Landkarte der Philosophie

Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu

1689–1755 · La Brède bei Bordeaux

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Richter, Adliger und Staatsdenker der französischen Aufklärung, der erklärt, wie Gesetze und Regierungsformen aus Klima, Wirtschaft, Sitten und Religion entstehen, und der die Teilung der Staatsgewalten als Schutz vor Willkür begründet.

Er verbindet die englische Verfassungserfahrung (Locke, England-Reise 1729 bis 1731) mit der französischen Frage nach Willkür und Absolutismus. Voltaire lobte ihn später für seine Ablehnung der Sklaverei, Rousseau steht mit der ungeteilten Volkssouveränität in der Revolution gegen seine Gewaltenteilung.

Kernidee

Montesquieu will Gesetze nicht aus Prinzipien ableiten, sondern aus den Umständen verstehen, für die sie gemacht sind: Klima, Größe, Wirtschaft, Religion, Sitten. Freiheit bedeutet für ihn das Vertrauen, dass die Staatsmacht nicht gegen einen selbst gerichtet wird. Das gelingt am besten, wenn Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung in verschiedenen Händen liegen und sich gegenseitig bremsen.

Bekannt für

Montesquieu kennt man als Vater der Gewaltenteilung: Gesetzgebung, Regierung und Gerichte sollen getrennt sein, damit niemand seine Macht missbraucht. Diese Idee prägte die Verfassung der Vereinigten Staaten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Gewaltenteilung und Freiheit

Montesquieu versteht politische Freiheit als Ruhe des Gemüts, die aus dem Vertrauen in die eigene Sicherheit entsteht. Weil jeder, der Macht hat, sie nach seiner Erfahrung auch missbraucht, müssen Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung bei verschiedenen Personen oder Gremien liegen, die sich gegenseitig bremsen. Im Betrieb gilt das ähnlich: Wer Budget freigibt, prüft und kontrolliert, sollte nicht dieselbe Person sein.

Regierungsformen und ihre Triebfedern

Er unterscheidet Republik, Monarchie und Despotie und gibt jeder ein Prinzip: In der Republik trägt die politische Tugend, also die Liebe zu Gesetzen und Vaterland, in der Monarchie die Ehre, in der Despotie die Furcht. Entscheidend ist, ob einer nach festen Gesetzen herrscht oder nach Laune. Ein Team, das nur aus Angst vor dem Chef funktioniert, verhält sich wie eine kleine Despotie und verliert Mitdenken und Initiative.

Gesetze im Zusammenhang der Umstände

Gesetze sollen zu Volk, Regierungsform, Klima, Boden, Wirtschaft, Religion und Sitten passen, und wer sie ändert, soll das behutsam tun. Montesquieu glaubt, dass Reformen gerade deshalb scheitern können, weil sie diese Verflechtung übersehen. Wer in einer Firma eine neue Regel einführt, ohne die gewachsene Kultur zu kennen, erlebt das oft: Die Regel steht auf dem Papier und wird nicht gelebt.

Begriffe

Gewaltenteilung
Despotie
Geist der Gesetze
Freiheit als Sicherheit
Klimatheorie
sanfter Handel

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • John Locke: Montesquieu knüpft laut Wikipedia (de) mit der Trennung von Legislative und Exekutive an ihn an und ergänzt die Judikative
  • Bernard Mandeville: Seine Bienenfabel prägte laut Wikipedia (de) Montesquieus Gedanken, Leidenschaften durch Regeln nützlich zu lenken

Schüler

  • Die Verfasser der US-Verfassung: übernahmen die Gewaltenteilung laut Stanford Encyclopedia
  • Johann David Michaelis und Johann Gottfried Herder: Wikipedia (de) nennt beide als Rezipienten in Deutschland

Freunde

  • Voltaire: lobte ihn 1777 im Commentaire sur l'Esprit des lois für die Verwerfung der Sklaverei (Wikipedia de, Artikel Voltaire)
  • Diderot und d'Alembert: wollten Montesquieu für die Encyclopédie gewinnen, sein Aufsatz über den Geschmack erschien dort nach seinem Tod

Gegner

  • Katholische Kirche: setzte den Geist der Gesetze 1751 auf den Index
  • Jesuiten, Sorbonne und Jansenisten: griffen das Buch laut Wikipedia (de) heftig an
  • Jakobiner im Geist Rousseaus: lehnten Gewaltenteilung zugunsten ungeteilter Volkssouveränität ab

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Adam FergusonDeutung

    Im politischen Teil seines Systems folgt Ferguson laut Wikipedia Montesquieu und tritt für geregelte Freiheit ein.

  • Grundlage für Cesare BeccariaDeutung

    Britannica spricht von Beccarias Verpflichtung gegenüber Montesquieu, die er großzügig eingestanden habe.

  • baut auf Jean BodinDeutung

    Bodins Gedanken zum Einfluss des Klimas auf Völker wirken über Botero bis Montesquieus Klimadeterminismus (Wikipedia en).

  • baut auf John LockeDeutung

    Montesquieus Trennung der Gewalten knüpft laut Wikipedia (de) an Lockes Trennung von Legislative und Exekutive an und fügt die Judikative hinzu.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Denis DiderotDeutung

    Diderot und d'Alembert hatten Montesquieu für Artikel der Encyclopédie vorgesehen; sein Fragment über den Geschmack erschien 1757 dort.

  • persönlich verbunden mit Voltaire (François-Marie Arouet)Deutung

    Voltaire lobte Montesquieu 1777 im Commentaire sur l'Esprit des lois für die Verwerfung der Sklaverei; beide schrieben für die Encyclopédie.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Jean-Jacques RousseauDeutung

    Die von Rousseau inspirierte Lehre der ungeteilten Volkssouveränität stand laut Wikipedia (de) gegen Montesquieus Gewaltenteilung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Montesquieu war selbst Teil des Systems, das er untersuchte: Er erbte 1716 Titel und das Amt eines Gerichtspräsidenten am Parlement von Bordeaux und leitete elf Jahre die Strafabteilung, wozu laut Stanford Encyclopedia auch das Verhängen von Strafen bis zur Folter gehörte. Seine Vorliebe für Zwischengewalten wie Adel und unabhängige Gerichte passt zu dieser Stellung als adliger Parlamentsrichter.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Montesquieu schrieb nach der Zeit Ludwigs XIV., der den Absolutismus in Reinform lebte und 1685 das Toleranzedikt von Nantes zurücknahm. Seine Warnung vor der Despotie und sein Plädoyer für religiöse Toleranz stehen laut Wikipedia (de) vor diesem Hintergrund.[5]

  • Biografie Deutung

    Die Klimatheorie bindet Temperament und Staatsform an Hitze und Kälte und erklärt Asien als Nährboden der Despotie. Nach der Stanford Encyclopedia hielt er Sklaverei grundsätzlich für schlecht und verachtete religiöse wie rassistische Rechtfertigungen, sah sie aber in sehr heißen Ländern als weniger unvernünftig an, bevor er auch dort Freie als besser einschätzte. Diese Klimaargumente gelten heute als Vorurteil und sind ein Beispiel dafür, wie seine Beispiele der Zeit verhaftet sind.[1]

Kritik

Rousseau-nahe Jakobiner in der Revolution hielten Gewaltenteilung für unvereinbar mit der unteilbaren Volkssouveränität, und Montesquieus Grab wurde laut Wikipedia (de) sogar zerstört. Den radikaleren Ideen vieler Enzyklopädisten setzte er laut Wikipedia (de) einen aufgeklärten, aber konservativen und gemäßigten Ansatz entgegen, und die Stanford Encyclopedia nennt seinen Liberalismus mit Judith Shklar einen Liberalismus der Furcht.

Wirkung heute

Die Gewaltenteilung ist laut Wikipedia (de) in allen demokratischen Staaten zumindest im Grundsatz verwirklicht. Auch die Idee, dass Gesetze nur aus ihrem Umfeld heraus verständlich sind, lebt in Soziologie und Rechtsvergleichung fort.

Brücke zu Führung und Coaching

Montesquieu schärft den Blick für die Frage, wo in deiner Organisation Macht gebündelt ist und wer sie kontrolliert. Stell dir vor, eine Führungskraft entscheidet, bewertet und belohnt dieselben Mitarbeitenden allein: Wer bremst sie, wenn sie falsch liegt? Eine gute Gegenfrage an dein Team lautet: Wo trauen sich Leute nicht zu widersprechen, weil Furcht und nicht Überzeugung das Handeln steuert?

Zitate

„Que le pouvoir arrête le pouvoir. (Die Macht muss der Macht Grenzen setzen.)“

De l'esprit des lois / Vom Geist der Gesetze, Buch 11, Kap. 4 (Stelle nach der Stanford Encyclopedia, SL 11.4); französische Wendung und deutsche Wiedergabe nach Wikipedia (de) (Übersetzung nach Wikipedia, Übersetzer unbekannt)

Lebensstationen

  1. 1689Geboren auf Schloss La Brède bei Bordeaux; Taufe am 18. Januar
  2. 1716Erbt Titel und das Amt eines Gerichtspräsidenten am Parlement von Bordeaux
  3. 1721Lettres persanes erscheinen anonym und machen ihn berühmt
  4. 1728Wahl in die Académie française; Reise nach Italien, Deutschland und England bis 1731
  5. 1748De l'esprit des lois erscheint in Genf; 1751 Index der verbotenen Bücher
  6. 1755Tod in Paris

Werke

Lettres persanes (1721)

Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence (1734)

De l'esprit des lois (1748)

Défense de l'Esprit des lois (1750)

Anekdote belegt

Die Persischen Briefe erschienen 1721 anonym in Amsterdam und wurden laut Wikipedia (de) bald nach dem Erscheinen von der Zensur verboten. Dass Montesquieu der Verfasser war, galt trotzdem bald als offenes Geheimnis und machte ihn berühmt.[5]

Lesetipps

Einstieg
Montesquieu: Vom Geist der Gesetze (Reclam Universal-Bibliothek 8953, 1986), weil die Bücher über Freiheit und Gewaltenteilung dort direkt nachzulesen sind.
Vertiefung
Judith N. Shklar: Montesquieu (Oxford University Press, 1987)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsdatum: Wikipedia (de) nennt die Taufe am 18. Januar 1689, die SEP die Geburt am 19. Januar 1689; es wird nur das Jahr 1689 verwendet. Wikipedia (de) nennt für die Considérations an einer Stelle 1734 (Amsterdam), an anderer 1749 (Lausanne); die SEP nennt 1734, übernommen wurde 1734. Das Zitat ist als französische Wendung und deutsche Wiedergabe in Wikipedia (de) belegt, die Kapitelstelle (Buch 11, Kap. 4) stammt aus der SEP; ein Übersetzer ist nicht genannt. Lesetipp: Die Reclam-Verlagsseite nennt als Erscheinungsdatum der Ausgabe 8953 den 1.1.1986 und keinen Übersetzer; die Angaben 1994 und Übersetzung Kurt Weigand stammten nur aus einem Amazon-Eintrag und wurden gestrichen. Voltaires Commentaire sur l'Esprit des lois (1777) mit dem Lob für die Verwerfung der Sklaverei ist über den Wikipedia-Artikel Voltaire (de) belegt, nicht über den Montesquieu-Artikel. Die Kontext-Einträge Abhängigkeit und Biografie sind Deutungen auf Grundlage der SEP, nicht direkte Aussagen der Quelle; die SEP nennt elf Jahre Vorsitz der Strafkammer, zugleich den Verkauf des Amtes 1725. Die Behauptung, Diderot und d'Alembert hätten Montesquieu für die Encyclopédie gewinnen wollen, ist durch Wikipedia (de) gedeckt (Einträge Démocratie und Despotisme waren vorgesehen). England-Aufenthalt 1729 bis 1731 ist aus der SEP abgeleitet (Abreise nach der Wahl 1728, zwei Jahre England, Rückkehr 1731). Eine Kritik der Klimatheorie als pseudo-naturwissenschaftlich und ein Vorwurf der Zeitgenossen, er sei zu vorsichtig, fanden sich in den Quellen nicht und wurden gestrichen.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Montesquieu

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Montesquieu · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Charles de Secondat, Baron de Montesquieu · Wikipedia
  3. [3]reclam.de/produktdetail/vom-geist-der-gesetze-9783150089538 · Webseite
  4. [4]Wikipedia (de): Voltaire · Wikipedia
  5. [5]Wikipedia (de): Montesquieu · Wikipedia

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