Iris Murdoch
1919–1999 · Dublin, lebte und lehrte in Oxford
- Strömung
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Philosophin und Romanautorin, die Platons Idee des Guten als Maßstab der Moral neu belebt.
Sie knüpft an Platons Gleichnisse von Höhle und Sonne an und bringt sie gegen die Moralphilosophie ihrer Zeit in Stellung. Neben Anscombe gehört sie zu den Frauen, die die antike Ethik in Oxford wieder hörbar machten.
Kernidee
Murdoch sagt, Moral entscheidet sich weniger im großen Entschluss als im täglichen Hinschauen: Wer die Wirklichkeit eines anderen Menschen sieht, handelt schon besser. Dazu muss das „fette, unermüdliche Ich“ zurücktreten. Das Gute, im Sinn Platons, ist das, was wir suchen und lieben, wenn wir etwas wirklich erkennen.
Bekannt für
Sie schrieb 26 Romane, darunter The Sea, the Sea, der 1978 den Booker Prize gewann, und zählt zugleich zu den wichtigen Moralphilosophinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Essayband The Sovereignty of Good von 1970 ist ihr philosophisches Hauptwerk.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Gute als Sonne
Murdoch deutet das Gute im Sinn Platons: Es ist das, was wir erkennen und lieben, wenn wir etwas Gutes in Dingen, Menschen, Kunst und Natur sehen. Wie die Sonne im Höhlengleichnis macht es erst sichtbar, was gut ist. Eine Führungskraft, die in einem Mitarbeiter wirklich dessen Stärke sieht, erlebt einen kleinen Moment davon.
Unselfing
Das „fette, unermüdliche Ich“ verstellt uns den Blick auf andere. Wer im Fenster plötzlich einen rüttelnden Turmfalken sieht, vergisst, was ihn eben noch gekränkt hat. So vergisst du in einem guten Gespräch dein Prestigeproblem, sobald du dem anderen wirklich zuhörst.
Moral als Aufmerksamkeit
Sie behauptet, Moral werde weniger in großen Entscheidungen als im fortlaufenden Aufmerken entschieden. Wer dauernd auf sich selbst zurückfällt, sieht den anderen falsch, bevor er handelt. Ein Feedbackgespräch gelingt, wenn du zuerst genau hinschaust, was der andere tatsächlich getan hat.
Begriffe
- das Gute
- Aufmerksamkeit
- „unselfing“ (das Ich zurücknehmen)
- Fantasie
- moralischer Realismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- John Wisdom: akademischer Betreuer
Schüler
- David Lewis: später bedeutender Philosoph, zählte zu ihren Studenten
Verbindungen im Netz
2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Platonungeprüft
Ihr moralischer Realismus nimmt Platons Idee des Guten und das Bild von Aufstieg und Licht auf.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit G. E. M. Anscombe (Elizabeth Anscombe)ungeprüft
Gleiches Geburtsjahr, beide in Oxford mit Somerville-College-Bezug, beide kritisch gegenüber der damals herrschenden Moralphilosophie (Deutung).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Murdoch verließ 1963 ihre Oxforder Stelle und verlor allmählich den Kontakt zur akademischen Philosophie. Ihre Hauptwerke erschienen deshalb abseits der großen Fachzeitschriften.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Sie schrieb gegen die Strömungen ihrer Zeit, die Moral entweder aus freier Entscheidung (Existenzialismus) oder aus Sprachanalyse ableiteten. Dagegen setzte sie Platons Idee, dass es eine Wirklichkeit des Guten gibt.[1]
Abhängigkeit belegt
Ihr Platonismus ist von Simone Weil und christlichen sowie buddhistischen Gedanken mitgeprägt. Ihre Version des Guten bleibt deshalb eine eigene Mischung und keine bloße Platonauslegung.[1]
Kritik
Nach der SEP lässt sich ihr Platonismus nicht ohne Weiteres mit einer der dominierenden Richtungen der angelsächsischen Ethik vergleichen oder gleichsetzen, das macht ihn schwer zu bewerten. Sie selbst verlor nach 1963 den Anschluss an die akademische Philosophie, was ihre Wirkung im Fach verzögerte. Ihr Verhältnis zur Kunst zeigt die Schrift The Fire and the Sun, in der sie fragt, warum Platon die Künstler verbannte.
Wirkung heute
Ihre Idee der Aufmerksamkeit als moralische Grundübung wird in Debatten über Achtsamkeit und Fürsorge aufgegriffen (Deutung). Sie bleibt die Philosophin, die Moral an das genaue Hinsehen bindet.
Brücke zu Führung und Coaching
Murdoch würde dich fragen, wen in deinem Team du zuletzt wirklich angeschaut hast und nicht nur beurteilt. Wähle eine Person, mit der du Schwierigkeiten hast, und beschreibe in drei Sätzen nur, was du beobachtet hast, ohne Bewertung. Stell dann eine Frage, deren Antwort du nicht schon kennst.
Zitate
„Jetzt gibt es nichts als Turmfalke.“
Lebensstationen
- 1919Geboren am 15. Juli in Dublin
- 1954Erster Roman Under the Net
- 1963Verlässt ihre Stelle in Oxford
- 1970The Sovereignty of Good erscheint
- 1978The Sea, the Sea gewinnt den Booker Prize
- 1999Tod am 8. Februar in Oxford
Werke
Sartre: Romantic Rationalist (1953)
Under the Net (1954)
The Sovereignty of Good (1970, dt. Die Souveränität des Guten)
The Fire and the Sun: Why Plato Banished the Artists (1977)
The Sea, the Sea (1978)
Metaphysics as a Guide to Morals (1992).
Anekdote belegt
Ihr erster Roman Under the Net (1954) wurde 1998 von der Modern Library unter die 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts gewählt. 1978 gewann ihr Roman The Sea, the Sea den Booker Prize.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Iris Murdoch, Die Souveränität des Guten (Suhrkamp, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2392, deutsche Erstausgabe). Sie enthält drei Essays, darunter den mit dem Turmfalken-Beispiel.
- Vertiefung
- Peter Conradi (Hrsg.), Existentialists and Mystics: Writings on Philosophy and Literature (Penguin, 1997). Sammelband mit ihren wichtigsten Essays.
Noch nicht sicher belegt
- IEP-Eintrag nicht erreichbar (404). Das Turmfalken-Zitat ist übersetzt, der englische Wortlaut „There is nothing now but kestrel“ stammt aus dem Essay The Sovereignty of Good over Other Concepts (1967), die Seitenzahl wurde nicht geprüft. Das oft zitierte „Love is the extremely difficult realisation that something other than oneself is real“ wurde nur über Zitatseiten gefunden und deshalb nicht verwendet. Die Einordnung des Zeitgeschehens (gegen Existenzialismus und Sprachanalyse) ist Deutung. Dass Simone Weil die Quelle von „unselfing“ ist, steht im SEP-Auszug (décréation). Die Alzheimer-Erkrankung wurde nicht verwendet, weil nicht abgerufen.
Wege durchs Netz
Murdoch: Moral entscheidet sich im täglichen Hinschauen auf andere Menschen.
Herkunft der Daten: Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Murdoch
- [1]SEP: Murdoch · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Iris Murdoch, Wikipedia · Wikipedia
- [3]eganphilosophy.com/wp-content/uploads/2022/05/Murdoch-The-Sovereignty-of-Good-Over-Other-Concepts.pdf · Webseite
- [4]suhrkamp.de/buch/iris-murdoch-die-souveraenitaet-des-guten-t-9783518299920 · Buch