigkeit haben später Spinoza angeregt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kritik an Aristoteles' Physik
Crescas prüft die 26 Voraussetzungen, auf die Maimonides seine Gottesbeweise gründet, und widerlegt vierzehn davon. Er hält den leeren Raum, unendlich viele Welten und Zeit ohne Bewegung für denkbar und unterscheidet verschiedene Arten des Unendlichen. Das gleicht einem Berater, der nicht die Antworten der Branche übernimmt, sondern ihre Grundannahmen einzeln auf den Prüfstand stellt.
Die Grenzen der Philosophie
Aus der Notwendigkeit einer ersten Ursache lässt sich nach Crescas Gottes Existenz und Einfachheit beweisen, nicht aber seine Einzigkeit. Den Gott der Bibel erkennt man nur durch Offenbarung. Die Offenbarung übertrifft hier also die Philosophie, wie ein Erfahrungswert aus der Praxis, den kein Modell am Schreibtisch hergeben würde.
Liebe statt Wissen, Willensfreiheit im Rahmen von Ursachen
Der Mensch findet sein Ziel nicht im Wissen, sondern in der Liebe zu Gott, die an den Willen gebunden ist und nicht an den Verstand. Crescas hält Entscheidungen für durch Ursachen wie Erziehung und Umfeld bestimmt und lässt Lohn und Strafe im Raum des eigenen Gefühls und Selbsturteils gelten. Im Team heißt das: Verhalten ist durch Umstände und Vorgeschichte mitbestimmt, deshalb hilft es mehr, diese Ursachen zu ändern, als Menschen zu beschuldigen.
Begriffe
- Licht des Herrn (Or Haschem)
- Kritik an Aristoteles
- Unendlichkeit
- leerer Raum
- Liebe zu Gott
- Determinismus
- Kronrabbiner von Aragon
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Nissim von Gerona (Gerondi): Leiter der Talmudschule in Barcelona, bei dem Crescas Bibel, Talmud, Philosophie und Wissenschaft lernte
Schüler
- Josef Albo: sein bedeutendster Schüler in der Philosophie
- Josef ibn Haviva: sein bester Schüler im Talmud und im Recht
- Profiat Duran: von ihm beeinflusst in seinen Streitschriften
Freunde
- Isaak bar Scheschet (Rivasch): Studienfreund und neben Crescas führende Autorität Aragons
Gegner
- Maimonides: Crescas widerlegt dessen Gottesbeweise und aristotelische Voraussetzungen
- Gersonides: Crescas kritisierte dessen Bibelkommentar (Wikipedia, Artikel Gersonides)
- Aristoteles und seine Anhänger: Kritik an der aristotelischen Physik
- Das Christentum: Streitschrift gegen zehn christliche Lehrsätze, etwa Trinität und Erbsünde
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Gersonides (Levi ben Gerson)Deutung
Crescas kritisierte Gersonides' Bibelkommentar, und zugleich wirkten Gersonides' Ideen durch Crescas weiter (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).
baut auf Johannes BuridanDeutung
Wie Ockham nennt die Stanford Encyclopedia Buridan als Einfluss auf Crescas' Naturwissenschaft.
baut auf Wilhelm von OckhamDeutung
Seine Naturlehre ist von der neuen christlichen Physik des 14. Jahrhunderts beeinflusst, genannt werden Ockham, Buridan und Oresme (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert AristotelesDeutung
Crescas widerlegt vierzehn aristotelische Voraussetzungen der Physik, darunter die Ablehnung von leerem Raum und Unendlichem (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
kritisiert Gersonides (Levi ben Gerson)Deutung
Crescas kritisierte Gersonides' Bibelkommentar, und zugleich wirkten Gersonides' Ideen durch Crescas weiter (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).
kritisiert Moses MaimonidesDeutung
Das Or Haschem sollte ein philosophisches Gegenbuch zu Maimonides' Führer der Unschlüssigen sein (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Die Pogrome von 1391 töteten Tausende Juden und führten zur Taufe von rund hundertfünfzigtausend, auch ein Sohn von Crescas starb. Danach schrieb er vermutlich weniger philosophische und mehr polemische Werke gegen das Christentum, und seine Hauptschrift konnte er nicht selbst abschließen.[1]
Abhängigkeit belegt
König und Königin von Aragon machten ihn 1390 zum obersten Richter aller Juden der Krone, mit großer Autorität über die Gemeinde. Dass diese Nähe zum Hof seine Schriften färbte, sagt die Quelle nicht.[1]
Biografie Deutung
In seiner Streitschrift gegen das Christentum nutzt er aristotelische Ansichten, die er im Or Haschem selbst kritisiert. Die Stanford Encyclopedia erklärt das damit, dass er Juden überzeugen und nicht seine eigene Naturlehre darlegen wollte.[1]
Kritik
Gegen Crescas wurde eingewandt, er sei den Traditionalisten zu philosophisch und den Philosophen zu traditionell, weshalb er keine eigene Schule begründete. Sein Plan, auch Maimonides' Gesetzeswerk Mischne Tora zu widerlegen, blieb unvollendet, und die Endfassung des Or Haschem konnte er wegen seiner Gemeindeämter nicht selbst abschließen.
Wirkung heute
Seine Kritik an der aristotelischen Physik gilt als Teil der Auflösung des aristotelischen Weltbilds, die der neuen Wissenschaft den Weg bereitete. Die Wikipedia zählt ihn mit Maimonides, Gersonides und Josef Albo zu den wichtigsten Vertretern des vernunftbetonten Zugangs zur jüdischen Philosophie, und sein Or Haschem steht nach der SEP bis heute in den meisten Jeschiwa-Bibliotheken.
Brücke zu Führung und Coaching
Crescas zeigt dir, wie man Autoritäten und Standardannahmen prüft, ohne sie zu verspotten: Er geht ihre Voraussetzungen Punkt für Punkt durch. Frage dein Team vor der nächsten großen Entscheidung: Welche unserer Voraussetzungen haben wir nie überprüft, weil sie von Experten stammen? Und wenn ein Fehler passiert ist, such zuerst nach den Ursachen im Umfeld, bevor du nach Schuld fragst.
Lebensstationen
- 1340Geburt um 1340 in Barcelona, Schüler in der Talmudschule von Nissim von Gerona
- 1378Haft mit seinem Lehrer wegen einer falschen Anschuldigung der Hostienschändung
- 1389Wechsel als Rabbiner nach Saragossa, 1390 ernennt ihn der König zum obersten Richter der Juden der Krone
- 1391Die Pogrome zerstören die Gemeinden von Barcelona, Valencia und Gerona, sein Sohn stirbt
- 1398Die Streitschrift gegen die christlichen Grundsätze entsteht (um 1397/98)
- 1410Tod Ende 1410 oder im Januar 1411
Werke
Or Haschem (Das Licht des Herrn, über 15 Jahre geschrieben, nach 1391 weitergeführt); Widerlegung der christlichen Grundsätze (um 1397/98, auf Katalanisch, nur in hebräischer Übersetzung erhalten); Predigt zum Pessach-Fest; Brief an die Gemeinden von Avignon über die Pogrome von 1391
Anekdote überliefert
1378 wurde Crescas zusammen mit seinem Lehrer aufgrund einer falschen Anschuldigung wegen Hostienschändung inhaftiert und erlitt dabei persönliche Demütigungen. Das zeigt, dass auch ein angesehener Mann am Hof nicht vor Willkür gegen Juden geschützt war.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Hasdai Crescas, Light of the Lord (Or Hashem), übersetzt von Roslyn Weiss (Oxford University Press, 2018): vollständige englische Ausgabe mit Einleitung. Eine deutsche Ausgabe wurde nicht bestätigt.
- Vertiefung
- Harry Austryn Wolfson, Crescas' Critique of Aristotle (Harvard University Press, 1929)
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr nur 'um 1340', Todesjahr 1410 oder 1411 (SEP: Ende 1410 oder Januar 1411). Die Datierung 1389 und 1390 folgt der SEP (Saragossa 1389, oberster Richter ein Jahr später); die Wikipedia nennt nur das Amt des Kronrabbiners ohne Jahr. Die Anekdote (Haft 1378) stützt sich allein auf die Wikipedia. Die Kritik an Gersonides stammt aus der Wikipedia (Artikel Gersonides), nicht aus der SEP zu Crescas. Wolfsons Buch ist über die Wikipedia (Further reading) und die SEP-Bibliographie belegt, die Übersetzung von Roslyn Weiss (Oxford 2018) über die SEP-Bibliographie. Eine deutsche Ausgabe wurde nicht bestätigt. Britannica und Deutsche Biographie nicht abgerufen. Prüfer: Das Bild von der Bronze und dem Handwerker, die Einordnung als 'zweitwichtigster Philosoph nach Maimonides' und die Ablehnung seiner Abner-Nutzung in der Gemeinde standen in keiner abgerufenen Quelle und wurden entfernt. Der Tod eines Sohnes 1391 ist in SEP und Wikipedia belegt, der Brief an die Gemeinden von Avignon und die Pessach-Predigt in Wikipedia bzw. SEP.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Crescas
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Hasdai Crescas · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia, Hasdai Crescas · Wikipedia
- [3]Wikipedia, Gersonides · Wikipedia