Henri Bergson
Philosoph · 1859–1941 · Paris, Angers, Clermont-Ferrand
Kernidee in Kürze
Bergson unterscheidet die gelebte Zeit, die Dauer, von der Zeit, die wir messen und im Raum nebeneinanderlegen. In der Dauer gehen unsere Bewusstseinszustände ineinander über und lassen sich nicht zählen.
- Kapitel
- Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
- Richtung
- Lebensphilosophie belegt[3][2]
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Was ist Zeit wirklich, wenn nicht das, was die Uhr misst, und wie können wir Freiheit und Leben begreifen?
- Position
- Für Bergson ist die gelebte Zeit, die Dauer, etwas Qualitatives, bei dem die Zustände ineinander übergehen. Nur dort gibt es Freiheit, und das Leben ist ein schöpferischer Prozess, den man mit Intuition erfasst.
- Einwand
- Russell warf Bergson vor, er wolle uns mit seiner Intuition zu Bienen machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Bergson in den Hintergrund, nach einer Darstellung auch wegen seiner Kritik an der Sprache und des religiösen Tons seines Spätwerks. Ob er seine Schrift zu Einsteins Relativitätstheorie nicht mehr nachdrucken lassen wollte, ist umstritten.
- Verbindung
- Bergson setzt sich mit Kant auseinander und beeinflusste über William James den amerikanischen Pragmatismus. Merleau-Ponty, Sartre und Lévinas erkannten seinen Einfluss an, und Deleuze belebte ihn neu.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Bergson war
Französischer Philosoph, der die gelebte Zeit (la durée, die Dauer) gegen die gemessene Zeit stellte, einen schöpferischen Lebensdrang (élan vital) annahm und den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1927 erst 1928 erhielt.
Bergson lehrte am Collège de France in Paris, als um 1900 spiritualistische Philosophie, Evolutionslehre und die neue Psychologie nebeneinanderstanden. Seine Vorträge zogen ein großes Publikum an, und um 1910 sprach man von einem „Bergson-Boom“. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er hinter die Phänomenologie zurück, bis Gilles Deleuze ihn 1966 wieder in den Blick rückte.
Kernidee genauer
Dort sieht er auch die Erfahrung der Freiheit. Unser Verstand zerlegt die Welt nach praktischen Bedürfnissen, deshalb setzt er der Analyse die Intuition entgegen, eine Art Mitfühlen mit dem, was sich verändert. In „Schöpferische Evolution“ erklärt er die Entwicklung der Lebewesen mit einem gemeinsamen Lebensschwung (élan vital), der sich in verschiedene Richtungen aufteilt, zum Beispiel in Instinkt und Verstand.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Bergson war zuerst in Mathematik ausgezeichnet und entschied sich dann für die Geisteswissenschaften. Er begeisterte sich an der École Normale für die Gedanken von Herbert Spencer, bevor er eine eigene Lehre der Dauer entwarf.[1][2]
Fundstelle: Abschnitt 1 Abschnitt 1a
Bekannt für
Ein Alltagsbeispiel: Eine Stunde im Wartezimmer und eine Stunde im guten Gespräch zeigen Dir auf der Uhr dasselbe, erlebt werden sie völlig verschieden. Diese erlebte Zeit meint Bergson mit der Dauer.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Dauer und Freiheit
In seinem ersten Buch unterscheidet Bergson Zeit und Raum, die für ihn bei Kant vermischt sind. Die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins sind zeitlich, also Dauer, und in der Dauer stehen die Ereignisse nicht nebeneinander.
Qualitative und quantitative Vielheit
Bergson trennt eine Vielheit, die man zählen kann, weil ihre Teile außerhalb voneinander in einem gleichförmigen Raum liegen, von einer Vielheit der Dauer. Bei dieser durchdringen sich die Bewusstseinszustände und gewinnen allmählich einen reicheren Inhalt. Er hält schon das Wort „mehrere“ für unpassend, weil es Zählen nahelegt.
Intuition als Methode
Der Verstand folgt nach Bergson unseren Bedürfnissen und zerlegt die Dinge nach Blickwinkeln, so liefert er nur relatives Wissen. Die Intuition kehrt diese gewohnte Arbeit um und soll uns über die Streitfragen von Schulen wie Rationalismus und Empirismus stellen. Bergson nennt sie eine Art Erfahrung und Mitempfinden und seine Philosophie den „wahren Empirismus“.
Wahrnehmung und Gedächtnis
In „Materie und Gedächtnis“ nimmt Bergson an, dass wir zunächst nur Bilder wahrnehmen, und will so zwischen Realismus und Idealismus vermitteln. Er sagt, das Buch sei „offen dualistisch“, denn es bejahe die Wirklichkeit der Materie wie des Geistes, wolle aber die Schwierigkeiten des Dualismus überwinden.
Lebensschwung und Evolution
In „Schöpferische Evolution“ führt Bergson die Vielfalt der Arten auf einen gemeinsamen ursprünglichen Antrieb zurück, den élan vital, der sich in verschiedene Richtungen teilt. Die zwei Hauptrichtungen sind Instinkt und Verstand. Der Verstand greift die Dauer des Lebens nicht, deshalb braucht es die Intuition, um sich wieder in den schöpferischen Antrieb zu versetzen.
Geschlossene und offene Moral
In seinem letzten großen Buch unterscheidet Bergson eine geschlossene Moral, die dem Zusammenhalt einer Gesellschaft dient, von einer offenen Moral, die auf Schöpferisches und Fortschritt zielt. Zur geschlossenen Moral rechnet er eine statische Religion, zur offenen eine dynamische.
Begriffe
- Dauer (durée)
- Intuition
- qualitative und quantitative Vielheit
- Gedächtnis
- élan vital (Lebensschwung)
- geschlossene und offene Moral
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Bergson kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Immanuel KantPrüfstand: belegt
Bergson sieht in Kants Behandlung von Zeit und Raum eine Vermischung, die die Freiheit unmöglich macht, und will Kants Verneinung des absoluten Wissens überwinden.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Bergson weiter, meist über Texte.
Alfred SchützPrüfstand: belegt
Alfred Schütz schrieb von 1925 bis 1927 Manuskripte über Bergson. Er stimmte ihm etwa in der Aufmerksamkeit auf das Leben, den Bewusstseinsebenen und der Musik als Vorbild der Dauer zu, lehnte aber seine Evolutionslehre, den Vitalismus und den überpersönlichen Lebensschwung ab.
Gilles DeleuzePrüfstand: belegt
Deleuzes Buch „Bergsonismus“ von 1966 brachte das Interesse an Bergson zurück und stellte dessen Begriff der Vielheit in den Mittelpunkt. Je besser man Deleuzes eigenes Denken versteht, desto deutlicher wird nach dieser Darstellung Bergsons überwältigender Einfluss darauf.
Maurice Merleau-PontyPrüfstand: belegt
Merleau-Ponty, Sartre und Lévinas erkannten Bergsons Einfluss auf ihr Denken ausdrücklich an.
William JamesPrüfstand: belegt
Durch William James‘ begeisterte Lektüre von Bergsons „Einführung in die Metaphysik“ gewann der Bergsonismus Einfluss auf den amerikanischen Pragmatismus. Bergson und James standen nach einer anderen Darstellung im regen Briefwechsel.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Bergson wurde 1859 in Paris geboren, als zweites von sieben Kindern eines polnischen Vaters und einer englischen Mutter, beide jüdischer Herkunft. Er war zuerst in Mathematik ausgebildet und gewann einen ersten Preis, entschied sich dann aber für Philosophie. Sein Mathematiklehrer soll gesagt haben, er hätte Mathematiker werden können, werde aber nur Philosoph.[2]
Biografie belegt
Nach dem Abschluss an der École Normale Supérieure 1881 lehrte Bergson in Angers und Clermont-Ferrand. 1888 reichte er in Paris zwei Doktorarbeiten ein, darunter die später als „Zeit und Freiheit“ erschienene. Sein zweites Buch „Materie und Gedächtnis“ erschien 1896, und 1900 wurde er Professor für antike Philosophie am Collège de France.[1]
Zeitgeschehen belegt
Im Ersten Weltkrieg schickte die französische Regierung Bergson als Gesandten, unter anderem zu Präsident Wilson in die Vereinigten Staaten. 1922 wurde er Präsident der Internationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit, einer Vorläuferin der UNESCO. Dort kam es zur Auseinandersetzung mit Einstein über die Zeit.[1]
Zeitgeschehen belegt
Bergson starb im Januar 1941 in Paris, als Frankreich von Deutschland besetzt war. Die Regierung von Vichy bot ihm Ausnahmen von den antisemitischen Gesetzen an, er lehnte sie ab. Ob er sich zum Katholizismus bekehrt hat, ist ein Gerücht; seine Frau schrieb, er habe sich gegen die Taufe entschieden.[1]
Kritik
Zur Schrift über Dauer und Gleichzeitigkeit gibt es Streit darüber, ob Bergson sie selbst nicht mehr nachdrucken lassen wollte. Schon zu Lebzeiten warfen Kritiker seiner Philosophie einen angeblichen Irrationalismus und mangelnde Strenge vor; nach einer Darstellung war er aber kein irrationaler Denker, sondern stand in stetem Gespräch mit den Wissenschaften.
Wirkung heute
Bergsons Ansehen kehrte vor allem durch Gilles Deleuzes Buch „Bergsonismus“ von 1966 zurück. Deleuze hält Bergsons Begriff der Vielheit für dessen bleibenden Beitrag. Bergson hatte in seinem Testament offenbar angeordnet, alle seine Papiere zu vernichten, und seine Frau soll sie nach der Überlieferung verbrannt haben.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in einem Gespräch merkst, dass die Zeit „fliegt“ oder „zäh“ ist, kannst Du mit Bergson darauf achten, wie sich die Situation für die Beteiligten anfühlt, statt nur den Kalender zu betrachten. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Bergson über Führung.
Lebensstationen
- 1859Geburt in Paris (18. Oktober)
- 1878Eintritt in die École Normale Supérieure
- 1889„Essai sur les données immédiates de la conscience“ (Doktorarbeit von 1888) erscheint als Buch
- 1896„Matière et mémoire“ erscheint
- 1900Professur für antike Philosophie am Collège de France
- 1907„L’Évolution créatrice“ erscheint
- 1914Wahl in die Académie française
- 1932„Les deux sources de la morale et de la religion“ erscheint
- 1941Tod in Paris (Anfang Januar)
Werke
Essai sur les données immédiates de la conscience (1889, „Zeit und Freiheit“); Matière et mémoire (1896, „Materie und Gedächtnis“); Le rire (1900, „Das Lachen“); L’Évolution créatrice (1907, „Schöpferische Evolution“); Les deux sources de la morale et de la religion (1932)
Anekdote überliefert
Bergsons Mathematiklehrer soll ihm gesagt haben, er hätte Mathematiker werden können, werde aber nur Philosoph.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Henri Bergson, Zeit und Freiheit (deutsche Ausgabe, Athenäum, 1989)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Henri Bergson“; Gilles Deleuze, Bergsonismus
Noch nicht sicher belegt
- Als Todestag nennen die Quellen den 3. oder den 4. Januar 1941. Die erste deutsche Ausgabe von „Schöpferische Entwicklung“ wird mit 1912 und mit 1921 angegeben. Ob Bergson die Schrift über Dauer und Gleichzeitigkeit nicht mehr nachdrucken lassen wollte, ist umstritten. Für eine Bekehrung zum Katholizismus vor seinem Tod gibt es kein Dokument.
Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Bergson
- [1]Bergson, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Bergson, Abschnitt 1; Internet Encyclopedia of Philosophy, Bergson, Abschnitt 1a
- [3]Henri Bergson · Wikipedia