Hilary Putnam
1926–2016 · Cambridge, Massachusetts (Harvard)
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Harvard-Philosoph, der von der Sprach- und Wissenschaftsphilosophie zu einem Pragmatismus fand, in dem Wahrheit, Werte und Praxis zusammengehören.
Putnam ist im Netz der Gesprächspartner des Neopragmatismus: Von Quine übernimmt er Impulse, von James und Dewey die Zurückweisung der Fakt-Wert-Trennung, und mit Rorty teilt er die Wiederbelebung des Pragmatismus, ohne dessen Relativismus zu folgen.
Kernidee
Putnam lehnt die Vorstellung ab, wir könnten die Welt mit einem 'Blick Gottes' von außen sehen. Was es für uns gibt, hängt von unseren Begriffen ab, und Wahrheit ist das, was unter idealen Bedingungen gerechtfertigt wäre. Seit den 1970ern folgt er James und Dewey darin, dass Tatsachen und Werte nicht sauber zu trennen sind.
Bekannt für
Putnam ist bekannt für Gedankenexperimente wie die Zwillingserde und das Gehirn im Tank sowie für die These, dass geistige Zustände auf ganz verschiedenen Körpern verwirklicht sein können (multiple Realisierbarkeit). Zugleich war er Mathematiker und Informatiker und entwickelte den Davis-Putnam-Algorithmus.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Interner Realismus
Putnam verwarf in den späten 1970ern den metaphysischen Realismus (die Welt hat eine fertige Struktur, unabhängig von unseren Begriffen) und nannte seine neue Position internen oder pragmatischen Realismus. Danach kann man die Frage, woraus die Welt besteht, nur innerhalb einer Theorie oder Beschreibung sinnvoll stellen, und Wahrheit heißt 'idealisierte rationale Akzeptierbarkeit'. In einer Firma gibt es ebenso nicht 'die eine wahre' Sicht auf einen Markt, sondern mehrere brauchbare Beschreibungen, die du nach ihrem Nutzen für das Handeln beurteilst.
Keine Trennwand zwischen Tatsachen und Werten
Nach der Lektüre von James und Dewey hielt Putnam die Fakt-Wert-Trennung für falsch: Wertungen haben oft eine Tatsachenbasis, und wissenschaftliche Urteile haben ein wertendes Element. Als Merkmale des Pragmatismus nennt er außerdem Fallibilismus (jede Überzeugung kann sich als falsch erweisen) und den 'Vorrang der Praxis'. Wenn du über 'Leistung' im Team redest, steckt schon in der Messgröße eine Wertentscheidung darüber, was zählt.
Gehirn im Tank
Putnam argumentiert, ein Gehirn im Tank könne gar nicht sinnvoll denken, es sei ein Gehirn im Tank, weil seine Wörter nicht auf echte Gehirne und Tanks verweisen. Sein eigentliches Ziel war nach Wikipedia der metaphysische Realismus, der solche Skeptiker-Szenarien erst denkbar macht. Die Lehre für den Alltag: Eine Sicht 'von nirgendwo' auf deine Organisation gibt es nicht, du siehst sie immer durch die Begriffe, die dein Team benutzt.
Begriffe
- interner Realismus
- pragmatischer Realismus
- Fakt-Wert-Dichotomie
- Vorrang der Praxis
- Fallibilismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Hans Reichenbach: Doktorvater (logischer Positivist), dessen Position Putnam später als selbstwidersprüchlich ablehnte
- Nelson Goodman: weiterer Betreuer
Schüler
- James F. Conant: Doktorand
- Mark Wilson: Doktorand
Freunde
- Ruth Anna Putnam: Ehefrau und Mitautorin zu James und Dewey
- Noam Chomsky: Freund seit der Schulzeit und oft intellektueller Gegner
Gegner
- Rudolf Carnap und die logischen Positivisten: Putnam hielt den Positivismus für selbstwidersprüchlich
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf John DeweyDeutung
Mit Ruth Anna Putnam schrieb er Pragmatism as a Way of Life über James und Dewey (SEP, Wikipedia).
baut auf Willard Van Orman QuineDeutung
Putnam wurde laut Wikipedia in den späten 1970ern auch von Quines Ideen angeregt, den Realismus zu verlassen, und beide entwickelten das Unentbehrlichkeitsargument.
baut auf William JamesDeutung
Putnam schrieb viel über James, Peirce und Dewey und wurde durch James und Dewey von der Fakt-Wert-Trennung abgebracht (Wikipedia, SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Richard RortyDeutung
SEP: Putnam gehört zu den freundlichen Kritikern, die keine nur gesprächsbedingten Grenzen des Wissens akzeptieren.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Richard RortyDeutung
Die SEP führt Rorty und Putnam nebeneinander als Träger der Wiederbelebung des Pragmatismus seit den 1970ern.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
In den 1960ern und frühen 70ern unterstützte Putnam die Bürgerrechtsbewegung und protestierte gegen den Vietnamkrieg, wurde 1968 Mitglied der Progressive Labor Party und trat 1972 aus. Die Harvard-Verwaltung versuchte ihn zu rügen; 1997 nannte er seine Mitgliedschaft einen Fehler.[1]
Biografie Deutung
Sein Vater Samuel Putnam schrieb von 1936 bis 1946 für die kommunistische Zeitung Daily Worker, und die Familie hatte eine säkulare Erziehung. Später fand Putnam mit seiner Frau zum Judentum zurück, auch als Reaktion auf erlebten Antisemitismus; ob das sein Denken über Werte formte, ist eine Deutung.[1]
Abhängigkeit Deutung
Putnam lehrte nacheinander in Northwestern, Princeton, am MIT und seit 1965 in Harvard und war 1976 Präsident der American Philosophical Association. Sein Wechsel zum Pragmatismus Mitte der 1970er geschah aus einer gesicherten Position heraus und als Reaktion auf den 'Szientismus' der analytischen Philosophie.[1]
Kritik
Crispin Wright hält Putnams Gehirn-im-Tank-Argument für zu eng, um den globalen Skeptizismus zu widerlegen (Wikipedia). Kritiker hielten seinen internen Realismus für instabil: Er drohe entweder in den metaphysischen Realismus oder in den Relativismus zurückzufallen (Britannica). Putnam selbst nannte seine Position später lieber 'Realismus des gesunden Menschenverstands' und revidierte seine Ansichten immer wieder (Britannica).
Wirkung heute
Seine These, dass Fakten und Werte verflochten sind, ist in Ethik und Wirtschaftsphilosophie weiter lebendig. Seine vier Merkmale des Pragmatismus (Ablehnung des Skeptizismus, Fallibilismus, Ablehnung starrer Gegensätze, Vorrang der Praxis) dienen noch als knappe Beschreibung der Tradition (SEP).
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn dein Team über die 'richtige' Kennzahl streitet, frage: Welcher Wert steckt in dieser Messgröße, und wer entscheidet, dass er zählt? Mache die Wertentscheidung sichtbar, statt sie hinter Zahlen zu verstecken. Und prüfe regelmäßig, ob eine Überzeugung im Team sich durch die Praxis der letzten Monate noch halten lässt, also fallibilistisch.
Lebensstationen
- 1926Geboren in Chicago
- 1951Promotion in Philosophie bei Hans Reichenbach an der UCLA
- 1965Wechsel nach Harvard (laut Wikipedia; Britannica nennt 1976), politisch aktiv gegen den Vietnamkrieg
- 1976Präsident der American Philosophical Association
- 1981Reason, Truth and History: interner Realismus
- 2016Stirbt in Arlington, Massachusetts
Werke
Reason, Truth and History (1981)
Renewing Philosophy (1992)
Pragmatism: An Open Question (1995)
Ethics without Ontology (2004)
Pragmatism as a Way of Life (2017, mit Ruth Anna Putnam)
Anekdote überliefert
Putnam lernte Noam Chomsky an der Central High School in Philadelphia kennen, der ein Jahr hinter ihm war. Die beiden blieben ein Leben lang befreundet und oft Gegner in der Sache.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Hilary Putnam: Renewing Philosophy (Harvard University Press, 1992), eine gut lesbare Zusammenfassung seines Denkens; alternativ Reason, Truth and History (Cambridge University Press, 1981), beide mit ISBN in der Wikipedia-Werkliste. Die deutschen Ausgaben (Für eine Erneuerung der Philosophie, Reclam; Vernunft, Wahrheit und Geschichte, Suhrkamp) konnten nicht mit Jahr belegt werden.
- Vertiefung
- Yemima Ben-Menahem (Hg.): Hilary Putnam (Cambridge University Press, 2005), in der Wikipedia-Literaturliste geführt
Noch nicht sicher belegt
- Kein eigener SEP-Eintrag zu Putnam; Personenquellen sind Wikipedia und Britannica, dazu der SEP-Eintrag Pragmatism. Harvard-Wechsel: Wikipedia 1965, Britannica 1976. Die früheren Aussagen aus dem SEP-Eintrag 'The Pragmatic Theory of Truth' (natürlicher Realismus, Distanz zum Etikett Pragmatist) sind entfernt, weil die Seite nur als Suchtreffer-Ausschnitt vorlag. Gegnerschaft zu Rorty nur über einen Linktitel ('Putnam-Rorty debate') belegt, daher aus der Gegnerliste entfernt; die Kante bleibt 'nah', weil die SEP beide als Träger der Wiederbelebung nennt. 'Szientismus' nach Wikipedia. Deutsche Ausgaben nicht mit Jahr belegt, Händler- und Katalogseiten beim Prüfen nicht abgerufen. Zwei Kontext-Einträge sind Deutung. Kein Zitat, weil keines mit Stellenangabe abgerufen wurde.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Putnam
- [1]Wikipedia: Hilary Putnam · Wikipedia
- [2]SEP: Pragmatism, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Britannica: Hilary Putnam · Britannica