Landkarte der Philosophie

Francesco Patrizi da Cherso

1529–1597 · Cherso (Cres), Ferrara, Rom

Strömung
Renaissance und Macht
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Platoniker und Aristoteles-Kritiker, der Raum und Licht zum Ausgangspunkt einer ganz neuen Weltlehre macht und dafür vom Index getroffen wird.

Im Block steht Patrizi zwischen Telesio, dessen Aristoteles-Kritik er teilt, aber dessen Grundannahmen er angreift, und Bruno, mit dem er die Hermetik (antike Schriften, die dem Weisen Hermes Trismegistos zugeschrieben wurden und die man damals für sehr alt hielt) gemeinsam hat, aber anders nutzt. Er zeigt, wie die Naturphilosophie der Renaissance an der Kirchenzensur hängenbleibt.

Kernidee

Patrizi will die Naturlehre des Aristoteles an katholischen Schulen durch eine platonische ersetzen. Im Zentrum steht der Raum: Er kommt vor den Körpern, die Welt liegt in einem unendlichen leeren Raum, und Licht vermittelt zwischen Körperlichem und Unkörperlichem. Gott ist für ihn das erste Licht.

Bekannt für

Er gilt als Wegbereiter eines modernen Raumbegriffs, der Raum als eigenständige Größe vor den Dingen versteht. Auch als Historiker, Dichtungstheoretiker und Kenner antiker Handschriften ist er bekannt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Raum vor den Körpern

Patrizi ersetzt Aristoteles' Begriff des Ortes durch den Raum als erstes Prinzip der Körper. Die Welt liegt in einem unendlichen leeren Raum, und der mathematische Raum ist früher als der physische. Wenn du ein Projekt planst, gleicht das dem Gedanken, dass erst der Rahmen steht, in dem später die einzelnen Dinge Platz finden.

Licht als Vermittler

Licht verbindet bei ihm Körperliches und Unkörperliches, und Gott ist das erste Licht. Im Hauptwerk Nova de universis philosophia steigt er stufenweise vom Licht über Prinzipien und Seele bis zum Kosmos. Im Betrieb entspricht das einer Kultur, in der Transparenz verbindet, was sonst nebeneinander herläuft.

Platon statt Aristoteles an katholischen Schulen

Patrizi hielt Platon in den meisten Fragen für besser und vereinbar mit der Kirchenlehre. Er schlug dem Papst fünf Philosophien statt allein der aristotelischen vor, darunter die Hermetik. Wer in einem Team immer nur eine Methode kennt, kann das als Anregung lesen, mehrere Zugänge nebeneinander zuzulassen.

Begriffe

Raum
: ein reales, dreidimensionales, gleichförmiges Seiendes, das vor allen Körpern besteht und für Patrizi das erste Seiende der sinnlichen Welt ist
Licht
: formendes, belebendes Grundprinzip des Universums und Vermittler zwischen Körperlichem und Unkörperlichem; Gott ist das erste Licht
Platonismus
: die Lehre Platons und seiner Nachfolger; für Patrizi die bessere Grundlage der Naturlehre und mit der Kirchenlehre vereinbar
Panaugia
: erster Teil seines Hauptwerks Nova, in dem Gott als erstes Licht gedacht wird und Licht, Brechung und Farben behandelt werden
Weltseele
: die Seele, die den ganzen Kosmos belebt und mehr ist als die Summe der einzelnen Seelen; Thema der Pampsychia, eines Teils der Nova
Aristoteles-Kritik
: Patrizis Versuch, in den Discussiones peripateticae das ganze System des Aristoteles zu Fall zu bringen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Freunde

  • Jacopo Mazzoni: laut SEP Zeitgenosse und Briefpartner, trotz des Gelehrtenstreits von 1587; folgte ihm auf dem Lehrstuhl für platonische Philosophie in Rom

Gegner

  • Teodoro Angelucci: Aristoteliker, der Patrizi kritisierte
  • Jacopo Mazzoni: Streit um ein verlorenes Werk des Sositheos (1587)
  • Pedro Juan Saragoza und Francisco Toledo: Zensoren seiner Nova

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf PlatonDeutung

    Er hält Platon für besser und mit der Kirchenlehre vereinbar, in Rom lehrte er Platonische Philosophie (SEP, de.wikipedia).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert AristotelesDeutung

    Patrizi bestreitet Aristoteles' Lehre von Sein, Stoff und Form (SEP Patrizi).

  • kritisiert Bernardino TelesioDeutung

    Die beiden standen seit Padua im Austausch und Briefwechsel; in einem Brief vom 26. Juni 1572 prüft Patrizi Telesios Prinzipien kritisch, seine Einwände wurden 1590 den Varii libelli beigefügt (de.wikipedia, SEP Telesio).

  • wird kritisiert von Giordano BrunoDeutung

    Bruno verspottete Patrizis Discussiones peripateticae laut de.wikipedia als Pedantenmist; beide nutzten hermetische Texte, Bruno aber zur Rechtfertigung von Magie (SEP Patrizi).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Bernardino TelesioDeutung

    Die beiden standen seit Padua im Austausch und Briefwechsel; in einem Brief vom 26. Juni 1572 prüft Patrizi Telesios Prinzipien kritisch, seine Einwände wurden 1590 den Varii libelli beigefügt (de.wikipedia, SEP Telesio).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Patrizi lebte von Gönnern und Ämtern: Alfonso II. d'Este richtete ihm in Ferrara einen Lehrstuhl für platonische Philosophie ein, später kam er durch Kardinal Aldobrandini, den späteren Papst Clemens VIII., an die Sapienza, die Universität in Rom. Sein Hauptwerk widmete er Papst Gregor XIV.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Die Nova de universis philosophia wurde zensiert: Der Zensor Saragoza lehnte unter anderem die Erdrotation als unvereinbar mit der Schrift ab, 1592 kam das Werk auf den Index, 1594 folgte ein absolutes Verbot. Patrizi verbrachte seine letzten Jahre mit der Verteidigung und starb vor der Überarbeitung.[1]

  • Geld Deutung

    Er verkaufte 75 griechische Handschriften an die Bibliothek des Escorial (der Bibliothek des spanischen Königs Philipp II.), nachdem ein Buchhandelsunternehmen gescheitert war. Seine wirtschaftliche Lage zwang ihn zu vielen Ortswechseln.[2]

Kritik

Aristoteliker wie Angelucci hielten seine Angriffe auf Aristoteles für unberechtigt. Die kirchlichen Zensoren sahen in der Erdrotation und anderen Thesen einen Widerspruch zur Heiligen Schrift.

Wirkung heute

Sein Raumbegriff und seine mathematische Physik gelten in der Forschung als Vorläufer von Galilei, Descartes und Newton, wobei das teilweise Deutung ist. Auch sein weiter Begriff von Geschichte als Wissenschaft wird gewürdigt.

Brücke zu Führung und Coaching

Patrizi zeigt, was passiert, wenn man ein bewährtes Schulsystem komplett ersetzen will: Die Institution wehrt sich. Frag dich bei einer Veränderung im Team: Welche Gewohnheit wollen wir wirklich ersetzen, und wer verliert dadurch Sicherheit? Und wie bieten wir Alternativen an, ohne die Beteiligten bloßzustellen?

Lebensstationen

  1. 1529Geboren auf Cherso (Cres)
  2. 1547Studium in Padua, Wechsel von der Medizin zu den Geisteswissenschaften
  3. 1578Lehrstuhl für platonische Philosophie in Ferrara
  4. 1591Nova de universis philosophia erscheint in Ferrara
  5. 1592Wechsel an die Sapienza in Rom; Nova kommt auf den Index
  6. 1597Stirbt in Rom

Werke

La città felice (1553); Della historia (1560); Discussiones peripateticae (1571, erweitert Basel 1581); Della poetica (1586); De rerum natura mit De spacio physico und De spacio mathematico (1587); Nova de universis philosophia (Ferrara 1591); Paralleli militari (1594–95)

Lesetipps

Vertiefung
Thomas Sören Hoffmann: Philosophie in Italien. Eine Einführung in 20 Porträts, Marix, Wiesbaden 2007: deutschsprachige Einführung, die de.wikipedia in der Literatur zu Patrizi führt.

Noch nicht sicher belegt

  • Zensurdatum: SEP gibt sowohl 1591 als auch 1592 an, de.wikipedia Dezember 1592 (Indizierung) und Juli 1594 (absolutes Verbot). Wie Patrizi nach Rom kam: SEP nennt Clemens VIII., de.wikipedia Kardinal Aldobrandini, der im Januar 1592 Papst Clemens VIII. wurde. Prüfer: Mazzoni war kein Schüler (SEP: Zeitgenosse, Briefpartner, Nachfolger im Lehrstuhl; de.wikipedia: Gegner im Sositheos-Streit), daher aus schueler entfernt und unter freunde mit Vorbehalt geführt. Die Brunokante beruhte nur auf gemeinsamer Nennung und stützt sich jetzt auf Brunos Spott laut de.wikipedia (Rezeptionsteil, ohne Stellenangabe). Die Escorial-Verkäufe stehen nur in de.wikipedia (75 Codices, Februar 1575); die SEP spricht vom Verkauf an Philipp II. Kein deutschsprachiger Primärtext-Einstieg per Suche bestätigt.

Herkunft der Daten: Renaissance und Macht. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Patrizi

  1. [1]de.wikipedia, Francesco Patrizi da Cherso – https://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Patrizi_da_Cherso; SEP, Francesco Patrizi · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]de.wikipedia, Francesco Patrizi da Cherso · Wikipedia
  3. [3]SEP, Bernardino Telesio · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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