Landkarte der Philosophie

Étienne Bonnot de Condillac

1714–1780 · Grenoble

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Abbé und Philosoph, der Lockes Empirismus zum reinen Sensualismus zuspitzt und zeigt, wie aus bloßen Empfindungen alle Fähigkeiten des Geistes entstehen.

Er baut auf Locke auf, widerspricht im Essai von 1746 Locke, Molyneux und Berkeley in der Frage, ob wir Tiefe sehen lernen müssen, und übernimmt im Traité des sensations von 1754 dann doch Berkeleys Sicht. Er gehört zum Pariser Kreis um Diderot und Rousseau. Seine Wirtschaftsschrift von 1776 erscheint kurz vor Adam Smiths Wohlstand der Nationen und zeigt, wie aus Erfahrungsphilosophie eine Lehre vom freien Markt werden kann.

Kernidee

Condillac geht weiter als Locke: Erfahrung liefert nicht nur den Stoff unserer Ideen, sie lehrt uns auch, aufzumerken, uns zu erinnern, zu urteilen und zu wünschen. Er erklärt das mit dem Gedankenexperiment einer Statue, die nach und nach einen Sinn nach dem anderen bekommt. Sprache und Zeichen sind für ihn die Werkzeuge, mit denen Denken überhaupt erst entsteht.

Bekannt für

Man kennt Condillac für das Bild der Statue: ein Wesen ohne Wahrnehmung, dem man einen Sinn nach dem anderen gibt, und das so alles lernt, was wir können. Das macht ihn zum Begründer des neuzeitlichen Sensualismus, der Lehre, dass alle Erkenntnis aus Empfindungen wächst.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Sensualismus und die Statue

Im Traité des sensations stellt sich Condillac eine unbelebte Statue vor, die nach und nach einzelne Sinne bekommt. Er will zeigen, dass dieses Wesen allein aus einem reichen Strom von Empfindungen alles Wissen und alle Fähigkeiten gewinnen kann. Das gilt ähnlich bei einem neuen Mitarbeiter: Aus den Eindrücken der ersten Wochen formt sich sein ganzes Bild vom Unternehmen.

Aufmerksamkeit lernt man

Anders als Locke hält Condillac auch die Fähigkeiten des Geistes für erlernt, etwa Aufmerken, Erinnern, Urteilen und Wünschen. Er erläutert das am Bild einer Reisegesellschaft, die im Morgengrauen für einen Augenblick ein Panorama sieht: Erst durch Hinsehen auf einzelne Teile erkennen sie, was sie schon empfangen haben. In Besprechungen ist es ebenso: Wer nicht gelernt hat, auf die richtigen Signale zu achten, übersieht Dinge, die schon im Raum waren.

Zeichen, Sprache und freier Markt

Condillac sieht Sprache als Kette von Zeichen, die Denken erst möglich macht, und die Sprache als analytische Methode: Man zerlegt komplizierte Gedanken in einfache. In Le Commerce et le gouvernement (1776) überträgt er das auf die Wirtschaft: Der Wert eines Gutes ergibt sich aus Nutzen und Knappheit, und bei freiwilligem Tausch gibt jede Seite, was ihr weniger wert ist. Wer im Einkauf verhandelt, kennt das: Ein Geschäft kommt zustande, weil beide Seiten den Gegenstand unterschiedlich bewerten.

Begriffe

Sensualismus
Statue
Empfindung
Zeichen und Sprache
Analyse
Wert durch Nutzen und Knappheit

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • John Locke: Condillac geht von ihm aus und radikalisiert seinen Empirismus (Wikipedia de, Stanford Encyclopedia)

Freunde

  • Denis Diderot: gemeinsamer Pariser Freundeskreis ab den 1740er Jahren
  • Jean-Jacques Rousseau: Treffen im Panier fleuri, Plan der Zeitschrift Le Persifleur

Gegner

  • Molyneux, Locke und Berkeley: Condillac lehnte im Essai (1746) ab, dass man Tiefe erst sehen lernen müsse, übernahm aber laut Stanford Encyclopedia im Traité des sensations (1754) Berkeleys Position
  • Frühere Metaphysiker und Systembauer: Kritik im Traité des systèmes (1749)

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf George BerkeleyDeutung

    Condillac widersprach im Essai (1746) Molyneux, Locke und Berkeley, dass man visuelle Tiefe erst lernen müsse, und übernahm laut Stanford Encyclopedia im Traité des sensations (1754) Berkeleys Position.

  • baut auf John LockeDeutung

    Condillac geht laut Wikipedia (de) von Locke aus und lehnt nach der Stanford Encyclopedia über ihn hinaus auch angeborene Fähigkeiten ab.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert George BerkeleyDeutung

    Condillac widersprach im Essai (1746) Molyneux, Locke und Berkeley, dass man visuelle Tiefe erst lernen müsse, und übernahm laut Stanford Encyclopedia im Traité des sensations (1754) Berkeleys Position.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Denis DiderotDeutung

    Laut Stanford Encyclopedia und Wikipedia (de) eng befreundet in Paris; Diderots Brief über die Taubstummen variiert Condillacs Statue.

  • persönlich verbunden mit Jean-Jacques RousseauDeutung

    Rousseau, Condillac und Diderot trafen sich regelmäßig im Panier fleuri und planten die Zeitschrift Le Persifleur.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Condillac empfing 1740 die Priesterweihe und trug lebenslang die Soutane, übte aber nach der Stanford Encyclopedia kein Seelsorgeamt aus. 1758 bis 1768 war er Erzieher des Prinzen von Parma, was ihm Auskommen und Zeit zum Schreiben gab.[1]

  • Biografie Deutung

    Condillac litt als Kind an einer Augenkrankheit und konnte nach Überlieferung bis etwa zum zwölften Lebensjahr nicht lesen, und die Familie hielt ihn für wenig begabt. Das ist ein Hinweis darauf, warum er so intensiv fragte, wie aus Wahrnehmung Können wird, bleibt aber Interpretation.[2]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Sein Buch über Handel und Regierung erschien 1776 drei Monate vor Adam Smiths Wohlstand der Nationen und wendet sich gegen staatliche Eingriffe wie Preiskontrollen für Getreide. Ob seine Haltung aus den Streitfragen seiner Zeit stammt, ist eine Deutung.[1]

Kritik

Die Stanford Encyclopedia nennt als Schwäche, dass seine Lehre vom Verhältnis der Empfindungen zu äußeren Dingen in Idealismus kippen kann und dass Diderot schon im Brief über die Blinden bemerkte, wie dünn seine Antwort auf den Zweifel an der Außenwelt war. Seine Lehre von der Assoziation bleibt im Vergleich mit Hume dürftig.

Wirkung heute

Die Idee, dass Fähigkeiten durch Erfahrung gelernt werden, wirkt in Entwicklungspsychologie und Pädagogik nach. Sein Zusammenhang von Sprache und Denken beschäftigt Sprachphilosophie und Kognitionswissenschaft weiter.

Brücke zu Führung und Coaching

Condillac lädt dazu ein, Fähigkeiten nicht als angeboren, sondern als geübt anzusehen: Aufmerksamkeit, Urteilskraft und Gelassenheit sind lernbar. Frage dich vor einem Mitarbeitergespräch, welche Signale du bisher nur gesehen, aber nicht wirklich beachtet hast. Und biete deinem Team Gelegenheiten, Wahrnehmen und Urteilen zu üben, statt Talent vorauszusetzen.

Lebensstationen

  1. 1714Geboren in Grenoble am 30. September
  2. 1740Priesterweihe; Leben als Privatgelehrter in Paris
  3. 1746Essai sur l'origine des connaissances humaines
  4. 1754Traité des sensations mit dem Gedankenexperiment der Statue
  5. 1758Erzieher des Prinzen von Parma bis 1768
  6. 1780Tod am 3. August auf seinem Landgut bei Beaugency

Werke

Essai sur l'origine des connaissances humaines (1746)

Traité des systèmes (1749)

Traité des sensations (1754)

Traité des animaux (1755)

Le Commerce et le gouvernement (1776)

La Logique (1780)

La Langue des calculs (1798, posthum)

Anekdote belegt

Im Pariser Freundeskreis der 1740er Jahre planten Rousseau, Diderot und Condillac eine literaturkritische Zeitschrift unter dem Titel Le Persifleur. Rousseau redigierte die erste Ausgabe, eine zweite erschien nicht mehr.[2]

Lesetipps

Einstieg
Étienne Bonnot de Condillac: Abhandlung über die Empfindungen, hrsg. von Lothar Kreimendahl (Meiner, Philosophische Bibliothek 25, 1983), weil dort das Statuen-Gedankenexperiment im Originalton steht.
Vertiefung
Hans Aarsleff: From Locke to Saussure. Essays on the Study of Language and Intellectual History (1982)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat bewusst null: kein belegtes deutsches Zitat mit Stellenangabe abgerufen (Wikipedia de nennt „Der Verstand sieht mehr als das Auge“ ohne Stelle). Das Statuen-Experiment im Traité wird in der SEP beschrieben, die Einzelheit der schrittweisen Sinneszufuhr nach SEP, nicht aus dem Primärtext. Das Beispiel der Reisegesellschaft stammt laut SEP aus der Logique. Der Satz zum Zusammenhang Denken und Sprache stützt sich auf Wikipedia (de) und SEP. Schüler-Feld ist leer, weil in den abgerufenen Quellen keine Schüler genannt werden. Die Überlieferung, er habe bis zum zwölften Lebensjahr nicht lesen können, nennt die SEP mit „is said to“; die Wikipedia (de) nennt eine chronische Augenkrankheit bis zum zwölften Lebensjahr. Erzieher in Parma: SEP 1758 bis 1768, Wikipedia (de) nennt die Berufung 1757 und neun Jahre; übernommen wurde die SEP. Ein zeitgenössischer Streit um Getreidepreise in Frankreich wurde in den Quellen nicht gefunden und aus dem Kontext-Eintrag gestrichen; die SEP nennt nur Condillacs Argument gegen Preiskontrollen für Weizen. Aarsleff 1982 (University of Minnesota) und Kreimendahl-Ausgabe 1983 (Meiner, Philosophische Bibliothek 25, auf Grundlage der Übersetzung von Eduard Johnson) sind durch SEP-Bibliografie bzw. Meiner-Verlagsseite bestätigt. Wissen über den Einfluss auf Smith nicht gesucht; keine Kante zu Smith.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Condillac

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Condillac · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Condillac – https://plato.stanford.edu/entries/condillac/; Wikipedia (de): Étienne Bonnot de Condillac · Wikipedia
  3. [3]meiner.de/fmv_de/abhandlung-a-ber-die-empfindungen-14960 · Webseite

Zurück zur Landkarte · Suche