Landkarte der Philosophie

Roger Bacon

um 1220–um 1292 · Oxford, Paris

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Englischer Franziskaner (Mitglied des Ordens der Minderbrüder) und Pariser Artistenmagister, der Mathematik, Sprachen und die Erfahrung (scientia experimentalis) als Grundlage des Wissens fordert und dafür Schriften der griechischen, arabischen und lateinischen Welt zusammenführt.

Er ist Zeitgenosse von Albertus Magnus in Paris und stützt sich stark auf islamische Autoren wie Al-Kindi und Avicenna. Mit der Franziskanerleitung unter Bonaventura, der Veröffentlichungen vorab genehmigen lassen wollte, gerät er in Konflikt um das Veröffentlichen seiner Schriften.

Kernidee

Bacon hält blinde Gefolgschaft gegenüber Autoritäten für den Feind des Wissens und verlangt, Behauptungen durch Vernunft und Erfahrung zu prüfen. Er nennt vier Quellen des Irrtums: unwürdige Autorität, lange Gewohnheit, die Meinung der Menge und das Verbergen eigener Unwissenheit hinter großen Worten. Mathematik und Optik, aufbauend auf griechischen und arabischen Schriften, sieht er als Schlüssel zur Naturerkenntnis.

Bekannt für

Bacon gilt als frühes Beispiel für den Geist der experimentellen Wissenschaft im Mittelalter, auch wenn seine eigene Experimentierpraxis nach Britannica möglicherweise überschätzt wird. In seinem Opus maius behandelt er unter anderem Mathematik, Optik, Alchemie, die Herstellung von Schwarzpulver und die Gesetze von Spiegelung und Lichtbrechung.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Vier Ursachen des Irrtums

Im ersten Teil des Opus maius nennt Bacon laut SEP vier Ursachen des Irrtums: unwürdige Autorität, lange Gewohnheit, unkritische Volksmeinung und das Verbergen von Unwissenheit hinter rhetorischer Weisheit. Er wendet sie in der Auseinandersetzung unter Pariser Kanonisten und Theologen über Aristoteles und die neuen arabischen Wissenschaften an. In einer Firma erkennst du diese vier wieder: Weil der Chef es sagt, weil wir es immer so machen, weil alle es denken, und weil niemand zugeben will, dass er es nicht versteht.

Erfahrungswissenschaft

Bacon unterscheidet laut SEP Erfahrung (experientia), die genaue Kenntnis einzelner Dinge, von dem methodisch geführten Experiment (experimentum). Er verbindet Erfahrung eng mit der Vernunft und stützt sich dabei auf Ptolemäus, Avicenna und die Optik von Al-Kindi und Ibn al-Haytham. Für den Alltag heißt das: Eine Maßnahme im Team gilt erst als gut, wenn du sie ausprobiert und das Ergebnis geprüft hast.

Mathematik, Optik und Sprachen

Nach SEP beschäftigte er sich ab etwa 1248 intensiv mit Sprachen und mit griechischen und arabischen Quellen zur Optik. Für ihn sind Sprachkenntnis (er forderte, Aristoteles und die Bibel in den Originalsprachen zu lesen, also Griechisch und Hebräisch zu lernen) und Mathematik Voraussetzungen, um die Quellen und die Natur zu verstehen. Wer Kunden in anderen Märkten verstehen will, braucht ebenso ihre Sprache und eine saubere Zahlengrundlage.

Begriffe

Scientia experimentalis (Erfahrungswissenschaft)
: Bacons Forderung, Aussagen über die Natur durch eigene Erfahrung und gezielte Versuche zu prüfen, nicht nur durch logische Argumente
vier Ursachen des Irrtums
: vier Hindernisse für wahre Erkenntnis: Autoritätsglaube, Gewohnheit, Meinung der Menge und das Verbergen von Unwissenheit hinter großen Worten
Mathematik und Optik
: für Bacon der Schlüssel zur Natur, weil Mathematik zu sicherer Gewissheit führt und die Optik Spiegelung, Brechung und Regenbogen erklärt
Sprachstudium
: die Forderung, Aristoteles und die Bibel im Original zu lesen, also Griechisch und Hebräisch zu lernen, dazu Arabisch wegen des arabischen Wissens
Doctor mirabilis
: Beiname Bacons, lateinisch für „bewundernswerter Lehrer“, den ihm seine Zeitgenossen gaben

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Freunde

  • Adam Marsh: in Oxford um 1248 bis 1251 persönlich bekannt (SEP), de.wikipedia spricht von Freundschaft zwischen 1247 und 1251; Robert Grosseteste: Einfluss über seine Schriften und über Adam Marsh (SEP, Britannica), eine persönliche Bekanntschaft nennen SEP und Britannica nicht

Gegner

  • Pariser Theologen und Gelehrte: Kritik an ihrer Autoritätsgläubigkeit
  • Bonaventura: Konflikt um die Weisung, Schriften nur mit Zustimmung der Oberen zu veröffentlichen

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Abu Yusuf Yaqub ibn Ishaq al-KindiDeutung

    Seine Quellen für Optik und Astrologie sind laut SEP überwiegend islamisch; das Al-Kindi zugeschriebene De radiis liegt seiner Lehre von den species zugrunde, dazu kommen Alhacens De aspectibus und Ptolemäus.

  • baut auf AristotelesDeutung

    Bacon lehrte Aristoteles in Paris und nutzt dessen Texte, folgt aber laut SEP methodisch auch Ptolemäus (SEP, Britannica).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von BonaventuraDeutung

    Bacon geriet in Konflikt mit der Weisung des Bonaventura, Schriften nur mit Zustimmung der Oberen zu veröffentlichen (Wikipedia de).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Albertus MagnusDeutung

    SEP nennt ihn einen Zeitgenossen von Albertus Magnus an der Universität Paris in den 1240er Jahren.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Als Franziskaner geriet Bacon unter Aufsicht seiner Oberen und verlor seine Lehrerlaubnis, weil er gegen die Weisung des Bonaventura verstieß, vor Veröffentlichungen die Zustimmung einzuholen. Er schrieb das Opus maius für Papst Clemens IV. am Verbot vorbei.[3]

  • Zeitgeschehen belegt

    Zwischen 1277 und 1279 wurde Bacon laut Britannica von seinen Mitbrüdern wegen verdächtiger Neuerungen in seiner Lehre zu Haft verurteilt. Die Dauer der Haft ist unbekannt. Die SEP merkt an, dass die Forschung diese Verurteilung um 1278 lange überbetont hat.[2]

  • Geld Deutung

    Weil auch seine Familie ihn nicht mehr finanziell unterstützen konnte, suchte er einen Gönner und fand ihn in Kardinal Guy le Gros de Foulques, dem späteren Papst Clemens IV. Als dieser 1268 starb, blieb der erhoffte Erfolg aus. Seine Texte sind daher auch als Bewerbung um Förderung zu lesen.[3]

Kritik

Britannica schreibt, die Verurteilung gehe vermutlich auf seine bitteren Angriffe auf Theologen und Gelehrte, seine große Gläubigkeit gegenüber Alchemie und Astrologie und seine Neigung zum Weltende-Denken nach Joachim von Fiore (einem Abt aus Kalabrien, der ein kommendes Zeitalter des Heiligen Geistes vorhersagte) zurück. Zudem könnte seine tatsächliche Experimentierpraxis überschätzt sein. Auch die Datierung seiner Werke bleibt laut SEP bis zu einer kritischen Gesamtausgabe offen.

Wirkung heute

Sein Appell, Autoritäten nicht blind zu folgen und Behauptungen an Erfahrung zu prüfen, ist in der Wissenschaft bis heute ein Grundsatz. Seine vier Irrtumsquellen sind ein praktisches Prüfraster für Entscheidungen im Alltag.

Brücke zu Führung und Coaching

Nutze Bacons vier Irrtumsquellen als Checkliste vor einer wichtigen Entscheidung im Team. Frage dich: Folge ich hier nur der Autorität einer Person, einer Gewohnheit oder der Meinung der Mehrheit, oder überspiele ich selbst eine Wissenslücke mit großen Worten? Probiere zuerst im Kleinen aus, bevor du eine Regel für alle einführst.

Lebensstationen

  1. 1220Geburt um 1220 (SEP: 1214 oder 1220), vermutlich in Ilchester, Somerset
  2. 1242Magister artium in Paris, hält Vorlesungen über Aristoteles (um 1242 bis 1245/47)
  3. 1247Rückkehr nach Oxford um 1246/47, Freundschaft mit Grosseteste (Bischof von Lincoln) und Adam Marsh, Beschäftigung mit Sprachen und Optik
  4. 1257Eintritt in den Franziskanerorden (SEP: 1256/57), danach Aufsicht und Lehrverbot
  5. 1266Auftrag von Papst Clemens IV. (Brief 1266, laut SEP im Juli 1266 erhalten), Abfassung von Opus maius, minus und tertium
  6. 1292Tod um 1292 vermutlich in Oxford; zuvor Haft zwischen 1277 und 1279 (Britannica)

Werke

Opus maius, Opus minus, Opus tertium (1266 bis 1267, für Papst Clemens IV.)

Communia naturalium, Communia mathematica, Compendium philosophiae (in den Jahren danach)

De multiplicatione specierum (Optik)

De erroribus medicorum (Jahre in den abgerufenen Quellen nicht genannt)

Anekdote belegt

Bacon rühmte im Opus tertium einen Magister Petrus Peregrinus (de Maricourt) als den einzigen wirklich guten Experimentator in Paris. Peregrinus schrieb die Schrift De magnete über den Magnetismus.[1]

Lesetipps

Einstieg
Roger Bacon: Die Neubegründung der Wissenschaft. Brief an Papst Clemens IV.; Opus maius, Teil I, II und VI, übers. von Nikolaus Egel, Meiner, Hamburg 2017, weil hier die Irrtumsquellen und die Erfahrungswissenschaft auf Deutsch zu lesen sind.
Vertiefung
Günther Mensching: Roger Bacon, Aschendorff, Münster 2009 (Einführung, laut de.wikipedia mit ISBN).

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten: Geburt SEP 1214 oder 1220, Britannica und de.wikipedia um 1220; Tod SEP und Britannica um 1292, de.wikipedia um 1294. Gewählt 1220 und 1292. Eintritt Franziskaner: SEP 1256/57, de.wikipedia 1257. Rückkehr nach Oxford 1246/47 und Meistertitel in Paris 1242 sind SEP und de.wikipedia zusammengezogen. Geburtsort Ilchester (Britannica mit Fragezeichen). Das genaue Datum des Papstbriefs (22. Juni 1266) steht in keiner abgerufenen Quelle und wurde entfernt. Grosseteste war nach SEP und Britannica Einfluss, nicht Lehrer; deshalb kein Eintrag unter Lehrer. Zitat bewusst weggelassen (Stelle nicht geprüft). Der Weg zur Haft laut Britannica 'wahrscheinlich' wegen der genannten Gründe. Die Fassung 'Quellen als Bewerbung um Förderung' ist eine Deutung. Kante zu Bonaventura beruht auf de.wikipedia (Weisung des Bonaventura), nicht auf direktem Streit der beiden; SEP nennt Bonaventura sogar einen der ersten Leser des Opus maius. Lesetipp-Ausgabe über die Bacon-Research-Society-Liste und de.wikipedia bestätigt.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Roger Bacon

  1. [1]SEP, Roger Bacon · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Britannica, Roger Bacon · Britannica
  3. [3]Wikipedia de, Roger Bacon · Wikipedia
  4. [4]rogerbaconresearchsociety.com/works · Webseite
  5. [5]Wikipedia (de): Franziskaner · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Wikipedia (de): Joachim von Fiore · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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