Landkarte der Philosophie · Wer bin ich eigentlich?
Wer bin ich eigentlich? Der Weg im Überblick
Lesedauer ungefähr 4 Minuten · Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.
Beim Aufräumen findest du ein Tagebuch, das du mit fünfzehn geschrieben hast. Du erkennst die Schrift, aber manche Gedanken kommen dir fremd vor. Dieser Überblick zeigt in fünf Schritten, wie verschiedene Antworten auf die Frage, wer du eigentlich bist, diesen Fall jeweils anders ansehen. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang und nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.
Das denkende Ich: Beim Lesen wunderst du dich, und das Wundern scheint irgendwo in dir stattzufinden. René Descartes hält fest, dass du dir am sichersten bist, dass du denkst, und versteht dich deshalb als denkendes Ding, das etwas anderes ist als dein Körper. Diese Trennung stützt er erst in der Sechsten Meditation auf klare und deutliche Einsicht, und sie trägt nur, wenn man seinen Beweis annimmt, dass Gott nicht täuscht. Elisabeth von Böhmen fragte ihn, wie etwas ohne Ausdehnung einen Körper bewegen soll, und Descartes räumte ein, keine gute Antwort zu haben.
Erinnerung über die Jahre: An einen Ausflug erinnerst du dich sofort, an einen Streit gar nicht. Für John Locke reicht deine Identität so weit, wie du dich auf frühere Handlungen und Gedanken als deine eigenen beziehen kannst, wobei umstritten ist, ob er damit Erinnerung meint. Thomas Reid wandte mit seinem General, der sich an die Prügel als Junge nicht mehr erinnert, ein, dass ein reiner Erinnerungsgedanke in Widersprüche gerät. Derek Parfit hält die Frage nach der Identität für weniger wichtig als den Zusammenhang aus Erinnerungen, Überzeugungen, Absichten und Charakterzügen, der dich mit damals verbindet.
An dieser Stelle kannst du zwei Fragen folgen: Woher hast du überhaupt die Vorstellung, ein Ich zu sein, das gleich bleibt? Oder woran hältst du fest, wenn du sagst: So bin ich? Beide führen zu einem ähnlichen Ergebnis, aber auf verschiedenen Wegen.
Kein festes Ich?: Du suchst in dir nach jemandem, der damals und heute dabei war, und findest nur einzelne Erinnerungen, Stimmungen und Geräusche. David Hume findet beim Blick nach innen nie ein Ich, sondern nur Wahrnehmungen, und erklärt das Gefühl, dieselbe Person zu sein, aus ihrer Verknüpfung; im Anhang zu seinem Traktat gestand er, sich dabei in ein Labyrinth verirrt zu haben. Die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst findet in ihrer Hauptlinie in den Bestandteilen eines Menschen nichts Bleibendes und sieht im Festhalten an einem „Ich“ die Wurzel von Leiden. Ein Einfluss zwischen beiden ist nicht belegt, und die Lehre gehört zu einem Weg mit Wiedergeburt und Karma.
Durch andere: Ein Zettel aus der Schulzeit sagt, du seist immer für einen Witz gut gewesen, zu Hause warst du still. George Herbert Mead meint, dass ein Selbst entsteht, indem du dich mit den Augen einer Gruppe siehst, und jede Gruppe bringt eine eigene Seite hervor, ohne dein Handeln ganz festzulegen. Hegel fragt, unter welchen Bedingungen Selbstbewusstsein möglich ist, und verlangt gegenseitige Anerkennung unter Gleichen. Kritiker wie Louis Althusser sehen die Gefahr, dass Anerkennung Menschen auf vorgegebene Rollen festlegt.
Sich selbst formen: Auf einer Seite steht, wie du später sein wolltest, und am Ende des Heftes sind noch leere Seiten. Friedrich Nietzsche versteht das Selbst als Gefüge aus Trieben, dem du wie ein Kunstwerk eine Form gibst, und nennt das eine schwierige Leistung, die auf Widerstände trifft. Judith Butler beschreibt, wie du in Normen hineinwächst, die schon vor deinem Handeln da sind, und sieht Spielraum dort, wo du eine Norm anders wiederholst. Offen bleibt bei Nietzsche, woher die Maßstäbe kommen, und bei Butler, woher die Kraft zum anderen Wiederholen kommt.
Offen bleibt, was du meinst, wenn du „ich“ sagst. Jede Antwort sieht etwas, das den anderen leicht entgeht, und du kannst dich fragen, was du jetzt sagen würdest, ob du noch dieselbe Person bist wie damals.
Der Überblick verdichtet die geprüften Stationen. Begründungen, Einwände und Quellen stehen in den Stationen selbst.