Landkarte der Philosophie

Frantz Fanon

1925–1961 · Fort-de-France, Blida, Tunis

Strömung
Phänomenologie und Existenzialismus
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Psychiater und Denker der Dekolonisierung aus Martinique, der die existenzialistische Phänomenologie auf die Erfahrung von Rassismus und Kolonialherrschaft anwandte.

Fanon steht im Netz für die Weiterführung des Pariser Existenzialismus in der Frage der Kolonialherrschaft. Er las Sartres Blick und dessen „Antisemit und Jude“ kritisch, wurde von Merleau-Ponty beeinflusst, und Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“.

Kernidee

Fanon zeigt in „Schwarze Haut, weiße Masken“, wie Rassismus und Kolonialismus die Person tief verletzen und sie sich selbst fremd machen. Kolonialismus ist für ihn ein „totales Projekt“, das keinen Teil des Menschen unberührt lässt. In seinem letzten Buch beschreibt er die Befreiung der Kolonisierten als Kampf, in dem Gegengewalt eine Rolle spielt.

Bekannt für

Man kennt Fanon für „Die Verdammten dieser Erde“, das mit einem berühmten Vorwort von Sartre erschien, und für „Schwarze Haut, weiße Masken“. Er war Arzt in Algerien und schloss sich im Algerienkrieg der Befreiungsfront FLN an.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die gelebte Erfahrung des Schwarzen

Fanon beschreibt in „Schwarze Haut, weiße Masken“, wie sich ein schwarzer Mensch im Blick der Weißen gesehen und festgelegt erlebt. Die Stanford-Enzyklopädie nennt die existenzielle Phänomenologie den wichtigsten Zugang dieses Buches und verweist auf Sartre und Merleau-Ponty. Wer als einziger aus einer Gruppe in ein Team kommt, kennt etwas davon: Man wird zuerst als Vertreter seiner Gruppe gelesen und erst danach als Person.

Kolonialismus als totales Projekt

Kolonialismus lässt nach Fanon keinen Teil der Person unberührt. Entfremdung zeigt sich für ihn besonders in der Sprache und im Verhältnis des Kolonisierten zur Welt des Kolonisators. In Organisationen mit starkem Machtgefälle erleben Menschen etwas Verwandtes, wenn sie ihre Sprache und Haltung der Leitkultur angleichen müssen.

Gegengewalt und nationales Bewusstsein

In „Die Verdammten dieser Erde“ beschreibt Fanon Gewalt als Gegengewalt, die den Kampf um Unabhängigkeit antreibt, und die Nation als Rahmen der Dekolonisierung. Er warnt zugleich vor den pathologischen Folgen exzessiver Gewalt. Für den Führungsalltag bleibt die Frage, wessen Stimme in einem Veränderungsprozess überhaupt gehört wird und wer erst durch Widerstand Gehör findet.

Begriffe

Gelebte Erfahrung des Schwarzen
Entfremdung
Kolonialismus
Rassismus
Gegengewalt
Dekolonisierung
nationales Bewusstsein

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Aimé Césaire: unterrichtete Fanon am Lycée Schoelcher in Martinique
  • Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre: Einflüsse, die eine phänomenologische Lektüre stützen

Freunde

  • Jean-Paul Sartre: stand laut Wikipedia (de) während Fanons politischer Aktivität mit ihm in Diskussion und schrieb das Vorwort

Gegner

  • Französische Kolonialherrschaft in Algerien, deren Armee er verwundete Widerstandskämpfer entzog
  • Négritude-Konzept von Césaire, das er kritisch las

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Laut Stanford-Enzyklopädie greift Fanon Hegels Dialektik auf, vor allem Anerkennung und das Wagnis des Lebens.

  • baut auf Maurice Merleau-Pontyungeprüft

    Merleau-Ponty wird in der Stanford-Enzyklopädie und der deutschen Wikipedia als Einfluss genannt, der eine phänomenologische Lektüre Fanons stützt.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Paul Sartreungeprüft

    Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), Fanon las zugleich dessen Blick-Analyse und „Antisemit und Jude“ kritisch.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Jean-Paul Sartreungeprüft

    Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), Fanon las zugleich dessen Blick-Analyse und „Antisemit und Jude“ kritisch.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Fanon arbeitete ab 1953 als Arzt in Blida in Algerien, trat nach der blutigen Niederschlagung eines Streiks des Pflegepersonals 1956 zurück und wurde ausgewiesen. Danach schloss er sich der FLN an. Sein Denken über Gewalt entstand also mitten im Algerienkrieg.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Fanon war Redakteur beim FLN-Organ El Moudjahid und zeitweise Vertreter der algerischen Übergangsregierung in Accra. Später distanzierte er sich zunehmend von der FLN-Spitze und von den neuen Regierungen nach der Unabhängigkeit.[2]

  • Biografie Deutung

    Fanon stammte aus Martinique unter französischer Kolonialherrschaft und wurde dort von Césaire unterrichtet. Dass die eigene Erfahrung als Schwarzer in Frankreich seine Analyse prägte, legt der Titel von Kapitel 5 in „Schwarze Haut, weiße Masken“ nahe, es bleibt eine Deutung.[1]

Kritik

Kritiker werfen Fanon vor allem Gewaltverherrlichung vor. Die Quellen halten dagegen, er meine situationsbezogene Gegengewalt und warne vor den Folgen übermäßiger Gewalt, und die Stanford-Enzyklopädie nennt seine Haltung strategisch und nicht nihilistisch.

Wirkung heute

Seine Analyse, wie Rassismus Selbstbild und Sprache verformt, wird in postkolonialer Theorie und in der Diversitätsdebatte weiter gelesen. Der Gedanke der gelebten Erfahrung verbindet ihn mit der Phänomenologie.

Brücke zu Führung und Coaching

Fanon macht aufmerksam darauf, dass Menschen in Gruppen auf eine Rolle festgelegt werden, noch bevor sie etwas sagen. In einem diversen Team lohnt es sich, danach zu fragen, wer wie gelesen wird und was das mit der Zusammenarbeit macht. Frage dich: Wen im Team sehe ich zuerst als Vertreter einer Gruppe, und was würde ich sehen, wenn ich die Person ansehe?

Lebensstationen

  1. 1925Geburt in Fort-de-France, Martinique
  2. 1952Erscheinen von „Schwarze Haut, weiße Masken“
  3. 1953Chefarzt der Klinik Blida-Joinville in Algerien
  4. 1956Rücktritt, Ausweisung, Anschluss an die FLN in Tunis
  5. 1961Erscheinen von „Die Verdammten dieser Erde“ mit Sartres Vorwort
  6. 1961Tod an Leukämie in Bethesda, Maryland

Werke

Schwarze Haut, weiße Masken (1952); Im fünften Jahr der algerischen Revolution (1959); Die Verdammten dieser Erde (1961)

Anekdote überliefert

Fanon behandelte in Blida verwundete Widerstandskämpfer und versteckte sie laut Wikipedia vor der französischen Armee. Sein Buch von 1959 wurde in Frankreich sofort verboten.[2]

Lesetipps

Einstieg
Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde (1961, mit Vorwort von Jean-Paul Sartre): sein bekanntestes Buch und der Einstieg in sein Denken über Dekolonisierung
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, Eintrag „Frantz Fanon“ (online); eine verifizierte gedruckte Einführung wurde nicht gefunden

Noch nicht sicher belegt

  • Sartres Vorwort: Beide Quellen nennen keine eigene Jahreszahl für das Vorwort; die deutsche Wikipedia ordnet es dem Buch „Die Verdammten dieser Erde (1961)“ zu, die SEP nennt gar kein Jahr. Eine persönliche Begegnung von Fanon und Sartre 1961 ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt. Das Vorwort zu „Schwarze Haut, weiße Masken“ stammt laut deutscher Wikipedia nicht von Sartre, sondern von Francis Jeanson. Geburtsjahr 1925 nur aus der deutschen Wikipedia, die SEP nennt keins. Lyon-Studium, Kriegsdienst und Rücktritt 1956 stammen aus der deutschen Wikipedia, die SEP erwähnt sie nicht. Die CIA-Angabe zum Transport nach Bethesda aus der SEP wurde nicht übernommen. Schüler nicht belegt. Die Beziehung zu Hegel stammt nur aus der SEP. Der Wikipedia-Eintrag nennt zwei Hauptwerke mit teils unterschiedlichen deutschen Titeln (Im fünften Jahr der algerischen Revolution, Aspekte der algerischen Revolution).

Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Fanon

  1. [1]Frantz Fanon, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Frantz Fanon, Wikipedia (de) · Wikipedia

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