Landkarte der Philosophie

Gilbert Ryle

1900–1976 · Oxford

Strömung
Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Oxforder Professor, der mit dem Begriff des Kategorienfehlers die Vorstellung vom Geist als innerem Gespenst im Körper angriff und die Philosophie der normalen Sprache mitprägte.

Er gehört zur ersten Generation der Oxforder Sprachphilosophie, Ayer zählt zu seinen Studenten. Die SEP sieht ihn mit Wittgenstein auf parallelen Wegen und nennt Moore und Russell als wichtige Einflüsse.

Kernidee

Ryle sagt: Viele philosophische Probleme entstehen, weil wir Wörter in die falsche Kategorie stecken, so als würden wir nach dem Geist suchen, wie man nach einem weiteren Gegenstand neben dem Körper sucht. Geistige Begriffe beschreiben nach ihm vor allem, was Menschen können und wie sie handeln, nicht verborgene Vorgänge in einer inneren Welt. Aufgabe der Philosophie ist es, die Landkarte unserer Begriffe zu ordnen.

Bekannt für

Ryle ist bekannt für The Concept of Mind (1949), in dem er den Geist-Körper-Dualismus des Descartes als Kategorienfehler zurückweist. Das Bild vom Gespenst in der Maschine begegnet dir heute noch in jeder Debatte darüber, ob Denken mehr ist als Verhalten und Gehirnvorgänge.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kategorienfehler

Ein Kategorienfehler liegt vor, wenn ein Ausdruck so verwendet wird, als gehöre er zu einer anderen logischen Art, als er tatsächlich tut. Ryle wirft der cartesischen Lehre vor, Geist und Körper wie zwei Dinge derselben Sorte zu behandeln, die nur verschieden ausgestattet seien. Wer in einem Unternehmen nach dem Teamgeist als weiterem Mitarbeiter neben den Mitarbeitern sucht, begeht denselben Fehler: Teamgeist zeigt sich in der Art, wie Menschen zusammenarbeiten.

Wissen-wie und Wissen-dass

Ryle unterscheidet praktisches Können (knowing how) von Wissen über Tatsachen (knowing that). Er hält die Annahme für eine Legende, kluges Handeln sei immer die Folge davon, dass man zuvor im Kopf Regeln durchgeht, weil das in einen endlosen Regress führt. In der Führung zeigt sich das, wenn jemand Gespräche meisterhaft führt, ohne die Gesprächsregeln aufsagen zu können: Seine Erfahrung steckt im Tun.

Philosophie als logische Geografie

Philosophische Probleme sind für Ryle Fragen nach dem Gefüge unserer Begriffe, nicht nach besonderen Gegenständen. Wie ein Kartograf sollen Philosophen zeigen, welche Begriffe wie zusammenhängen und wo wir uns verlaufen. Wenn zwei Abteilungen über Qualität streiten, hilft zuerst die Kartenarbeit: Was meint jede Seite mit dem Wort, und auf welchen Ebenen sprechen sie?

Begriffe

Kategorienfehler
Wissen-wie und Wissen-dass
logische Geografie
systematisch irreführende Ausdrücke
Dispositionen
dichte Beschreibung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • A. J. Ayer: war Student bei Ryle in Oxford
  • Daniel Dennett: promovierte bei ihm
  • Colin Radford: promovierte bei ihm

Freunde

  • Ludwig Wittgenstein: unternahm 1930 mit ihm eine Wanderung, die SEP sieht beide auf parallelen Pfaden

Gegner

  • A. J. Ayer: stellte Ryles Umgang mit privaten Erlebnissen wie Träumen in Frage
  • René Descartes (die Lehre vom Dualismus): Ziel seiner Kritik

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Alfred Jules AyerDeutung

    Ryle war Ayers Tutor in Oxford und empfahl ihm den Besuch bei Schlick in Wien.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Bertrand RussellDeutung

    Die SEP nennt Russells Theorie der Kennzeichnungen als Einfluss auf Ryle.

  • baut auf George Edward MooreDeutung

    Die SEP nennt Moores Common Sense und Sprachgebrauch als Einfluss auf Ryle.

  • Grundlage für Wilfrid SellarsDeutung

    Deutung: Sellars benennt die Ryleaner in seinem Gedankenexperiment in Empiricism and the Philosophy of Mind nach Ryle und geht von deren behavioristischer Sprache aus, um über sie hinauszugehen.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Ludwig WittgensteinDeutung

    Die SEP sieht beide auf parallelen Pfaden, 1930 wanderten sie gemeinsam.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Im Zweiten Weltkrieg diente Ryle bei den Welsh Guards im Nachrichtendienst und stieg bis zum Major auf. 1945 wurde er auf den Waynflete-Lehrstuhl für Metaphysik in Oxford gewählt.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Ryle war von 1947 bis 1971 Herausgeber der Zeitschrift Mind und damit Gatekeeper für das, was in der britischen Philosophie erschien. Das kann die Verbreitung der Philosophie der normalen Sprache begünstigt haben.[1]

Kritik

Viele lasen Ryle als Behavioristen, also als jemanden, der Geist auf Verhalten zurückführt; die SEP weist diese Lesart zurück, Place, Armstrong, Putnam und Fodor meinten trotzdem, er habe das Verhältnis von geistigen Begriffen und Verhalten falsch gefasst. Ayer stellte Ryles Umgang mit privaten Erlebnissen wie Träumen in Frage. In den 1960er und 1970er Jahren verlor sein Ansatz an Einfluss, als die kognitivistischen Theorien von Chomsky, Simon und Fodor aufkamen.

Wirkung heute

Seine Unterscheidung von Wissen-wie und Wissen-dass wird weiter diskutiert, etwa im Aufsatz „Knowing How“ von Jason Stanley und Timothy Williamson. Sein Schüler Dennett meint, dass neuere Strömungen wie die verkörperte Kognition (Denken als Tätigkeit des ganzen Körpers in seiner Umwelt) Ryles Werk wieder interessant machen.

Brücke zu Führung und Coaching

Ryle erinnert dich daran, Können und Wissen zu trennen: Eine Mitarbeiterin, die schwierige Kundengespräche gut führt, kann es oft nicht erklären, und dennoch ist es echte Kompetenz. Frage im Team: Woran siehst du, dass jemand etwas kann, statt nur zu wissen, wie es geht? Und prüfe bei großen Wörtern wie Kultur oder Haltung, ob du sie wie ein Ding behandelst oder als Beschreibung davon, wie Menschen sich verhalten.

Lebensstationen

  1. 1900Geboren in Brighton
  2. 1919Beginn des Studiums am Queen's College in Oxford
  3. 1924Abschluss in Modern Greats (PPE), Lektor für Philosophie am Christ Church
  4. 1945Waynflete Professor of Metaphysical Philosophy in Oxford
  5. 1947Beginn der Herausgeberschaft von Mind (bis 1971)
  6. 1949The Concept of Mind erscheint
  7. 1976Gestorben in Whitby, Yorkshire

Werke

Systematically Misleading Expressions (1932); Knowing How and Knowing That (1946); The Concept of Mind (1949, deutsch: Der Begriff des Geistes, 1969); Dilemmas (1954, deutsch: Begriffskonflikte, 1970); Plato's Progress (1966); Collected Papers (2 Bände, 1971); On Thinking (1979, nachgelassen)

Anekdote überliefert

Nach der Lektüre von The Concept of Mind soll Wittgenstein gesagt haben, nun sei die ganze Magie verschwunden ("all the magic is gone"). Die SEP gibt diese Reaktion wieder.[1]

Lesetipps

Einstieg
Gilbert Ryle: Der Begriff des Geistes (deutsch von Kurt Baier, Stuttgart 1969), das Hauptwerk, in dem der Kategorienfehler eingeführt wird.
Vertiefung
Julia Tanney: Rethinking Ryle, kritischer Kommentar in der Jubiläumsausgabe von The Concept of Mind (Routledge 2009)

Noch nicht sicher belegt

  • Deutsche Übersetzung: de.wikipedia nennt Stuttgart 1969, den Verlag (vermutlich Reclam) nennt keine geöffnete Quelle; Übersetzer K. Baier nur aus einem Suchtreffer (Rezension 1970, Seite nicht abrufbar, deshalb aus quellen entfernt). Der Aufsatz Systematically Misleading Expressions: SEP nennt 1932, Wikipedia 1931 (Magee); hier 1932 nach SEP. Die Formel ghost in the machine steht laut Abruf nicht in der SEP, Wikipedia nennt sie. Die Verbindung zu Moore und Russell als Einfluss stützt sich auf die SEP-Zusammenfassung, nicht auf eine wörtliche Stelle. Kein eigener Beleg für die Wirkung der Herausgeberschaft auf die Verbreitung (Deutung). Tod: Wanderung in den Mooren laut SEP. Kante zu Austin und Strawson nicht belegt, deshalb weggelassen. Prüfer: Kontext-Satz, die Professur habe zur Karriere der Oxforder Sprachphilosophie beigetragen, steht in keiner Quelle und wurde gestrichen. Jahr 2001 für Stanley/Williamson in keiner abgerufenen Quelle, deshalb weggelassen. Ayers Einwand nach SEP umformuliert (betrifft private Episoden wie Träume).

Herkunft der Daten: Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Ryle

  1. [1]SEP Gilbert Ryle · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (en): Gilbert Ryle · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de): Gilbert Ryle · Wikipedia

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