Gregory Bateson
Anthropologe · 1904–1980 · Grantchester bei Cambridge, später Palo Alto und Santa Cruz (Kalifornien)
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- Kybernetikbelegt[1]Systemtheoriebelegt[6]
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Was passiert, wenn dein Team zwei Botschaften zugleich hört und niemand darüber sprechen darf?
- Position
- Bateson sieht in der Doppelbindung ein Kommunikationsmuster, bei dem widersprüchliche Botschaften auf verschiedenen Ebenen zusammentreffen, ohne dass Metakommunikation, also ein Gespräch über die Botschaft, möglich ist. Bedeutung hängt für ihn immer vom Kontext ab. Wer Mitteilungen nur für sich nimmt, versteht sie falsch.
- Einwand
- Dass solche Widersprüche Schizophrenie auslösen, gilt laut deutscher Wikipedia heute nicht mehr als anerkannt. Die englische Wikipedia sieht die Doppelbindung eher als Beispiel für Batesons Blick auf Kommunikation.
- Verbindung
- Bateson steht zwischen Wiener und von Foerster (Kybernetik, Macy-Konferenzen) und Watzlawick (Kommunikation).
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Kommt in diesen Denkwegen vor
Englischer Anthropologe und Systemdenker, der mit der Doppelbindung und einer Lehre von Lernebenen Kommunikation und Lernen als Wechselspiel von Ebenen und Kontexten beschrieb.
Bateson verbindet in diesem Kapitel Kybernetik, Kommunikationsforschung und Lerntheorie. Er gehörte zur Kerngruppe der Macy-Konferenzen, entwickelte in Palo Alto mit Jackson, Haley und Weakland die Doppelbindungstheorie, und die deutsche Wikipedia zählt Paul Watzlawick zu seinen Schülern aus dem Umfeld der Palo-Alto-Gruppe.
Kernidee
Bateson untersucht Kommunikation als Muster in einem Kontext und unterscheidet die Ebene einer Mitteilung von der Ebene, die diese Mitteilung einordnet. Wenn beide Ebenen sich widersprechen und der Betroffene darüber nicht sprechen oder die Situation verlassen kann, spricht er von einer Doppelbindung. Außerdem ordnet er Lernen in Stufen, in denen höhere Stufen das Lernen der darunterliegenden verändern.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Batesons Bruder Martin nahm sich 1922 öffentlich das Leben, nachdem er mit seinem Vater, dem Genetiker William Bateson, über seinen Wunsch, Dichter zu werden, in Streit geraten war und eine Enttäuschung in der Liebe erlebt hatte. Nach dem Tod seiner beiden Brüder richteten die Eltern ihre Erwartungen auf Gregory. Die Quelle stützt sich dabei auf die Darstellung von Lipset (1982), und sie sagt nicht, wie dies sein Denken beeinflusst hat.[1]
Fundstelle: Abschnitt Early life and education
Bekannt für
Man kennt Bateson für die Doppelbindungstheorie (double bind) und für Steps to an Ecology of Mind. Er arbeitete als Anthropologe auf Neuguinea und Bali und wurde später ein Denker der Kybernetik.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Doppelbindung
Eine Doppelbindung liegt nach Bateson vor, wenn jemand widersprüchliche Aufforderungen oder Gefühlsbotschaften auf verschiedenen Kommunikationsebenen erhält, darüber nicht sprechen kann und die Situation nicht verlassen darf. Das Beispiel in der Quelle ist ein Kind, das zum freien Sprechen ermuntert, aber getadelt wird, sobald es spricht. Übertragen auf heute: Eine Führungskraft, die offene Kritik verlangt und jede Kritik übel nimmt, stellt ihr Team vor eine ähnliche Lage.
Metakommunikation und Kontext
Metakommunikation ist eine Mitteilung, die eine andere Mitteilung einordnet, also in einen Kontext oder einen genaueren Kontext bringt. Widersprüche zwischen Mitteilung und Metamitteilung sind nach Bateson im Spiel, im Humor und in der Kreativität Teil des Ganzen, außerhalb davon aber problematisch. Übertragen auf heute: In einem Meeting hilft es, auszusprechen, in welchem Rahmen etwas gemeint ist, zum Beispiel ob ein Satz ein Scherz oder eine Anweisung ist.
Lernebenen
Bateson ordnet Lernen in eine Hierarchie von Stufen, die nach der deutschen Wikipedia von Bertrand Russells Typentheorie angeregt ist. Lernen I lernt eine Reaktion in einem Kontext, Lernen II ist das Lernen des Lernens (Deutero-Lernen) und prägt Gewohnheiten und Charakter, Lernen III ist die Neuordnung dessen, was auf der zweiten Stufe gelernt wurde. Übertragen auf heute: Wenn ein Team nicht nur Fehler korrigiert, sondern seine Gewohnheit überdenkt, wie es Fehler behandelt, arbeitet es auf einer höheren Ebene.
Begriffe
- Doppelbindung
- Metakommunikation
- Kontext
- Lernebenen
- Deutero-Lernen
- Schismogenese
- Ökologie des Geistes
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Heinz von FoersterPrüfstand: belegt
Bateson und Heinz von Foerster gehören zu den Teilnehmern der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; von Foerster gab die Protokolle mit heraus.
Kurt LewinPrüfstand: belegt
Kurt Lewin und Bateson stehen beide in der Teilnehmerliste der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; eine persönliche Zusammenarbeit wird nicht behauptet.
Norbert WienerPrüfstand: belegt
Wiener und Bateson gehören beide zu den Teilnehmern der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; Wikipedia nennt Bateson zudem unter den von Wieners Arbeit Beeinflussten.
Baut auf
Bateson übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Bertrand RussellPrüfstand: belegt
Batesons Hierarchie der Lerntypen ist nach der deutschen Wikipedia von Bertrand Russells Typentheorie inspiriert.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Bateson weiter, meist über Texte.
Paul WatzlawickPrüfstand: belegt
Watzlawicks Kommunikationslehre in Pragmatics of Human Communication gründet auf Batesons Denken (Doppelbindung, Metakommunikation) und führt die Arbeit der Palo-Alto-Gruppe weiter.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Chris ArgyrisPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Argyris' Doppelschleifenlernen und Batesons Lernebenen fragen beide, ob ein Lernender nur sein Handeln oder auch den Rahmen dieses Handelns ändert; ein Bezug zwischen beiden ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Im Zweiten Weltkrieg diente Bateson im amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services und entwarf Rundfunksendungen der sogenannten schwarzen Propaganda. Er war über diese Erfahrung bestürzt und stritt mit seiner Frau darüber, ob Wissenschaft für soziale Planung genutzt oder nur dem Verstehen dienen soll.[1]
Abhängigkeit belegt
Die Doppelbindungstheorie entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts in Palo Alto zwischen 1953 und 1963 mit den Psychiatern Don Jackson, Jay Haley und John Weakland. Die englische Wikipedia merkt an, sie sei wohl hauptsächlich unter dem Einfluss der psychiatrischen Mitarbeiter als Erklärung für Schizophrenie vorgestellt worden und gelte heute eher als Beispiel für Batesons Zugang zur Kommunikation.[1]
Kritik
Die deutsche Wikipedia hält fest, dass Batesons Theorie, Widersprüche zwischen Mitteilung und Metamitteilung führten zu Schizophrenie, heute so nicht mehr anerkannt ist. Die Doppelbindung gilt deshalb vor allem als Modell für Kommunikationsmuster, nicht als Erklärung der Krankheit.
Wirkung heute
Die Begriffe Doppelbindung, Metakommunikation und Kontext sind in Kommunikationslehre und Familientherapie geläufig. Die deutsche Wikipedia nennt ihn einen geistigen Vater der systemischen Therapie und hält fest, dass seine Vermutung, Doppelbotschaften seien maßgeblich für die Entstehung von Schizophrenie verantwortlich, empirischen Studien nicht standhielt.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn dein Team widersprüchliche Signale bekommt, etwa 'Seid mutig' und gleichzeitig 'Fehler werden vermerkt', kannst du den Widerspruch selbst zum Thema machen. Du fragst, welche Botschaft auf welcher Ebene gilt und ob darüber gesprochen werden darf. Das ist eine Übertragung einer Kommunikationslehre aus der Psychiatrie auf Führung und ersetzt keine Therapie.
Lebensstationen
- 1904Geburt in Grantchester bei Cambridge
- 1927Erste Reise nach Neuguinea
- 1936Naven erscheint; Heirat mit Margaret Mead (englische Wikipedia 1936, deutsche Wikipedia 1935)
- 1953Beginn des Forschungsprojekts in Palo Alto (bis 1963)
- 1956Aufsatz Toward a Theory of Schizophrenia; Einbürgerung in den Vereinigten Staaten
- 1972Steps to an Ecology of Mind erscheint
- 1980Tod in San Francisco
Werke
- Toward a Theory of Schizophrenia (1956)
Ersterscheinung: Behavioral Science, Band 1, Heft 4 (1956), Seiten 251 bis 264, mit Don D. Jackson, Jay Haley und John Weakland. Deutsche Ausgabe: „Auf dem Wege zu einer Schizophrenie-Theorie (in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp)“.
- Steps to an Ecology of Mind (1972)
Ersterscheinung: San Francisco: Chandler Publishing Company, 1972. Deutsche Ausgabe: „Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven“ (1981).
- Mind and Nature: A Necessary Unity (1979)
Ersterscheinung: 1979. Deutsche Ausgabe: „Geist und Natur. Eine notwendige Einheit“ (1982).
Lesetipps
- Einstieg
- Gregory Bateson, Ökologie des Geistes (Suhrkamp, 1981), deutsche Ausgabe von Steps to an Ecology of Mind; sie enthält die Aufsätze zu Doppelbindung und Lernebenen.
- Vertiefung
- Wolfram Lutterer, Gregory Bateson. Eine Einführung in sein Denken (Carl-Auer-Systeme, 2002)
Noch nicht sicher belegt
- Zu Bateson gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Die Darstellung stützt sich auf die englische und die deutsche Wikipedia sowie Crossref.
- Die Bedingungen der Doppelbindung sind nach der englischen Wikipedia wiedergegeben.
- Der Originalaufsatz von 1956 wurde nicht gelesen.
- Die deutsche Ausgabe „Ökologie des Geistes“ erschien nach der deutschen Wikipedia 1981 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 571, übersetzt von Hans Günter Holl).
- Einzelne Kataloge nennen 1985 als späteren Nachdruck.
- Das Jahr 1981 ist nur über die deutsche Wikipedia belegt.
- Für die deutsche Ausgabe des Aufsatzes von 1956 nennt die deutsche Wikipedia den Titel „Schizophrenie und Familie“ (Suhrkamp) mit 2002 als Neudruck und 1969 als Erstausgabe nur als Zusatz in der Herausgeberangabe.
- Die Seite zu Double Bind nennt 1984.
- Ein Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe wird deshalb nicht angegeben.
- Zu den Macy-Konferenzen führt die englische Wikipedia die Teilnehmer, sagt aber nichts über persönliche Kontakte.
- Margaret Mead hat noch keinen eigenen Eintrag auf der Landkarte.
- Ihre Ehe mit Bateson und die gemeinsame Arbeit auf Bali sind belegt.
- Die Heirat mit Margaret Mead datiert die englische Wikipedia auf 1936, die deutsche auf 1935.
- Ein Bezug der Lernebenen zu Argyris' Einschleifen- und Doppelschleifenlernen ist in keiner genutzten Quelle belegt.
- Das Forschungsprojekt in Palo Alto datiert die englische Wikipedia auf 1953 bis 1963.
- Die deutsche Wikipedia nennt 1952 als Projektbeginn und 1951 bis 1962 für Stanford.
Wege durchs Netz
2. Beziehungen und Rückkopplungen
Bateson beschrieb mit der Doppelbindung und den Lernebenen Kommunikation als Wechselspiel von Ebenen.
Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Bateson
- [1]Gregory Bateson – Wikipedia (en), Abschnitt Career
- [2]Gregory Bateson · Wikipedia
- [3]Macy conferences · Wikipedia
- [4]Double bind · Wikipedia
- [5]api.crossref.org/works/10.1002/bs.3830010402 · Webseite
- [6]Systemtheorie – Wikipedia (de) · abgerufen 2026-10-22