Francisco Varela
Biologe und Neurowissenschaftler · 1946–2001 · Santiago de Chile, später Paris
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- SystemtheorieDeutung[7]
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Ist deine Wahrnehmung ein Foto der Wirklichkeit oder etwas, das du im Handeln hervorbringst?
- Position
- Varela antwortet, dass Erkennen in Körper und Welt hervorgebracht wird und nicht ein Abbild einer fertigen Welt ist. Er nennt diese Sicht enaktiv und verbindet sie mit Phänomenologie, Hirnforschung und buddhistischer Erfahrung. Die Wissenschaft soll die erste-Person-Erfahrung mit prüfbaren Methoden einbeziehen.
- Einwand
- Gegen die Autopoiese, auf der Varelas Frühwerk beruht, hielt ein Rezensent der Review of Metaphysics (1981) dem Buch Autopoiesis and Cognition einen offenkundigen Zirkel vor. Zur enaktiven Spätphase nennen die abgerufenen Quellen keinen Einwand.
- Verbindung
- Varela führt Maturanas Biologie weiter zur Phänomenologie und zum Enaktivismus und knüpft an Merleau-Ponty an.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Chilenischer Biologe und Neurowissenschaftler, der mit Maturana die Autopoiese entwickelte und die Kognitionswissenschaft um Erfahrung, Körper und buddhistische Praxis erweiterte.
Varela steht in diesem Kapitel für den Schritt von der Autopoiese in der Biologie zur Frage nach Erfahrung und Handeln. Er arbeitete mit Maturana und stützte sich auf die Phänomenologie von Husserl und Merleau-Ponty.
Kernidee
Varela versteht Erkennen als Handlung eines verkörperten Lebewesens in seiner Welt, nicht als Abbild einer fertigen Außenwelt. Mit Thompson und Rosch nennt er diese Sicht Enaktivismus. Er verbindet Kognitionswissenschaft, Phänomenologie und buddhistische Erfahrung und verlangt, dass Forschende ihre eigene bewusste Erfahrung mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Nach dem Militärputsch von 1973 in Chile unter Augusto Pinochet verbrachten Varela und seine Familie sieben Jahre im Exil in den Vereinigten Staaten. Die deutsche Wikipedia nennt als Hintergrund die schwierigen Arbeitsbedingungen nach dem Putsch. 1980 kehrte er nach Chile zurück.[1]
Fundstelle: Abschnitt Life and career; Abschnitt Leben
Bekannt für
Varela ist bekannt als Mitbegründer der Autopoiese und als Mitautor von The Embodied Mind. Er gründete außerdem das Mind and Life Institute mit, das Gespräche zwischen Wissenschaft und Buddhismus fördert.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Autopoiese
Varela entwickelte den Begriff gemeinsam mit seinem Lehrer Humberto Maturana, um die Selbsterhaltung lebender Systeme zu beschreiben. Das System bringt die Teile hervor, aus denen es besteht, und bleibt dadurch als Einheit erhalten. Ein Team, das seine Gewohnheiten laufend selbst neu herstellt, erinnert an diesen Gedanken.
Enaktivismus und verkörperter Geist
In The Embodied Mind beschreiben Varela, Thompson und Rosch Kognition als etwas, das in den Strukturen von Körper und Welt hervorgebracht wird. Die englische Wikipedia nennt das Buch einen Klassiker der Kognitionswissenschaft, der buddhistisch geprägte enaktive und verkörperte Ansätze einführt. Wer zum Beispiel Fahrradfahren lernt, lernt es im Handeln des Körpers und nicht durch ein inneres Abbild der Straße.
Neurophänomenologie
Neurophänomenologie verbindet die Phänomenologie von Husserl und Merleau-Ponty mit Hirnforschung und verlangt, dass Beobachter ihre bewusste Erfahrung mit überprüfbaren Methoden untersuchen. Varela verbreitete diesen Begriff in der Neurowissenschaft. Für dich heißt das übertragen auf heute, die Erfahrung der Beteiligten als Datenquelle ernst zu nehmen, wenn du eine Veränderung auswertest.
Begriffe
- Autopoiese
- Enaktivismus
- verkörperter Geist
- Neurophänomenologie
- ethisches Können
- Mind and Life
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: hat Varela unterrichtet.
Humberto MaturanaPrüfstand: belegt
Varela war Maturanas Student bzw. Schüler und entwickelte mit ihm den Begriff Autopoiese; beide arbeiteten 1970 bis 1973 in Santiago eng zusammen.
Baut auf
Varela übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Edmund HusserlPrüfstand: belegt
Varelas Neurophänomenologie knüpft an die Phänomenologie Edmund Husserls an.
Maurice Merleau-PontyPrüfstand: belegt
Varelas Neurophänomenologie verbindet die Phänomenologie Husserls und Merleau-Pontys mit einer Wissenschaft der ersten-Person-Erfahrung.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Varela weiter, meist über Texte.
Niklas LuhmannPrüfstand: belegt
Luhmann knüpft an die Grundlagen von Maturana und Varela zu autopoietischen Systemen an.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Militärputsch von 1973 verbrachte Varela mit seiner Familie sieben Jahre im Exil in den Vereinigten Staaten, bevor er an die Universität von Chile zurückkehrte. Seit 1986 lebte er in Frankreich.[1]
Biografie belegt
Varela übte seit den 1970er Jahren tibetischen Buddhismus, zunächst bei Chögyam Trungpa. 1987 gründete er mit R. Adam Engle das Mind and Life Institute, das Dialoge zwischen Wissenschaft und Buddhismus veranstaltet.[1]
Kritik
Gegen die Autopoiese, auf der Varelas Frühwerk beruht, schrieb ein nur mit Initialen zeichnender Rezensent in der Review of Metaphysics (Band 35, 1981), das Buch Autopoiesis and Cognition drehe sich im Kreis: Der Begriff der Autopoiese grenze einen Bereich ab und schließe alle Beschreibungen aus, die nicht zu dieser Einheit passen. Gegen die enaktive Sicht liefern die abgerufenen Quellen keine ausdrückliche Gegenposition.
Wirkung heute
Die englische Wikipedia nennt The Embodied Mind einen Klassiker der Kognitionswissenschaft, und 2017 erschien eine überarbeitete Ausgabe. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy führt diese Neuausgabe als Bezugspunkt des autopoietischen Enaktivismus, einer von drei heutigen Spielarten des Enaktivismus.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn du ein Team begleitest, frage nicht nur nach Kennzahlen, sondern auch danach, wie die Beteiligten die Situation erleben, und nimm diese Erfahrung als Information. Du kannst zum Beispiel nach einem Projekt jede Person kurz ihre Erfahrung schildern lassen, bevor du Ergebnisse bewertest. Das ist eine Übertragung von Varelas Neurophänomenologie auf Führung.
Lebensstationen
- 1946Geburt (7. September)
- 1970Promotion in Biologie an der Harvard University
- 1973Militärputsch in Chile, Exil in den Vereinigten Staaten
- 1987Mitgründung des Mind and Life Institute
- 1988Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris
- 1991The Embodied Mind erscheint
- 2001Tod in Paris
Werke
- The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience (1991)
Ersterscheinung: Cambridge, Massachusetts: Massachusetts Institute of Technology Press, 1991, mit Evan Thompson und Eleanor Rosch; überarbeitete Ausgabe 2017 mit Vorwort von Jon Kabat-Zinn. Deutsche Ausgabe: „Der mittlere Weg der Erkenntnis“ (1995).
- De máquinas y seres vivos (1972)
Ersterscheinung: Santiago de Chile: Editorial Universitaria, 1972, mit Humberto Maturana.
- El árbol del conocimiento (1984)
Ersterscheinung: 1984, mit Humberto Maturana. Deutsche Ausgabe: „Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens“ (1987).
Lesetipps
- Einstieg
- Francisco Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch, Der mittlere Weg der Erkenntnis (Goldmann, 1995), deutsche Ausgabe von The Embodied Mind; sein Hauptwerk zur verkörperten Kognition.
- Vertiefung
- Francisco Varela – Wikipedia (de), Abschnitt Leben
Noch nicht sicher belegt
- Der Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy zum Enaktivismus ist noch nicht verfügbar.
- Stützen sind die englische und die deutsche Wikipedia.
- Als Geburtsort nennt die englische Wikipedia Talcahuano, die deutsche Santiago de Chile.
- Im Text steht nur Santiago als Ort der Wirkung, der Geburtsort bleibt offen.
- Als Todesursache nennt die englische Wikipedia Hepatitis C, die deutsche ein Krebsleiden.
- Die Todesursache wird deshalb nicht genannt.
- Maturana wird in den genutzten Quellen nur als Mentor bzw. Varela als Student genannt.
- Ob formell eine Betreuung bestand, ist offen.
- Das Mind and Life Institute wurde nach der englischen Wikipedia 1987 mit Adam Engle gegründet.
- Nach der deutschen Wikipedia war die Gründung offiziell 1990, der erste Dialog 1987.
- Der englische Titel „The Tree of Knowledge“ erschien erst 1987, das spanische Original 1984 (deutsche Wikipedia zu Maturana).
- Die deutschen Ausgaben von „Der Baum der Erkenntnis“ (1987) und „The Embodied Mind“ (1995) erschienen laut deutscher Wikipedia jeweils bei Goldmann in München.
- Die Zuordnung zu den Richtungen Philosophie des Geistes und Systemtheorie ist eine Deutung der Redaktion.
- Die Quellen nennen verkörperte Kognition und Kybernetik.
Wege durchs Netz
2. Beziehungen und Rückkopplungen
Varela erweiterte die Kognitionswissenschaft um Erfahrung, Körper und buddhistische Praxis.
Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Varela
- [1]Francisco Varela – Wikipedia (en), Abschnitt Life and career
- [2]Francisco Varela · Wikipedia
- [3]Humberto Maturana – Wikipedia (en), Abschnitt Work
- [4]Humberto Maturana – Wikipedia (de), Abschnitt Leben
- [5]Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living · Wikipedia
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]Systemtheorie – Wikipedia (de) · abgerufen 2026-10-22