Derek Parfit
1942–2017 · Oxford
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Kommt in diesen Denkwegen vor
Der Oxforder Moralphilosoph, der den Utilitarismus über Fragen nach dem Ich, nach künftigen Generationen und nach Gründen neu durchdenkt.
Parfit baut auf Hume auf, den er für seine Sicht auf das Ich nennt, und steht in Oxford neben Williams und Hare. Peter Singer übernimmt in The Point of View of the Universe (2014) Parfits Sicht, dass es durch den Gegenstand gegebene Gründe gibt (Wikipedia zu Singer).
Kernidee
Parfit meint, dass es kein festes „Ich“ gibt, das unter allen Erlebnissen steckt. Wichtig ist, wie stark Erinnerung und Charakter über die Zeit zusammenhängen. Daraus folgt für ihn, dass uns künftige Menschen und fremde Menschen moralisch näher stehen, als wir meist denken.
Bekannt für
Parfit gilt als einer der einflussreichsten Moralphilosophen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Berühmt ist sein Teletransporter-Gedankenexperiment, mit dem er fragt, ob ein exakt kopierter Mensch noch dieselbe Person wäre.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Selbstaufhebende Theorien
In Teil I von Reasons and Persons zeigt Parfit, dass manche Theorien ihre eigenen Ziele verfehlen, wenn alle sie befolgen. Der Konsequentialismus verlangt zum Beispiel, das Glück zu maximieren, aber eine Welt reiner Wohltäter wäre nicht die glücklichste, weil Liebe und Nähe zu einzelnen Menschen fehlten. Er zieht daraus, dass eine Theorie als Maßstab richtig sein kann, ohne dass man nach ihr täglich entscheiden sollte. Eine Führungskraft kann das Ziel „maximaler Kundennutzen“ haben und trotzdem besser fahren, wenn sie ihr Team nach Vertrauen und Loyalität führt.
Personale Identität und Relation R
Parfit folgt Hume und bestreitet, dass es ein einheitliches Selbst gibt, das alle Erlebnisse und Neigungen eines Menschen zusammenhält. Er meint, es gehe nicht um Identität, sondern um „Relation R“: psychologische Verbundenheit durch Erinnerung und Charakter sowie Kontinuität in überlappenden Ketten. Er beschrieb den Abschied von der Idee eines getrennten Selbst als befreiend, weil ihm andere Menschen dadurch näher kamen. Im Beruf passt das zu der Frage, ob du Entscheidungen von heute so triffst, dass die Person, die du in fünf Jahren sein wirst, damit leben kann.
Künftige Menschen und die abstoßende Schlussfolgerung
Das Nicht-Identitäts-Problem besagt: Unsere Entscheidungen verändern, welche Menschen überhaupt geboren werden, deshalb lassen sich Schäden für sie schwer als Schäden für bestimmte Personen fassen. Zur Gesamtmenge an Glück gehört die „abstoßende Schlussfolgerung“: Wer die Gesamtsumme maximiert, müsste eine riesige Bevölkerung mit kaum lebenswerten Leben einer kleineren, sehr glücklichen vorziehen. Parfit verwandte viel Zeit auf die Suche nach einer Theorie, die das vermeidet. Wer Strategien für zehn Jahre plant, steht vor einer kleinen Version davon: Zählt, wie viele Kunden wir erreichen, oder wie gut wir einzelne Kunden tragen?
Begriffe
- Selbstaufhebende Theorien
- Relation R
- Nicht-Identitäts-Problem
- abstoßende Schlussfolgerung (Repugnant Conclusion)
- Triple Theory
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
John RawlsDeutung
Wikipedia: Parfit traf Rawls während seines Stipendiums in den USA 1965/66.
Baut auf
Parfit übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
David HumeDeutung
Britannica: Parfit folgt Hume mit der These, dass es kein einheitliches Selbst gibt.
Henry SidgwickDeutung
Parfit verfolgte Sidgwicks Fragen zur Bevölkerungsgröße und zu Gesamt- gegenüber Durchschnittsnutzen weiter (SEP, History of Utilitarianism) und setzte sich mit Sidgwicks Lösung des Dualismus auseinander; die SEP nennt Parfits eigene Sicht zutiefst sidgwickianisch (SEP, Sidgwick).
John Lockebelegt
Parfit zählt seine Sicht zu den Nachfolgern Lockes: Nach der Stanford Encyclopedia verteidigte er selbst noch 2016 eine „Lockesche“ Ansicht, weil auch er die Identität der Person im Zusammenhang des seelischen Lebens sieht.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Parfit weiter, meist über Texte.
Peter SingerDeutung
In The Point of View of the Universe (2014) übernimmt Singer Parfits Sicht, dass es durch den Gegenstand gegebene Gründe für Handlungen gibt (Wikipedia).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Parfit wurde 1942 in Chengdu in China geboren, seine Eltern waren Ärzte und lehrten dort in Missionskrankenhäusern vorbeugende Medizin. Dass diese Herkunft sein Interesse an der Not ferner Menschen prägte, sagt die Quelle nicht (Deutung).[1]
Abhängigkeit Deutung
Parfit arbeitete sein ganzes akademisches Leben in Oxford: 1967 Preisstipendium am All Souls College, von 1974 bis 2010 dort Forschungsstipendiat. Dass diese lange, geschützte Stelle erklärt, warum On What Matters rund 15 Jahre Arbeit brauchte, ist eine Deutung.[2]
Geld belegt
Parfit unterstützte den Effektiven Altruismus und versprach, mindestens 10 Prozent seines Einkommens an wirksame Hilfsorganisationen zu spenden. Das passt zu seiner Forderung, wohlhabende Menschen sollten Armen etwas abgeben (belegt); ob persönliche Spenden seine Theorie färbten, ist offen.[1]
Kritik
Roger Scruton warf Parfit vor, Beispiele wie das Trolley-Problem nähmen alles Menschliche aus der Lage heraus und liefen auf bloßes Rechnen hinaus. Mark Johnston hielt Parfits Verständnis von Identität für zu schmal. Die abstoßende Schlussfolgerung wird bis heute bestritten (zum Beispiel von Larry Temkin über die Transitivität von „besser als“), manche wie Michael Huemer und Torbjörn Tännsjö nehmen sie dagegen an.
Wirkung heute
Parfits Population Ethics und die Debatte um die abstoßende Schlussfolgerung treiben bis heute Fragen zu Umweltpolitik und künftigen Generationen an. Britannica nennt sein Projekt, Konsequentialismus, Kant und Vertragstheorie zu einer „Triple Theory“ zu vereinen, als seine wichtigste These in On What Matters.
Brücke zu Führung und Coaching
Parfit hilft dir, Entscheidungen nicht nur für das heutige Team zu bedenken, sondern auch für Menschen, die erst kommen. Frage in der nächsten Strategierunde: Wer ist heute noch nicht dabei, und wie würde er unsere Entscheidung in zehn Jahren beurteilen? Prüfe außerdem, ob eure Ziele sich selbst im Weg stehen, wenn alle sie gleichzeitig verfolgen, etwa wenn jeder Bereich nur sein eigenes Ergebnis optimiert.
Lebensstationen
- 1942geboren in Chengdu, China
- 1967Preisstipendium am All Souls College, Oxford
- 1971erster Aufsatz: Personal Identity
- 1984Reasons and Persons erscheint
- 2011On What Matters, Band 1 und 2
- 2017gestorben in London; Band 3 erscheint kurz danach
Werke
Personal Identity (1971); Reasons and Persons (1984); On What Matters, Bände 1 und 2 (2011)
Band 3 (2017)
Anekdote belegt
Parfit las einen Brief in der Times von einem Mann, der von einer Teenager-Mutter geboren wurde und fragte, ob die Politikerin lieber gehabt hätte, dass er nie geboren worden wäre. Parfit sah darin eine Lehre für das Nicht-Identitäts-Problem: Der Mann wurde nicht geschädigt, aber es wäre besser gewesen, wenn seine Mutter gewartet hätte.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Derek Parfit, Reasons and Persons (Oxford: Clarendon Press, 1984), weil hier alle drei Themen (Selbstaufhebung, Person, künftige Menschen) zusammenkommen.
- Vertiefung
- Brian Duignan, Derek Parfit (Encyclopædia Britannica, Online-Artikel)
Noch nicht sicher belegt
- Sein Todestag ist laut Wikipedia der 2. Januar 2017, laut Britannica der 1. Januar 2017.
- Seine Zeit als Harkness-Stipendiat wird von Wikipedia auf 1965 bis 66, von Britannica auf 1964 bis 67 datiert.
- Sein Verhältnis zu Sidgwick wird in Wikipedia nur beiläufig erwähnt und ist deshalb nicht eingetragen.
- Eine direkte Verbindung zu Singer ist nicht belegt. Belegt ist, dass Singer Parfits Sicht auf objektgegebene Gründe übernimmt.
- Die Beispiele zu Führung und Coaching sind Anwendungen und damit Deutung.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.