Landkarte der Philosophie

Pseudo-Dionysius Areopagita

Schriften zwischen 485 und 528 · wahrscheinlich Syrien (antiochenischer Raum)

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Unbekannter christlicher Autor um 500, der unter dem Namen eines Paulus-Schülers den Neuplatonismus in die Kirche brachte, die Negative Theologie prägte und das Wort von der mystischen Theologie (der höchsten Stufe der Gotteserkenntnis, die sich nicht mehr in Worte fassen lässt) einführte.

Er verwandelt den Neuplatonismus (Plotin, Proklos) in christliche Theologie und gibt der Mystik ihr Vokabular. Über die lateinische Übersetzung des Eriugena (9. Jahrhundert) wirkt er auf Thomas von Aquin und Meister Eckhart.

Kernidee

Von Gott kann man nur im Bild reden, und jede Aussage über ihn muss am Ende wieder verneint werden, weil Gott größer ist als alle Worte. Der Weg zu Gott führt deshalb über Aussagen, über Verneinungen und zuletzt in Stille und Unwissen. Die Welt ist geordnet in Stufen, in denen das Göttliche von oben nach unten weitergegeben wird.

Bekannt für

Er ist bekannt für die Negative Theologie und für die Lehre von den neun Chören der Engel. Seine Schriften galten fast tausend Jahre als Werk eines Apostelschülers, so als würdest du heute ein Handbuch lesen, das sich fälschlich auf den Firmengründer beruft und gerade deshalb Autorität bekommt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Negative Theologie

Über Gott sagt man zuerst, was die Bibel von ihm sagt, etwa gut, lebendig, Vater. Dann muss man jede dieser Aussagen verneinen, weil Gott über allen Begriffen steht, und am Ende auch die Verneinungen hinter sich lassen. Wenn du im Team merkst, dass ein Wort wie Qualität jedem etwas anderes bedeutet, hilft dasselbe Vorgehen: erst sagen, was gemeint ist, dann, was es nicht ist, bis der Kern sichtbar wird.

Hierarchie als Weitergabe von Licht

In der himmlischen Hierarchie gibt es neun Ränge von Engeln, in der kirchlichen acht Stände von Bischöfen bis zu den Ausgeschlossenen. Laut SEP geht es nicht um Herrschaft, sondern darum, dass die Schau Gottes von Stufe zu Stufe nach unten weitergereicht wird und jeder Stufe etwas anvertraut ist. Eine gute Führungsebene funktioniert ähnlich: Sie übersetzt Ziele so, dass die nächste Ebene sie verstehen und weitergeben kann.

Das Böse als Mangel

Das Böse ist bei Dionysius kein eigener Stoff, sondern ein Fehlen von Gutem, eine Privation, wie die SEP schreibt. Er übernimmt das von Plotin und Proklos, mit Änderungen. Wenn ein Projekt scheitert, ist es oft nicht ein böser Wille am Werk, sondern es fehlt Klarheit, Zeit oder Zuständigkeit.

Begriffe

Negative Theologie
: Gott wird nicht durch Aussagen erfasst, sondern indem man verneint, was man ihm zuschreibt, er aber nicht ist
Mystische Theologie
: höchste Stufe der Gotteserkenntnis, die sich nicht mehr in Worte fassen lässt und in Stille und Dunkelheit führt
Hierarchie
: Ordnung der Engelchöre in der himmlischen und der kirchlichen Ämter in der kirchlichen Hierarchie, eng aufeinander bezogen
Göttliche Namen
: seine Schrift über die Namen, mit denen Menschen Gott bezeichnen, wobei Gott selbst jenseits aller Namen bleibt
Stille und Dunkel
: die Erfahrung, dass Gott das menschliche Verstehen übersteigt, wenn man beim Aufstieg in völlige Abwesenheit von Sprache und Verständnis gelangt
Pseudonym
: der Autor gab sich als Dionysius Areopagita, den Paulus-Schüler, aus, seine wahre Identität ist unbekannt

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Proklos (Neuplatoniker, gestorben 485): laut SEP wahrscheinlich war Dionysius ein Schüler oder zumindest tief von Proklos geprägt
  • Hierotheus: nennt Dionysius selbst als seine Lehrquelle, vermutlich eine literarische Figur

Schüler

  • Johannes Scotus Eriugena: kein persönlicher Schüler, sondern Nachwirkung; übersetzte das Corpus 862 neu ins Lateinische und war laut SEP tief von ihm beeinflusst
  • Meister Eckhart: Nachwirkung, laut SEP und deutscher Wikipedia vom Corpus geprägt

Gegner

  • Hypatios von Ephesos: zweifelte 531 an der Echtheit der Schriften
  • Martin Luther: schrieb laut SEP, Dionysius sei sehr schädlich, er platonisiere mehr, als er christianisiere

Verbindungen im Netz

8 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Hildegard von BingenDeutung

    Die SEP nennt ihre Visionen als aus der platonischen Tradition geschöpft, die bis zu Pseudo-Dionysius zurückreicht.

  • Grundlage für Johannes Scotus EriugenaDeutung

    Er übersetzte das Corpus Dionysiacum 862 und kommentierte die Himmlische Hierarchie, und laut SEP ist dessen Einfluss auf sein Denken tief.

  • Grundlage für Marsilio FicinoDeutung

    Er schrieb in den 1490er Jahren Kommentare zu Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita.

  • Grundlage für Meister EckhartDeutung

    Laut SEP und deutscher Wikipedia prägte seine negative Theologie Meister Eckhart.

  • Grundlage für Nikolaus von KuesDeutung

    Die SEP nennt Dionysius als Vorbild seiner negativen Theologie, die er mit dem Zusammenfall der Gegensätze zugleich aufnimmt und überbietet.

  • baut auf PlotinDeutung

    Laut SEP übertrug er das ganze heidnische Neuplatonik von Plotin bis Proklos in einen christlichen Rahmen und übernahm von Plotin die Lehre vom Bösen als Mangel.

  • Grundlage für Raimundus LullusDeutung

    Unter dem Einfluss der negativen Theologie des Dionysius hält Llull Gott für unbegreiflich (SEP).

  • Grundlage für Thomas von AquinDeutung

    Laut SEP schrieben Albert und Thomas Kommentare zu Dionysius, und das Schema Verbleiben, Hervorgehen, Rückkehr bildet die Struktur der Summa.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Der Autor stellte sich unter den Namen eines Apostelschülers und bekam so fast apostolische Autorität. Die SEP weist darauf hin, dass Fälschung ein moderner Begriff ist und die Rolle als Vermittler einer Tradition damals üblich war.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Frühe Zitate stammen von Severus von Antiochia, der als Gegner des Konzils von Chalkedon (451, auf dem die Lehre von den zwei Naturen Christi festgelegt wurde) nach 518 nach Ägypten fliehen musste. Die Schriften gerieten so in den Streit um die Naturen Christi und wurden von Verteidigern wie Johannes von Skythopolis und Maximus Confessor als rechtgläubig verteidigt.[2]

  • Abhängigkeit Deutung

    Die deutsche Wikipedia deutet die beiden Hierarchien als Versuch, kirchliche Macht und Seelenführung theologisch zu legitimieren. Das ist eine Lesart und kein Beleg für die Absicht des Autors.[2]

Kritik

Hypatios von Ephesos zweifelte schon 531 an der Echtheit, Lorenzo Valla und später Erasmus griffen den Zweifel auf, und im 19. Jahrhundert wiesen Hugo Koch und Joseph Stiglmayr die Unechtheit nach. Luther hielt Dionysius für schädlich, weil er mehr platonisiere als christianisiere. Zudem war seine Christologie (die Lehre von der Natur Christi) nicht immer unumstritten.

Wirkung heute

Das Prinzip, dass man mit Worten dem Wichtigsten nur durch Verneinen nahe kommt, lebt in Mystik und in der Debatte um die Grenzen der Sprache weiter. Die Idee, Rollen in Stufen zu denken, über die Wissen und Verantwortung weitergegeben wird, taucht bis heute in Organisationslehren auf.

Brücke zu Führung und Coaching

Wenn in einer Besprechung alle zustimmend nicken, aber jeder etwas anderes unter dem Ziel versteht, hilft ein Gedanke von Dionysius: Frag nicht nur, was das Ziel ist, sondern auch, was es ausdrücklich nicht ist. Lass jede Person eine Sache nennen, die sie unter diesem Ziel nicht verstehen würde. Meist wird der gemeinsame Kern erst durch diese Abgrenzung sichtbar.

Zitate

„Der Gedankengang steigt von unten nach oben, und je höher er klettert, desto mehr stockt die Sprache; wenn er über den Aufstieg hinaus ist, wird er ganz verstummen, denn er ist dann eins mit dem, was unsagbar ist.“

Mystische Theologie, Abschnitt 1033 C (Zählung der Patrologia Graeca); nach der englischen Wiedergabe in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 485Proklos stirbt; frühestens danach sind die Schriften des Pseudo-Dionysius entstanden (SEP; Wikipedia de nennt als frühesten Zeitpunkt 476)
  2. 518Severus von Antiochia flieht nach Ägypten, von ihm stammen die frühesten Zitate (zwischen 518 und 528)
  3. 531Hypatios von Ephesos bezweifelt die Echtheit der Schriften
  4. 827Kaiser Michael der Stammler schenkt Ludwig dem Frommen eine Handschrift des Corpus
  5. 862Eriugena vollendet die neue lateinische Übersetzung

Werke

Die göttlichen Namen, Die mystische Theologie, Die himmlische Hierarchie, Die kirchliche Hierarchie, zehn Briefe (entstanden zwischen 485 und etwa 528)

Anekdote überliefert

Der Name Dionysius wurde im 9. Jahrhundert in der Abtei St. Denis bei Paris mit dem Pariser Märtyrer gleichgesetzt. Als Abaelard um 1121 dort auf die verschiedenen Personen dieses Namens hinwies, musste er laut deutscher Wikipedia das Kloster verlassen.[2]

Lesetipps

Einstieg
Dionysius Areopagita: Über alles Licht erhaben. Mystische Theologie – Die Namen Gottes – Himmlische Hierarchie – Kirchliche Hierarchie, übers. von Edith Stein, Topos-Taschenbuch 1009, Kevelaer 2015: die vier Hauptschriften in einem Band.
Vertiefung
Eric D. Perl: Theophany. The Neoplatonic Philosophy of Dionysius the Areopagite (SUNY Press, Albany 2008, englisch); kürzer: Charles M. Stang: Apophasis and Pseudonymity in Dionysius the Areopagite: 'No Longer I' (Oxford University Press, 2012, englisch).

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten unbekannt, geb und tod daher null; j nennt den Entstehungszeitraum der Schriften (SEP: zwischen 485 und 518 bis 528; die deutsche Wikipedia nennt als frühesten Zeitpunkt 476 wegen liturgischer Elemente). Herkunft aus Syrien ist Vermutung (SEP: perhaps of Syrian origin; Wikipedia de: antiochenischer Raum, vermutlich ein syrischer Mönch). Das Zitat aus der Mystischen Theologie ist aus der englischen SEP-Fassung eigenhändig übertragen, keine deutsche Ausgabe geprüft. Die Anekdote um Abaelard und St. Denis stammt nur aus der deutschen Wikipedia. Leben-Stationen betreffen Datierung und Überlieferung, nicht Biografie. Lesetipps: Stein-Ausgabe mit ISBN in der deutschen Wikipedia, Perl und Stang in der SEP-Literaturliste belegt, keine Verlagsseiten abgerufen; Vorname Stang nach der SEP-Zitierung C. M. Stang. Prüfer: Eriugena und Eckhart sind keine Schüler im engen Sinn, sondern Nachwirkung; die Kante zu Eriugena deshalb von schueler auf auf (ich_wirke_auf) geändert. Dass Dionysius die Negative Theologie begründet habe, trägt keine Quelle; die deutsche Wikipedia spricht von großem Einfluss auf ihre Entwicklung, die SEP davon, dass bei ihm Theologie erstmals ausdrücklich mystisch heißt.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Ps.-Dionysius

  1. [1]Pseudo-Dionysius the Areopagite (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Pseudo-Dionysius Areopagita – Wikipedia (de) · Wikipedia

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