Landkarte der Philosophie

Pierre Gassendi

1592–1655 · Paris

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Französischer Priester, Astronom und Philosoph, der Descartes in den Einwänden zu den Meditationen (Descartes' Schrift von 1641, in der er die Grundlagen sicheren Wissens sucht und die er zusammen mit Einwänden zeitgenössischer Gelehrter und seinen Antworten darauf veröffentlichte) widerspricht und dagegen einen christlich gezähmten Epikureismus mit Sinneserfahrung als Quelle des Wissens setzt.

Gassendi ist der große Gegenspieler von Descartes im Mersenne-Kreis (dem Pariser Gelehrtenkreis um den Mönch Marin Mersenne, der Briefkontakte zwischen vielen Forschern seiner Zeit vermittelte). Seine Einwände gegen die Meditationen zeigen den Streit zwischen Erfahrung und Vernunft, der später bei Locke, Leibniz und Kant weitergeht.

Kernidee

Gassendi hält Sinneserfahrung für die einzige Quelle unseres Wissens über die Welt und bestreitet, dass wir die Wesen der Dinge erkennen. Sicherheit gibt es für ihn nur in der Theologie, in der Erfahrung zählt begründete Wahrscheinlichkeit. Die Natur erklärt er mit Atomen und Leere nach Epikur, ohne Gott aus der Welt zu streichen.

Bekannt für

Man kennt ihn für seine Einwände gegen Descartes' Meditationen und für die Wiederbelebung des antiken Atomismus Epikurs. Außerdem beobachtete er 1631 einen Merkurdurchgang vor der Sonne.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wissen aus den Sinnen und Wahrscheinlichkeit

Gassendi lässt als Quelle des Wissens nur die Sinne gelten und meint, wir erkennen nur Erscheinungen, nicht die Wesen der Dinge. Er lässt aber Wissen als begründete, nicht sichere Überzeugung gelten, die wir mit Schlüssen aus Anzeichen und der Zuverlässigkeit unserer Sinne stützen. In einem Unternehmen ist das der Normalfall: Du entscheidest auf Grundlage von Zahlen und Beobachtungen, die gut belegt, aber nie unumstößlich sind.

Einwände gegen Descartes

Gassendi lehnt Klarheit und Deutlichkeit als Kriterium der Wahrheit ab, weil auch unser Verstand irren kann, und er bezweifelt den Schluss des Cogito. Er greift außerdem den Gottesbeweis aus der Existenz an (Descartes' Argument, Gott müsse existieren, weil Existenz zu einem vollkommenen Wesen gehöre; Gassendi hält dagegen, Existenz sei keine Vollkommenheit). Wenn jemand in einer Besprechung sagt, etwas sei ihm völlig klar, würde Gassendi fragen, woher er diese Sicherheit nimmt.

Atomismus mit christlichem Rahmen

Gassendi greift die Atomlehre Epikurs auf und erklärt damit Natur, Wahrnehmung und Mechanik. Er verbindet sie mit dem Glauben an Gott und die unsterbliche Seele und bestreitet nicht die kirchliche Lehre. Das ist, als würdest du eine neue Methode im Unternehmen einführen und bewusst an die gewachsene Kultur anbinden, statt sie zu verwerfen.

Begriffe

Empirismus
: Lehre, dass alles Wissen außer in der Theologie aus den Sinnen stammt; Irrtümer entstehen erst im urteilenden Verstand
Atomismus
: Lehre Epikurs von kleinsten Teilchen, die Gassendi übernimmt; er lehnt aber unendliche Teilbarkeit der Materie und das zufällige Abweichen der Atome ab
Epikureismus
: die Philosophie Epikurs, die er mit einer Epikur-Biografie 1647 und einer systematischen Darstellung 1649 neu belebte und mit christlichem Glauben verband
gemäßigte Skepsis
: Mittelweg: Absolute Skepsis und dogmatische Gewissheit lehnt er ab; Wissen ist möglich als gerechtfertigte, aber nicht sichere Überzeugung
Wahrscheinlichkeit
: empirische Überzeugungen sind für ihn nur wahrscheinlich, nicht sicher; Schlüsse aus Anzeichen sind erlaubt, wenn Fachleute zustimmen würden oder das Gegenteil widersprüchlich wäre
Einwände gegen Descartes
: er bestreitet, dass Klarheit und Deutlichkeit ein Wahrheitskriterium sind, bezweifelt den Schluss vom Denken auf ein Ich und lehnt Descartes' Gottesbeweis ab

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Thomas Fabry: Onkel mütterlicherseits und Priester, bei dem er die ersten schulischen Unterweisungen erhielt

Schüler

  • François Bernier: Anhänger, der Gassendis Werk 1674–75 auf Französisch zusammenfasste

Freunde

  • Marin Mersenne: enger Vertrauter, brachte ihn in den Pariser Kreis
  • Nicolas-Claude Fabri de Peiresc: wohlhabender Gelehrter und Förderer
  • Habert de Montmor: Gönner, in dessen Haus er starb

Gegner

  • Descartes: über Kriterien der Wahrheit, Cogito und Gottesbeweis
  • Aristotelische Schulphilosophie: seit den Exercitationes paradoxicae
  • Robert Fludd: Gassendi widerlegte seine mystischen Angriffe auf Kepler

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Epikur von SamosDeutung

    Gassendi rekonstruierte die Lehre Epikurs aus den antiken Quellen und baute darauf seine Atomlehre.

  • baut auf Galileo GalileiDeutung

    Gassendi sympathisierte laut SEP mit Galilei und modellierte seine Untersuchungen zum freien Fall eng an dessen Arbeit.

  • Grundlage für John LockeDeutung

    Die SEP hält für gut belegt, dass Locke Gassendi gelesen hat, zumindest über Berniers Zusammenfassung, und sieht seinen Einfluss in Lockes Empirismus, der Ablehnung angeborener Ideen und der Lehre von den nominalen Wesen.

  • baut auf Juan Luis VivesDeutung

    Gassendi sagt, Vives habe ihm Mut gemacht, sich vom Aristotelismus zu lösen.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert René DescartesDeutung

    Gassendi widersprach Descartes in den Einwänden zu den Meditationen und später in der Disquisitio metaphysica.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Margaret CavendishDeutung

    Gassendi nahm laut SEP an Treffen des Cavendish-Kreises teil.

  • persönlich verbunden mit Marin MersenneDeutung

    Mersenne verschaffte Gassendis Einwänden den Platz in den Objections and Replies und blieb ein enger Freund.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Gassendi machte Karriere in der Kirche, laut SEP auch, weil sie ihm eine Pfründe (ein einträgliches Amt mit wenig Pflichten) sicherte. Er lebte von Förderern wie Peiresc (einem provenzalischen Gelehrten), Luillier und Montmor und kam wahrscheinlich auf Veranlassung Richelieus an das Collège Royal (die heutige öffentliche Hochschule Collège de France in Paris).[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Gassendi schrieb Unterstützungsbriefe an den von der Kirche bedrängten Galilei und verteidigte die kopernikanische Lehre (die Annahme, dass die Erde um die Sonne kreist) als plausibel, soweit sie nicht der Kirchenlehre widerspricht. Er hielt sich dabei bewusst innerhalb dessen, was die Kirche tragen konnte.[1]

  • Biografie belegt

    Als die Jesuiten in Aix die Leitung der Universität übernahmen, gab Gassendi seine Professur auf und schrieb die Exercitationes gegen die Aristoteliker. Ob der Wechsel sein Denken lenkte, sagt die Quelle nicht.[2]

Kritik

Die SEP berichtet, dass er in der gängigen Lehrbuchdarstellung nur eine Nebenrolle als Gegenspieler Descartes' und leichter Einfluss auf Locke bekommt, was sie für zu wenig hält. Man hat ihn wegen der Nähe zu Epikur und den libertins érudits (gelehrten Freidenkern) als Materialisten gesehen, die SEP findet das nicht überzeugend. Seine Einwände richten sich gegen Descartes' Kriterium der Klarheit und Deutlichkeit, gegen das Cogito und gegen dessen Gottesbeweis.

Wirkung heute

Seine Haltung, Wissen als gut begründete, aber nicht sichere Überzeugung zu verstehen, ist in Wissenschaft und Alltag nahe an dem, was wir heute tun. Die SEP sieht in ihm einen frühen Vertreter einer zuverlässigkeitsorientierten Erkenntnislehre.

Brücke zu Führung und Coaching

Gassendi hilft dir, Sicherheitsansprüche im Team zu prüfen. Frag bei der nächsten Entscheidung: Worauf stützt sich unsere Überzeugung, und was würde sie ändern? Trenne dabei, was ihr beobachtet habt, von dem, was ihr daraus schließt.

Lebensstationen

  1. 1592Geburt in Champtercier in der Provence
  2. 1616Professor der Philosophie in Aix
  3. 1624Exercitationes paradoxicae adversus Aristoteleos (anonym)
  4. 1631Beobachtung eines Merkurdurchgangs
  5. 1634Propst der Kathedrale von Digne
  6. 1645Berufung ans Collège de France in Paris, wahrscheinlich auf Veranlassung Richelieus
  7. 1655Tod in Paris im Haus Montmors

Werke

Exercitationes paradoxicae adversus Aristoteleos (1624)

Disquisitio metaphysica (1644)

De vita et moribus Epicuri (1647)

Animadversiones in decimum librum Diogenis Laertii (1649)

Syntagma philosophicum (postum 1658)

Anekdote belegt

Gassendi ließ auf einer Galeere vor Marseille ein von Galilei erdachtes Fallexperiment durchführen: Ein Gewicht vom Mast eines fahrenden Schiffs fällt nicht nach hinten versetzt, sondern am Mastfuß auf. Damit sollten Zweifel an der Bewegung der Erde ausgeräumt werden.[2]

Lesetipps

Einstieg
Pierre Gassendi: Disquisitio metaphysica (1644), lateinisch-französische Ausgabe von Bernard Rochot, Vrin, Paris 1962 (die SEP-Literaturliste nennt 1964), weil hier seine Einwände gegen Descartes im Zusammenhang stehen; eine deutsche Ausgabe haben wir nicht gefunden.
Vertiefung
Antonia LoLordo: Pierre Gassendi and the Birth of Early Modern Philosophy (2006)

Noch nicht sicher belegt

  • Kein Zitat: Das deutsche Zitat aus den Exercitationes (de.wikipedia) hat keine Stellenangabe. Dass Gassendi in der Kirche eine Pfründe suchte, steht in der SEP als 'one motivation ... appears'. Collège Royal (SEP) und Collège de France (de.wikipedia) sind dieselbe Einrichtung. Eine deutsche Ausgabe der Einwände habe ich nicht abgerufen. Prüfer: Die Locke-Kante ist in der SEP (Abschnitt Impact and Influence) besser belegt als zuerst vermerkt, Note entsprechend ergänzt. Die Disquisitio metaphysica datiert de.wikipedia und die SEP-Literaturliste auf 1644, der SEP-Haupttext nennt 1646. LoLordos Buch nennt de.wikipedia mit ISBN 2006, die SEP 2007. Rochots Ausgabe der Disquisitio: Katalogtreffer nennen 1962, die SEP 1964.

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Gassendi

  1. [1]SEP Pierre Gassendi · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]SEP Pierre Gassendi – https://plato.stanford.edu/entries/gassendi/ und de.wikipedia Pierre Gassendi · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de): Meditationes de prima philosophia · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  4. [4]SEP Marin Mersenne – https://plato.stanford.edu/entries/mersenne/ und de.wikipedia Marin Mersenne · Wikipedia

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