Gersonides (Levi ben Gerson)
1288–1344 · Bagnols-sur-Cèze und Orange (Provence), Avignon
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der konsequenteste Rationalist unter den jüdischen Denkern des Mittelalters: Philosoph, Mathematiker und Astronom, der Aristoteles in Fragen von Schöpfung und Gottes Wissen strenger durchdenkt als Maimonides.
Er baut auf Maimonides und auf Averroes' Aristoteles-Kommentare auf, kritisiert Maimonides aber an wichtigen Stellen. Seine Ideen wirkten über Chasdai Crescas, der ihn zugleich scharf angriff.
Kernidee
Für Gersonides kann die Tora (die fünf Bücher Mose der hebräischen Bibel) der Vernunft nicht widersprechen, und wo die wörtliche Lesart gegen sichere Vernunfterkenntnis steht, muss man den Text anders verstehen. Er hält auch Fragen für beweisbar, die Maimonides offen ließ, etwa dass die Welt aus einem ungeformten Urstoff geschaffen wurde. Damit Menschen frei bleiben, weiß Gott nach ihm nicht im Voraus, was sie im Einzelnen wählen werden.
Bekannt für
Man kennt ihn als Philosophen, der Aristoteles und Tora ohne Rücksicht auf Streit zusammenzubringen versuchte, und als Astronomen. Er erfand ein Messgerät zur Höhe der Sterne über dem Horizont, den Jakobsstab, und ein Mondkrater trägt seinen Namen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Vernunft vor wörtlichem Text
Gersonides sagt, die Tora verbiete uns nicht, als wahr anzusehen, was die Vernunft erzwingt, und eine Stelle, die der Vernunft widerspricht, müsse entsprechend gedeutet werden. Deshalb widmet er viele Kapitel dem Nachweis, dass die Welt zwar zeitlich, aber aus einer ungeformten Urmaterie nach Art von Platons Timaios geschaffen wurde. Das ist wie bei einem Projektplan, der sich an dem messen lassen muss, was Zahlen und Beobachtung zeigen, auch wenn die Annahme des Chefs eine andere war.
Gottes Wissen und menschliche Freiheit
Wenn Gott im Voraus wüsste, was jeder Mensch tut, wäre nichts mehr offen. Gersonides sagt deshalb: Gott kennt die Möglichkeiten, aber nicht im Voraus, welche ein Mensch wählen wird, und sein Wissen um Einzelnes besteht in der Ordnung, nicht im Einzelnen selbst. Wie eine gute Führungskraft, die den Rahmen und die Optionen kennt und die Entscheidung dennoch dem Mitarbeiter lässt.
Unsterblichkeit durch Erkenntnis
Unsterblich wird nach Gersonides der Teil der Seele, der Wissen erwirbt: Je mehr der menschliche Verstand von der rationalen Ordnung der Welt erfasst, desto mehr überdauert. Er lehnt die Lehre eines einzigen gemeinsamen Intellekts aller Menschen ab, weil dann kein persönliches Weiterleben bliebe. Im Berufsleben entspricht das dem Gedanken, dass nur das bleibt, was du wirklich verstanden hast, nicht was du nur abgelegt hast.
Begriffe
- Kriege des Herrn
- : Gersonides' Hauptwerk (1317 bis 1329) über die Erschaffung der Welt, Unsterblichkeit, Prophetie und Vorsehung
- religiöser Rationalismus
- : die Überzeugung, dass Glaube und Vernunft nicht widersprechen können und ein Text bei Widerspruch zur Vernunft anders zu deuten ist
- Schöpfung aus ungeformter Materie
- : Gott formt die Welt aus ewigem, gestaltlosem Stoff nach Platons Timaios, statt sie aus dem Nichts zu erschaffen
- Gottes Wissen und Willensfreiheit
- : Gott kennt die Möglichkeiten, aber nicht im Voraus, was ein Mensch wählt, damit dessen Freiheit erhalten bleibt
- tätiger Intellekt
- : die ordnende Vernunft der Welt; unsterblich wird nach Gersonides der Teil der Seele, der Wissen von dieser Ordnung erwirbt
- Jakobsstab
- : das von Gersonides beschriebene Messgerät, mit dem man die Höhe von Sternen über dem Horizont bestimmt
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Averroes und Aristoteles: seine Hauptlehrer über Kommentare und Übersetzungen ins Hebräische
- Maimonides: sein größter jüdischer Vorgänger
- Alexander von Aphrodisias: seine Lehre über den materiellen Intellekt übernimmt er
Gegner
- Chasdai Crescas: kritisierte seinen Bibelkommentar und seine Philosophie
- Abarbanel und Rivasch: Rivasch warf ihm Ketzerei vor und wollte seine Schriften fast verbieten
- Maimonides: Gersonides widerspricht ihm bei Schöpfung, Gottes Wissen und Vorsehung
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Chasdai CrescasDeutung
Crescas kritisierte Gersonides' Bibelkommentar, und zugleich wirkten Gersonides' Ideen durch Crescas weiter (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).
baut auf Ibn Ruschd (Averroes)Deutung
Gersonides kannte Aristoteles über Averroes' Kommentare, die ins Hebräische übersetzt waren, und schrieb selbst Kommentare zu diesen Kommentaren (Stanford Encyclopedia of Philosophy; Wikipedia).
baut auf Moses MaimonidesDeutung
Die Kriege des Herrn sind nach dem Plan des Führers der Unschlüssigen gebaut und zugleich eine Kritik an Maimonides' Verbindung von Aristoteles und Tora (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Chasdai CrescasDeutung
Crescas kritisierte Gersonides' Bibelkommentar, und zugleich wirkten Gersonides' Ideen durch Crescas weiter (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Johannes BuridanDeutung
Beide machten im 14. Jahrhundert die ersten Schritte zu einem Trägheitsprinzip, Buridan mit der Impetustheorie, Gersonides ohne sie (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Die Päpste in Avignon (damals Sitz des Papsttums in Südfrankreich) verfolgten gegenüber den Juden eine milde Politik, so dass die Provence zum geistigen Zentrum des jüdischen Denkens wurde. Aristoteles lernten die Juden dort vor allem über Averroes' Kommentare kennen, die ins Hebräische übersetzt waren.[1]
Geld Deutung
Es gibt laut Stanford Encyclopedia einige Hinweise, dass er wie seine Familie vom Geldverleih lebte. Das ist nicht gesichert, und ob es sein Denken prägte, sagt die Quelle nicht.[1]
Abhängigkeit Deutung
Er hatte offenbar nie ein rabbinisches Amt, und sein rigider Aristotelismus brachte ihm scharfe Kritik ein, bis hin zum Vorwurf der Ketzerei durch Rivasch. Die Wikipedia merkt an, dass die Eigenart seiner Ansichten Hindernisse für Ämter bedeutet haben könnte (ohne Beleg im Artikel).[2]
Kritik
Seine Bibelkommentare wurden von Abarbanel, Chasdai Crescas und Rivasch scharf kritisiert, Rivasch warf ihm Ketzerei vor. Ein Gegner nannte sein Hauptwerk spöttisch Kriege gegen den Herrn. Auch seine These, Gott kenne Zukünftiges im Einzelnen nicht, galt vielen als Beschneidung Gottes.
Wirkung heute
Seine Frage, wie Gottes Wissen und menschliche Freiheit zusammengehen, lebt in heutigen Debatten über offene Zukunft und begrenztes Vorherwissen weiter. Als Mathematiker und Astronom, der Beobachtung höher stellte als Autorität, gilt er auch als früher Vorläufer des Trägheitsgedankens.
Brücke zu Führung und Coaching
Gersonides lehrt dich, Fragen zu prüfen, statt sie mit Autorität zu beantworten: Was sagen Beobachtung und Zahlen, und was bloß die Gewohnheit? Frage dein Team in der nächsten Retrospektive, welche Annahme ihr seit Jahren für gegeben haltet, ohne sie je gemessen zu haben. Und überlege, wo du als Führungskraft bewusst nicht im Voraus festlegst, was dein Team wählt.
Lebensstationen
- 1288Geburt in der Provence (Bagnols-sur-Cèze nach Wikipedia)
- 1317Beginn der Arbeit an den Kriegen des Herrn mit einer Abhandlung über die Schöpfung
- 1325Der Kommentar zum Buch Hiob ist vollendet
- 1329Die Kriege des Herrn sind nach zwölf Jahren vollendet
- 1342Der astronomische Teil der Kriege wird laut Wikipedia auf Wunsch von Papst Klemens VI. ins Lateinische übersetzt
- 1344Tod am 20. April (Zacuto nennt abweichend 1370 in Perpignan)
Werke
Sefer Milchamot ha-Schem (Die Kriege des Herrn, 1317 bis 1329); Sefer ha-Heqesch ha-Jaschar (Über gültige Syllogismen, 1319); Sefer Maase Choschew (Das Werk des Rechners, 1321); Kommentar zum Buch Hiob (1325); Bibelkommentare; astronomische Tafeln und der Jakobsstab
Anekdote überliefert
Einer seiner Gegner machte aus dem Titel Kriege des Herrn (Milchamot ha-Schem) den Spottnamen Kriege gegen den Herrn. Die Stanford Encyclopedia nennt den Gegner nicht beim Namen.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Gersonides, The Wars of the Lord, übersetzt von Seymour Feldman (3 Bände, Philadelphia: Jewish Publication Society, 1984–1999): vollständige englische Ausgabe. Eine deutsche Ausgabe wurde nicht bestätigt.
- Vertiefung
- Ruth Glasner, Gersonides: A Portrait of a Fourteenth-Century Philosopher-Scientist (Oxford University Press, 2015)
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsort: SEP nur 'Provence' (möglicherweise zeitweise Bagnols-sur-Cèze), Wikipedia Bagnols-sur-Cèze; Todesjahr 1344 (20. April) nach SEP und Wikipedia, Abraham Zacuto nennt 1370 (Perpignan). Ob er vom Geldverleih lebte, ist laut SEP nur 'einige Hinweise'. Die Behauptung, Hindernisse für Ämter hätten mit der Eigenart seiner Ansichten zu tun, trägt in der Wikipedia den Zusatz 'by whom?'. Das Zitat wurde entfernt: Die SEP gibt den Satz aus den Kriegen des Herrn ohne Stelle und ohne Seitenangabe wieder, die Zuordnung zur Einleitung war nicht belegt. Die Aussage, Rivasch habe seine Werke 'fast verboten', stammt nur aus der Wikipedia. Der Beleg für den Spottnamen ('Wars against the Lord') ist nur die SEP, der Gegner bleibt unbenannt. Eine deutsche Ausgabe der Kriege des Herrn wurde nicht bestätigt. Britannica und Deutsche Biographie nicht abgerufen. Prüfer: Werke mit Jahren (1319, 1321, 1325, 1317 bis 1329), Jakobsstab, Mondkrater, lateinische Übersetzung 1342, Lehre von Gottes Wissen, Schöpfung aus Urmaterie, Ablehnung des einen gemeinsamen Intellekts und beide Lesetipps sind in SEP oder Wikipedia belegt.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Gersonides
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Gersonides · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia, Gersonides · Wikipedia
- [3]Wikipedia (de): Tora · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [4]Wikipedia (de): Avignonesisches Papsttum · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [5]Wikipedia (de): Gersonides · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20