G. E. M. Anscombe (Elizabeth Anscombe)
1919–2001 · Limerick (Irland), lehrte in Oxford und Cambridge
- Strömung
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Analytische Philosophin, deren Aufsatz „Modern Moral Philosophy“ die moderne Tugendethik anstieß und die Aristoteles und Thomas für die heutige Moral wieder ernst nahm.
Sie ist die Scharnierstelle der modernen Wiederkehr der antiken Ethik, vor MacIntyre. Ihr Buch zu Aristoteles, Thomas und Frege zeigt ihre Quellen.
Kernidee
Anscombe behauptet, dass die modernen Begriffe moralischer Pflicht und das moralische „Soll“ ihren Sinn verloren haben, weil sie aus einer göttlichen Gesetzesethik stammen, an die kaum noch jemand glaubt. Sie schlägt vor, zuerst eine brauchbare Philosophie des Handelns und der Psyche zu entwickeln. In diesem Rahmen kann man mit Aristoteles von Tugenden und menschlichem Gedeihen sprechen.
Bekannt für
Sie war Wittgensteins Nachlassverwalterin (nach dessen Tod 1951 kümmerte sie sich gemeinsam mit zwei weiteren Personen um seine unveröffentlichten Schriften) und Übersetzerin und schrieb mit Intention ein Hauptwerk der Handlungstheorie. Bekannt ist auch ihr Protest 1956 gegen die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford für Präsident Truman.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das moralische „Soll“ ist ein Überbleibsel
Anscombe argumentiert, dass „Pflicht“ und „moralisches Soll“ aus der Vorstellung eines göttlichen Gesetzgebers stammen und ohne ihn in der Luft hängen. Aristoteles kommt ohne diesen Begriff aus: Bei ihm geht es um Tugenden und darum, was dem Menschen zum Gedeihen dient. Wenn dein Team Regeln nur befolgt, weil „man das so macht“, erzählt es dieselbe Geschichte.
Erst Handlungstheorie, dann Ethik
Sie fordert, mit der Moralphilosophie zu warten, bis es eine ausreichende Philosophie der Psychologie gibt, also eine Klärung dessen, was eine Handlung, eine Absicht und ein Motiv ist. Genau das leistet ihr Buch Intention. Bevor du über schlechte Führung urteilst, musst du wissen, was die Person eigentlich tun wollte.
Aristoteles im Hintergrund
In Modern Moral Philosophy lobt sie, wie Platon und Aristoteles vom Gedeihen des Menschen und von Tugenden als dem sprechen, was ein Mensch zum Gedeihen braucht. Sie hält aber fest, dass dafür noch viel philosophische Vorarbeit fehlt, etwa zur Frage, was eine Tugend ist und wie sie zum Handeln gehört. Das Ideal klingt gut, die Umsetzung ist Arbeit, wie bei jedem Leitbild.
Begriffe
- Absicht (Intention)
- : das, was eine Handlung zur absichtlichen macht; erkennbar daran, dass man auf die Frage „Warum?“ eine Antwort geben kann
- Tugend
- : dauerhaft gute Charaktereigenschaft; im Anschluss an Aristoteles das, was ein Mensch braucht, um gut zu leben und seine Möglichkeiten zu entfalten
- Pflicht und „soll“
- : die Vorstellung einer unbedingten moralischen Forderung; ohne den Rahmen göttlicher Gebote ist dieser Sprachgebrauch für sie sinnlos geworden
- Konsequentialismus
- : Auffassung, dass eine Handlung allein nach ihren Folgen zu bewerten ist; Anscombe prägte das Wort und lehnte die Sichtweise ab
- Handlungstheorie
- : Teilgebiet der Philosophie, das klärt, was eine Handlung ist, was sie absichtlich macht und wie Gründe und Ursachen zusammenhängen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Freunde
- Ludwig Wittgenstein: sie wurde eine seiner drei Nachlassverwalterinnen und übersetzte die Philosophischen Untersuchungen
- Peter Geach: Mitautor von Three Philosophers
Gegner
- Britische Moralphilosophen seit Sidgwick: sie wirft ihnen vor, im Kern Konsequentialisten zu sein
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Alasdair MacIntyreungeprüft
MacIntyres After Virtue greift Themen aus Anscombes Aufsatz auf.
baut auf Aristotelesungeprüft
Sie stellt der modernen Pflichtethik die aristotelische Rede von Tugend und menschlichem Gedeihen gegenüber.
baut auf Thomas von Aquinungeprüft
Sie schrieb gemeinsam mit Peter Geach das Buch Three Philosophers: Aristotle, Aquinas, Frege.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Iris Murdochungeprüft
Gleiches Geburtsjahr, beide in Oxford mit Somerville-College-Bezug, beide kritisch gegenüber der damals herrschenden Moralphilosophie (Deutung).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Anscombe protestierte öffentlich dagegen, dass Oxford Präsident Truman (der als US-Präsident 1945 den Abwurf der Atombomben angeordnet hatte) wegen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ehrte. Die IEP sieht darin den Beginn ihrer produktivsten Zeit, wohl getrieben von Empörung.[2]
Biografie Deutung
Neben Aristoteles und Frege beschäftigte sie sich intensiv mit Thomas von Aquin, das zeigt das gemeinsam mit Geach verfasste Buch Three Philosophers. Das erklärt, warum sie moderne Moraltheorien mit antiken und mittelalterlichen Maßstäben prüft.[1]
Abhängigkeit belegt
Ihre Arbeit entstand im Oxforder Umfeld, wo sie 1946 eine Stelle am Somerville College (einem 1879 gegründeten Frauencollege der Universität Oxford, das später auch Männer aufnahm) erhielt. Von 1970 bis 1986 hatte sie in Cambridge den Lehrstuhl inne, der früher Wittgenstein gehört hatte.[1]
Kritik
Ihre Thesen sind scharf: Die IEP nennt als ihre Behauptung, dass alle britischen Moralphilosophen seit Sidgwick (einem englischen Moralphilosophen, 1838 bis 1900) im Kern Konsequentialisten seien und dass Begriffe wie moralische Pflicht schädlich seien und fallen gelassen werden sollten. Der Einwand liegt nahe, dass das zu pauschal ist, ein Beleg für konkrete Kritiker wurde nicht abgerufen. Dass die Tugendethik sich anders entwickelte als von ihr gedacht, ist Deutung.
Wirkung heute
Ihr Aufsatz gilt nach der IEP als Ausgangspunkt des heutigen Interesses an Tugendethik. Ihr Gedanke, dass Absichten Handlungen erst beschreibbar machen, wirkt in der Handlungstheorie weiter.
Brücke zu Führung und Coaching
Anscombe würde fragen, ob in deinem Team Regeln ohne Begründung gelten. Schau dir drei Regeln an, die du aufgestellt hast, und frag, welchen Zweck sie dem Menschen und der Arbeit dienen sollen. Was sich nicht begründen lässt, darf auf den Prüfstand.
Lebensstationen
- 1919Geboren am 18. März in Limerick
- 1946Forschungsstelle am Somerville College, Oxford
- 1956Protest gegen Trumans Ehrendoktor in Oxford
- 1958Modern Moral Philosophy erscheint
- 1970Lehrstuhl in Cambridge (bis 1986)
- 2001Tod
Werke
Intention (1957)
Modern Moral Philosophy (1958)
An Introduction to Wittgenstein’s Tractatus (1959)
Übersetzung der Philosophischen Untersuchungen (1953)
gemeinsam mit Peter Geach Three Philosophers: Aristotle, Aquinas, Frege (2002).
Anekdote belegt
1956 widersprach sie öffentlich, aber vergeblich der Verleihung eines Ehrendoktors an Truman, weil er den Abwurf der Atombomben genehmigt hatte. Daraus entstand nach der IEP ihre schaffensreichste Zeit.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- G. E. M. Anscombe, Modern Moral Philosophy, in: Philosophy 33 (1958), S. 1–19. Der Aufsatz ist kurz und bis heute der Ausgangspunkt der Tugendethik.
- Vertiefung
- Roger Teichmann, The Philosophy of Elizabeth Anscombe (Oxford University Press, 2008). Eine Gesamteinführung in ihr Denken.
Noch nicht sicher belegt
- Todesdatum im Tag nicht abgerufen, belegt ist nur 1919–2001 (SEP-Literaturverzeichnis) und Geburt am 18. März 1919. Dass sie katholisch war, wurde nicht abgerufen und deshalb nicht behauptet. Murdoch und Anscombe: Zeitgenossinnen, ob befreundet, nicht belegt. Beide besuchten Oxford, ob beide am Somerville College studierten, ist für Murdoch durch Wikipedia belegt, für Anscombe nennt SEP die Forschungsstelle dort ab 1946. Die Kritik-Aussage ist als Deutung markiert.
Wege durchs Netz
Anscombe: Das moderne moralische Soll hat seinen Sinn verloren, also zurück zu Fragen nach Handlung und Tugend.
Herkunft der Daten: Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Anscombe
- [1]SEP: Anscombe · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]IEP: Anscombe · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Remembering Alasdair MacIntyre, Word on Fire · Webseite
- [4]1000wordphilosophy.com/2022/05/20/anscombe · Webseite
- [5]Wikipedia (de): Elizabeth Anscombe · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (en): Harry S. Truman · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (en): Somerville College, Oxford · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Wikipedia (de): Henry Sidgwick · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [9]Wikipedia (de): Tugend · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [10]Wikipedia (de): Konsequentialismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [11]Wikipedia (de): Handlungstheorie (Philosophie) · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20