John Langshaw Austin
1911–1960 · Oxford
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der Oxforder Sprachphilosoph, der zeigte, dass wir mit Sprache nicht nur beschreiben, sondern handeln: versprechen, taufen, warnen.
Austin ist der Gegenspieler von Ayer in der Frage der Sinnesdaten und der Mittelpunkt der Oxforder Philosophie der normalen Sprache. Strawson und Ryle werden oft mit ihm zusammen genannt, die SEP zweifelt aber, ob diese Gruppierung stimmt.
Kernidee
Austin sagt: Viele Sätze beschreiben nichts, sondern sind selbst Handlungen. Wer sagt Ich verspreche es, tut etwas, das gelingen oder misslingen kann. Die Alltagssprache enthält nach ihm Unterscheidungen, die sich über Generationen bewährt haben und die man ernst nehmen sollte, bevor man neue Theorien baut.
Bekannt für
Austin gilt als Begründer der Sprechakttheorie, die er in den William-James-Vorlesungen in Harvard 1955 entwickelte. Sie erklärt, warum der Satz Ich erkläre euch für Mann und Frau eine Ehe schließt, statt sie nur zu beschreiben.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Sprechakte
Austin trennt drei Ebenen einer Äußerung: das Sagen selbst (lokutionär), das, was man im Sagen tut, etwa fragen oder versprechen (illokutionär), und die Wirkung beim Gegenüber, etwa überzeugen (perlokutionär). Die ursprüngliche Trennung zwischen beschreibenden und handelnden Sätzen gab er am Ende auf, weil jede Äußerung eine handelnde Seite hat. Wenn du im Meeting sagst Ich schlage vor, das Projekt zu verschieben, ist das ein Vorschlag, der etwas in Gang setzt, und noch keine Entscheidung.
Kritik an der Sinnesdaten-Theorie
In Sense and Sensibilia greift Austin die Annahme an, wir nähmen nur innere Sinnesdaten wahr und nicht die Dinge selbst. Er zeigt, dass Wörter wie echt oder scheinen im Alltag viele Bedeutungen haben und keine einfache Zweiteilung tragen. Wer im Team behauptet, wir sehen die Lage ohnehin nur subjektiv, kann gefragt werden: In welchem Sinn genau, und wann ist etwas dann eigentlich nicht subjektiv?
Entschuldigungen und Verantwortung
In A Plea for Excuses untersucht Austin, welche Entschuldigungen wir im Alltag vorbringen, etwa aus Versehen, absichtlich oder aus Unachtsamkeit. Daran lässt sich ablesen, was wir unter Handlung und Verantwortung verstehen. Bei einem Fehler im Projekt lohnt es sich daher, genau zu fragen, ob er aus Unachtsamkeit, Unwissen oder mit Absicht geschah, weil jede Antwort eine andere Reaktion verlangt.
Begriffe
- Sprechakte
- performative Äußerung
- lokutionär
- illokutionär
- perlokutionär
- Philosophie der normalen Sprache
- Sinnesdaten-Kritik
- Entschuldigungen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- H. A. Prichard und John Cook Wilson: prägten ihn laut SEP als Vorbilder des Oxford Realism
Schüler
- John Searle: Doktorand bei Austin, entwickelte die Sprechakttheorie weiter
- Jonathan Bennett, Stanley Cavell, Thomas Nagel, Richard Swinburne: laut Wikipedia unter seinen Studenten
Freunde
- Isaiah Berlin: laut Wikipedia befreundet
- J. O. Urmson und G. J. Warnock: gaben seine Schriften nach seinem Tod heraus
Gegner
- A. J. Ayer: Sense and Sensibilia richtet sich vor allem gegen Ayers Sinnesdatentheorie; Ayer antwortete 1967
- Peter Strawson: deutete das Wort wahr 1949 als performativ, Austin widersprach 1950 in Truth; später betonte Strawson gegen Austin die Absicht des Sprechers
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf AristotelesDeutung
Aristoteles gehörte laut SEP zu Austins frühen Interessen, und er lehrte ihn gründlich, wie seine erhaltenen Vorlesungsnotizen zeigen.
baut auf George Edward MooreDeutung
Die SEP nennt Moores Ich weiß, dass ich Hände habe als Einfluss.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
gegenseitige Kritik mit Alfred Jules AyerDeutung
Austin kritisierte in Sense and Sensibilia (1962) die Sinnesdatentheorie, Ayer antwortete 1967.
kritisiert Peter Frederick StrawsonDeutung
Austin widersprach 1950 in Truth Strawsons performativer Deutung von wahr.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen Deutung
Im Zweiten Weltkrieg diente Austin im britischen Intelligence Corps und verließ die Armee 1945 als Oberstleutnant. Die SEP schreibt ihm eine wichtige Rolle bei der Genauigkeit der Informationen zum D-Day zu, was seinen Wert für genaue Unterscheidungen geprägt haben kann.[1]
Abhängigkeit Deutung
Austin veröffentlichte zu Lebzeiten wenig, sein Einfluss lief vor allem über Lehre und die Saturday Morning Meetings in Oxford. Mehrere Hauptwerke erschienen erst nach seinem Tod, herausgegeben von Urmson und Warnock, deren Auswahl das Bild von ihm mitgeprägt haben kann.[2]
Kritik
Searle (1966) und Ayer (1967) griffen früh die Methode der normalen Sprache an, Grice stellte sie später grundsätzlich in Frage. Strawson meinte, die Absicht des Sprechers bestimme die Kraft einer Äußerung stärker als Austins Konventionen, und Derrida bestritt 1977 Austins Trennung von ernsthaftem und nicht ernsthaftem Sprechen. Ayer fragte 1967 im Aufsatz „Has Austin Refuted the Sense-Datum Theory?“, ob Austin die Sinnesdatentheorie wirklich widerlegt habe.
Wirkung heute
Die Sprechakttheorie lebt in Sprachphilosophie, Linguistik, Rechtsphilosophie und Ethik weiter, vor allem in Searles Ausarbeitung Speech Acts (1969). Seine Sicht auf Wahrnehmung kommt laut SEP dem Disjunktivismus nahe, der Auffassung, dass echte Wahrnehmung und Täuschung grundverschiedene Zustände sind.
Brücke zu Führung und Coaching
Austin lenkt den Blick darauf, was Sätze im Betrieb tun: Eine Zusage, ein Lob oder eine Kritik verändern Beziehungen und sind keine bloßen Informationen. Frage nach einem schwierigen Gespräch, was du mit deinen Worten getan hast, und nicht nur, was du gesagt hast. Und wenn jemand sagt Das war nicht so gemeint, hilft die Frage, ob es versehentlich, unbedacht oder absichtlich war.
Lebensstationen
- 1911Geboren in Lancaster
- 1933Abschluss in Literae Humaniores, Fellow am All Souls College
- 1935Fellow und Tutor am Magdalen College in Oxford
- 1945Verlässt das Intelligence Corps als Oberstleutnant
- 1952White's Professor of Moral Philosophy in Oxford
- 1955William-James-Vorlesungen in Harvard
- 1960Gestorben in Oxford
Werke
Other Minds (1946); Truth (1950); A Plea for Excuses (1956/57); Philosophical Papers (1961, posthum); Sense and Sensibilia (1962, posthum); How to Do Things with Words (1962, posthum, deutsch: Zur Theorie der Sprechakte, 1972)
Anekdote überliefert
Bei einem Vortrag an der Columbia University sagte Austin, im Englischen bedeute eine doppelte Verneinung eine Bejahung, aber keine Sprache kenne eine doppelte Bejahung, die verneine. Sidney Morgenbesser antwortete nur: Yeah, yeah.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- J. L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte (How to Do Things with Words), deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny, Reclam Universal-Bibliothek 9396 (Stuttgart, 2. Auflage 1989 im Katalog belegt), das zentrale Buch über Sprechakte.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: John Langshaw Austin (2012, überarbeitet 2025)
Noch nicht sicher belegt
- Erscheinungsjahr der deutschen Reclam-Ausgabe: Katalogeinträge nennen 1972, andere 1976; hier 1972 mit Hinweis. SEP-Text wurde nur bis ca. 100000 Zeichen gelesen (Schüler-Abschnitt dort nicht enthalten, Schüler stammen aus Wikipedia). Britannica wurde nicht abgerufen. Verhältnis zu Ryle nicht belegt, deshalb keine Kante. Derrida-Kritik nach SEP in allgemeiner Form; IEP erwähnt Derrida nicht. Die Wirkung des Kriegsdiensts auf sein Denken ist Deutung. Prüfer: Erstausgabe Reclam 1972 nur aus Suchtreffern, geöffnet wurde ein KIT-Katalogeintrag der 2. Auflage 1989. A Plea for Excuses: SEP 1957, IEP 1956. Autor des SEP-Eintrags (Longworth) im Abruf nicht sichtbar, deshalb im Lesetipp weggelassen. Dass Austin über Aristoteles zur Philosophie kam, sagt die SEP nicht (nur frühe Interessen und Lehre); korrigiert. Kontext zu Urmson/Warnock als Deutung herabgesetzt.
Herkunft der Daten: Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu J. L. Austin
- [1]SEP J. L. Austin · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia J. L. Austin · Wikipedia
- [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: austin · Internet Encyclopedia of Philosophy