Karl Popper
1902–1994 · Wien, London
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Der Gegenspieler. Begründer des Kritischen Rationalismus.
Positivismusstreit ab 1961 mit Adorno, später Habermas gegen Hans Albert. Popper fand Adorno vor allem rhetorisch.
Kernidee
Theorien lassen sich nie beweisen, nur widerlegen. Gesellschaft verbessert man in kleinen, überprüfbaren Schritten, nicht durch große Entwürfe.
Bekannt für
Popper zeigte, dass sich Theorien nie endgültig beweisen, aber widerlegen lassen. Daraus folgte für ihn auch politisch: Eine offene Gesellschaft korrigiert ihre Fehler schrittweise, statt auf eine große Utopie zu setzen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Falsifikation
Eine Theorie ist wissenschaftlich, wenn sie an der Erfahrung scheitern kann. Tausend weiße Schwäne beweisen nicht, dass alle Schwäne weiß sind, ein schwarzer widerlegt es. Beispiel: Eine Strategie, die man so formuliert, dass sie nie scheitern kann, sagt auch nichts Prüfbares aus.
Offene Gesellschaft
In einer offenen Gesellschaft dürfen Regierungen ohne Blutvergießen abgewählt und Ideen frei kritisiert werden. Platon, Hegel und Marx sah Popper als Vordenker geschlossener Gesellschaften, weil sie den Gang der Geschichte zu kennen glaubten. Beispiel: Ein Unternehmen, in dem man den Chef offen kritisieren darf, lernt schneller.
Stückwerk-Technik
Statt die Gesellschaft nach einem großen Plan umzubauen, soll man in kleinen, überprüfbaren Schritten reformieren und aus Fehlern lernen. Große Utopien rechtfertigen sonst jedes Opfer. Beispiel: Eine Pilotphase in einer Abteilung ist klüger als eine Reorganisation des ganzen Konzerns auf einen Schlag.
Begriffe
- Falsifikation
- : Falsifikation heißt Widerlegung: Eine Beobachtung zeigt, dass eine allgemeine Aussage falsch ist. Karl Popper macht daraus ein Kennzeichen von Wissenschaft. Eine Theorie gilt für ihn als wissenschaftlich, wenn es mögliche Beobachtungen gibt, die ihr widersprechen würden (Falsifizierbarkeit, also Widerlegbarkeit). Bestätigen lässt sich ein allgemeines Gesetz durch noch so viele Fälle nie endgültig, ein einziger echter Gegenfall kann es dagegen zu Fall bringen.
- offene Gesellschaft
- : eine Ordnung, in der Regierungen ohne Gewalt abgelöst und Irrtümer korrigiert werden können
- Stückwerk-Technik
- Kritischer Rationalismus
- : Wir können irren, deshalb brauchen wir offene Kritik statt Gewissheit
- Induktionsproblem
- : Induktion heißt der Schluss vom Beobachteten auf noch nicht Beobachtetes oder auf ein allgemeines Gesetz, etwa: Brot dieser Art hat bisher genährt, also wird auch das nächste nähren. David Hume fragt, womit sich ein solcher Schluss begründen lässt. Ein streng logischer Beweis scheidet für ihn aus, und ein Erfahrungsargument müsste schon voraussetzen, was es zeigen soll, wäre also ein Zirkel. Hume bestreitet nicht, dass wir so schließen. Er führt es auf Gewohnheit statt auf Vernunft zurück. Karl Popper hält das Problem für unlösbar und beschreibt Wissenschaft deshalb als Prüfen und Widerlegen von Vermutungen statt als Induktion.
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
7 Verbindungen im Netz, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Popper kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft
In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ als Vertreter des Historizismus kritisiert, in den abgerufenen Auszügen nur sinngemäß belegt
Karl Marxungeprüft
Seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus prägte laut SEP sein Denken, in „Die offene Gesellschaft“ greift er historizistische Lehren an
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Popper. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Jürgen HabermasDeutung
Im Positivismusstreit der 1960er Jahre standen die Frankfurter Schule mit Adorno und Habermas und die kritischen Rationalisten mit Popper und Hans Albert gegeneinander. Habermas führte die Auseinandersetzung vor allem mit Albert. Seine Kritik trifft Poppers kritischen Rationalismus als Lehre; einen eigenen Schlagabtausch zwischen Habermas und Popper beschreiben die abgerufenen Quellen nicht.
Theodor W. Adornoungeprüft
Positivismusstreit ab 1961: Wie soll Sozialwissenschaft arbeiten?
Thomas S. Kuhnbelegt
Laut SEP lehnte Kuhn Poppers Bild ab, nach dem Forschende ständig ihre wichtigsten Theorien zu widerlegen versuchen: In der normalen Wissenschaft würden die leitenden Theorien weder getestet noch Anomalien als Widerlegung behandelt.
Gegenseitige Kritik
Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.
Hans ReichenbachDeutung
Popper kritisierte Reichenbachs Wahrscheinlichkeitslehre, Reichenbach antwortete gegen den Falsifikationismus.
Baut auf
Popper übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Immanuel Kantungeprüft
Er folgt laut SEP Kant in der Ablehnung der Ansicht, Beobachtungssätze seien unfehlbar
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Popper stammte aus einer Wiener Familie jüdischer Herkunft und verließ Österreich 1937 vor dem Anschluss. Er nahm eine Stelle am Canterbury University College in Christchurch, Neuseeland, an und lehrte dort fast allein die gesamte Philosophie.[1]
Biografie belegt
Im neuseeländischen Exil schrieb er Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, die er selbst seinen „Beitrag zu den Kriegsanstrengungen“ nannte. Das Buch richtet sich gegen Faschismus und Kommunismus zugleich.[1]
Biografie belegt
Als Jugendlicher war Popper kurz Kommunist und erlebte 1919 in Wien, wie bei einer Demonstration junge Genossen erschossen wurden. Er beschrieb das selbst als Auslöser seiner Abkehr vom Marxismus und von dogmatischem Denken.[2]
Kritik
Thomas Kuhn und Imre Lakatos zeigten, dass Wissenschaftler Theorien oft trotz Widerlegungen beibehalten, und zwar aus guten Gründen. Adorno und Habermas warfen ihm vor, Gesellschaft auf das Messbare zu verkürzen. Historiker der Philosophie halten seine Deutung von Platon und Hegel für einseitig.
Wirkung heute
Falsifikation ist Grundgedanke jedes guten Experiments und jeder Hypothesenprüfung, auch in Produktentwicklung und Datenanalyse. Die Idee der offenen Gesellschaft ist ein Leitbegriff liberaler Demokratien.
Brücke zu Führung und Coaching
Popper legt nahe, Entscheidungen als Hypothesen zu behandeln, die man widerlegen darf. Führung heißt dann, vorher festzulegen, woran man merken würde, dass man falsch liegt. Beispiel: Ein Team startet ein neues Meetingformat und vereinbart vorab, es nach sechs Wochen abzuschaffen, wenn die Entscheidungsgeschwindigkeit nicht steigt.
Lebensstationen
- 1902Geboren in Wien
- 1934Logik der Forschung erscheint
- 1937Exil in Neuseeland
- 1945Die offene Gesellschaft erscheint
- 1946Professor an der London School of Economics
- 1994Gestorben in London
Werke
- Logik der Forschung (1934)
- Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945)
Logik der Forschung (1934)
Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945)
Anekdote überliefert
Am 25. Oktober 1946 trafen Popper und Wittgenstein in Cambridge aufeinander. Wittgenstein soll mit einem Schürhaken gestikuliert haben, bevor er den Raum verließ. Was genau geschah, berichten die Anwesenden bis heute unterschiedlich.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Alles Leben ist Problemlösen (1994): Vorträge und Aufsätze in einfacher, klarer Sprache
- Vertiefung
- Manfred Geier: Karl Popper (rororo Monographie, 1994)
Noch nicht sicher belegt
- Die Kritik an Hegel und an Platon in „Die offene Gesellschaft“ gilt in der Fachwelt als anerkannt, ist aber in den genutzten Quellen nur unvollständig belegt.
- Der deutsche Titel des Werks von 1945 ist in den Quellen nicht geprüft.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kritische Theorie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.