Landkarte der Philosophie

Marcus Tullius Cicero

106–43 v. Chr. · Arpinum, wirkte in Rom

Strömung
Hellenismus: Stoa und Epikur
Kants Fragen
Was soll ich tun? · Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Römischer Politiker und Redner, der die griechischen Schulen auf Latein vorstellt und prüft.

Er ist der Vermittler: Für Epikureer, Stoiker und Skeptiker ist er die wichtigste lateinische Quelle. Er baut auf Panaitios (einem Stoiker aus Rhodos) und Karneades (einem skeptischen Philosophen, der die Akademie in Athen leitete) auf und lobt Lukrez (einen römischen Dichter, der Epikurs Lehre in einem Lehrgedicht darstellte).

Kernidee

Cicero prüft die großen Schulen im Dialog und lässt jede Seite sprechen. Er nennt sich Akademiker und hält sich in der Erkenntnis an das, was wahrscheinlich ist. In der Ethik neigt er zu den Stoikern.

Bekannt für

Er ist als Redner und Konsul (einer der obersten Staatsbeamten des alten Roms) des Jahres 63 v. Chr. bekannt, der die Catilinarische Verschwörung, einen Umsturzversuch des Senators Catilina, aufdeckte. In den letzten Lebensjahren schrieb er in zwei Jahren den Großteil seines philosophischen Werks.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Mitte der Schulen

Cicero lässt in seinen Dialogen Vertreter verschiedener Schulen sprechen, etwa in „De natura deorum“ den Epikureer Velleius, den Stoiker Balbus und den Skeptiker Cotta. Er selbst hält sich zurück und überlässt dem Leser das Urteil. In Teams funktioniert das wie ein Meeting, in dem jede Rolle gehört wird, bevor entschieden wird.

Akademische Wahrscheinlichkeit

Cicero übernimmt von Philon von Larissa (seinem Lehrer, dem letzten Leiter der Akademie in Athen und gemäßigten Skeptiker) die Haltung, dass man das Wahrscheinlichste vertritt, ohne es für sicher zu erklären. Das gibt ihm die Freiheit, bei jeder Frage neu zu entscheiden, welche Schule am meisten überzeugt. Für Führungskräfte heißt das: Du darfst deine Meinung ändern, wenn die Gründe besser werden.

Pflichten im Alltag

In „Vom pflichtgemäßen Handeln“ fragt Cicero, was in konkreten Situationen richtig und nützlich ist. Er folgt dabei in den ersten beiden Büchern Panaitios. Beispiel aus der Praxis: Ein Auftrag bringt Gewinn, verlangt aber, einen Kunden zu täuschen. Cicero würde fragen, ob der Nutzen den Preis der Ehre wert ist.

Begriffe

Akademische Skepsis
: Haltung der späteren Akademie in Athen, nichts für völlig sicher zu erklären; Cicero übernimmt sie und nennt sich Akademiker
Wahrscheinlichkeit
: das, was nach Prüfung am meisten einleuchtet; man darf ihm zustimmen und es vertreten, ohne es für sicher zu erklären
Pflichten (officia)
: das Thema seiner Schrift an den Sohn: was in konkreten Lagen richtig und nützlich ist, wobei bei einem Konflikt die Tugend Vorrang hat
Dialog
: Cicero vermittelt griechische Philosophie in lebhaften Gesprächen, in denen Vertreter verschiedener Schulen zu Wort kommen und er sich zurückhält
Tugend und Lust
: Cicero lehnt die Lustlehre der Epikureer ab, schöpft stark aus der Stoa und lässt bei einem Konflikt die Tugend vor dem Nutzen gelten

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Philon von Larissa: Leiter der Akademie, in Rom
  • Poseidonios: Stoiker auf Rhodos
  • Phaidros: Epikureer
  • Diodotos: Stoiker, nach Britannica

Freunde

  • Atticus: enger Briefpartner, dem er über seine Philosophie schrieb
  • Brutus: Widmungsträger der „Gespräche in Tusculum“

Gegner

  • Epikureer: prüft ihre Ethik kritisch
  • Marcus Antonius: Gegner in den „Philippischen Reden“, ließ ihn töten

Verbindungen im Netz

14 Verbindungen, davon 8 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Erasmus von RotterdamDeutung

    Ciceros Stil war Vorbild, doch der Ciceronianus (1528) kritisiert die sklavische Nachahmung.

  • Grundlage für Francesco PetrarcaDeutung

    Cicero diente als stilistisches und literarisches Vorbild, etwa für das Secretum.

  • Grundlage für HéloïseDeutung

    Wikipedia en nennt sie eine Kennerin Ciceros, in dessen Tradition sie von reiner Freundschaft und selbstloser Liebe schreibt.

  • baut auf Karneades von Kyreneungeprüft

    Cicero übernimmt seine Wahrscheinlichkeitslehre und lässt sich als Akademiker beschreiben.

  • Grundlage für Niccolò MachiavelliDeutung

    Laut Wikipedia en kehrt er im Bild von Fuchs und Löwe den Rat Ciceros gegen Täuschung und Gewalt um, ohne Cicero im Fürsten zu nennen.

  • baut auf Panaitios von Rhodosungeprüft

    Cicero übernimmt in den ersten beiden Büchern von „De officiis“ sein Werk.

  • Grundlage für Petrus RamusDeutung

    Ciceros Rhetorik und die Stoa prägten ihn stärker als Platon.

  • Grundlage für Thomas MorusDeutung

    Utopia spielt auf Ciceros De re publica an.

  • baut auf Titus Lucretius Carusungeprüft

    Cicero kannte das Gedicht und lobte es brieflich als genial und kunstvoll.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Epikur von Samosungeprüft

    Cicero lässt Epikureer im Dialog auftreten und widerspricht ihnen.

  • kritisiert Metrodor von Lampsakosungeprüft

    Cicero berichtet kritisch über Metrodors Betonung des Körperglücks.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Philodemos von Gadaraungeprüft

    Cicero lobte seine Gedichte, Philodems Förderer Piso kommt bei Cicero vor.

  • im Vergleich mit Sextus Empiricusungeprüft

    Beide überliefern Berichte des Klitomachos über die Lehre des Karneades.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen Deutung

    Cicero schrieb den Großteil seiner Philosophie 45 und 44 v. Chr., nachdem Caesar gesiegt hatte. Dass er in dieser Phase politisch kaum Einfluss hatte, könnte seine intensive Schreibarbeit erklären.[1]

  • Biografie belegt

    Der Tod seiner Tochter Tullia 45 v. Chr. gilt als Auslöser für eine Trostschrift und für die Hinwendung zur Philosophie. Seine Texte sind daher auch Selbsttherapie.[3]

  • Geld Deutung

    Er stammte aus einer wohlhabenden Ritterfamilie (der Ritterstand war die zweithöchste Gesellschaftsschicht Roms) in Arpinum, einer Stadt in Italien. Seine Stellung in der römischen Oberschicht beeinflusste, was er an Philosophie schätzte, etwa eine Ethik für Staatsmänner.[4]

Kritik

Er hat die philosophischen Werke nach eigener Aussage als Abschriften gesehen, bei denen er vor allem die Worte liefert, und gilt deshalb nicht als originell. Moderne Kritiker sehen ihn eher als Vermittler. Außerdem beklagt man Widersprüche, die seine akademische Haltung zulässt.

Wirkung heute

Seine Texte sind Hauptquelle für viele verlorene griechische Lehren. Sein Dialogstil und der Gedanke, dass Argumente von mehreren Seiten geprüft werden sollen, tragen bis heute.

Brücke zu Führung und Coaching

Cicero verbindet Philosophie mit politischer Verantwortung. Frage dich vor der nächsten Entscheidung: Was ist hier richtig, was ist nützlich, und wo widersprechen sich beide? Lade außerdem jemanden ein, der die gegenteilige Sicht vertritt, und höre erst zu, bevor du antwortest.

Lebensstationen

  1. 106 v. Chr.Geburt in Arpinum
  2. 89 v. Chr.Philon von Larissa kommt nach Rom, Cicero hört seine Vorträge
  3. 63 v. Chr.Konsul, deckt die Catilinarische Verschwörung auf
  4. 58 v. Chr.Verbannung, im Jahr danach zurückgerufen
  5. 45 v. Chr.Tod der Tochter Tullia, Beginn der intensiven philosophischen Schriftstellerei
  6. 43 v. Chr.Ermordet auf Befehl des Marcus Antonius

Werke

Reden und Briefe sowie rund ein Dutzend philosophischer Werke, darunter „Vom Staat“, „Über die Gesetze“, „Hortensius“, „Akademika“, „Über das höchste Gut und das größte Übel“ (De finibus)

„Gespräche in Tusculum“, „Über das Wesen der Götter“ und „Vom pflichtgemäßen Handeln“ (44 v. Chr.).

Anekdote belegt

Im Februar 54 v. Chr. schreibt Cicero seinem Bruder Quintus, dass er dessen Lob für Lukrez’ Lehrgedicht (das Werk eines römischen Dichters, der Epikurs Lehre in Verse fasste) teilt: Es zeige Genie und große Kunstfertigkeit. Es ist das einzige Zeugnis zu Lukrez aus der Antike.[5]

Lesetipps

Einstieg
Cicero: Vom pflichtgemäßen Handeln / De officiis, lateinisch/deutsch, übersetzt von Heinz Gunermann (Reclam, 1986): praktische Ethik für Verantwortungsträger.
Vertiefung
A. A. Long und D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare (Metzler, 2000): erklärt Ciceros Quellen und Positionen.

Noch nicht sicher belegt

  • Die Namen der Lehrer variieren je nach Quelle (Britannica: Phaidros, Diodotos, Philon; IEP: Philon, Poseidonios, Zenon und Phaidros, Kratippos). Ob Poseidonios nur kurz oder länger sein Lehrer war, ist nicht belegt. Die Zuschreibung zu Atticus als Briefpartner ist bei Britannica nur als Zitat aus dem Brief an Atticus erwähnt, nicht ausführlich geprüft.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Stoa und Epikur. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Cicero

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Cicero · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Internet Encyclopedia of Philosophy: cicero-academic-skepticism · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Britannica: Cicero, Philosophy · Britannica
  4. [4]Wikipedia: Cicero · Wikipedia
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Lucretius (Q.F. 2.10.3) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Wikipedia (de): Karneades · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  7. [7]Wikipedia (de): Catilinarische Verschwörung · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Philon von Larissa · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  9. [9]Wikipedia (de): Cicero · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  10. [10]Wikipedia (de): Lukrez · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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