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Landkarte der Philosophie

Kurt Lewin

Psychologe · 1890–1947 · Berlin, später Iowa und Massachusetts Institute of Technology (Vereinigte Staaten)

Kapitel
System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Kants Fragen
Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Zum Einstieg

Warum klappt eine Veränderung im Team nicht, obwohl alle sie vernünftig finden?

Position
Lewin würde dich bitten, die ganze Situation als Kräftefeld anzusehen. Dort wirken treibende Kräfte in Richtung Ziel und hemmende Kräfte dagegen, und beide gehören zur Wahrnehmung der Beteiligten, nicht nur zu den äußeren Fakten. Wer nur eine Seite betrachtet, übersieht, was die Lage in Balance hält.
Einwand
Cummings, Bridgman und Brown (2016) zeigen, dass das populäre Modell Auftauen, Verändern, Einfrieren erst nach Lewins Tod als Lehre ausgeformt wurde. Das gilt als Einwand gegen die verbreitete Darstellung, nicht gegen die Kräftefeld-Analyse selbst.
Verbindung
Die Kräftefeld-Analyse bietet einen Zugang zum Denkweg über Veränderung in Organisationen, und die Idee, durch Handeln zu lernen, lässt sich redaktionell mit Deweys Erfahrungslernen vergleichen.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Kommt in diesen Denkwegen vor

Deutsch-amerikanischer Psychologe, der die Feldtheorie und die Aktionsforschung begründete und die Gruppendynamik als Forschungsfeld prägte.

Lewin steht in diesem Kapitel am Anfang der Frage, wie Gruppen und Organisationen sich verändern. Das spätere Drei-Schritt-Modell aus Auftauen, Verändern und Einfrieren wird ihm zugeschrieben, stammt nach neuerer Forschung aber nicht von ihm in dieser Form. Edgar Schein führt seinen Lernansatz auf Lewin zurück, und Chris Argyris begegnete Lewin im Studium.

Kernidee

Lewin erklärt Verhalten nicht allein aus der Vergangenheit eines Menschen, sondern aus seiner gegenwärtigen Gesamtsituation, die er als Feld von Kräften beschreibt. Für Veränderungen in Gruppen heißt das, dass du die Kräfte kennen musst, die in eine Richtung drängen, und die Kräfte, die dagegen halten. Seine Aktionsforschung verbindet Forschung und Handeln in einer Schleife aus Planen, Handeln und Prüfen des Ergebnisses.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Im Jahr 1946 bat der Direktor der Connecticut State Inter Racial Commission Lewin um Hilfe, wie sich religiöse und rassische Vorurteile wirksam bekämpfen lassen. Lewin richtete daraufhin einen Workshop als Veränderungsexperiment ein. Nach der Quelle legte dieser Workshop die Grundlagen für das spätere Sensitivitätstraining.[1]

Fundstelle: Abschnitt Sensitivity training

Bekannt für

Lewin gilt als einer der Begründer der Sozialpsychologie und der Gruppendynamik. Bekannt ist er für die Formel, dass Verhalten von der Person in ihrer Umwelt abhängt, und für den Begriff der Aktionsforschung.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Feldtheorie und Lebensraum

Lewin versteht eine Situation als Feld, in dem alles gleichzeitig wirkt, und beschreibt es so, wie es für die Person im Augenblick besteht. Seine Formel besagt, dass Verhalten eine Funktion der Person in ihrer Umwelt ist; sie steht in seinem Buch von 1936 und stellt die gegenwärtige Situation über die bloße Vorgeschichte. Übertragen auf heute: Wenn eine Mitarbeiterin plötzlich still wird, fragst du zuerst, was gerade in ihrer Situation auf sie wirkt, und nicht nur, wie sie früher war.

Kräftefeld-Analyse

Die Kräftefeld-Analyse betrachtet die Faktoren, die eine Lage beeinflussen, und teilt sie in treibende Kräfte, die auf ein Ziel hinbewegen, und hemmende Kräfte, die dagegen stehen. Wichtig ist Lewins gestaltpsychologischer Blick auf das Ganze der Situation statt auf einzelne Teile. Übertragen auf heute: Vor einer Umstellung im Team sammelst du beide Seiten auf zwei Listen und prüfst, welche Bremse sich lösen lässt, bevor du den Antrieb erhöhst.

Aktionsforschung

Lewin beschrieb 1946 Aktionsforschung als vergleichende Forschung zu den Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen sozialen Handelns, die in einer Spirale arbeitet. Jeder Schritt der Spirale besteht aus einem Kreis von Planung, Handlung und Tatsachenermittlung über das Ergebnis der Handlung. Übertragen auf heute: In einem Projekt kannst du so vorgehen: Du probierst eine Änderung in der Zusammenarbeit aus, schaust nach, was sich wirklich verändert hat, und planst erst dann den nächsten Schritt.

Begriffe

Feldtheorie
Lebensraum
Kräftefeld
treibende und hemmende Kräfte
Aktionsforschung
Gruppendynamik
Führungsklima

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

7 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 3 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
In der angegebenen Quelle dokumentiert und anhand dieser Quelle geprüft. Die philosophische These ist dadurch nicht bewiesen.
Deutung
Redaktionelle Deutung, anhand der angegebenen Quellen geprüft. Andere Lesarten sind möglich.
überliefert
In den angegebenen Quellen überliefert, historisch aber nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Chris ArgyrisPrüfstand: belegt

    Argyris begegnete Kurt Lewin während seines Psychologiestudiums an der Clark University.

  • Gregory BatesonPrüfstand: belegt

    Kurt Lewin und Bateson stehen beide in der Teilnehmerliste der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; eine persönliche Zusammenarbeit wird nicht behauptet.

  • Norbert WienerPrüfstand: belegt

    Kurt Lewin und Norbert Wiener stehen beide in der Teilnehmerliste der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; eine persönliche Zusammenarbeit wird nicht behauptet.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Lewin weiter, meist über Texte.

  • Edgar ScheinPrüfstand: belegt

    Schein führt nach der deutschen Wikipedia den Gedanken, dass Lernende selbst aktiv am eigenen Lernen beteiligt sein müssen, auf Kurt Lewin und Carl Rogers zurück; er schrieb später auch über Lewins Veränderungstheorie.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Donald SchönPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Die englische Wikipedia ordnet Schöns Arbeit in die Tradition des Erfahrungslernens ein, zu der auch Dewey, Lewin, Rogers und Kolb zählen; ein direkter Einfluss Lewins auf Schön ist nicht belegt.

  • Herbert A. SimonPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Lewin erklärt einen festgefahrenen Zustand mit einem Gleichgewicht treibender und hemmender Kräfte, Simon mit Menschen, die mit begrenztem Wissen die erste ausreichend gute Möglichkeit wählen. Simon hat das nicht gegen Lewin vorgebracht.

  • John DeweyPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Beide gelten als Quellen der Theorie des Erfahrungslernens, nach der Lernen aus Handeln und Nachdenken über das Handeln entsteht, ein direkter Einfluss Deweys auf Lewin wird nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Lewin stammte aus einer jüdischen Familie und wanderte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in die Vereinigten Staaten aus. Seine Mutter wurde 1943 aus den Niederlanden nach Sobibor deportiert und ermordet. Ob dieser Hintergrund seine Themen wie Demokratie in Gruppen und den Umgang mit Vorurteilen geprägt hat, behauptet die abgerufene Quelle nicht.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Den Begriff Aktionsforschung prägte Lewin um 1944 als Professor am Massachusetts Institute of Technology, und 1946 erschien sein Aufsatz Action Research and Minority Problems. Im selben Jahr bat ihn der Direktor der Connecticut State Inter Racial Commission um Hilfe gegen religiöse und rassische Vorurteile; daraus entstand ein Workshop, der nach der Quelle die Grundlage des späteren Sensitivitätstrainings legte.[1]

Kritik

Das Drei-Schritt-Modell, das ihm zugeschrieben wird, halten Cummings, Bridgman und Brown (2016) für eine spätere Vereinfachung, die Lewin so nie entwickelt hat. Die deutsche Wikipedia hält außerdem fest, dass die Feldtheorie heute relativ wenig erforscht und weiterentwickelt wird und dass der Umfang seiner Neuerungen bei sozialen Techniken umstritten ist.

Wirkung heute

Die Kräftefeld-Analyse und die Idee, Forschung und Handeln in Schleifen zu verbinden, werden in Organisationsentwicklung und Veränderungsberatung weiter genutzt. Der Begriff Gruppendynamik und die Trainingsgruppen gehen auf ihn und seine Forschungsgruppe zurück.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Bevor du in deinem Team eine Veränderung ankündigst, sammelst du mit den Beteiligten, was sie unterstützt und was sie bremst. Du fragst zum Beispiel, welche Gewohnheit, welche Sorge oder welche Regel jeweils dagegen spricht. Das ist eine Übertragung von Lewins Kräftefeld auf Führung; er selbst hat dazu keine Führungsanleitung geschrieben.

Lebensstationen

  1. 1890Geburt in Mogilno in der Provinz Posen
  2. 1916Promotion in Berlin mit einer Arbeit zum Grundgesetz der Assoziation
  3. 1933Auswanderung in die Vereinigten Staaten
  4. 1936Principles of Topological Psychology erscheint
  5. 1944Wechsel an das Massachusetts Institute of Technology, Gründung des Forschungszentrums für Gruppendynamik
  6. 1946Aufsatz Action Research and Minority Problems
  7. 1947Tod durch Herzversagen in Newtonville, Massachusetts

Werke

  • Action Research and Minority Problems (1946)

    Ersterscheinung: Journal of Social Issues, Band 2, Heft 4 (1946), Seiten 34 bis 46.

  • Principles of Topological Psychology (1936)

    Ersterscheinung: New York: McGraw-Hill, 1936. Deutsche Ausgabe: „Grundzüge der topologischen Psychologie“ (1969).

  • Frontiers in Group Dynamics (1947)

    Ersterscheinung: Human Relations, Band 1 (1947), Teil I Seiten 5 bis 41; ein zweiter Teil erschien im selben Band.

  • Resolving Social Conflicts (1948)

    Ersterscheinung: Herausgegeben von Gertrud W. Lewin, New York: Harper and Brothers, 1948 (Sammlung von Aufsätzen 1935 bis 1946). Deutsche Ausgabe: „Die Lösung sozialer Konflikte“ (1953).

Lesetipps

Einstieg
Kurt Lewin, Action Research and Minority Problems, Journal of Social Issues, Band 2 (1946), Seiten 34 bis 46; der kurze Ursprungstext der Aktionsforschung.
Vertiefung
Helmut E. Lück, Kurt Lewin: eine Einführung in sein Werk (Beltz, 2001), nach der deutschen Wikipedia als aktuelle Einführung genannt

Noch nicht sicher belegt

  • Der Volltext des Aufsatzes von Cummings, Bridgman und Brown war nicht zugänglich, belegt ist nur der Abstract.
  • Nach diesem Abstract hat Lewin das ihm zugeschriebene Drei-Schritt-Modell nie entwickelt, es nahm erst nach seinem Tod Gestalt an (online 2015, Heft 2016).
  • Ein direkter Einfluss Deweys auf Lewin ist in den genutzten Quellen nicht belegt.
  • Die Verbindung ist ein Vergleich der Redaktion und stützt sich nur auf die Wikipedia.
  • Das Zitat Lewins zur Aktionsforschung wurde nur über die Wikipedia gesehen, nicht im Originalaufsatz.
  • Zu den Macy-Konferenzen nennt die deutsche Wikipedia Lewin als Mitglied der Kerngruppe.
  • Die Seitenzahlen von Teil II der „Frontiers in Group Dynamics“ (143 bis 153) konnten nicht geprüft werden.
  • Die deutsche Wikipedia nennt die Feldtheorie relativ wenig beforscht.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lewin

  1. [1]Kurt Lewin – Wikipedia (en), Abschnitt Sensitivity training
  2. [2]Kurt Lewin – Wikipedia (de), Abschnitt Leben
  3. [3]Force-field analysis · Wikipedia
  4. [4]Experiential learning · Wikipedia
  5. [5]api.crossref.org/works/10.1177/0018726715577707 · Webseite
  6. [6]api.crossref.org/works/10.1111/j.1540-4560.1946.tb02295.x · Webseite
  7. [7]api.crossref.org/works/10.1177/001872674700100103 · Webseite

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