Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie · Was ist gerecht?

Was ist gerecht? Der Weg im Überblick

Lesedauer ungefähr 4 Minuten · Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.

Dein Team hat ein großes Projekt geschafft, und es gibt einen Bonus. Eine Kollegin hat am meisten gearbeitet, ein Kollege hat zwei kleine Kinder und wenig Geld, eine dritte war krank. Dieser Überblick zeigt in fünf Schritten, wie verschiedene Antworten auf die Frage nach einer gerechten Aufteilung diesen Fall jeweils anders ansehen. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang und nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.

Was jedem zusteht: Der erste Gedanke ist oft, dass mehr bekommt, wer mehr geleistet hat. Aristoteles nennt eine Verteilung gerecht, wenn Gleiche Gleiches und Ungleiche im Verhältnis ihrer Unterschiede bekommen. Welcher Maßstab dabei zählt, ob Leistung, Bedarf oder etwas anderes, legt diese Regel nicht fest, und genau darüber wird gestritten. Leistung als Maßstab ist schwierig, weil sie auch von Begabung und Umständen abhängt, für die niemand etwas kann. Sichtbar wird so der Unterschied zwischen der Form einer gerechten Verteilung und dem Maßstab, nach dem verteilt wird.

Nutzen für alle: Jemand im Team schlägt vor, zu fragen, wem das Geld am meisten bringt. Für Bentham und Mill ist richtig, was das Wohlergehen aller Betroffenen insgesamt am meisten fördert, und jeder zählt dabei gleich viel. Weil ein zusätzlicher Betrag einem Menschen mit wenig Geld mehr Glück bringt, spricht diese Rechnung, auf den Bonus übertragen, dafür, dem Kollegen mit den Kindern mehr zu geben, wobei alle Folgen in die Rechnung gehören, auch die für die Anstrengung der anderen. Mill versteht Gerechtigkeit als den wichtigsten Teil des Nutzens, als Regeln, die Rechte schützen. Rawls hält dagegen, dass der Schutz des Einzelnen nicht gegen den Gewinn anderer verrechnet werden darf.

An dieser Stelle trennen sich drei Fragen: Welche Regel wäre fair, wenn du nicht wüsstest, wer du bist? Ist das Geld auf rechtmäßigem Weg zu jemandem gekommen? Und was können die drei mit ihrem Anteil tatsächlich tun? Alle drei Fragen setzen an der Nutzenrechnung an, beantworten aber Verschiedenes.

Schleier des Nichtwissens: Das Team sucht eine Regel für alle künftigen Projekte und tut so, als wüsste niemand, welche Rolle er dann hat. John Rawls fragt genau so, welche Regeln Menschen wählen würden, wenn niemand seine Lage kennt. Nach ihm würden sie gleiche Grundfreiheiten mit Vorrang wählen, dazu faire Chancengleichheit und Ungleichheiten nur, wenn sie den am schlechtesten Gestellten den größtmöglichen Vorteil bringen. Seine Grundsätze gelten der Grundordnung einer Gesellschaft, der Bonus veranschaulicht sie nur im Kleinen. Der Ökonom John Harsanyi wandte ein, vernünftige Wähler würden in dieser Lage den durchschnittlichen Nutzen möglichst groß machen.

Rechtmäßiger Besitz: Die Geschäftsführung verlangt nachträglich, dass alle einen Teil des Bonus in einen gemeinsamen Topf geben, und die Kollegin mit den meisten Stunden sagt, das Geld gehöre ihr. Robert Nozick fragt nicht, welches Muster eine Verteilung hat, sondern wie sie entstanden ist. Wer etwas auf gerechtem Weg erworben oder freiwillig übertragen bekommen hat, hat einen Anspruch darauf, ob er es verdient hat oder nicht, und Unrecht wie Raub oder Betrug muss berichtigt werden. Nozick schreibt über Staat und Eigentum; übertragen auf das Team darf die Kollegin schenken, so viel sie will, und strittig ist, ob man sie zum Abgeben zwingen darf. Kritiker halten ihm vor, dass er die starken Rechte über sich selbst und die eigene Arbeit kaum begründet.

Anerkennung: Beim Rückblick wird nur die Kollegin mit den meisten Stunden gelobt, obwohl alle ihr Geld korrekt bekommen haben. Axel Honneth sieht Ungerechtigkeit oft darin, dass Menschen die Anerkennung verweigert wird, auch wenn das Geld stimmt. Martha Nussbaum und Amartya Sen fragen, was Menschen mit ihren Mitteln tatsächlich tun können, denn mit gleichen Mitteln erreichen nicht alle dasselbe. Nancy Fraser verlangt gegen Honneth, Umverteilung und Anerkennung zusammen zu denken, weil beide verschiedene Wurzeln haben.

Offen bleibt, woran sich Gerechtigkeit im Kern entscheidet. Jede Antwort sieht etwas, das den anderen leicht entgeht, und du kannst dich fragen, wie du den Bonus jetzt verteilen würdest und mit welchem Grund.

Der Überblick verdichtet die geprüften Stationen. Begründungen, Einwände und Quellen stehen in den Stationen selbst.

Den ganzen Weg gehen: Bekommt jeder, was ihm zusteht?