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Landkarte der Philosophie

Alan Turing

Mathematiker · 1912–1954 · London, Cambridge, Bletchley Park, Manchester

Kapitel
Geist und Technik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Zum Einstieg

Woran würdest du merken, dass ein Gegenüber wirklich denkt, wenn du es nur über Text kennst?

Position
Turing ersetzt die Frage nach dem Denken von Maschinen durch ein Spiel, das nur auf Außenverhalten schaut. Er begründet das mit der Überlegung, dass wir auch bei anderen Menschen nur von außen urteilen können, und fordert eine faire Behandlung von Maschinen.
Einwand
Searle hält dagegen, dass ein Programm das richtige Verhalten erzeugen kann, ohne etwas zu verstehen. Auch die Stanford Encyclopedia of Philosophy merkt an, dass Turing Fragen der Täuschung kaum beachtet.
Verbindung
Der Streit um den Test führt direkt zu Searles Chinesischem Zimmer und zu Dreyfus' Kritik, dass Verstehen einen Körper in einer Situation braucht.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Kommt in diesen Denkwegen vor

Britischer Mathematiker, der mit der Turingmaschine erklärte, was Berechnen heißt, und mit dem Imitationsspiel die Frage stellte, wann man einer Maschine Denken zusprechen sollte.

Turing steht am Anfang des Kapitels, weil seine Arbeiten die Grundlage der Informatik und der Forschung zu künstlicher Intelligenz bilden. Seine Prüfung nur von außen wird später von Searle im Chinesischen Zimmer angegriffen.

Kernidee

Turing zeigte 1936, dass sich der Begriff des Berechnens mathematisch genau fassen lässt und dass es dabei feste Grenzen gibt. 1950 schlug er vor, die Frage „Können Maschinen denken?“ durch ein Spiel zu ersetzen: Ein Mensch befragt per Text einen Menschen und eine Maschine und soll herausfinden, wer wer ist. Wer nur von außen urteilt, so Turings Gedanke, urteilt bei anderen Menschen auch nicht anders.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Der Aufsatz von 1950 wurde nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy durch Gespräche mit Michael Polanyi an der Universität Manchester angeregt. Dieselbe Quelle hält fest, dass Turing sich selbst nie als Philosophen bezeichnete.[1]

Fundstelle: Abschnitt 7

Bekannt für

Man kennt Turing für die Turingmaschine, für seine Rolle beim Entschlüsseln der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma in Bletchley Park und für das Imitationsspiel, das heute Turing-Test heißt. Ein Alltagsbeispiel ist der Chat, in dem du nicht sicher bist, ob am anderen Ende ein Mensch schreibt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Berechenbarkeit und die universale Maschine

In „On Computable Numbers“ gab Turing eine genaue Definition dessen, was Berechnen bedeutet, und zeigte zugleich eine absolute Grenze dessen, was Berechnen leisten kann. Daraus folgt der Gedanke einer Maschine, die jede andere Rechenvorschrift ausführen kann, wenn man sie entsprechend programmiert. In der Praxis erlebst du das, wenn dasselbe Gerät mit anderer Software ganz andere Aufgaben erledigt.

Das Imitationsspiel

Turing beschrieb ein Spiel mit einem Fragenden, einem Menschen und einer Maschine, die nur per Text antworten. Wenn der Fragende die Maschine nicht zuverlässig vom Menschen unterscheiden kann, sollte man der Maschine laut Turing Intelligenz zusprechen. Er begründete das damit, dass wir auch bei anderen Menschen nur von außen urteilen. Im Bewerbungsgespräch am Telefon urteilst du ebenfalls nur nach dem, was du hörst.

Lernende Maschinen

Turing erwog Maschinen, die wie ein Kind erzogen und unterrichtet werden. Er schrieb außerdem, dass man sowohl das Programmieren von Regeln als auch Ansätze nach dem Vorbild neuronaler Netze ausprobieren sollte. Übertragen auf heute: Im Team entspricht das dem Unterschied zwischen Anweisungen geben und jemanden durch Übung lernen lassen.

Begriffe

Berechenbarkeit
Turingmaschine
universale Maschine
Imitationsspiel
lernende Maschinen

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
In der angegebenen Quelle dokumentiert und anhand dieser Quelle geprüft. Die philosophische These ist dadurch nicht bewiesen.
Deutung
Redaktionelle Deutung, anhand der angegebenen Quellen geprüft. Andere Lesarten sind möglich.
überliefert
In den angegebenen Quellen überliefert, historisch aber nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Gilbert RylePrüfstand: belegt

    Gilbert Ryle war Herausgeber der Zeitschrift Mind, in der Turings Aufsatz von 1950 erschien, und stand nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy Turings Sicht wohlwollend gegenüber; mehr als diese Nähe ist nicht belegt.

  • Ludwig WittgensteinPrüfstand: belegt

    Turing besuchte 1939 Wittgensteins Vorlesungen über die Grundlagen der Mathematik in Cambridge und stritt dort mit ihm über die Mathematik; ein Einfluss auf Turings Maschinendenken ist nicht belegt.

  • Michael PolanyiPrüfstand: belegt

    Gespräche mit Michael Polanyi an der Universität Manchester regten nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy den Aufsatz von 1950 an.

Wird kritisiert von

Kritik an einer bestimmten These von Turing. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • John SearlePrüfstand: belegt

    Searle folgert aus dem Chinesischen Zimmer, dass der Turing-Test als Maßstab für Verstehen nicht ausreicht: Der Mensch im Zimmer bestünde ihn, ohne Chinesisch zu verstehen.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Turing weiter, meist über Texte.

  • Luciano FloridiPrüfstand: belegt

    Floridi schreibt Turing die vierte Revolution des menschlichen Selbstverständnisses zu: Wir sind nicht mehr im Zentrum der Welt der Information. Searle bestreitet in seiner Antwort, dass sich diese Sicht bei Turing findet.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Joseph WeizenbaumPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Weizenbaums Programm ELIZA wird in der Debatte über Turings Test als Beispiel angeführt, wie leicht Menschen einem Programm Verstehen unterstellen, das nur Stichwörter umformt; Weizenbaum hat ELIZA nicht als Antwort auf Turing angelegt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Von 1939 bis 1945 arbeitete Turing fast ausschließlich an der Entschlüsselung der Enigma in Bletchley Park. Seine Kriegsleistungen blieben völlig geheim; nach dem Krieg hatte er deshalb einen Nachteil, und sein Vorsprung bei der Planung eines elektronischen Computers wurde 1946 kaum anerkannt.[1]

  • Biografie belegt

    Turing wurde im Februar 1952 wegen einer homosexuellen Beziehung verhaftet. Um einer Haftstrafe zu entgehen, musste er sich einer Hormonbehandlung unterziehen, und er durfte nicht mehr an geheimer Entschlüsselungsarbeit mitwirken.[1]

Kritik

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy bemerkt, dass Turing die Fragen nach Täuschung und Echtheit im Test kaum beachtet habe, weil er Fragen nach der Wirklichkeit von Bewusstsein umgehen wollte. Searle hält mit dem Chinesischen Zimmer dagegen, dass ein Programm Verhalten nachahmen kann, ohne zu verstehen.

Wirkung heute

Der Test ist bis heute ein Bezugspunkt, wenn gefragt wird, woran man Intelligenz bei Maschinen erkennt. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt eine weiterhin geteilte Debatte darüber, ob er ein sinnvolles Ziel für die Forschung zu künstlicher Intelligenz ist.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn du in deinem Team nur nach Antworten urteilst, urteilst du wie Turing nach Außenverhalten. Du kannst dich fragen, wann das reicht, zum Beispiel bei einer Auskunft, und wann du nachfragen musst, ob jemand die Sache wirklich verstanden hat, zum Beispiel vor einer wichtigen Entscheidung. Das ist eine Analogie und keine Aussage Turings über Führung.

Lebensstationen

  1. 1912Geburt in London (23. Juni)
  2. 1935Fellow am King's College, Cambridge
  3. 1936Aufsatz „On Computable Numbers“ (Druck 1936 und 1937)
  4. 1939Teilnahme an Wittgensteins Vorlesungen über die Grundlagen der Mathematik in Cambridge; ab September Arbeit in Bletchley Park
  5. 1950„Computing Machinery and Intelligence“ erscheint in Mind
  6. 1954Tod am 7. Juni in Wilmslow

Werke

  • On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem (1936)

    Ersterscheinung: Proceedings of the London Mathematical Society, Reihe 2, Band 42 (1936 bis 1937), Seiten 230 bis 265.

  • Computing Machinery and Intelligence (1950)

    Ersterscheinung: Mind, Band 59 (1950), Seiten 433 bis 460. Deutsche Ausgabe: „Kann eine Maschine denken?“ (1967).

Lesetipps

Einstieg
Alan Turing, Computing Machinery and Intelligence, Mind 59 (1950); der Text enthält das Imitationsspiel und die Antworten auf die Einwände.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Alan Turing“ (B. Jack Copeland) und „The Turing Test“

Noch nicht sicher belegt

  • Der Aufsatz von 1936 erschien nach der Wikipedia in zwei Teilen Ende 1936 in Band 42.
  • Die Stanford Encyclopedia of Philosophy datiert ihn auf 1936 bis 1937, deshalb steht im Text eine Doppelangabe.
  • Die Verbindung zu Wittgenstein ist als Kontakt belegt, ein Einfluss nicht.
  • Turing besuchte Wittgensteins Vorlesungen und stritt mit ihm über Mathematik.
  • Die Stanford Encyclopedia of Philosophy vermerkt, dass es keine Aufzeichnung eines Gesprächs der beiden über den Geist gibt.
  • Zur Todesursache nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy höchstwahrscheinlich eine Selbsttötung durch Zyanid, im Steckbrief wird sie nicht ausgeführt.
  • Die deutsche Erstausgabe von „Computing Machinery and Intelligence“ (Kursbuch 8, 1967) ist nur durch die deutsche Wikipedia belegt.

Wege durchs Netz

  • 1. Berechnen und Steuern

    Turing erklärte mit der Turingmaschine, was Berechnen heißt, und schlug mit dem Imitationsspiel vor, Denken am Gespräch zu prüfen.

Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Turing

  1. [1]Alan Turing, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Alan Turing · Wikipedia

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