Landkarte der Philosophie

Gilles Deleuze

1925–1995 · Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Französischer Philosoph, der mit Differenz, Begehren und Rhizom ein Denken ohne feste Mitte entwirft und gemeinsam mit Guattari den Anti-Ödipus schreibt.

Deleuze führt den Poststrukturalismus weg von Zeichen und Sprache hin zu Kräften, Begehren und Verbindungen. Er kritisiert Lacan und die Psychoanalyse im Anti-Ödipus, ist eng mit Foucault befreundet und arbeitet mit Guattari zusammen.

Kernidee

Deleuze denkt Differenz nicht als Abweichung von einer Norm, sondern als schöpferische Kraft, aus der alles Neue entsteht. Begehren versteht er nicht als Mangel, sondern als produktive Kraft, die Verbindungen herstellt. Das Rhizom, ein Wurzelgeflecht ohne Zentrum, steht für Netzwerke statt Hierarchien.

Bekannt für

Man kennt ihn für Tausend Plateaus mit dem Begriff Rhizom und für die Bücher mit Guattari, in denen Kapitalismus und Psychoanalyse neu gedacht werden. Außerdem schrieb er zwei Bücher über das Kino und Studien zu Hume, Nietzsche, Kant, Bergson und Spinoza.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Differenz und Wiederholung

Differenz gilt bei ihm als eigenständige schöpferische Kraft und nicht als bloße Abweichung vom Gleichen. Jede Wiederholung erzeugt dabei etwas Neues. Wenn ein Team jede Woche dasselbe Meeting hält, entsteht in der Wiederholung doch jedes Mal etwas anderes, weil sich die Beteiligten verändert haben.

Begehren als Produktion

Im Anti-Ödipus beschreiben Deleuze und Guattari Begehren als produktive Kraft und nicht als Mangel, wie es die Psychoanalyse bei Lacan sieht. Das Unbewusste ist dann eher eine Fabrik als ein Theater. Menschen, die in der Arbeit aufblühen, tun das oft nicht, weil ihnen etwas fehlt, sondern weil sie Verbindungen herstellen können.

Rhizom

Ein Rhizom ist ein Wurzelgeflecht, das keinen Anfang und keine Mitte hat und sich in alle Richtungen verbindet, im Gegensatz zum Baum mit Stamm und Ästen. Es steht für Netzwerke statt Hierarchien. Ein Projektteam, das informell über viele Querverbindungen arbeitet, funktioniert eher als Rhizom als nach dem Organigramm.

Begriffe

Differenz und Wiederholung
das Virtuelle
Begehren (Wunschproduktion)
Rhizom
organloser Körper
Werden

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Jean Hyppolite, Ferdinand Alquié, Georges Canguilhem und Maurice de Gandillac: Lehrer an der Sorbonne

Freunde

  • Michel Foucault: enge Freundschaft, gemeinsame Herausgabe der Nietzsche-Gesamtausgabe
  • Félix Guattari: Zusammenarbeit ab 1969

Gegner

  • Jacques Lacan: Anti-Ödipus kritisiert Freud und Lacan
  • Alain Badiou: hält Deleuze für einen Philosophen des Einen
  • Slavoj Žižek: polemisiert gegen die Guattari-Bücher

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Baruch de SpinozaDeutung

    Spinoza nennt die SEP unter den Einflüssen.

  • baut auf Friedrich NietzscheDeutung

    Einfluss von Nietzsche (SEP, Wikipedia de); Nietzsche und die Philosophie 1962.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jacques LacanDeutung

    Anti-Ödipus kritisiert Freud und Lacan (Wikipedia de).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Félix GuattariDeutung

    Mitautor von Anti-Ödipus, Tausend Plateaus und Was ist Philosophie?.

  • persönlich verbunden mit Michel FoucaultDeutung

    Enge Freundschaft und gemeinsame Nietzsche-Ausgabe (Wikipedia de).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Er lehrte ab 1969 an der experimentellen Universität Paris VIII in Vincennes, die nach dem Mai 1968 entstand. Dieses Umfeld erklärt zum Teil seine Nähe zu antiautoritären Ideen.[1]

  • Biografie Deutung

    Er litt den größten Teil seines Lebens an einer wiederkehrenden Atemwegserkrankung und nahm sich 1995, schwer krank, das Leben. Diese Erfahrung könnte sein Interesse an Körper und Kräften beeinflusst haben.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    1970 demonstrierte er mit Sartre und Genet gegen rassistische Gewalt und arbeitete am Arbeitskreis zur Lage der Gefangenen mit. 1977 unterzeichnete er einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, den Gabriel Matzneff angestoßen hatte.[2]

Kritik

Feministische Kritikerinnen wie Alice Jardine und Luce Irigaray lehnen seinen Begriff des Frau-Werdens ab. Badiou meint, Deleuze sei ein Philosoph des Einen und nicht der Vielheit, und Žižek polemisiert gegen die Bücher mit Guattari. Seine weit gestreuten Bezüge außerhalb der Philosophie wirken auf viele Leser eigenwillig; Lyotard nannte ihn eine Bibliothek von Babel.

Wirkung heute

Der Gedanke von Netzwerken statt Hierarchien wird bis heute aufgegriffen, wenn von rhizomartigen, also netzförmigen Strukturen die Rede ist. Seine Kinobücher und seine Lesarten von Spinoza und Nietzsche werden weiter diskutiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Deleuze lädt dazu ein, Teams nicht nur nach dem Organigramm zu lesen, sondern nach ihren tatsächlichen Verbindungen. Frag in einer Teamrunde: Wo laufen bei uns die wirklichen Fäden, und welche davon stehen auf keinem Plan? So werden informelle Netzwerke sichtbar, die Ideen und Energie tragen.

Lebensstationen

  1. 1925Geburt in Paris
  2. 1944Beginn des Philosophiestudiums an der Sorbonne (bis 1948)
  3. 1964Universität Lyon (bis 1969)
  4. 1968Differenz und Wiederholung
  5. 1969Wechsel nach Paris VIII Vincennes, Begegnung mit Guattari
  6. 1972Anti-Ödipus erscheint
  7. 1995Tod in Paris

Werke

Nietzsche und die Philosophie (1962); Differenz und Wiederholung (1968); Logik des Sinns (1969); Anti-Ödipus (1972, mit Guattari); Tausend Plateaus (1980, mit Guattari); Das Bewegungs-Bild (1983) und Das Zeit-Bild (1985); Was ist Philosophie? (1991, mit Guattari)

Anekdote belegt

Deleuze und Guattari lernten sich im Juni 1969 kennen, vermittelt durch Jean-Pierre Muyard, und schrieben danach fünf Bücher gemeinsam. Daraus wurde einer der bekanntesten Doppelautoren der Philosophie.[2]

Lesetipps

Einstieg
Gilles Deleuze und Félix Guattari: Rhizom, Merve Verlag, Berlin 1977: ein kurzer Text zum zentralen Bild.
Vertiefung
Michaela Ott: Gilles Deleuze zur Einführung, Junius, Hamburg, 2. ergänzte Auflage 2011 (ISBN 978-3-88506-603-3)

Noch nicht sicher belegt

  • SEP nennt weder Lyon noch eine Freundschaft mit Foucault (nur Vorwort Foucaults zur englischen Anti-Ödipus-Ausgabe und Deleuzes Foucault-Buch 1986); Lyon, Freundschaft und Nietzsche-Ausgabe stammen aus de.wikipedia. Lehrer in SEP und de.wikipedia übereinstimmend. Ort des Todes: de.wikipedia Paris, SEP ohne Ort. Beginn der Atemwegserkrankung in keiner Quelle datiert, Angabe 'frühe 1950er Jahre' gestrichen. Begegnung mit Guattari: de Juni 1969, SEP einmal 1968 und einmal 1969. Kontext Abhängigkeit und Biografie sind Deutung. Demonstration 1970 und Appell 1977 nur in de.wikipedia. Lesetipp Rhizom: Merve 1977 nur über de.wikipedia belegt. Ott: belegt ist die 2. Auflage 2011, Erstauflage nicht geprüft. 'Kontrollgesellschaft' in keiner abgerufenen Quelle, aus 'heute' gestrichen; Urteil 'schwer lesbar, assoziativ und eklektisch' nicht belegt und ersetzt. Kein Zitat. Guattari (id guattari) liegt noch nicht in data/personen/, daher keine Kante. Britannica, IEP nicht abgerufen.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Deleuze

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Gilles Deleuze · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de), Gilles Deleuze · Wikipedia

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