Landkarte der Philosophie

Mary Wollstonecraft

1759–1797 · London

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Englische Schriftstellerin und Denkerin, die in der „Verteidigung der Rechte der Frau“ gleiche Bildung für Frauen und Männer als Grundlage einer gerechten Gesellschaft forderte.

Wollstonecraft baut auf Lockes Erziehungslehre und Humes und Smiths Gedanken auf, kritisiert aber Rousseaus Frauenbild im „Emile“. Sie schrieb 1790 als eine der ersten gegen Burke und steht in der Revolutionszeit neben Condorcet, der 1790 ebenfalls Frauenrechte forderte.

Kernidee

Frauen sind nicht von Natur aus schwächer im Denken, sondern werden durch schlechte Erziehung zu abhängigen, gefallsüchtigen Wesen gemacht. Wer sie stattdessen bildet, macht sie zu Menschen, die sich selbst beherrschen und eigenes Urteil haben. Erst so werden sie nach ihr gute Gefährtinnen, Mütter und Bürgerinnen, und die Gesellschaft kann sich moralisch erneuern.

Bekannt für

Man kennt Wollstonecraft für die „Verteidigung der Rechte der Frau“ von 1792, die als Klassiker des Feminismus gilt. Außerdem ist sie die Mutter von Mary Shelley, der Autorin von „Frankenstein“, und wurde nach ihrem Tod 1797 lange vor allem wegen ihres Privatlebens verspottet.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Gleiche Bildung als Grundlage

Wollstonecraft fordert in der Schrift von 1792 einen neuen Lehrplan für Mädchen und verlangt, dass Frauen einen Beruf lernen und so nicht aus Geldnot heiraten müssen; in ihrer Geschichte der Französischen Revolution von 1794 entwirft sie eine Gesellschaft, in der beide Geschlechter gemeinsam erzogen werden. Die Schrift von 1792 fordert sogar, dass Frauen eigene gewählte Vertreter bekommen. Wenn in deinem Unternehmen Weiterbildung nur an die Gruppe geht, die ohnehin schon oben ist, wiederholst du genau den Fehler, den sie beschreibt.

Vernunft, Leidenschaft und Selbstbeherrschung

Für sie ist der Mensch ein Wesen, in dem Vernunft, Leidenschaften und Triebe zusammenwirken sollen: Die Leidenschaften treiben das Denken an, und die Vernunft bremst ihre Auswüchse. Nicht der freie Wille zählt, sondern die Selbstbeherrschung, die man durch Erziehung und Gewohnheit lernt. Wenn du in einer hitzigen Teamsitzung merkst, dass dich ein Thema aufregt, ist das nach dieser Sicht kein Fehler, solange du es steuern kannst.

Rechte bringen Pflichten, Pflichten brauchen Rechte

In der „Verteidigung der Rechte der Männer“ (1790) antwortet sie Edmund Burke und sagt, dass Rechte mit Pflichten verbunden sind, aber niemand Pflichten erfüllen könne, dessen natürliche Rechte nicht geachtet werden. Institutionen verdienen nach ihr nur dann Gehorsam, wenn sie vor der Vernunft bestehen. Wer von einem Team Verantwortung verlangt, ohne ihm Entscheidungsspielraum zu geben, stößt auf dieses Problem.

Begriffe

Rechte der Frau
Bildung
Vernunft
Selbstbeherrschung
Gleichheit
Tugend unter Gleichen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Richard Price: Prediger der Dissenter in Newington Green, eine prägende Begegnung; 1790 verteidigte sie ihn mit der Schrift gegen Burke
  • John Locke: seine Erziehungslehre prägt ihre frühen pädagogischen Schriften
  • Catharine Macaulay: beeinflusste ihre Pädagogik

Schüler

  • Flora Tristan: nach der SEP von ihr beeinflusst
  • Mathilde Franziska Anneke: nach der SEP von ihr beeinflusst

Freunde

  • Joseph Johnson: Verleger, Freund und Förderer
  • William Godwin: Ehemann ab 1797
  • Fanny Blood: engste Jugendfreundin

Gegner

  • Edmund Burke: Streit über die Französische Revolution und den Wert von Tradition
  • Jean-Jacques Rousseau: ihre Kritik am Erziehungsbild für Mädchen im „Emile“
  • Charles-Maurice de Talleyrand: sein Bildungsplan wollte Mädchen nur häuslich erziehen
  • Anna Barbauld: lehnte ihre Ansichten über Frauen nach der SEP aus echter Auseinandersetzung ab

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Adam SmithDeutung

    Nach der SEP schöpfte sie aus Smiths Theory of Moral Sentiments und Wealth of Nations und entwarf daraus in der Revolutionsgeschichte eine künftige Gesellschaft mit wenig Arbeitsteilung.

  • baut auf Jean-Jacques RousseauDeutung

    Die „Verteidigung der Rechte der Frau“ kritisiert Rousseaus Erziehungstheorie im „Emile“ (1762); zugleich nahm sie nach der SEP Anregungen von ihm auf.

  • baut auf John LockeDeutung

    Laut SEP zeigen ihre frühen Erziehungsschriften den tiefen Einfluss von Lockes „Some Thoughts Concerning Education“ und sie setzt in der Schrift gegen Burke ein Lockesches Verständnis gottgegebener Rechte voraus.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Jacques RousseauDeutung

    Die „Verteidigung der Rechte der Frau“ kritisiert Rousseaus Erziehungstheorie im „Emile“ (1762); zugleich nahm sie nach der SEP Anregungen von ihm auf.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Nicolas de CondorcetDeutung

    Die SEP stellt ihren Text von 1792 neben Condorcets Aufsatz von 1790 als eine der wenigen Stimmen für volle Gleichheit der Geschlechter.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld Deutung

    Die Familie sank sozial ab, der Bruder bekam als einziger eine förmliche Ausbildung, und Mary musste als Gesellschafterin, Lehrerin und Gouvernante arbeiten. Der Vorschuss ihres Verlegers Johnson linderte nach der SEP ihre Geldsorgen; ihr Blick auf Erziehung und Abhängigkeit der Frau ist von dieser Lage kaum zu trennen, das ist allerdings eine Deutung.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Im Dezember 1792 reiste sie nach Frankreich, wo britische Staatsbürger unter dem Terror gefährdet waren. Sie gab sich als Ehefrau des Amerikaners Gilbert Imlay aus, um den Schutz zu erhalten, den amerikanische Bürger genossen, obwohl sie nie verheiratet waren.[1]

  • Biografie belegt

    Nach der Trennung von Imlay und zwei Selbstmordversuchen erkannte sie nach der SEP, dass sich Leidenschaften nicht so leicht durch Vernunft zähmen lassen. In den „Letters“ von 1796 zeichnet sie ein feineres Verhältnis von Vernunft, Einbildungskraft und Gefühl als in der Schrift von 1792.[1]

Kritik

Zu ihren Lebzeiten fand sie bei Intellektuellen wenig Unterstützung, und nach 1798 schadete Godwins freimütige Lebensbeschreibung ihrem Ruf stark. Anna Barbauld lehnte ihre Ansichten über Frauen ab. Die Politikwissenschaftlerin Carole Pateman sah 1988 in ihrer Schrift das Dilemma, ob Frauen Rechte über Gleichheit mit Männern oder über Andersartigkeit erlangen sollen.

Wirkung heute

Die Forderung, Mädchen und Jungen gleich zu bilden, trägt bis heute: Die SEP verweist darauf, dass Frauenbildung mit höherem Wohlstand und stabileren Demokratien zusammenhängt. Sie gilt heute nicht mehr nur als frühe Feministin, sondern als Moral- und Staatsdenkerin der Aufklärung.

Brücke zu Führung und Coaching

Frag dich in deinem Team: Wer bekommt bei uns Zugang zu Weiterbildung und Verantwortung, und wer bleibt abhängig von Anerkennung durch andere? Wollstonecraft würde fragen, ob Menschen bei euch lernen, selbst zu urteilen, oder ob sie vor allem lernen zu gefallen. Und wenn du Pflichten verteilst, prüfe zuerst, ob die Person auch die Rechte und Mittel hat, sie zu erfüllen.

Lebensstationen

  1. 1759Geboren in Spitalfields, London
  2. 1787Thoughts on the Education of Daughters, erstes Buch; Arbeit als Gouvernante
  3. 1790A Vindication of the Rights of Men, Antwort auf Burke
  4. 1792A Vindication of the Rights of Woman; Reise nach Frankreich im Dezember
  5. 1796Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway and Denmark
  6. 1797Heirat mit William Godwin im März, Tod am 10. September nach der Geburt der Tochter Mary

Werke

Thoughts on the Education of Daughters (1787)

Mary, a Fiction (1788)

Original Stories from Real Life (1788)

A Vindication of the Rights of Men (1790)

A Vindication of the Rights of Woman (1792)

An Historical and Moral View of the Origin and Progress of the French Revolution (1794)

Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway and Denmark (1796)

Anekdote belegt

In Frankreich gab sich Wollstonecraft als Ehefrau von Gilbert Imlay aus, um als vermeintliche amerikanische Bürgerin vor dem Terror geschützt zu sein. Im Mai 1794 brachte sie in Le Havre ihre Tochter Fanny zur Welt.[1]

Lesetipps

Einstieg
Mary Wollstonecraft: Verteidigung der Rechte der Frau (englisch 1792), die Hauptschrift; eine deutsche Ausgabe erschien in Leipzig 1989 (Verlag nicht geprüft).
Vertiefung
Janet Todd, Mary Wollstonecraft: A Revolutionary Life (2000), maßgebliche Biografie.

Noch nicht sicher belegt

  • Kein Zitat aufgenommen: nur englische Zitate (SEP) abgerufen, keine geprüfte deutsche Übersetzung. IEP-Eintrag nicht abrufbar (404). Verlag der deutschen Ausgabe Leipzig 1989 nur über einen JSTOR-Ausschnitt bekannt (Titel „Eine Verteidigung der Rechte der Frau“, hrsg. von J. Müller und E. Schotte), Verlag nicht geprüft. Die Behauptung „Frauen sind nicht von Natur aus schwächer im Denken“ im Kern ist eine Zusammenfassung der SEP-Beschreibung, kein wörtlicher SEP-Satz. Kontext Geld: Verknüpfung von Geldlage und Denken ist Deutung. Britannica schreibt an einer Stelle „James Johnson“, an anderer „Joseph Johnson“, SEP „Joseph Johnson“ (hier SEP übernommen). Prüfung: Der frühere Kern-Satz, Tugend gedeihe nur unter Gleichen, stand in keiner abgerufenen Quelle und wurde durch die SEP-Aussage ersetzt. Der gemeinsame Unterricht beider Geschlechter steht laut SEP in der Revolutionsgeschichte von 1794, für die Schrift von 1792 nennt die SEP Lehrplanänderungen, Berufsausbildung und eigene Vertreterinnen; die Theorie wurde entsprechend umformuliert. Britannica nennt Paine als Mitglied des radikalen Kreises um den Verleger Johnson, dem sie angehörte; eine Kante zu Paine wurde trotzdem nicht ergänzt, weil die SEP dazu nichts sagt. Pateman 1988 ist über den de.wikipedia-Artikel zur „Verteidigung der Rechte der Frau“ belegt.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Wollstonecraft

  1. [1]SEP – Mary Wollstonecraft · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Britannica: Mary Wollstonecraft · Britannica
  3. [3]Wikipedia (de): Verteidigung der Rechte der Frau · Wikipedia
  4. [4]SEP – Condorcet in the history of feminism · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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