George Herbert Mead
1863–1931 · Chicago
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Pragmatist und Sozialpsychologe, der zeigte, dass das Selbst erst im Zusammenspiel mit anderen entsteht.
Mead ist der enge Freund Deweys und gibt dessen Gedanken von Kooperation und Erfahrung eine sozialpsychologische Grundlage. Mit Addams teilt er den Chicagoer Reformkreis rund um Hull House.
Kernidee
Mead erklärt das Ich nicht als etwas, das schon fertig da ist, sondern als etwas, das beim Handeln mit anderen entsteht. Wir lernen uns selbst kennen, indem wir uns mit den Augen der anderen sehen und uns an den Erwartungen einer Gruppe orientieren. Der spontane Teil des Handelns bleibt trotzdem offen und neu.
Bekannt für
Mead gilt vielen als Vater des Symbolischen Interaktionismus, einer Richtung der Soziologie und Sozialpsychologie, die untersucht, wie Menschen Bedeutung in der Kommunikation herstellen. Sein berühmtestes Buch hat er nie selbst geschrieben: Es wurde nach seinem Tod aus Mitschriften von Studierenden und unveröffentlichten Manuskripten zusammengestellt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Selbst und Rollenübernahme
Ein Selbst entsteht nach Mead, wenn wir uns in die Rolle anderer hineinversetzen und ihre Reaktionen vorwegnehmen. Kinder lernen das im Rollenspiel, etwa wenn eines den Arzt und ein anderes den Patienten spielt. Wer als Führungskraft eine Entscheidung vorbereitet, übt das, wenn er durchspielt, wie sie bei Kundin, Mitarbeiter und Betriebsrat ankommt.
Der generalisierte Andere
Beim Mannschaftsspiel lernen wir die Positionen aller und sehen uns dann aus der Sicht des ganzen Spiels. Diese Haltung der organisierten Gruppe nennt Mead den generalisierten Anderen. In einer Firma ist das die Unternehmenskultur, an der sich Neue ausrichten, bevor ihnen jemand die Regeln erklärt.
I und Me
Das Me ist das Selbst, das wir kennen, wenn wir über uns nachdenken und uns aus der Sicht der Gruppe betrachten. Das I ist die spontane Antwort im Moment, die nie genau gleich ausfällt. Ein guter Teamplayer erfüllt Erwartungen (Me) und bringt trotzdem neue Ideen ein (I).
Begriffe
- Selbst
- Rollenübernahme
- generalisierter Anderer
- I und Me
- signifikantes Symbol
- Sozialbehaviorismus
- Emergenz
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Jane AddamsDeutung
Langjährige Freundschaft und gemeinsame Projekte; Mead verteidigte sie öffentlich, als sie wegen ihrer Haltung zum Kriegseintritt der USA angegriffen wurde, obwohl er anders dachte.
John DeweyDeutung
Dewey und Mead waren enge Freunde mit ähnlichen Denkwegen, beide durchliefen eine Hegel-Phase.
Baut auf
Mead übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Georg Wilhelm Friedrich Hegelbelegt
Nach der Stanford Encyclopedia verdankt Mead Hegels Werk viel: Hegel war eine Zeit lang die für ihn wichtigste philosophische Figur, er studierte bei dem von Hegel geprägten Josiah Royce, und sein Werk verbindet Darwin, Hegel, Deweys Psychologie und Gedanken von James. Wie weit das reife Werk hegelianisch bleibt, ist umstritten.
William JamesDeutung
Mead verband Darwin, Hegel, Deweys Psychologie und Einsichten von James; er war zudem Hauslehrer in James' Familie.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Martin BuberDeutung
Beide denken das Selbst aus dem Verhältnis zu anderen: Mead über das Übernehmen der Rollen und Haltungen anderer, Buber über die einzelne Begegnung mit einem Du. Die Fachliteratur hat beide verglichen (die Stanford Encyclopedia nennt Pfuetze 1961); ein historischer Einfluss wird nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie Deutung
Mead wuchs als Sohn eines Pfarrers der Kongregationalisten auf und wurde später überzeugter Naturalist und Nichtgläubiger, schrieb aber über sich, der Geist eines Geistlichen sei in ihm stark. Das kann erklären, warum sein Denken immer auf gemeinsames Handeln für andere zielt.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Mead engagierte sich im Chicago der Progressive Era für Frauenwahlrecht, Settlement-Bewegung, Schulreform und war Mitglied in Streikschlichtungskommissionen. Seine Sozialtheorie ist also aus der Beobachtung städtischer Konflikte gewachsen.[2]
Abhängigkeit belegt
Mead wurde 1891 ohne Promotion in Michigan Dozent, und als Dewey 1894 Leiter in Chicago wurde, bat er um eine Stelle für Mead. Seine Laufbahn hing also stark an der Förderung durch Dewey.[1]
Kritik
Mead veröffentlichte nie eine philosophische Monografie, deshalb haben ihn viele Philosophen übergangen und seine Wirkung blieb zunächst bei Soziologen. Blumer hat laut Wikipedia seine Theorie in eine subjektivistische Bedeutungslehre verschoben, während Mead von objektivem Sinn ausging.
Wirkung heute
Meads Theorie vom Selbst als sozialem Prozess spielt in Habermas' Kommunikationstheorie eine zentrale Rolle und wird in neueren Debatten über verkörperte und soziale Kognition aufgegriffen. In Führung und Teamentwicklung lebt sie weiter in der Frage, wie Rollen, Erwartungen und Eigeninitiative zusammenspielen.
Brücke zu Führung und Coaching
Mead lädt dich ein, in einer Teamrunde zuerst die Perspektive der anderen zu sammeln, bevor du deine Entscheidung begründest. Frag: Wie sieht die Situation für die Kollegin im Vertrieb und für den Kunden aus, und welche Erwartung der ganzen Abteilung steckt in dieser Regel? Danach darf das spontane I ins Spiel: Was wollen wir anders machen als bisher?
Zitate
„Die organisierte Gemeinschaft oder soziale Gruppe, die dem Einzelnen die Einheit seines Selbst gibt, kann „der generalisierte Andere“ genannt werden.“
Lebensstationen
- 1863Geboren am 27. Februar in South Hadley, Massachusetts
- 1887Studium in Harvard (1887/88) bei Josiah Royce, danach Hauslehrer von William James' Sohn
- 1888Studienjahre in Deutschland (bis 1891), unter anderem bei Wundt und Dilthey
- 1891Dozent an der University of Michigan, dort Freundschaft mit Dewey
- 1894Wechsel an die University of Chicago, wo er bis zum Tod blieb
- 1931Gestorben am 26. April in Chicago
Werke
Mind, Self, and Society (1934, aus Vorlesungsnachschriften)
The Philosophy of the Present (1932)
Movements of Thought in the Nineteenth Century (1936)
The Philosophy of the Act (1938)
Anekdote überliefert
Nach einer Kündigung als Lehrer nach vier Monaten arbeitete Mead drei Jahre als Vermessungsingenieur beim Bau einer 1100 Meilen langen Eisenbahnstrecke. Danach begann er sein zweites Studium in Harvard.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- George H. Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, hrsg. von Charles W. Morris, übers. von Ulf Pacher, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968; der Hauptband mit Kapiteln zu Geist, Selbst und Gesellschaft.
- Vertiefung
- Hans Joas, Praktische Intersubjektivität: Die Entwicklung des Werkes von George Herbert Mead (Suhrkamp, 1989)
Noch nicht sicher belegt
- Das Zitat ist ein englisches Original (MSS 154) nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy mit eigener deutscher Übersetzung.
- Ein unmittelbarer Einfluss von Peirce ist nach der deutschen Wikipedia nicht belegt, deshalb gibt es keine Verbindung zu Peirce.
- Dass er der „Vater des Symbolischen Interaktionismus“ sei, sagt die Stanford Encyclopedia of Philosophy nur als Ansicht vieler („considered by many“).
- Seine Kündigung als Lehrer (1883) und die Arbeit beim Eisenbahnbau nennt nur die deutsche Wikipedia.
- Die Dilthey-Kurse nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy, Leipzig und Wundt nur die deutsche Wikipedia.
- Dass er ohne Promotion blieb (1891, Michigan) und am 26. April in Chicago starb, steht nur in der deutschen Wikipedia. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt nur „early in 1931“.
- Die Abgrenzung von Watson nennt nur die deutsche Wikipedia.
- Als Schatzmeister war er laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy in der „Settlement House movement“, laut deutscher Wikipedia im „Hull House“.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Mead
- [1]George Herbert Mead · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]George Herbert Mead · Wikipedia
- [3]George Herbert Mead · Wikipedia
- [4]Jane Addams · Stanford Encyclopedia of Philosophy