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Landkarte der Philosophie

Alfred Schütz

Philosoph und Soziologe · 1899–1959 · Wien, Paris, New York

Kernidee in Kürze

Schütz fragt, wie Menschen im Alltag der gemeinsamen Welt einen Sinn geben und sich gegenseitig verstehen. Er ergänzt Max Webers Soziologie des Handelns um eine Theorie des Sinns, die er von der Phänomenologie Husserls ausgehend entwickelt.

Kapitel
Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
Richtung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wie verstehen sich Menschen im Alltag, wenn jeder die Welt aus seinem eigenen Blickwinkel erlebt?

Position
Für Schütz ist der Alltag die oberste Wirklichkeit. Menschen deuten ihr Handeln und das der anderen mit gemeinsamen Typen und Entwürfen, und die Sozialwissenschaft muss an diesen Deutungen ansetzen.
Einwand
Schütz selbst wandte gegen Husserl ein, die Beziehung zu anderen lasse sich nicht aus dem reinen Bewusstsein aufbauen. Später wurde gefragt, ob seine Lehre Macht und gesellschaftliche Strukturen ausreichend erfasst.
Verbindung
Schütz baut auf Husserl und Max Weber auf und beschäftigt sich auch mit William James, Max Scheler und Sartre. Aus seiner Tradition gingen Ethnomethodologie und Wissenssoziologie hervor.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Schütz war

Österreichisch-amerikanischer Sozialphilosoph und Soziologe, der die verstehende Soziologie Max Webers mit der Phänomenologie Edmund Husserls begründete und hauptberuflich in leitender Stellung bei Banken arbeitete.

Schütz wuchs im letzten Abschnitt der Habsburgermonarchie in Wien auf und verkehrte im Kreis um Ludwig von Mises, einem der vielen Wiener Gesprächskreise. Weil die Nationalsozialisten Österreich 1938 besetzten, musste er über Paris in die Vereinigten Staaten auswandern, wo er an der New School for Social Research in New York lehrte. Sein Denken bildet eine Brücke zwischen der Phänomenologie, der Soziologie und der Wirtschaftstheorie.

Kernidee genauer

Eine Handlung ist für ihn ein Ablauf, den jemand entwirft und dessen Ergebnis er sich im Voraus als schon erledigt vorstellt. Zum Alltag gehört außerdem, dass wir zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbereichen wechseln, zum Beispiel zwischen Arbeit, Traum, Theater und Religion. Für das Verständnis anderer Menschen ist die Lebenswelt des Alltags der Ausgangspunkt, nicht eine rein gedankliche Betrachtung.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Schütz war von Webers Schriften begeistert, bemerkte aber, dass sie auf unausgesprochenen Annahmen beruhten, weil Weber sich nicht für grundsätzliche Fragen der Erkenntnis interessierte. Das trieb ihn zuerst zu Bergson, dann zu Husserl.[1][2]

Fundstelle: Abschnitt 1 Abschnitt 1

Bekannt für

Schütz kennt man für die Verbindung von Phänomenologie und Soziologie und für den Begriff der Lebenswelt, also der Alltagswelt, die wir als selbstverständlich nehmen. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin planst, stellst Du Dir vorher vor, wie es ausgegangen sein soll. Dieses Vorausdenken des fertigen Ergebnisses ist für Schütz der Kern des Handelns.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Sinn und Handeln

Schütz lobt an Max Weber die Idealtypen und den Verzicht auf Wertungen in der Wissenschaft, ergänzt ihn aber um eine eigene Theorie des Sinns. Er weist darauf hin, dass schon die Auswahl eines Erlebnisses aus dem Erlebnisstrom eine Deutung ist, und dass der Sinn einer Handlung vom Entwurf abhängt, der den ganzen Ablauf leitet.

Um-zu-Motiv und Weil-Motiv

Wer handelt, stellt sich das Ergebnis im Voraus als schon verwirklicht vor. Daraus ergibt sich das Um-zu-Motiv der Handlung. Die Weil-Motive sind die Umstände aus der Vergangenheit, die den Entschluss beeinflusst haben, und man findet sie erst im Rückblick.

Mehrere Wirklichkeiten

In dem Aufsatz „On Multiple Realities“ von 1945 beschreibt Schütz die Welt des Arbeitens als die oberste Wirklichkeit. Daneben gibt es endliche Sinnprovinzen wie Traum, Theater, religiöse Erfahrung oder wissenschaftliche Betrachtung. Man tritt in sie durch eine Art Einklammerung (Epoché) ein, die der phänomenologischen ähnelt.

Intersubjektivität im Alltag

Schütz kritisiert Husserls Begründung, wie uns eine andere Person im Bewusstsein erscheint. Mit Max Scheler stimmt er darin überein, dass das „Wir“ vor dem „Ich“ gegeben ist.

Relevanzen

In seinem späten Entwurf einer Phänomenologie der natürlichen Einstellung unterscheidet Schütz Relevanzen, also das, was für jemanden wichtig ist: themenbezogene, deutende und motivationale. Welche Dinge im Handeln zählen, entsteht im Zusammenspiel von Person und Welt.

Begriffe

Lebenswelt
Sinn und Handeln
Um-zu-Motiv und Weil-Motiv
endliche Sinnprovinzen
Intersubjektivität
Relevanz

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Talcott ParsonsPrüfstand: belegt

    Schütz und Talcott Parsons tauschten Briefe über die Theorie des Handelns aus, zentral ging es um den Blickwinkel der Handelnden. Eine Verständigung kam nach einer Darstellung nicht zustande.

Übernimmt Gedanken von

Schütz übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Edmund HusserlPrüfstand: belegt

    Schütz stützt seine Theorie von Sinn und Handeln auf Husserls Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins. Später kritisiert er Husserls Erklärung, wie uns eine andere Person im Bewusstsein erscheint.

  • Henri BergsonPrüfstand: belegt

    Alfred Schütz schrieb von 1925 bis 1927 Manuskripte über Bergson. Er stimmte ihm etwa in der Aufmerksamkeit auf das Leben, den Bewusstseinsebenen und der Musik als Vorbild der Dauer zu, lehnte aber seine Evolutionslehre, den Vitalismus und den überpersönlichen Lebensschwung ab.

  • Max WeberPrüfstand: belegt

    Schütz will Webers verstehende Soziologie, also die Deutung des Sinns, den Menschen mit ihrem Handeln verbinden, philosophisch begründen. Er hebt dabei hervor, dass Webers Werk auf unausgesprochenen Voraussetzungen beruht.

Untersucht

Schütz untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht Max SchelerPrüfstand: belegt

    Schütz setzt sich mit Schelers Behandlung der Intersubjektivität auseinander und stimmt zu, dass das „Wir“ vor dem „Ich“ gegeben ist, begründet das aber anders.

  • untersucht William JamesPrüfstand: belegt

    Schütz widmete William James den ersten Aufsatz in voller Länge nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten und stellt dort Gemeinsamkeiten mit Husserl heraus, etwa den Bewusstseinsstrom und die Randzonen der Erfahrung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Schütz wurde 1899 in Wien als einziges Kind einer jüdischen Familie des gehobenen Bürgertums geboren. Nach dem Dienst im Ersten Weltkrieg promovierte er in drei Jahren bei Hans Kelsen in Rechtsphilosophie und studierte außerdem Wirtschaftslehre.[1]

  • Biografie belegt

    Schütz arbeitete ab 1927 in einer Wiener Bank und blieb bis zu seinem Lebensende im Bankgeschäft tätig. Husserl nannte ihn deshalb „einen Bankier bei Tag und einen Philosophen bei Nacht“.[2]

  • Werk belegt

    Seine Auseinandersetzung mit Max Weber führte zunächst zu Bergsons Philosophie der Dauer, und dann auf Anregung von Felix Kaufmann zu Husserls Phänomenologie. 1932 erschien „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“, für das Husserl ihn als ernsthaften und tiefen Phänomenologen lobte. Husserl lud ihn nach Freiburg ein und bat ihn, sein Assistent zu werden.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland am 13. März 1938 wurde Schütz auf einer Geschäftsreise in Paris von seiner Familie getrennt, arrangierte deren Auswanderung nach Paris und wanderte am 14. Juli 1939 mit ihr in die Vereinigten Staaten aus. Ab 1943 lehrte er an der New School for Social Research, von 1952 bis 1956 leitete er deren Philosophie-Abteilung.[1]

  • Biografie belegt

    Schütz starb 1959. Seine Witwe und zwei seiner Schüler gaben nach seinem Tod rasch die von ihm geplanten Bände der „Collected Papers“ heraus. Aus Entwürfen, die er hinterließ, machte Thomas Luckmann das gemeinsame Werk „Strukturen der Lebenswelt“.[2]

Kritik

Schütz selbst kritisiert Webers Soziologie, weil sie auf unausgesprochenen Voraussetzungen beruhe, und Husserls Begründung der Intersubjektivität, weil sie eine Distanz verlange, die der Alltag nicht zulasse. Seine eigenen frühen Bergson-Manuskripte veröffentlichte er nicht, weil ihn die Analyse der Zeit nicht befriedigte. Ein Gespräch über Wissenschaftstheorie mit Talcott Parsons suchte er vergeblich. Jürgen Habermas warf ihm vor, seine Beschreibung der Lebenswelt sei kulturalistisch verkürzt und übergehe institutionelle Ordnungen und Persönlichkeitsstrukturen; nach einer Darstellung scheint Schütz sein Werk selbst so einzugrenzen. Daniela Griselda López und Jochen Dreher vertreten, dass Schütz’ Theorie die Ausübung von Macht in Institutionen angemessen erklären kann, und zwar über das Zusammenspiel von gesellschaftlichen Strukturen und persönlicher Deutung und über Relevanzen, die Menschen aufgezwungen werden.

Wirkung heute

Auf Schütz bauen Peter Berger und Thomas Luckmann mit „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ auf. Harold Garfinkel begründete, gestützt auf sein Denken, die Ethnomethodologie, und George Psathas spielte eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der Konversationsanalyse. Archive mit seinem Nachlass gibt es an der Yale University, an der Universität Konstanz und an der Waseda-Universität in Tokio.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du in einem Gespräch erlebst, dass zwei Menschen dasselbe Wort verschieden verstehen, hilft Schütz‘ Blick, zuerst nach dem Entwurf der Person zu fragen: Was will sie damit erreicht haben? Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Schütz über Führung.

Lebensstationen

  1. 1899Geburt in Wien
  2. 1927Leitende Stelle in der Wiener Bank Reitler und Compagnie
  3. 1932„Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ erscheint
  4. 1938Anschluss Österreichs; Schütz wird auf einer Geschäftsreise in Paris von seiner Familie getrennt
  5. 1939Auswanderung in die Vereinigten Staaten (14. Juli)
  6. 1943Beginn der Lehre an der New School for Social Research
  7. 1945Aufsatz „On Multiple Realities“
  8. 1959Tod in New York

Werke

Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932); Collected Papers I bis III (1962 bis 1966, nach seinem Tod herausgegeben); Strukturen der Lebenswelt (mit Thomas Luckmann, 1975 und 1984); Theorie der Lebensformen (Manuskripte von 1925 bis 1927, 1981)

Anekdote belegt

Husserl nannte Schütz „einen Bankier bei Tag und einen Philosophen bei Nacht“, weil dieser seinen Beruf in der Bank neben der Philosophie nie aufgab.[1]

Lesetipps

Einstieg
Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (Suhrkamp, 1974)
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Alfred Schutz“; Internet Encyclopedia of Philosophy, „Alfred Schutz“

Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Schütz

  1. [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Schutz, Abschnitt 1; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Schutz, Abschnitt 1
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Schutz, Abschnitt 1; Internet Encyclopedia of Philosophy, Schutz, Abschnitt 1
  3. [3]Alfred Schütz · Wikipedia

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