Salomon Maimon
1753–1800 · Berlin
- Strömung
- Kant und Deutscher Idealismus
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der aus Litauen stammende Autodidakt, den Kant für seinen scharfsinnigsten Kritiker hielt und dessen Zweifel Fichte und Hegel weiterdachten.
Maimon steht zwischen Kant und seinen Nachfolgern: Er teilt Humes Zweifel an der Erfahrung, folgt Leibniz und Spinoza in den Maßstäben der Vernunft und fordert Kant heraus. Fichte nimmt seine Kritik auf, Mendelssohn förderte ihn zunächst und bat ihn 1783 zu gehen.
Kernidee
Maimon bewunderte Kant, hielt seine Antwort aber für unvollständig: Kant setze einfach voraus, dass Begriffe und sinnliche Anschauung zusammenpassen. Das Ding an sich sei kein geheimnisvolles Jenseits, sondern die vollständige begriffliche Bestimmung eines Gegenstandes, der man sich nur annähern kann. Er beschrieb sich selbst als rationalen Dogmatiker und empirischen Skeptiker.
Bekannt für
Maimon ist bekannt durch seine Lebensgeschichte, eine der ersten jüdischen Autobiografien in deutscher Sprache, und durch die Anerkennung Kants, der brieflich erklärte, kein Kritiker habe ihn besser verstanden. Aus einer Talmudschul-Bildung in Litauen kommend, erreichte er mittellos Berlin und schrieb später eine der schärfsten Kritiken an Kants Vernunftkritik.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Frage nach dem Recht der Begriffe
Kant fragt, mit welchem Recht wir reine Begriffe wie Ursache auf Erfahrung anwenden. Maimon antwortet, dass Kant dieses Recht behauptet, aber nicht zeigt, wie Begriff und sinnliche Anschauung überhaupt zusammenpassen können. Das ist, als würde ein Strategieplan behaupten, er passe auf den Markt, ohne zu erklären, wie man das nachprüft.
Das Ding an sich als Grenzbegriff
Maimon liest das Ding an sich als die vollständige Bestimmung eines Gegenstandes, die wir anstreben, aber nie ganz erreichen. Es ist also kein zweites, verborgenes Ding hinter den Erscheinungen. Im Führungsalltag gleicht das einer vollständigen Lageeinschätzung: Man nähert sich ihr mit jeder weiteren Information, ohne sie je abzuschließen.
Differentiale der Wahrnehmung
In seinem Versuch erklärt Maimon Erfahrung aus unendlich kleinen Wahrnehmungseinheiten, den Differentialen. Einbildungskraft und Verstand setzen sie zu Gegenständen zusammen. Ein Gesamteindruck von einer Person entsteht ähnlich aus vielen winzigen Beobachtungen, die Du einzeln gar nicht bemerkt hast.
Begriffe
- Skeptischer Rationalismus
- quid juris
- Ding an sich
- Differentiale
- Satz der Bestimmbarkeit
- Akosmismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Moses Maimonides: sein Führer der Unschlüssigen prägte ihn so, dass er sich später nach ihm umbenannte
- Moses Mendelssohn: Förderer in Berlin, ohne Lehrer im engen Sinn zu sein
Freunde
- Karl Philipp Moritz: Herausgeber der Lebensgeschichte und Mitherausgeber seines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde
- Lazarus Bendavid: vermittelte ihm einen Mäzen
- Heinrich Wilhelm Adolf von Kalkreuth: nahm ihn 1795 auf seinem Gut in Schlesien auf
Gegner
- Moses Mendelssohn: bat ihn 1783 wegen seines offenen Spinozismus und seiner Lebensweise zu gehen
- Traditionelle jüdische Gemeinden: lehnten seine Abkehr vom Talmudstudium ab
- Immanuel Kant: Adressat seiner Kritik, die Kant mit hohem Lob beantwortete
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf David Humeungeprüft
Maimon teilt Humes Zweifel an Erfahrung und nennt sich einen empirischen Skeptiker.
baut auf Gottfried Wilhelm Leibnizungeprüft
Maimon folgt Leibniz und Spinoza in den Maßstäben der Vernunft, bleibt aber mit Hume empirisch skeptisch.
Grundlage für Johann Gottlieb Fichteungeprüft
Fichte setzt sich eng mit Maimons Kritik auseinander und baut eine konsequentere Lehre darauf.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Maimon kritisiert Kant scharf, Kant lobt ihn als seinen scharfsinnigsten Kritiker.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Moses Mendelssohnungeprüft
Mendelssohn förderte Maimon, bat ihn 1783 aber wegen Spinozismus und Lebensweise zu gehen.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
In den 1790er Jahren lebte Maimon in großer Armut und gab einen Teil seiner Einnahmen für Alkohol aus. Ab 1795 hing er vom Grafen Kalkreuth ab, auf dessen Gut in Niederschlesien er bis zu seinem Tod ein ruhiges, aber einsames Leben führte.[1]
Zeitgeschehen belegt
Berlin duldete die Einreise mittelloser Juden nicht; Maimon musste zunächst in einer bewachten Unterkunft am Rosenthaler Platz leben und wurde wegen des Verdachts auf Häresie wieder ausgewiesen. Den orthodoxen Gemeinden war er zu freigeistig, den aufgeklärten Berliner Juden galt er als zu sehr Ostjude.[2]
Biografie Deutung
Dass Maimon ohne Lehrstuhl und ohne Schule von außen auf Kant blickte, könnte die Schärfe seiner Fragen erklären. Er musste keine Schulmeinung verteidigen.[1]
Kritik
Fichte bewunderte Maimons Begabung, hielt aber seinen Skeptizismus für untragbar, weil er letztlich an der eigenen Existenz zweifeln lasse. Hegel übernahm Maimons Wort Akosmismus für Spinozas Lehre. In der Gelehrtenwelt wurde Maimon wegen seiner Lebensweise und Herkunft oft ausgegrenzt.
Wirkung heute
Maimons Frage, wie Denken und Anschauung zusammenkommen, bleibt ein Kernproblem der Erkenntnistheorie. Seine Lebensgeschichte gilt als wichtiges Zeugnis der jüdischen Aufklärung.
Brücke zu Führung und Coaching
Maimon zeigt, was ein genauer Kritiker leistet: Er prüft die Annahme, auf der alles ruht. Bitte in Deinem nächsten Strategietreffen jemanden, die Voraussetzung zu benennen, die niemand mehr hinterfragt, etwa „Unsere Kunden wollen das“. Belohne außerdem Menschen, die als Außenseiter genau die Frage stellen, die den Kern trifft.
Lebensstationen
- 1753Geboren in Litauen (Jahr nach SEP)
- 1780Zurück in Berlin, Anschluss an Mendelssohn und die Haskala
- 1790Versuch über die Transcendentalphilosophie
- 1792Lebensgeschichte erscheint (zweiter Teil 1793)
- 1795Zieht auf das Gut des Grafen Kalkreuth in Schlesien
- 1800Tod in Nieder-Siegersdorf am 22. November
Werke
Versuch über die Transcendentalphilosophie (1790); Philosophisches Wörterbuch (1791); Salomon Maimons Lebensgeschichte (1792/93, hrsg. von Karl Philipp Moritz); Kritische Untersuchungen über den menschlichen Geist (1797)
Anekdote belegt
Maimon schickte seine Gedanken zur Kritik der reinen Vernunft über Marcus Herz an Kant. Kant antwortete mit hohem Lob und erklärte, keiner seiner Kritiker habe ihn so gut verstanden.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Salomon Maimons Lebensgeschichte, neu hrsg. von Zwi Batscha (Jüdischer Verlag): eine der ersten jüdischen Autobiografien auf Deutsch, ohne Vorkenntnisse lesbar
- Vertiefung
- Daniel Elon, Die Philosophie Salomon Maimons zwischen Spinoza und Kant (2021)
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr unsicher: SEP 1753, Britannica um 1754, de.wikipedia zwischen 1751 und 1754; auch der Geburtsort wird verschieden angegeben (Suchowyborg, Schukau Barok, Nieswiez). Zu Kants Brief an Marcus Herz fehlt in den abgerufenen Quellen das Datum und der Wortlaut, daher kein Zitat. Erscheinungsjahr des Versuchs einer neuen Logik (1793 oder 1794) nicht eindeutig, deshalb nicht aufgeführt. Erscheinungsjahr der Batscha-Ausgabe der Lebensgeschichte nicht geprüft. Die Aussage zur Zeit in einer bewachten Berliner Unterkunft stammt aus de.wikipedia. Die Lehrer-Zuordnung zu Maimonides ist eine geistige Vorbildrolle, kein persönlicher Unterricht.
Wege durchs Netz
Maimon: Kant setzt einfach voraus, dass Begriffe und sinnliche Anschauung zusammenpassen.
Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Maimon
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Maimon · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de), Salomon Maimon · Wikipedia
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Maimon – https://plato.stanford.edu/entries/maimon/; Britannica · Britannica
- [4]suhrkamp.de/buch/salomon-maimons-lebensgeschichte-t-9783633242221 · Buch