Landkarte der Philosophie

Johannes Scotus Eriugena

um 800–um 877 · Irland, Hof Karls des Kahlen (Westfrankenreich)

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Irischer Gelehrter am Hof des westfränkischen Königs Karl des Kahlen, der die Schriften des Pseudo-Dionysius (eines spätantiken Theologen, den man im Mittelalter für einen Schüler des Apostels Paulus hielt) ins Lateinische übersetzte und mit dem Periphyseon die erste große Gesamtschau von Gott, Welt und Rückkehr im lateinischen Westen schrieb.

Er bringt das Denken von Pseudo-Dionysius und der griechischen Kirchenväter (der frühen christlichen Theologen des griechischen Ostens) in den lateinischen Westen und wird dort später zum Streitfall der Kirche. Er ist ein Vorläufer der Mystik von Meister Eckhart und von Nikolaus von Kues.

Kernidee

Alles, was ist, geht von Gott aus und kehrt zu Gott zurück, und die ganze Wirklichkeit einschließlich Gottes nennt Eriugena Natur. Er teilt sie in vier Bereiche: das, was schafft und nicht geschaffen ist (Gott), was schafft und geschaffen ist (die ersten Ursachen), was geschaffen ist und nicht schafft (die Dinge in der Zeit) und was weder schafft noch geschaffen ist (das Nichts). Wahre Philosophie und wahre Religion gehören für ihn zusammen, und die Vernunft ist der Weg zur Wahrheit.

Bekannt für

Man kennt Eriugena als Übersetzer des Pseudo-Dionysius und für das Periphyseon, in dem Gott und Schöpfung als eine einzige große Bewegung von Ausgang und Rückkehr gedacht werden. Ein Zeitgenosse wunderte sich, dass dieser Mann aus einem abgelegenen Land Griechisch konnte, so wie heute jemand staunt, wenn ein Kollege aus der Provinz ein seltenes Fachgebiet beherrscht.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die vier Einteilungen der Natur

Natur heißt bei Eriugena alles, was ist und was nicht ist, also Gott und Schöpfung zusammen. Er unterscheidet vier Weisen: was schafft und nicht geschaffen ist, was schafft und geschaffen ist, was geschaffen ist und nicht schafft, und was weder das eine noch das andere ist; die erste und die vierte meinen laut SEP beide Gott als Anfang und Ziel. So gehören bei einem Projekt die Idee am Anfang und das fertige Ergebnis zusammen, auch wenn dazwischen viel Arbeit liegt.

Vernunft und Glaube gehören zusammen

In der Schrift über die Vorherbestimmung behauptet Eriugena, wahre Philosophie sei wahre Religion und umgekehrt. Die Philosophie hat für ihn vier Teile: Einteilen, Begriffe bestimmen, Beweisen und Auflösen. Wer in einem Konflikt so vorgeht, klärt erst, was gemeint ist, prüft dann die Gründe und löst zuletzt auf, statt sich auf Autorität oder Rang zu berufen.

Gott will nicht die Verdammnis

Gegen den Mönch Gottschalk, der eine doppelte Vorherbestimmung zu Himmel und Hölle lehrte, argumentiert Eriugena, dass Gott gut ist und Sünde, Tod und Unglück nicht von Gott kommen. Gott ist außerhalb der Zeit und kann deshalb nicht im Voraus bestimmen. Menschen sind frei geschaffen, und diese Freiheit bleibt auch nach der Sünde, vergleichbar damit, dass du Verantwortung nur übergeben kannst, wenn du dem anderen auch die Freiheit lässt, falsch zu entscheiden.

Begriffe

Periphyseon
: Eriugenas Hauptwerk „Über Naturen“, ein Lehrer-Schüler-Dialog über Gott, Schöpfung und die Rückkehr aller Dinge zu ihrem Ursprung
vier Einteilungen der Natur
: Natur als schaffend und unerschaffen, schaffend und erschaffen, erschaffen und nicht schaffend, weder schaffend noch erschaffen: vom Ursprung bis zum Ziel
Rückkehr zu Gott
: dem Hervorgang der Welt aus Gott entspricht eine Rückkehr aller Dinge zu ihrem Ursprung, in der vernunftbegabte Wesen ihre Natur vollenden
Dialektik
: die Kunst des Unterscheidens und Beweisens, die Eriugena als Mutter der Künste ansieht und als Beweismittel in der Theologie einsetzt
Theophanie
: Gott zeigt sich in den Dingen selbst: Jedes Ding verweist auf Vollkommenheiten, deren Ursache Gott ist und die der Mensch in sich verwirklichen soll
Freiheit des Willens
: der Mensch entscheidet frei über sein Schicksal; die Hölle deutet Eriugena als selbst verursachte Qual, nicht als Strafe nach göttlicher Vorherbestimmung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Prudentius von Troyes: gehörte laut deutscher Wikipedia vor 843/844 zu seinen Schülern, wurde später sein Gegner im Streit um die Vorherbestimmung

Freunde

  • Martin von Laon: arbeitete laut deutscher Wikipedia in Laon eng mit ihm zusammen
  • Karl der Kahle: König und Förderer, der ihn gegen Angriffe deckte

Gegner

  • Gottschalk von Orbais: Streit um die doppelte Vorherbestimmung
  • Prudentius von Troyes: warf ihm unklares Denken und zu viel Dialektik vor, früher selbst sein Schüler

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Augustinus von HippoDeutung

    Laut SEP verbindet das Periphyseon unter anderem Augustins Trinitätstheologie, und die Einteilung der Natur hat Vorbilder in Augustins De civitate Dei.

  • Grundlage für Meister EckhartDeutung

    Laut SEP waren Meister Eckhart und Nikolaus von Kues Eriugena gegenüber wohlwollend und kannten das Periphyseon.

  • Grundlage für Nikolaus von KuesDeutung

    Laut SEP besaß Cusanus eine Abschrift des Periphyseon.

  • baut auf Pseudo-Dionysius AreopagitaDeutung

    Er übersetzte das Corpus Dionysiacum 862 und kommentierte die Himmlische Hierarchie, und laut SEP ist dessen Einfluss auf sein Denken tief.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Eriugena lebte am Hof Karls des Kahlen und schrieb auf Bitte der Bischöfe Hinkmar von Reims und Pardulus von Laon gegen Gottschalk. Der König schützte ihn trotz der Verurteilungen, vermutlich aus politischen Gründen.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Das Prädestinationsgutachten (sein Gutachten über die Vorherbestimmung) wurde 855 in Valence und 859 in Langres verurteilt, unter anderem wegen zu viel Dialektik. Das Periphyseon ließ Papst Honorius III. 1225 zur Verbrennung freigeben, es stand später auf dem Index (der Liste verbotener Bücher der katholischen Kirche).[3]

  • Biografie belegt

    Über Herkunft, Geburt und Tod ist fast nichts gesichert. Ob er Mönch oder Kleriker war, lässt sich nicht bestätigen, was die Einordnung seines Denkens in kirchliche Bindungen erschwert.[1]

Kritik

Zeitgenossen wie Prudentius von Troyes und Florus warfen ihm vor, Glaubensfragen mit Logik statt mit Bibel und Kirchenvätern zu entscheiden. Im 13. Jahrhundert wurde das Periphyseon wegen des Verdachts auf Pantheismus verurteilt, also darauf, Gott und Welt gleichzusetzen. Die deutsche Wikipedia verweist darauf, dass er selbst Stellen hat, die sich gegen eine solche Deutung wenden.

Wirkung heute

Der Gedanke, dass Vernunft und Glaube einander nicht widersprechen, sondern gemeinsam suchen, ist Grundmuster der späteren Scholastik. Die Frage, ob Gott in der Welt oder über ihr ist, wird bis heute in Panentheismus-Debatten (Panentheismus: Die Welt ist von Gott umfasst, aber Gott reicht über sie hinaus) gestellt.

Brücke zu Führung und Coaching

Eriugenas Vierteilung lässt sich als Reflexionsübung nutzen: Was schaffst du selbst, was entsteht durch andere, und was bleibt ungeschaffen, weil es noch nicht begonnen wurde? Frage in einer Teamklausur, welche Ergebnisse tatsächlich aus der Idee hervorgegangen sind und welche Ideen nie in Taten umgesetzt wurden. So wird sichtbar, wo Energie versandet.

Zitate

„Denn Gott hat im Menschen keinen gefangenen Willen geschaffen, sondern einen freien, und diese Freiheit blieb nach der Sünde.“

De divina praedestinatione 4,6; nach der englischen Wiedergabe in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 800Geburt in Irland, vermutet um 800 oder etwas früher
  2. 851Am Hof Karls des Kahlen bezeugt, Gutachten gegen Gottschalk zur Vorherbestimmung
  3. 855Synode (Kirchenversammlung) von Valence verurteilt das Gutachten (Langres 859)
  4. 862Vollendet die lateinische Übersetzung der Werke des Pseudo-Dionysius
  5. 867Periphyseon abgeschlossen (nach SEP in dieser Zeit fertig)
  6. 877Wahrscheinliches Todesjahr (SEP: um 877, die deutsche Wikipedia nennt Zeit und Umstände unbekannt)

Werke

De divina praedestinatione (um 851)

Kommentar zu Martianus Capella (um 840–850)

Übersetzung der Werke des Pseudo-Dionysius (um 862)

Übersetzungen von Maximus Confessor und Gregor von Nyssa, Periphyseon (begonnen Anfang der 860er, abgeschlossen um 867)

Kommentar zum Johannesevangelium und Homilie zum Johannesprolog

Anekdote überliefert

Eine Legende aus dem 12. Jahrhundert erzählt, Eriugena sei von seinen Schülern mit ihren Schreibgriffeln erstochen worden. Die deutsche Wikipedia hält eine Auswanderung nach England und Ermordung dort für nicht glaubwürdig.[1]

Lesetipps

Einstieg
Johannes Scotus Eriugena: Über die Einteilung der Natur, übers. von Ludwig Noack, Meiner, Hamburg 1994 (Nachdruck der Ausgabe von 1870): das Hauptwerk. Neuere Übersetzung: Periphyseon, übers. von Hans Günter Zekl, Königshausen & Neumann, Würzburg 2016.
Vertiefung
Werner Beierwaltes: Eriugena. Grundzüge seines Denkens (Klostermann, Frankfurt 1994).

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten nur vermutet: Die SEP nennt Geburt um 800 oder etwas früher (um 790) und Tod wahrscheinlich um 877; die deutsche Wikipedia sagt, Zeitpunkt und Umstände des Todes seien unbekannt. Das Zitat aus De divina praedestinatione 4,6 ist aus der englischen SEP-Fassung eigenhändig übertragen, keine deutsche Ausgabe geprüft. Die Aussage zu Augustinus beruht auf der SEP-Passage zu den Quellen des Periphyseon (Trinitätstheologie, Vorbild der Einteilung in De civitate Dei V,9). Lesetipps Noack (Meiner 1994), Zekl (Königshausen & Neumann 2016) und Beierwaltes (Klostermann 1994) sind mit ISBN in der Literaturliste der deutschen Wikipedia belegt, keine Verlagsseiten abgerufen. Kante zu Nikolaus von Kues: SEP (Cusanus besaß eine Abschrift des Periphyseon) und deutsche Wikipedia (Randbemerkungen in seinem Exemplar) bestätigen sie unabhängig voneinander. Die Legende vom Tod durch Schreibgriffel geht laut deutscher Wikipedia auf Wilhelm von Malmesbury (12. Jahrhundert) zurück. Lehrer: in den Quellen nichts Sicheres, daher leer; als Schüler nennt die deutsche Wikipedia Prudentius von Troyes.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Eriugena

  1. [1]John Scottus Eriugena (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Johannes Scotus Eriugena · Wikipedia
  3. [3]Johannes Scottus Eriugena – Wikipedia (de) · Wikipedia
  4. [4]Wikipedia (de): Panentheismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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