Abu Nasr Muhammad al-Farabi
ca. 870–950 · Bagdad, später Aleppo und Damaskus
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der „zweite Lehrer“ nach Aristoteles: Er ordnet die Wissenschaften, baut Logik und Politik der islamischen Welt auf und verbindet Platon, Aristoteles und Neuplatonismus (eine spätantike Strömung, die alles aus einem obersten Prinzip, dem „Einen“, hervorgehen lässt) zu einem System.
Er baut auf Aristoteles und Platon auf und gibt die Impulse weiter, die Ibn Sina und Ibn Ruschd verarbeiten. Gegen Al-Kindi grenzt er sich bei der Astrologie ab, die er ablehnt.
Kernidee
Philosophie ist für ihn die umfassende Wissenschaft, die alle Einzelwissenschaften ordnet und mit Beweisen arbeitet. Religion spricht dieselbe Wahrheit in Bildern und überzeugender Rede für das einfache Volk aus. Die beste Stadt wird von einem Herrscher geführt, der zugleich Philosoph und Prophet ist, und ihre Rangordnung spiegelt die Rangordnung des Kosmos.
Bekannt für
Man kennt ihn als „zweiten Lehrer“, also als wichtigsten Philosophen nach Aristoteles, dem ersten. Seine Aufzählung der Wissenschaften wurde ins Lateinische übersetzt und prägte die Ordnung der Fächer im Westen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Aufzählung der Wissenschaften
Er ordnet das Wissen in einer Reihenfolge: Sprache, Logik, Mathematik, Physik, Metaphysik, Politik. Seine Logik unterscheidet Beweisrede (nur sie ist streng philosophisch), Streitgespräch der Theologen und Redekunst samt Dichtung, mit der auch Religionen das Volk erreichen. Wer in einem Unternehmen weiß, dass ein Zahlenbeweis, eine Diskussion im Team und eine mitreißende Rede unterschiedliche Aufgaben haben, nutzt sie bewusst.
Die vortreffliche Stadt
Seine Staatslehre übernimmt Anregungen von Platon, denkt aber in einem riesigen Reich mit vielen Sprachen und Religionen. Der Philosophenkönig wird bei ihm zum Philosophen-Propheten-Herrscher, und die Rangordnung der Stadt spiegelt die Rangordnung des Kosmos: Wie dort eine Stufe der Wirklichkeit aus der höheren hervorgeht, so hat in der Stadt jeder nach seinen Fähigkeiten seinen Platz unter dem Herrscher. Eine Führungskraft kann daraus mitnehmen, dass eine Organisation klare Ebenen braucht und trotzdem vom gemeinsamen Ziel her gedacht werden muss.
Der Tätige Intellekt
Menschliches Wissen entsteht durch ein Zusammenspiel von Verstand und einer höheren Quelle, dem Tätigen Intellekt, der in seinem Weltbild die zehnte und letzte Intelligenz ist (gemeint ist eine Stufenfolge geistiger Wesen, die nacheinander aus Gott hervorgehen und jeweils einer Himmelssphäre entsprechen). In der Forschung wird gestritten, ob unser Wissen dabei von dieser Quelle einströmt oder wir es aus Erfahrung herausziehen. Ein Lehrer kann einem Schüler das Wissen nicht eingießen, er schafft nur die Bedingungen, unter denen es aufgeht.
Begriffe
- Zweiter Lehrer
- : ehrenvoller Beiname: Nach Aristoteles, dem ersten Lehrer, gilt er als wichtigster Meister der Philosophie in der islamischen Welt
- Aufzählung der Wissenschaften
- : sein Grundlagenwerk, das die Wissenschaften nach Fächern einteilt und ordnet; es wurde im 11. und 12. Jahrhundert ins Hebräische und Lateinische übersetzt
- Tätiger Intellekt
- : höchste geistige Quelle des Wissens und zehnte der kosmischen Intelligenzen; mit ihr verbinden sich nur wenige Begabte, nämlich Philosophen und Propheten
- Emanation
- : stufenweises Hervorgehen der Welt aus Gott: Aus Gott entsteht der erste Intellekt, aus dessen Selbsterkennen die nächste Sphäre, und so weiter abwärts
- vortreffliche Stadt
- : sein Idealstaat nach dem Vorbild von Platons Politeia, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten Aufgaben hat und ein weiser Herrscher an der Spitze steht
- Philosoph-Prophet-Herrscher
- : ideales Staatsoberhaupt, das wissend und gerecht ist, mit dem Tätigen Intellekt in Verbindung steht und Wahrheiten in Gleichnissen vermittelt
- Demonstration
- : der Beweisschluss, also strenges Folgern aus sicheren Voraussetzungen; für ihn die höchste Form des Denkens und die Denkweise der Philosophie
- Dialektik
- : das Streitgespräch mit Gründen und Gegengründen; bei ihm die Denkweise von Theologie, Rechtslehre und Sprachwissenschaft
- Rhetorik
- : die Redekunst, die zusammen mit der Dichtung der Religion dient, um Menschen ohne Schulung im Beweisen Wahrheiten in Gleichnissen nahezubringen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Yuhanna ibn Haylan: nestorianischer Christ, Anhänger der Alexandrinischen Schule
- Ibrahim al-Marwazi: Logiker der Bagdader Schule
- Aristoteles und Platon: über arabische Übersetzungen
Schüler
- Yahya ibn Adi: arabischer Christ, nach Wikipedia de Teil seiner direkten Schule, zusammen mit Abu Sulaiman as-Sidschistani, al-Amiri und at-Tauhidi
Freunde
- Saif ad-Daula: Hamdaniden-Fürst, in dessen Gefolge er lebte
- Abu Bishr Matta ibn Yunus: Übersetzer und Kommentator, Verbindung
Gegner
- Al-Kindi: lehnt die Astrologie ab, die Al-Kindi als Wissenschaft vertrat (Gegensatz in der Sache, kein belegter persönlicher Streit)
- Galen: schrieb eine Widerlegung von Galens Kritik an Aristoteles
- Theologen (Mutakallimun): zählt sie zur Streitkunst, nicht zur Beweiswissenschaft
Verbindungen im Netz
8 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Abu Yusuf Yaqub ibn Ishaq al-KindiDeutung
Seine Einteilung des Intellekts in Arten wird bei Al-Farabi vertraut, auch wenn Al-Farabi ihn nie nennt (SEP).
baut auf AristotelesDeutung
Er gilt als „Zweiter Lehrer“ nach Aristoteles und ordnet die Wissenschaften nach dessen Reihenfolge (SEP, Wikipedia de).
Grundlage für Ibn Ruschd (Averroes)Deutung
Ibn Ruschd beruft sich auf Al-Farabis verlorenen Kommentar zur Nikomachischen Ethik (SEP).
Grundlage für Ibn Sina (Avicenna)Deutung
Ibn Sina folgt ihm und Abu Bishr Matta darin, die Zweiten Analytiken zum Kern der Philosophie zu machen, und knüpft bei der Bestimmung der Metaphysik an Al-Farabis Schrift über die Ziele der Metaphysik an (SEP Ibn Sina, SEP Ibn Sina's Metaphysics); nach Wikipedia de berief sich besonders Avicenna auf ihn.
baut auf PlatonDeutung
Seine Staatslehre nimmt Anregungen aus Platons Politeia und Nomoi und wandelt sie für ein Großreich ab (SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Abu Hamid Muhammad al-GhazaliDeutung
Die erste und längste Erörterung der Inkohärenz richtet sich gegen Al-Farabis und Avicennas Lehre von der ewigen Welt (SEP).
wird kritisiert von Jehuda HaleviDeutung
Die Prophetietheorie, gegen die der jüdische Weise im Kuzari scharf argumentiert, ist eine Lehre Al-Farabis (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Abu Yusuf Yaqub ibn Ishaq al-KindiDeutung
Anders als Al-Kindi lehnt er die Astrologie als gültige Wissenschaft ab (SEP). Deutung: Das ist ein Gegensatz in der Sache, kein belegter persönlicher Streit; Al-Farabi nennt Al-Kindi nie beim Namen (SEP al-Kindi).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Ab 942 lebte er im Gefolge des Hamdaniden-Fürsten Saif ad-Daula (Herrscher einer arabischen Dynastie in Nordsyrien), meist in Aleppo. Das kann seine Staatslehre vom gelehrten Herrscher zu einem höfischen Thema gemacht haben, was die Quelle aber nicht sagt.[2]
Zeitgeschehen belegt
In Bagdad lernte er bei christlichen Gelehrten der Alexandrinischen und Bagdader Schule (Kreise christlicher Gelehrter in der Tradition der antiken Philosophie), die Aristoteles übersetzten und kommentierten. Seine Philosophie ist also aus dem Austausch zwischen Christen und Muslimen entstanden.[2]
Biografie belegt
Über sein Leben weiß man nur wenig Verlässliches: Schon für Kindheit und Jugend bieten die Quellen keine eindeutigen Fakten, und Geburtsort, Geburtsjahr und Herkunft werden in der Forschung bis heute diskutiert.[2]
Kritik
Die Forschung streitet, wie ernst seine neuplatonische Lehre vom Ausfließen der Welt aus Gott gemeint ist. Leo Strauss und seine Schüler lesen sie als bewusst vereinfachte, öffentliche Darstellung, die schützen soll. Marwan Rashed bezweifelt außerdem, dass die Schrift über die Harmonie von Platon und Aristoteles wirklich von ihm stammt.
Wirkung heute
Seine Einordnung von Beweisen, Argumenten und Überzeugungsrede bleibt nützlich, wenn man Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit auseinanderhalten will. Auch die Idee, dass Gesellschaften verschiedene Sprachen für dieselbe Wahrheit brauchen, hat sich gehalten.
Brücke zu Führung und Coaching
Al-Farabi hilft, die Art der Rede an die Aufgabe anzupassen: ein Beweis für die Zahlen, ein Gespräch für die Abwägung, eine Geschichte für die Motivation. Wenn du vor deinem Team eine Entscheidung vorstellst, frag dich: Brauchen sie jetzt einen Beleg, eine Debatte oder ein Bild, das sie mitnimmt? So vermeidest du, dass ein gutes Argument am falschen Ort verpufft.
Lebensstationen
- 870Um dieses Jahr wahrscheinlich geboren, in Farab oder Faryab (Zentralasien)
- 908Spätestens seit diesem Jahr in Bagdad, wo Yuhanna ibn Haylan seit 908 lehrt
- 942Lebt im Gefolge von Saif ad-Daula, meist in Aleppo (SEP nennt 943 für Syrien und Damaskus)
- 950Gestorben auf dem Weg zwischen Damaskus und Aschkelon; SEP nennt Dezember 950 oder Januar 951 in Damaskus
Werke
Aufzählung der Wissenschaften (Ihsa al-ulum); Das große Buch der Musik; Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt; Das politische Regime; Zusammenfassung von Platons Gesetzen; Über den Intellekt; Buch der Partikeln; Weisung auf den Weg zum Glück; Erlangung der Glückseligkeit
Anekdote überliefert
Erzählt wird, er habe nachts als Wächter in einem Garten in Bagdad gearbeitet, weil er in der Stille am besten nachdenken konnte. Andere Geschichten berichten, er habe als Musiker Menschen gegen ihren Willen in den Schlaf gespielt.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Al-Farabi: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, übers. von Cleophea Ferrari, Stuttgart: Reclam 2009, weil es sein politisches Hauptwerk auf Deutsch ist.
- Vertiefung
- Franz Schupp (Hg.), Al-Farabi: Über die Wissenschaften / De scientiis, nach der lateinischen Übersetzung Gerhards von Cremona, Hamburg: Meiner (2005), mit Einleitung
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr 870 ist nach Ulrich Rudolph (Wikipedia de) spekulativ; Wikipedia de nennt als Geburtsjahr vermutlich um 872 und als Geburtsort Otrar oder Faryab, SEP nennt 870 in Farab oder Farayb. Sterbejahr 950: SEP nennt Dezember 950 oder Januar 951 in Damaskus, Wikipedia de nennt 950 zwischen Aschkelon und Damaskus. Die Erzählung vom Tod durch Straßenräuber ist legendenhaft (al-Bayhaqi) und wurde nicht verwendet. Der Gegner Galen steht nur als Widerlegung von Galens Kritik an Aristoteles (SEP), nicht als persönlicher Streit. Matta ibn Yunus: Wikipedia de sagt nur 'Verbindungen'. Lesetipps Ferrari 2009 (Reclam, ISBN 978-3-15-018663-3) und Schupp 2005 (Meiner, Verlagsseite) sind bestätigt. Prüfer: Die Kante zu Al-Kindi ist ein Gegensatz in der Sache und als Deutung gekennzeichnet. Die Kante zu Ibn Sina wurde ergänzt, weil die SEP-Einträge zu Ibn Sina Al-Farabi ausdrücklich als Vorgänger in Logik und Metaphysik nennen. Schüler sind nur in Wikipedia de genannt (direkte Schule aus arabischen Christen). Die frühere Angabe, es seien weder Autobiografie noch Schülerberichte erhalten, stand so in keiner Quelle und wurde ersetzt.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Al-Farabi
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: al-farabi · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de, al-Fārābī · Wikipedia
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Ibn Sina · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: ibn-sina-metaphysics · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Wikipedia (de): Neuplatonismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (de): Al-Farabi · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Hamdaniden · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20