Landkarte der Philosophie

Raimundus Lullus

um 1232–1316 · Palma de Mallorca, Montpellier, Paris

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Mallorquinischer Laie, Dichter und Missionar, der mit einer Kombinationsmethode (Ars) Wahrheit für Christen, Juden und Muslime beweisen will und zum Gegner des lateinischen Averroismus wird.

Lullus steht außerhalb der aristotelischen Hauptlinie der Scholastik und baut auf Augustinus und Dionysius auf. Er bekämpft den Averroismus der Pariser Artisten und prägt über Nikolaus von Kues und Leibniz die spätere Kombinatorik.

Kernidee

Lullus sucht eine Methode, mit der jeder, ob Christ, Jude oder Muslim, durch Vernunftgründe zur Wahrheit kommt. Dazu kombiniert er Grundbegriffe wie Güte, Größe und Weisheit, die er als Eigenschaften Gottes versteht, mithilfe von Figuren. Philosophie, Theologie und Mystik sind für ihn Aspekte desselben Erkennens.

Bekannt für

Man kennt ihn für die Ars magna, eine frühe Methode zum Kombinieren von Grundbegriffen, die später Leibniz aufgriff. Beispiel: Wer alle Paarungen seiner Kernwerte systematisch durchspielt, folgt einem lullischen Gedanken.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Ars: Wahrheit durch Kombination

Die Ars besteht aus Begriffen, Figuren und einem Alphabet, die so kombiniert werden, dass Fragen beantwortet werden können. In der ersten Figur stehen 16 göttliche Würden wie Güte, Weisheit, Größe, Ewigkeit und Wahrheit, die miteinander verbunden werden. Wenn du bei einer Strategiefrage alle Paarungen deiner Kernwerte durchspielst, nutzt du denselben Gedanken, um nichts zu übersehen.

Vernunftdialog zwischen den Religionen

Lullus will eine gemeinsame Grundlage für Christen, Juden und Muslime schaffen. Dafür lernt er selbst Arabisch und regt Sprachschulen für Missionare an, 1276 entsteht auf Mallorca das Kloster Miramar. Wer einen Konflikt zwischen Abteilungen löst, kommt weiter, wenn er zuerst die Sprache der anderen Seite lernt.

Gegen die Trennung von Glaube und Wissen

Lullus wendet sich gegen den Averroismus an der Pariser Artistenfakultät. Er lehnt die These ab, der Verstand könne nur aus den Sinnen schöpfen, und die Lehre von der doppelten Wahrheit, nach der etwas natürlich wahr und im Glauben falsch sein kann. Wenn in einer Firma Zahlen und Werte getrennt verhandelt werden, gilt die Frage, ob beide denselben Sachverhalt meinen.

Begriffe

Ars (Kunst)
göttliche Würden (Dignitäten)
Kombinatorik
Dialog der Religionen
Mission
Averroismus-Kritik

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Thomas Le Myésier: laut SEP sein wichtigster Schüler, ein Freund aus der Pariser Sorbonne

Freunde

  • Jakob II. von Mallorca: von ihm erzogen, förderte das Kloster Miramar
  • Peter von Limoges: Mitglied der Sorbonne, Freund aus Paris

Gegner

  • Averroisten der Pariser Artistenfakultät: er schrieb von 1310 bis 1312 mindestens 14 Werke gegen sie
  • Nicolau Eimeric: Inquisitor, der über hundert Häresien in Llulls Schriften gefunden haben wollte

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Augustinus von HippoDeutung

    Laut SEP gründet Llulls Denken auf Augustinus, Dionysius, Anselm, Hugo von St. Viktor und Bonaventura statt auf der aristotelischen Scholastik.

  • Grundlage für Giordano BrunoDeutung

    Der Lullismus liefert Brunos Gedächtniskunst (SEP Bruno, de.wikipedia).

  • Grundlage für Nikolaus von KuesDeutung

    Cusanus studierte 1428 in Paris Schriften des Lullus und schrieb viele davon ab (Wikipedia de), und die SEP nennt Heymericus als Vermittler.

  • baut auf Pseudo-Dionysius AreopagitaDeutung

    Unter dem Einfluss der negativen Theologie des Dionysius hält Llull Gott für unbegreiflich (SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Ibn Ruschd (Averroes)Deutung

    Ab 1309 kämpft Llull in mindestens 14 Schriften gegen Averroes und den lateinischen Averroismus (SEP).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Lullus finanzierte sein Programm über Könige und Päpste: Jakob II. von Mallorca stiftete Miramar, und Papst Johannes XXI. bestätigte die Gründung 1276. Als Jakob das Kloster 1292 schloss, gehörte das zur persönlichen Krise vor seiner geplanten Tunisreise.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Das Ende der Kreuzzüge um 1290 nutzte er, um in seinem Liber de passagio die Rückeroberung des Heiligen Landes mit seiner Mission und Ars zu verbinden. Später vertrat er laut Wikipedia de eine Mission mit dem Schwert.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Seine Werke standen später auf dem römischen Index, und der Inquisitor Nicolau Eimeric fand über hundert Häresien darin. Josep Perarnau konnte zeigen, dass Eimeric Llull falsch zitiert hatte.[2]

Kritik

Die Pariser Artisten an der Universität waren schwer von der Ars zu überzeugen, und Llull musste sie wiederholt vereinfachen. Inquisitor Eimeric warf ihm über hundert Häresien vor, was später als falsche Zitation widerlegt wurde. Aus heutiger Sicht ist auch seine späte Befürwortung einer Mission mit dem Schwert ein Widerspruch zum Dialog.

Wirkung heute

Die Idee, Begriffe systematisch zu kombinieren, wirkt über Leibniz auf die Logik und die frühe Idee einer logischen Maschine. Sein Versuch eines rationalen Dialogs der Religionen bleibt als Vorbild für interreligiöse Gespräche.

Brücke zu Führung und Coaching

Lullus erinnert dich daran, dass ein Gespräch zwischen Parteien eine gemeinsame Sprache braucht. Frag in einem festgefahrenen Konflikt: Welche Begriffe benutzen wir beide, und wo meinen wir dasselbe mit verschiedenen Wörtern? Eine einfache Kombinationsliste, etwa alle Kundengruppen mit allen Angeboten, hilft, nichts zu übersehen.

Lebensstationen

  1. 1232Geboren auf Mallorca, vielleicht erst 1233, als Sohn einer Barceloneser Bürgerfamilie
  2. 1263Vision des gekreuzigten Christus, danach radikale Abkehr vom höfischen Leben (zwischen 1263 und 1265)
  3. 1276Gründung des Klosters Miramar zur Sprachausbildung von Missionaren, päpstliche Bestätigung am 17. Oktober
  4. 1287Erste längere Pariser Zeit bis 1289, Freundschaft mit Peter von Limoges und Thomas Le Myésier
  5. 1309Rückkehr nach Paris, Approbation seiner Ars 1310, Kampf gegen den Averroismus
  6. 1316Tod im Alter von rund 84 Jahren, nach März 1316 (SEP: auf Mallorca; Wikipedia de: auf der Rückfahrt von Tunis)

Werke

Ars compendiosa inveniendi veritatem (um 1274); Libre de contemplació en Déu; Libre d’amic e amat; Ars inventiva veritatis (1290); Ars generalis ultima; Ars brevis; Liber de passagio (um 1290); Vita coaetanea (1311, von einem Freund aufgezeichnet)

Anekdote überliefert

Der Überlieferung nach soll Llull in Bougie in Algerien von aufgebrachten Muslimen gesteinigt worden und auf der Rückfahrt nach Mallorca an den Folgen gestorben sein. Belege dafür fehlen.[2]

Lesetipps

Einstieg
Raimundus Lullus: Das Buch vom Freunde und vom Geliebten (Libre de Amic e Amat), übersetzt und herausgegeben von Erika Lorenz, Herder, Freiburg 1992, ein kurzes, poetisches Werk mit Sprüchen zur Gottesliebe.
Vertiefung
Ermenegildo Bidese, Alexander Fidora, Paul Renner (Hrsg.): Ramon Llull und Nikolaus von Kues. Eine Begegnung im Zeichen der Toleranz (2005)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr 1232, möglicherweise 1233 (SEP); Wikipedia de um 1232. Todesort und -umstände: SEP nach März 1316 auf Mallorca im Alter von 84, Wikipedia de Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca; die Steinigung in Bougie ist ohne Beleg. Lehrer: laut SEP keine formale Ausbildung, Feld leer. Kein Zitat. Angaben zu Peter von Limoges und Thomas Le Myésier nach SEP. Die Lebenseinträge zur Vision 1263 folgen der Vita coaetanea, laut SEP ohne Zeugnisse bestätigt. Der Eintrag „Jakob II. von Mallorca: von ihm erzogen“ folgt Wikipedia de; die SEP hält die Angabe der Vita coaetanea, Llull sei Seneschall am Hof Jakobs II. gewesen, nach neuerer Forschung für zweifelhaft, da die Familie nie Adelsstatus hatte. Rolle „Laie“ folgt SEP-Aussage, Lullus sei ein lay thinker; Wikipedia de nennt ihn Terziar des Franziskanerordens um 1295, die SEP verweist darauf, dass ein Ordenseintritt historisch nicht belegt ist.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lullus

  1. [1]SEP, Ramon Llull, Abschnitt 1.2 und 1.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia de, Raimundus Lullus · Wikipedia

Zurück zur Landkarte · Suche