Landkarte der Philosophie

Arthur Schopenhauer

1788–1860 · Frankfurt am Main, Danzig, Frankfurt am Main

Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der große Außenseiter, der Kant zustimmt, aber Fichte, Schelling und Hegel als Irrweg ablehnt und den Willen statt der Vernunft ins Zentrum rückt.

Er ist der erste große Gegner der Hegelschen Schule und lenkt Kant vom Geist weg zum Willen. Über ihn führt eine Linie zu Nietzsche, die in diesem Modul nur als Ausblick vorkommt.

Kernidee

Schopenhauer nimmt Kants Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich auf. Das Ding an sich ist für ihn der Wille, ein blindes Drängen zum Dasein, das wir in uns selbst als Trieb spüren. Weil dieser Wille nie satt wird, ist die Welt voller Streit, und Erleichterung finden wir nur durch Kunst, Mitleid und Verzicht.

Bekannt für

Man kennt Schopenhauer als den Philosophen des Pessimismus, der behauptet, dass unser Wollen nie zur Ruhe kommt. Berühmt ist auch sein Streit mit Hegel in Berlin, wo beide an der Universität lehrten: Er legte 1820 seine Vorlesung auf dieselbe Zeit wie Hegel und blieb ohne Hörer.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Welt als Wille und Vorstellung

Schopenhauer sagt, die Welt habe zwei Seiten. Als Vorstellung ist sie das, was wir wahrnehmen und ordnen. Als Wille ist sie ein blindes Drängen, das hinter allem steckt und das wir in uns selbst erleben. Wer nach dem dritten erreichten Quartalsziel sofort das nächste setzt, ohne dass Zufriedenheit eintritt, erlebt nach Schopenhauer genau dieses Drängen.

Die Kritik an Kant

Kant ordnet unsere Erfahrung mit zwölf Kategorien, das sind Grundformen, in denen der Verstand denkt. Schopenhauer meint, sie ließen sich auf eine einzige zurückführen, nämlich auf Ursache und Wirkung. Wer ein Projekt nur noch nach Ursache und Wirkung abfragt, bekommt Abläufe und Zahlen, erfährt aber nicht, was die Beteiligten antreibt.

Die Ethik des Mitleids

Anders als Kant begründet Schopenhauer die Moral nicht mit einem Gesetz der Vernunft, sondern mit dem Mitempfinden. Der einzige Grund, uneigennützig zu handeln, ist für ihn die Erkenntnis des Eigenen im Anderen. Eine Führungskraft, die bei einer Kündigung spürt, was der andere gerade durchmacht, handelt anders als eine, die nur die Richtlinie anwendet.

Begriffe

Wille
: das Wesen der Welt als blinder, grundloser Drang, der sich in Natur und Mensch als Wille zum Leben zeigt
Vorstellung
: die Welt, wie sie uns erscheint, gebunden an Raum, Zeit und Ursache, wobei Subjekt und Objekt nur gemeinsam bestehen
Ding an sich
: bei Schopenhauer das, was hinter den Erscheinungen steckt; wir erfahren es im eigenen Inneren als Willen
Mitleid
: die Grundlage der Moral: Wer im anderen denselben leidenden Willen erkennt, handelt uneigennützig
Pessimismus
: die Sicht, dass Streben aus Mangel entsteht und Leid bleibt, weil das Leben zwischen Schmerz und Langeweile pendelt
Verneinung des Willens
: der Ausweg aus dem Leid durch Kunst, Mitleid und Askese, der in einem Zustand der Willenlosigkeit mündet

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Immanuel Kant: kein persönlicher Lehrer, aber der Denker, den er übernimmt und korrigiert
  • Platon: neben Kant sein zweites Vorbild (nach SEP)

Schüler

  • Friedrich Nietzsche: wurde stark von Schopenhauer angeregt (nach Wikipedia über die Parerga)
  • Julius Frauenstädt: gab nach seinem Tod die Werke heraus

Freunde

  • Johann Wolfgang von Goethe: arbeitete mit ihm in Weimar an der Farbenlehre

Gegner

  • Hegel: wegen der Hegelschen Philosophie, die er als Scharlatanerei bezeichnete
  • Fichte, Schelling und Schleiermacher: Ziel seiner Polemiken

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen, davon 6 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Friedrich Nietzscheungeprüft

    Hat sich früh an Schopenhauer abgearbeitet und sich später abgesetzt

  • Grundlage für Henry David ThoreauDeutung

    SEP nennt Schopenhauer unter den Einflüssen; Art der Rezeption nicht geprüft.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Er übernimmt Kants Trennung von Erscheinung und Ding an sich und macht den Willen zum Ding an sich.

  • baut auf Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    Für seine Ethik des Mitleids zitiert er ausführlich Rousseaus Ausführungen zum Mitleid.

  • baut auf Platonungeprüft

    bezieht Ideenlehre auf seine Kunstlehre

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Siddhartha Gautama (Buddha)ungeprüft

    Schopenhauers Mitleids- und Verneinungslehre wird mit dem Buddhismus verglichen, in den Quellen nicht geprüft

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Um 1819 geriet er in eine finanziell knappe Lage und bewarb sich deshalb in Berlin um eine Dozentur. Als das Handelshaus Muhl 1821 seine Forderungen beglich, gab er die Universität auf.[2]

  • Biografie Deutung

    Er verlor als Siebzehnjähriger den Vater, einen Kaufmann, möglicherweise durch Suizid, und sollte ursprünglich Kaufmann werden. Seine Verachtung der Universitätsphilosophie könnte auch aus der Erfahrung kommen, dass die Studenten bei Hegel saßen und nicht bei ihm.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Er vermachte sein Vermögen Soldaten, die 1848 an der Niederschlagung der Revolution beteiligt waren, und verließ Berlin 1831 wegen der Cholera. Seine Haltung zur Revolution zeigt, wie fern ihm politische Veränderung stand.[1]

Kritik

Schon Zeitgenossen wie Gottlob Ernst Schulze und Friedrich Heinrich Jacobi hatten an Kant bemängelt, dass er vom Ding an sich spricht, obwohl es nicht erkennbar sein soll. Der Einwand liegt auch bei Schopenhauer nahe, denn er sagt ja, was das Ding an sich ist, nämlich Wille. Zusätzlich gilt sein Pessimismus vielen als einseitig (Deutung).

Wirkung heute

Die Idee, dass viel von unserem Antrieb triebhaft und unbewusst ist, wirkt bis heute in Psychologie und Literatur nach. Auch seine Ethik des Mitleids wird weiter diskutiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Schopenhauers Gedanke vom Wollen, das nie satt wird, hilft bei Führungskräften, die nach jedem Erfolg sofort das nächste Ziel setzen. Frag sie: Was müsste passieren, damit dieses Ziel genug ist? Und wer in deinem Team hört gerade nur noch das Nächste und nie ein Fertig?

Lebensstationen

  1. 1788Geboren in Danzig als Sohn eines Kaufmanns
  2. 1819Erscheinen von Die Welt als Wille und Vorstellung
  3. 1820Dozent in Berlin, Streit mit Hegel um die Hörer
  4. 1833Zieht endgültig nach Frankfurt am Main
  5. 1851Parerga und Paralipomena (zwei Bände mit Essays und Aphorismen) bringen den späten Ruhm
  6. 1860Stirbt in Frankfurt

Werke

  • Die Welt als Wille und Vorstellung (1818/19)
  • Parerga und Paralipomena (1851)

Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813)

Die Welt als Wille und Vorstellung (1819, erweitert 1844 und 1859)

Über den Willen in der Natur (1836)

Über die Grundlage der Moral (1841)

Parerga und Paralipomena (1851)

Anekdote überliefert

In Berlin legte Schopenhauer seine Vorlesung auf dieselbe Stunde wie Hegel und hatte kaum Zuhörer. Danach verachtete er die Universitätsphilosophie.[2]

Lesetipps

Einstieg
Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), zuerst das vierte Buch zur Ethik und zur Verneinung des Willens; welche Ausgabe, hängt von deinem Geschmack ab (Ausgabe nicht geprüft)
Vertiefung
Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie (Hanser, 1987)

Noch nicht sicher belegt

  • Hegel-Anekdote ist in Lexika berichtet, zeitgenössischer Beleg (Vorlesungsverzeichnis) nicht selbst geprüft. Abschnitt Kritik: Die Einwände sind aus der Schulze-Jacobi-Kritik an Kant abgeleitet und als Deutung gekennzeichnet, der SEP-Abschnitt Critical Reflections wurde nicht gelesen. Lehrer-Angaben beschränkt auf Quellenlage (Göttinger und Berliner Lehrer nicht geprüft). Ausgabe beim Lesetipp nicht geprüft.
  • Gerüst: Konzepte, Führungs-Transfer und Leseempfehlung sind eigene Verdichtung, nicht einzeln aus den Quellen zitiert. Geburtsort Danzig und die Edges zu Hegel und Platon sind aus den Auszügen nicht belegt (Fachliteratur-Standard). Kant-Bezug belegt (SEP, Britannica). Veröffentlichung 1818, Titelblatt 1819 laut SEP.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Schopenhauer

  1. [1]Arthur Schopenhauer (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Arthur Schopenhauer (Wikipedia de) · Wikipedia
  3. [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: schopenhauer · Internet Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Britannica: 276936 · Britannica
  5. [5]Wikipedia (en): Schopenhauer and the Wild Years of Philosophy · Wikipedia
  6. [6]Britannica: Arthur Schopenhauer · Britannica

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