Henry Sidgwick
1838–1900 · Cambridge
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Englischer Moralphilosoph, der den klassischen Utilitarismus von Bentham und Mill zusammenfasst, begründet und seine Schwachstellen offenlegt, und damit die Fragen stellt, an denen sich Hare, Parfit und Singer abarbeiten.
Er sammelt, was Bentham, James Mill und John Stuart Mill erarbeitet haben, und prüft es strenger als je zuvor. Spätere Konsequentialisten von Hare und Parfit bis Singer greifen seine Fragen auf, und Bernard Williams kritisiert an ihm eine koloniale Überheblichkeit des Utilitarismus.
Kernidee
Sidgwick vergleicht die drei Wege, wie Menschen ihr Handeln begründen: den Vorteil für sich selbst, die Befolgung sittlicher Regeln und den Nutzen für alle. Er hält den Nutzen für alle für die tiefste Begründung, weil das Wohl eines Menschen aus der Sicht des Universums nicht mehr zählt als das jedes anderen. Er gibt aber offen zu, dass das Eigeninteresse eine gleich vernünftig klingende Gegenstimme bleibt und er diesen Widerspruch nicht lösen kann.
Bekannt für
Sidgwick schrieb mit The Methods of Ethics ein Buch, das C. D. Broad für die beste je geschriebene Abhandlung zur Moraltheorie hielt, und er prägte die Formel vom Standpunkt des Universums. Außerdem war er ein wichtiger Förderer der Frauenbildung und an der Gründung des Newnham College beteiligt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Drei Methoden und der Vorrang des Nutzens
Sidgwick untersucht, wie wir im Alltag Entscheidungen begründen: nach dem eigenen Vorteil, nach Regeln wie Wahrheit und Gerechtigkeit oder nach dem Nutzen für alle. Regeln allein genügen nicht, weil sie sich widersprechen können und oft zu vage sind, dann braucht man ein höheres Prinzip, und das ist für ihn der Nutzen. Wenn ein Team Ehrlichkeit und Loyalität gegeneinander abwägen muss, hilft nur die Frage, was dem Ganzen auf Dauer mehr nützt.
Der Standpunkt des Universums
Aus der Sicht des Ganzen ist das Wohl eines Menschen nicht mehr wert als das eines anderen, und deshalb ist man verpflichtet, das Gute allgemein zu fördern und nicht nur einen Teil. Daraus folgt ein Wohlwollen, das fremdes Wohl so wichtig nimmt wie das eigene, außer wenn es sich unparteiisch betrachtet als kleiner oder schwerer erreichbar erweist. Eine Führungskraft, die ihren Bereich für sich gewinnen will, soll sich fragen, wie ihre Entscheidung aus Sicht des ganzen Unternehmens aussieht.
Der Dualismus der praktischen Vernunft
Sidgwick hält es zugleich für vernünftig, das eigene Glück zu verfolgen, und für vernünftig, das allgemeine Glück zu fördern, und er findet keinen Weg, beide ganz zu versöhnen. Als mögliche Auswege erwägt er eine Annahme über eine göttliche moralische Weltordnung oder schwächere Maßstäbe der Erkenntnis. Das kennt jeder aus dem Arbeitsleben, etwa wenn die Überstunde dem Team hilft, dich aber auslaugt, und beide Seiten gute Gründe haben.
Begriffe
- Methoden der Ethik
- Standpunkt des Universums
- Wohlwollen
- rationaler Egoismus
- Dualismus der praktischen Vernunft
- selbstverständliche Prinzipien
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Edward White Benson: Schwager und früher Mentor in Rugby
- John Stuart Mill: nach der SEP stark von Mills Schriften beeinflusst; 1867 schickte er ihm einen Entwurf zur Begutachtung, und Mill gab Anstöße
Schüler
- G. E. Moore und Bertrand Russell: nach der SEP Schüler, die ihm viel verdankten
Freunde
- Henry Graham Dakyns: enger Briefpartner
- John Addington Symonds, George Eliot, T. H. Green: Freunde
Gegner
- Alfred Marshall: Kollege und gelegentlicher ‚Gegenspieler‘ in der Cambridger Nationalökonomie
- Bernard Williams: warf ihm später ‚Government House‘-Utilitarismus vor
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Derek ParfitDeutung
Parfit verfolgte Sidgwicks Fragen zur Bevölkerungsgröße und zu Gesamt- gegenüber Durchschnittsnutzen weiter (SEP, History of Utilitarianism) und setzte sich mit Sidgwicks Lösung des Dualismus auseinander; die SEP nennt Parfits eigene Sicht zutiefst sidgwickianisch (SEP, Sidgwick).
baut auf Jeremy BenthamDeutung
Seine Ansichten entwickelten sich laut SEP aus und in Auseinandersetzung mit denen Benthams und Mills; The Methods gilt dort als eines der bekanntesten Werke utilitaristischer Moralphilosophie.
baut auf John Stuart MillDeutung
Sidgwicks Methods of Ethics entwickelte sich aus und in Auseinandersetzung mit Bentham und Mill (SEP, History of Utilitarianism).
Grundlage für Peter SingerDeutung
In The Point of View of the Universe (2014) verteidigt Singer Sidgwicks Ansicht, dass sich objektive Moral aus Axiomen der Vernunft ableiten lässt (Wikipedia).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Bernard WilliamsDeutung
Williams warf ihm vor, ein ‚Government House‘-Utilitarist zu sein, dessen Ansichten zum Kolonialismus passten (SEP, Sidgwick).
kritisiert Herbert SpencerDeutung
Sidgwick kritisierte Spencers deduktiven Hedonismus.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Er gab 1869 seine Fellowship in Cambridge auf, weil er die Thirty-Nine Articles der Kirche von England nicht mehr guten Gewissens unterschreiben konnte. Die SEP nennt die 1860er seine Jahre von ‚Storm and Stress‘ (Sturm und Drang) und sagt, dass seine Kämpfe um die Unterschrift die Ansichten der Methods prägten.[1]
Zeitgeschehen belegt
Als Liberaler und Bildungsreformer kämpfte er für Hochschulbildung für Frauen und gegen die Vorherrschaft der Klassik, konnte sich aber nach der SEP den imperialistischen, orientalistischen und rassistischen Neigungen des späten viktorianischen Zeitalters nicht entziehen. Das betrifft vor allem seine Haltung zu Fragen von Herrschaft und Ausschluss.[1]
Biografie Deutung
Seine Bemerkung, manche Schlüsse des Utilitarismus sollten besser nur einer aufgeklärten Minderheit bekannt sein, deutet Bernard Williams als Elitedenken im Geist des Kolonialismus. Ob das mit Sidgwicks Stellung als gebildeter Brite im Empire zusammenhängt, ist Deutung, und die SEP nennt auch Verteidiger.[1]
Kritik
Bernard Williams nannte Sidgwicks Gedanken, dass manche Folgerungen des Utilitarismus nur einer aufgeklärten Minderheit mitgeteilt werden sollten, ‚Government House‘-Utilitarismus, der gut zum Kolonialismus passe. Thomas Hurka wirft ihm vor, mit zweierlei Maß gemessen zu haben: Unbestimmtheit wertete er als Einwand gegen eine Pflichtethik mit mehreren Regeln, nicht aber gegen den Hedonismus. Andere, etwa Roger Crisp, meinen, wegen des unlösbaren Dualismus sei er eher ein Denker mit zwei Quellen der Vernunft als ein reiner Utilitarist.
Wirkung heute
Seine Fragen bestimmen die Debatten um Konsequentialismus, von Parfits Arbeiten bis zu Singers und de Lazari-Radeks Buch The Point of View of the Universe. Besonders lebendig ist sein Hinweis, dass man Gesamtglück und Durchschnittsglück unterscheiden muss, wenn es um die Größe einer Bevölkerung geht.
Brücke zu Führung und Coaching
Sidgwick lädt dich zu einer Doppelfrage ein: Was ist gut für mich, und was ist gut für alle, und wo widersprechen sich beide? Gehe vor einer größeren Entscheidung, etwa einer Umstrukturierung, in Gedanken auf den Standpunkt des Ganzen und frage, ob du dem Wohl der Betroffenen dasselbe Gewicht gibst wie deinem eigenen. Und sprich offen an, wo du selbst keinen Ausgleich findest, statt so zu tun, als ginge alles auf.
Zitate
„the good of any one individual is of no more importance, from the point of view (if I may say so) of the Universe, than the good of any other. (Eigene Übersetzung: Das Wohl irgendeines Einzelnen ist, vom Standpunkt (wenn ich so sagen darf) des Universums aus, nicht wichtiger als das Wohl irgendeines anderen.)“
Lebensstationen
- 1838Geboren am 31. Mai in Skipton, Yorkshire
- 1859Abschluss am Trinity College Cambridge, danach Fellow und Lehrer der Klassik
- 1869Gibt seine Fellowship auf, weil er die Glaubensartikel nicht mehr unterschreiben kann
- 1874Erscheint The Methods of Ethics
- 1883Wird Knightbridge Professor of Moral Philosophy in Cambridge
- 1900Stirbt am 28. August an Krebs
Werke
The Methods of Ethics (1874, 7. Auflage 1907); Principles of Political Economy (1883); Outlines of the History of Ethics (1886); The Elements of Politics (1891); Practical Ethics (1898); Henry Sidgwick, A Memoir (1906, von Eleanor und Arthur Sidgwick)
Anekdote belegt
1867 schickte Sidgwick Mill einen Entwurf seiner Schrift über Gewissensfragen bei der Unterschrift unter die Glaubensartikel. Mill antwortete, die Frage nach den Ausnahmen von der Pflicht zur Wahrheit sei noch nie vernünftig behandelt worden, und riet ihm, über diesen größeren Gegenstand nachzudenken.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Henry Sidgwick: The Methods of Ethics (1874, 7. Auflage 1907; deutsch: Die Methoden der Ethik, Klinkhardt, Leipzig 1909, Band 2 im Katalog nachgewiesen): dort das Kapitel zu den Axiomen der praktischen Vernunft und das Schlusskapitel zum Dualismus.
- Vertiefung
- Bart Schultz: Henry Sidgwick, Eye of the Universe. An Intellectual Biography (Cambridge University Press, 2004), in der SEP-Bibliografie geführt
Noch nicht sicher belegt
- Zitat nur im englischen Original aus der SEP, deutsche Fassung ist eigene Übersetzung; die SEP gibt keine Seite direkt zum Satz, die Stelle 1907: 382 folgt dem nächsten Blockzitat. Die deutsche Ausgabe Klinkhardt, Leipzig 1909 ist über einen Katalogeintrag (Europeana, Band 2) belegt, Übersetzer und Bandzahl nicht geprüft. Die Angabe zu Moore und Russell als Schülern steht in der SEP so ('such students as Moore and Russell owed him much'). Edward White Benson war Schwager und früher Mentor (SEP; Wikipedia nennt ihn Cousin und Schwager). 'Gelegentlicher Gegenspieler' übersetzt 'sometimes nemesis' der SEP. Das Urteil über die Methods ist Broads Einschätzung laut SEP. Der Kontext-Eintrag 'Biografie' (Empire, Elitedenken) ist Deutung. Die Behauptungen, Parfit habe seine Sicht selbst sidgwickianisch genannt und die Methods markierten den Höhepunkt der Bentham-Mill-Tradition, waren nicht belegt und sind korrigiert. Die Quellen ouci.dntb.gov.ua und link.springer.com waren beim Prüfen nicht abrufbar (403 bzw. Login) und sind ersetzt.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Sidgwick
- [1]SEP, Henry Sidgwick · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: utilitarianism-history · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia (en): Henry Sidgwick · Wikipedia
- [4]europeana.eu/item/2058613/ULBTXMETSXULBTXATX1291242 · Webseite