Landkarte der Philosophie

R. M. Hare

1919–2002 · Oxford

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Britischer Moralphilosoph in Oxford, der mit dem Präskriptivismus und der Unterscheidung zweier Ebenen des moralischen Denkens eine Brücke zwischen Kant und dem Utilitarismus schlägt und Peter Singer früh prägte.

Er will Aristoteles, Kant und Mill vereinen und steht damit in der Linie der Utilitaristen, die sich auf Sidgwick berufen. Peter Singer ging zunächst von Hares Präskriptivismus aus, und sein früherer Balliol-Student Bernard Williams wurde einer seiner schärfsten Kritiker.

Kernidee

Moralische Urteile sagen nicht nur, wie etwas ist, sondern schreiben vor, was zu tun ist, und sie müssen für alle gleichen Fälle gelten, auch wenn ich selbst betroffen wäre. Aus dieser Form folgt eine Art Goldene Regel: Ich muss die Wünsche aller Betroffenen so behandeln, als wären es meine eigenen. Im Alltag helfen einfache Grundsätze, die man aber auf der kritischen Ebene mit dem Nutzen für alle begründen und prüfen kann.

Bekannt für

Hare ist der Begründer des Präskriptivismus, nach dem moralische Urteile Handlungsanweisungen sind, und der Verfechter einer Form des Utilitarismus, die auf Wünsche (Präferenzen) statt auf Lust zielt. Bekannt ist auch das Bild vom Erzengel, der kritisch und unparteiisch denkt, und vom Alltagsmenschen, der einfachen Grundsätzen folgt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Präskriptivismus

Wer sagt, jemand solle etwas tun, schreibt damit eine Handlung vor und drückt mehr aus als eine Tatsachenbehauptung. Eine bloße Beschreibung von Tatsachen kann nicht allein eine Handlungsanweisung ergeben, das ist Humes bekannte Trennung von Sein und Sollen. Wenn eine Führungskraft sagt, man solle ehrlich berichten, meint sie das als Vorgabe, die sie auch gegen sich gelten lassen muss.

Universalisierbarkeit und Goldene Regel

Ein moralisches Urteil muss für alle gleichen Fälle gelten, auch dann, wenn ich selbst in der Position des anderen wäre. Hares Beispiel: Wer einen Schuldner ins Gefängnis stecken will, muss auch wollen können, selbst eingesperrt zu werden, wenn er in dessen Lage wäre. Frag dich vor einer Abmahnung oder Kündigung, ob du sie auch dann für richtig hältst, wenn du an der Stelle der Betroffenen wärst.

Zwei Ebenen des moralischen Denkens

Auf der kritischen Ebene denkt man wie ein Erzengel mit der Goldenen Regel unparteiisch nach, auf der intuitiven Ebene folgt man wie im Alltag einfachen Grundsätzen, die sich auf der kritischen Ebene rechtfertigen lassen. Das sind keine zwei Menschentypen, sondern zwei Rollen, zwischen denen jeder wechselt. Ein Team kann daher Grundsätze wie Ehrlichkeit und Verlässlichkeit festlegen, die im Alltag gelten, und sie in Ruhe daraufhin prüfen, ob sie dem Ganzen noch dienen.

Begriffe

Präskriptivismus
Universalisierbarkeit
Goldene Regel
Präferenzutilitarismus
zwei Ebenen des moralischen Denkens
kritisch und intuitiv

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • H. J. Paton: bei ihm hörte er Kant, laut Wikipedia sein akademischer Betreuer
  • Kant und Mill: geistige Vorbilder, die er verbinden wollte

Schüler

  • Bernard Williams: Balliol-Student, später Fellow der British Academy
  • Peter Singer: lernte Hare als Oxford-Student persönlich kennen; die Wikipedia-Infobox führt ihn unter Hares bekannten Schülern
  • John Lucas, David Pears, Richard Wollheim: Balliol-Schüler laut SEP

Gegner

  • Bernard Williams: kritisierte die zwei Ebenen, weil man intuitive und kritische Sicht nicht gleichzeitig einnehmen könne
  • J. L. Mackie: erhob einen ähnlichen Einwand

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Bernard WilliamsDeutung

    SEP: Hare war einer seiner Tutoren in Oxford, dessen Ansatz Williams ablehnte; 1990 folgte er ihm auf den Oxford-Lehrstuhl.

  • Lehrer von Peter SingerDeutung

    Wikipedia: Hare betreute Singers BPhil-Arbeit in Oxford.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Immanuel KantDeutung

    Über H. J. Paton lernte er von Kant, dass Imperative zum Bereich der Vernunft gehören, und wollte Kantisches mit Mill vereinen (SEP, Hare).

  • baut auf John Stuart MillDeutung

    Sein Ziel war, Elemente von Aristoteles, Kant und Mill logisch stimmig zu vereinen (SEP, Hare).

  • Grundlage für Peter SingerDeutung

    Singer studierte Hares Werk schon in Melbourne, lernte ihn in Oxford kennen und vertrat früher Hares Präskriptivismus (Wikipedia, Hare; SEP, Sidgwick).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Bernard WilliamsDeutung

    Williams war Hares Balliol-Schüler und kritisierte später die Zwei-Ebenen-Lehre (SEP, Hare).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Hare geriet nach dem Fall von Singapur im Februar 1942 in japanische Gefangenschaft und arbeitete an der Bahnstrecke nach Birma, insgesamt dreieinhalb Jahre. Er sagte selbst, er habe die Frage nach dem Kampf im Krieg und ein Schuldgefühl über sein bequemes Leben als Anlass genommen, Moralphilosophie zu betreiben.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Er blieb zwanzig Jahre Tutor am Balliol College und wurde 1966 Professor am Corpus Christi College, bis er 1983 nach Florida wechselte, auch um der Fakultätspolitik zu entkommen. Kritiker unterstellten ihm gelegentlich Lebensferne eines Oxford-Fellows, doch die SEP weist darauf hin, dass seine Kriegserfahrung dem widerspricht.[1]

  • Biografie Deutung

    Seine Eltern starben früh, und er wuchs bei Verwandten der Mutter auf; seine Ehe mit Catherine Verney und die vier gemeinsamen Kinder prägten nach der SEP sein Denken, etwa die Frage, wie man Kinder zu Menschen erzieht. Dass diese Erfahrung die Betonung eingeübter Grundsätze in seiner Zwei-Ebenen-Theorie mitprägte, ist Deutung.[1]

Kritik

Bernard Williams und J. L. Mackie wandten ein, dass man nicht zugleich nach einem einfachen Grundsatz handeln und ihn kritisch als bloßes Hilfsmittel sehen kann. Williams bezweifelte außerdem, dass sich aus der Logik der moralischen Sprache viel über den Aufbau der Moral ableiten lässt. Offen blieb auch, welche Wünsche anderer man beim allgemeinen Vorschreiben einrechnen muss; die SEP nennt das „unfinished business“.

Wirkung heute

Peter Singer zählte bei Hares Gedenkfeier zu dessen bleibenden Leistungen, Vernunft wieder in den moralischen Streit gebracht zu haben. Hare wandte sich später der angewandten Ethik zu, etwa der Medizinethik, und war erster Präsident der britischen Society for Applied Philosophy.

Brücke zu Führung und Coaching

Hare würde fragen: Würdest du diese Entscheidung auch dann für richtig halten, wenn du an der Stelle jeder betroffenen Person wärst und deren Wünsche hättest? Prüfe das bei der nächsten Entscheidung, die Menschen im Team belastet, etwa einer Umorganisation. Und lege für den Alltag wenige klare Grundsätze fest, aber überprüfe sie regelmäßig daran, ob sie noch dem Wohl der Betroffenen dienen.

Zitate

„Zu sagen, es sei unmöglich, kritisches und intuitives Denken im selben Gedankengang aufrechtzuerhalten, ist so, als sagte man, ein Kommandeur könne in einer Schlacht nicht zugleich an die Einzelheiten der Taktik denken, an das Gesamtziel des Sieges und an die Grundsätze (Ökonomie der Kräfte, Konzentration der Kräfte, Angriff usw.), die er beim Erlernen seines Handwerks gelernt hat.“

R. M. Hare, Moral Thinking (1981), S. 52; englisches Original zitiert nach SEP, Richard Mervyn Hare (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1919Geboren am 21. März in Backwell Down bei Bristol
  2. 1942Gerät beim Fall von Singapur in japanische Gefangenschaft und wird bis Kriegsende festgehalten
  3. 1952Erscheint The Language of Morals, sein erstes Buch
  4. 1966Wechselt als White's Professor of Moral Philosophy ans Corpus Christi College, Oxford
  5. 1981Erscheint Moral Thinking mit der Lehre von den zwei Ebenen
  6. 2002Stirbt am 29. Januar in Ewelme

Werke

The Language of Morals (1952; deutsch: Die Sprache der Moral, 1983); Freedom and Reason (1963; deutsch: Freiheit und Vernunft, 1973, bei Suhrkamp 1983); Moral Thinking: Its Levels, Method, and Point (1981); Essays on Bioethics (1993); Sorting Out Ethics (1997)

Anekdote überliefert

Nach dem Fall von Singapur ließ Hare im Gefängnis von Changi ein Hauptbuch mitgehen und schrieb darin einen früheren Aufsatz über seine Philosophie zu einem Buch von rund 150 Seiten aus. Das Manuskript trug er nach eigener Aussage auf dem Rücken fast bis an die thailändisch-birmanische Grenze.[2]

Lesetipps

Einstieg
R. M. Hare: Freiheit und Vernunft (Suhrkamp, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 457, 1983, übersetzt von Georg Meggle; englisch Freedom and Reason, 1963): dort entwickelt er Universalisierbarkeit und das Schuldner-Beispiel. Die zwei Ebenen erklärt er in Moral Thinking (Oxford, 1981).
Vertiefung
Peter Singer: R. M. Hare's Achievements in Moral Philosophy (Utilitas, 2002)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat nur im englischen Original (SEP), deutsche Fassung ist eigene Übersetzung. Singer als Schüler laut Wikipedia-Infobox; die SEP nennt ihn nur als Autor eines Beitrags. Das genaue Jahr der Freilassung (1945) ist aus 'dreieinhalb Jahre ... bis Kriegsende' abgeleitet. Die Angabe 'zwei Rollen, zwischen denen jeder wechselt' folgt der SEP. Die Aussage in 'heute' zur angewandten Ethik stützt sich auf SEP (Center for Applied Philosophy, erster Präsident der Society for Applied Philosophy), ist aber in der Gewichtung eine Deutung; der Satz zur indirekten Konsequentialismus-Debatte ist ohne eigenen Beleg. Kontext-Eintrag 'Biografie' ist als Deutung markiert: die Quelle erwähnt Kinder und Familie, nicht den Zusammenhang mit der Zwei-Ebenen-Theorie. Hares Aussage zum Anlass für Moralphilosophie ('Haltung zum Kämpfen' und Schuldgefühl bei mäßigem Komfort) steht in der SEP, ist hier knapp wiedergegeben. 'Fakultätspolitik' als Grund für den Wechsel nach Florida: SEP nennt dies als einen Wunsch neben dem Plan eines Zentrums für Angewandte Philosophie. Die Quelle der Kante zu Kant (Paton): SEP Abschnitt 2. Prüfer: Die deutsche Ausgabe Moralisches Denken (Suhrkamp 1992) ließ sich in keinem Katalog finden (DNB nicht abrufbar) und wurde entfernt; belegt sind Die Sprache der Moral (Suhrkamp 1983, übers. Petra von Morstein) und Freiheit und Vernunft (Suhrkamp 1983, ©1973, übers. Georg Meggle). Objective Prescriptions (1999) nicht gegengeprüft, durch Essays on Bioethics (1993, Wikipedia) ersetzt. Die Quellen fehige.info (verschlüsseltes PDF, nicht lesbar) und philarchive SCHAM-14 (403) waren nicht prüfbar und wurden entfernt. Singer ist nur in der Wikipedia-Infobox als Schüler geführt, eine Betreuung ist nicht belegt; Kante daher als Wirkung (auf) statt Lehrer-Schüler. Anekdote stammt aus einem späten Interview Hares, daher überliefert. Der Satz zur indirekten Konsequentialismus-Debatte in heute war ohne Beleg und wurde ersetzt. Die Formulierung „unfinished business“ ist laut SEP-Fassung nicht sicher Hares eigener Ausdruck. Todesort Ewelme nur nach Wikipedia; SEP sagt, er kehrte 1994 nach Ewelme zurück.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Hare

  1. [1]SEP, Richard Mervyn Hare · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia, R. M. Hare (nach dem späten Interview „R. M. Hare in Conversation“, Oxford University Press) · Wikipedia
  3. [3]SEP, Henry Sidgwick · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Bernard Williams – Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]ci.nii.ac.jp/ncid/BA01332101 · Webseite
  6. [6]ci.nii.ac.jp/ncid/BA01311804 · Webseite

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