Landkarte der Philosophie

Jacques Lacan

1901–1981 · Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Französischer Psychoanalytiker, der Freud mit Saussures Sprachlehre und Lévi-Strauss' Strukturdenken neu liest und damit die Poststrukturalisten stark beeinflusst.

Lacan verbindet Freud mit Saussure und Lévi-Strauss und gehört damit zu den Strukturalisten dieses Moduls. Althusser nutzt seine Ideen für die Theorie der Anrufung des Subjekts, Kristeva gilt als Schülerin, Irigaray und Deleuze mit Guattari kritisieren ihn scharf.

Kernidee

Lacan liest Freud neu und versteht das Ich als etwas, das sich erst im Blick auf ein Spiegelbild und in der Sprache bildet. Der Mensch ist ihm zufolge in drei Registern unterwegs: dem Imaginären der Bilder, dem Symbolischen der Sprache und Regeln und dem Realen, das sich der Sprache entzieht. Das Begehren richtet sich nie auf ein erreichbares Ding, sondern auf einen unerreichbaren Rest, das Objekt klein a.

Bekannt für

Man kennt ihn als den umstrittensten Psychoanalytiker nach Freud. Seine Seminare in Paris prägten Philosophie, Literaturtheorie und Feminismus, und Begriffe wie Spiegelstadium sind weit über die Psychoanalyse hinaus bekannt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Das Spiegelstadium

Das Kleinkind erkennt sich im Spiegel als Ganzes und bildet so sein Ich durch Identifikation mit einem äußeren Bild. Das Ich ist damit von Anfang an etwas Geliehenes und nicht etwas Ursprüngliches. Eine Führungskraft, die sich vor allem über das Bild definiert, das andere von ihr haben, erlebt genau diese Abhängigkeit.

Imaginäres, Symbolisches, Reales

Lacan beschreibt drei Register, die jede seelische Funktion prägen: Bilder und Selbstbilder, Sprache und Regeln, und das Reale als das, was sich nicht in Sprache fassen lässt. Das Symbolische wird als Gesetz und Ordnung durch den großen Anderen verkörpert. Im Betrieb zeigen sich die drei Register in Außenauftritt, Organigramm und dem, was alle spüren, aber niemand ausspricht.

Begehren und Objekt klein a

Begehren entsteht als Rest, wenn ein Bedürfnis in eine Forderung an andere übersetzt wird. Das Objekt klein a ist die Ursache des Begehrens, nicht sein erreichbares Ziel. Wer in der nächsten Beförderung endlich ankommen will, erlebt oft, dass das Begehren danach einfach weiterwandert.

Begriffe

Spiegelstadium
Imaginäres
Symbolisches und Reales
Begehren
Objekt klein a
der große Andere

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Alexandre Kojève: Lacan besuchte seine Hegel-Vorlesungen von 1933 bis 1939
  • Rudolph Loewenstein: Lehranalyse 1932 bis 1938
  • Gaëtan Gatian de Clérambault: Ausbildung in der Psychiatrie

Schüler

  • Jacques-Alain Miller: Herausgeber der Seminare
  • Maud und Octave Mannoni, Serge Leclaire, Jean Clavreul: frühe Mitstreiter der École freudienne
  • Julia Kristeva: Schülerin, die seine Theorie erweitert

Gegner

  • Luce Irigaray: wirft ihm sexistischen Diskurs vor
  • Gilles Deleuze und Félix Guattari: Anti-Ödipus als Kritik
  • André Green: bestreitet die sprachliche Lesart des Unbewussten
  • Alan Sokal: kritisiert den Gebrauch mathematischer Begriffe

Verbindungen im Netz

8 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Félix GuattariDeutung

    Guattari war Lacans Analysand und Lehrling, hielt aber Distanz zu dessen Theorie.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Claude Lévi-StraussDeutung

    SEP nennt Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949) als Einfluss, de.wikipedia die strukturale Anthropologie insgesamt.

  • baut auf Ferdinand de SaussureDeutung

    SEP und de.wikipedia nennen Saussures Linguistik als Grundlage seiner strukturalen Rückkehr zu Freud.

  • Grundlage für Julia KristevaDeutung

    Ihre Sicht des Subjekts ähnelt der von Freud und Lacan, sie weicht aber von Lacan ab.

  • Grundlage für Louis AlthusserDeutung

    Freud wirkt bei ihm über Lacan (SEP); die Anrufungstheorie wird mit Lacans großem Anderen verbunden (Wikipedia de).

  • baut auf Sigmund FreudDeutung

    Seine Rückkehr zu Freud ist Programm (Wikipedia de).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Gilles DeleuzeDeutung

    Anti-Ödipus kritisiert Freud und Lacan (Wikipedia de).

  • wird kritisiert von Luce IrigarayDeutung

    Irigaray besuchte Lacans Seminar, kritisierte ihn und wurde 1974 aus seiner École freudienne ausgeschlossen.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Lacan wurde 1963 von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung faktisch das Recht auf Lehranalysen entzogen, nachdem seine Sitzungen variabler Länge auf Widerstand gestoßen waren. Der Konflikt mit dem Establishment der Psychoanalyse prägte seine Gründung der École freudienne 1964.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Im Mai 1968 zeigte er Sympathie für die Studentenproteste und half danach, in Vincennes eine Psychologie-Abteilung aufzubauen. Während der deutschen Besatzung wurde die Pariser psychoanalytische Gesellschaft 1940 aufgelöst.[1]

  • Biografie Deutung

    Seine Ausbildung in der Psychiatrie am Hôpital Sainte-Anne und die Dissertation über paranoische Psychose liegen vor seinem Wechsel zur strukturalen Lesart Freuds. Seine Prägung durch Kojèves Hegel-Vorlesungen steht für die Quelle dieser Wende.[2]

Kritik

Irigaray kritisiert den männlich geprägten Diskurs, und Green bestreitet, dass das Unbewusste sprachlich strukturiert sei. Sokal wirft ihm einen willkürlichen Gebrauch mathematischer Begriffe vor. Deleuze und Guattari greifen im Anti-Ödipus die psychoanalytische Ödipus-Deutung an.

Wirkung heute

Seine Idee, dass das Ich aus Bildern und Sprache entsteht, bleibt in Literatur-, Film- und Kulturtheorie lebendig. Žižek hat Lacans Begriffe in Philosophie und Populärkultur weitergetragen.

Brücke zu Führung und Coaching

Lacan hilft zu sehen, dass wir selten das wollen, was wir zu wollen sagen. Frag in der nächsten Karriere-Runde: Was wäre, wenn du das Ziel erreicht hättest, was würdest du dann begehren? Ein Gespräch über dieses Weiterwandern des Begehrens schützt vor dem Hamsterrad der nächsten Stufe.

Lebensstationen

  1. 1901Geburt in Paris
  2. 1932Dissertation über paranoische Psychose, Lehranalyse bei Loewenstein
  3. 1936Vortrag zum Spiegelstadium in Marienbad
  4. 1953Rücktritt als Präsident der SPP, Gründung der Société Française de Psychanalyse, Beginn der Seminare
  5. 1964Gründung der École freudienne de Paris, Seminar an der ENS
  6. 1966Écrits erscheinen
  7. 1981Tod in Paris

Werke

Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion (1949); Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse (1953); Écrits (1966); Das Seminar, gehalten von 1953 bis etwa 1980

Anekdote überliefert

1936 unterbrach Ernest Jones auf dem Kongress in Marienbad Lacans Vortrag zum Spiegelstadium vorzeitig; Lacan fuhr daraufhin zu den Olympischen Spielen nach Berlin. Der Vortragstext ist nicht überliefert.[2]

Lesetipps

Einstieg
Schriften I und II, vollständige Ausgabe, übersetzt von Hans-Dieter Gondek, Turia + Kant, Wien 2015/2016; darin als Einstieg der kurze Aufsatz Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion (1949).
Vertiefung
Kai Hammermeister, Jacques Lacan (C. H. Beck, 2008)

Noch nicht sicher belegt

  • Wikipedia-Artikel nur bis etwa 100000 Zeichen gelesen, SEP vom Prüfer ergänzt. Der Satz 'Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache' steht in SEP und en als Schlagwort, aber ohne Stelle; kein Zitat übernommen. Lehrer-Rolle von Kojève nur als Besuch der Vorlesungen belegt (de: 1933 bis 1939, SEP: 1930er Jahre). Kontext Biografie ist Deutung. Marienbad-Anekdote: Abbruch durch Ernest Jones auch in SEP, die Reise zu den Olympischen Spielen nur in de.wikipedia (überliefert). Beziehung zu Althusser und Kristeva nur in de.wikipedia (SEP nennt Kristeva als Hörerin), deshalb als Kanten weggelassen. Seminar-Zeitraum: en 1953 bis 1980, SEP 27 Jahre bis kurz vor seinem Tod, de nennt 1979 als Ende; daher 'etwa 1980'. Datierung des Seminars Die vier Grundbegriffe nicht geprüft und gestrichen. André Green nur in en.wikipedia. Lesetipp Gondek-Ausgabe nur über de.wikipedia belegt, Bandzuordnung des Spiegelstadium-Aufsatzes nicht geprüft.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lacan

  1. [1]Wikipedia (en), Jacques Lacan · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (de), Jacques Lacan · Wikipedia
  3. [3]perlentaucher.de/buch/kai-hammermeister/jacques-lacan.html · Webseite
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: lacan · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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