Martha Nussbaum
geboren 1947 · New York City, Professorin in Chicago, New York, später Chicago
- Strömung
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Kommt in diesen Denkwegen vor
Die Philosophin, die in ihrem Buch zur hellenistischen Ethik die antiken Schulen als Therapie der Seele liest und die stoische Sicht der Emotionen weiterdenkt.
Sie ist die moderne Philosophin, die Seneca, Chrysipp, Epikur und Lukrez als Therapeuten der Seele neu liest. Mit ihrer Emotionstheorie knüpft sie an die Stoiker an, ändert sie aber ab.
Kernidee
In The Therapy of Desire beschreibt Nussbaum, wie Epikureer, Skeptiker und Stoiker Philosophie wie Medizin betrieben: als strenge Kunst, das menschliche Leben gelingen zu lassen. Sie untersucht dort Themen wie Todesangst, Liebe, Sexualität und Zorn. In Upheavals of Thought verteidigt sie eine veränderte Fassung der stoischen Sicht, nach der Emotionen Urteile über den Wert von Dingen und Menschen sind.
Bekannt für
Sie ist als Philosophin bekannt, die antike Ethik mit Recht, Politik und Gefühlen verbindet. Bekannt ist auch der Befähigungsansatz, der fragt, was jeder Mensch tun und sein kann.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Philosophie als Medizin der Seele
Nussbaum zeigt, dass die hellenistischen Schulen wie Medizin vorgingen: Sie diagnostizierten Leiden der Seele und behandelten sie mit Argumenten. Dazu zählt die Angst vor dem Tod, Zorn oder unstillbares Verlangen. Wenn ein Mitarbeiter an Perfektionismus leidet, wäre das ein Fall für eine solche „Behandlung“ durch gemeinsames Nachdenken.
Emotionen sind Urteile
In Upheavals of Thought vertritt sie, dass Emotionen wertende Urteile sind, die Dingen und Menschen außerhalb unserer Kontrolle große Bedeutung geben. Sie nennt das eine veränderte Fassung der stoischen Sicht. Wenn du wütend auf einen Kollegen bist, steckt dahinter ein Urteil darüber, was dir wichtig ist.
Befähigungsansatz
Mit Amartya Sen (einem indischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen) fragt sie, was jeder Mensch tatsächlich tun und sein kann, nicht nur, was ihm formal erlaubt ist. Dazu zählen persönliche Fähigkeiten, Freiheit und Gelegenheit. In einem Unternehmen heißt das: Prüfe, ob Mitarbeitende nicht nur dürfen, sondern auch wirklich können.
Begriffe
- Philosophie als Therapie
- : Nussbaums Lesart antiker Schulen: Sie diagnostizieren Leiden der Seele wie Todesangst oder Zorn und behandeln sie mit Argumenten
- Emotionen als Urteile
- : Nussbaums These, dass Gefühle wertende Urteile über Dinge und Menschen sind, die uns wichtig sind, aber nicht in unserer Hand liegen
- Seelenkrankheit
- : Zustände wie Todesangst, Zorn oder unstillbares Verlangen, die die antiken Schulen wie Krankheiten der Seele behandeln wollten
- Befähigungsansatz
- : der von Amartya Sen entwickelte, von Nussbaum um eine Liste erweiterte Ansatz, der fragt, was jeder Mensch tatsächlich tun und sein kann
- Fähigkeitenansatz
- : die Frage, was jeder Mensch tatsächlich tun und sein kann, statt nur danach, was er besitzt
- Zentrale Fähigkeiten
- : zehn Grundmöglichkeiten wie Gesundheit, Vernunft, Zugehörigkeit und Spiel, die für ein menschenwürdiges Leben gesichert sein sollen
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
8 Verbindungen im Netz, davon 7 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Nussbaum übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Adam Smithungeprüft
Adam Smith wird in Wikipedia und SEP als Bezugspunkt genannt
Aristotelesungeprüft
Thema ihrer Doktorarbeit, Grundlage ihrer Idee vom gelingenden Leben
Chrysipp von Soloiungeprüft
Untersucht Chrysipp als stoischen Vertreter des therapeutischen Modells.
Epikur von Samosungeprüft
Epikur steht am Anfang ihrer Untersuchung der hellenistischen Therapien.
Immanuel Kantungeprüft
Jeder Mensch als Zweck an sich, in Wikipedia als Einfluss genannt
John Rawlsbelegt
Nussbaum meint, ihre Liste zentraler Fähigkeiten lasse sich aus einem überlappenden Konsens im Sinne von Rawls gewinnen, und schlägt Fähigkeiten zugleich als Alternative zu Rawls' Maßstab der Grundgüter vor.
Lucius Annaeus Senecaungeprüft
Nussbaum behandelt Seneca in ihrem Buch über die Therapie des Begehrens als einen der Hauptzeugen.
Titus Lucretius Carusungeprüft
Lukrez gehört zu den von ihr untersuchten Autoren des therapeutischen Modells.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie Deutung
Sie lehrte in den 1970ern in Harvard, ging 1982 nach Brown und wurde 1995 Professorin in Chicago. Die wechselnden Arbeitsorte stehen zwischen Philosophie, Klassik und Recht, was ihr Interesse an praktischer Philosophie erklären könnte.[2]
Zeitgeschehen belegt
Ihr Buch von 1994 reagiert darauf, dass die hellenistischen Schulen in der Philosophie ihrer Zeit nach ihrer Ansicht zu Unrecht vernachlässigt wurden.[3]
Kritik
Nussbaum übernimmt die stoische Idee, dass Emotionen Urteile sind, nur in einer von ihr selbst „modifiziert“ genannten Fassung. Sie versteht Emotionen als wertvollen Teil des Menschseins und nicht als Störung (so eine Rezension von Edward Vacek). Ausgearbeitete Einwände anderer Autoren sind hier noch nicht dargestellt.
Wirkung heute
Ihre Sicht, dass Philosophie praktisch und heilend sein kann, wird von heutigen Anbietern von Stoa-Kursen gern aufgegriffen. Ihre These, dass Emotionen Urteile sind, ist in der Philosophie der Gefühle einflussreich.
Brücke zu Führung und Coaching
Nussbaum hilft dir, Emotionen im Team ernst zu nehmen und zugleich zu prüfen. Wenn jemand wütend wird, frage zuerst: Was ist dir hier wichtig, dass es dich so trifft? Frage dich auch selbst: Welches Urteil über Wert und Kontrolle steckt in meiner letzten Aufregung?
Lebensstationen
- 1947Geboren in New York City
- 1975Promotion in Harvard (nach Wikipedia)
- 1982Wechsel von Harvard an die Brown University
- 1994The Therapy of Desire erscheint
- 1995Professorin für Recht und Ethik an der Universität Chicago
- 2001Upheavals of Thought erscheint
Werke
- Die Zerbrechlichkeit des Guten (1986)
- Fähigkeiten schaffen (2011)
The Fragility of Goodness (1986); The Therapy of Desire. Theory and Practice in Hellenistic Ethics (1994); Upheavals of Thought. The Intelligence of Emotions (2001); Hiding from Humanity (2004). Mit Amartya Sen entwickelte sie den Befähigungsansatz (Capabilities Approach).
Anekdote belegt
In The Therapy of Desire lässt Nussbaum Plato bewusst aus, weil er nach ihrer Aussage bereits von anderen Forschern gut bearbeitet worden ist. Sie beginnt stattdessen mit Aristoteles und geht über die Epikureer und Skeptiker zu den Stoikern.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Martha C. Nussbaum: The Therapy of Desire. Theory and Practice in Hellenistic Ethics (1994, englisch)
- Vertiefung
- Martha C. Nussbaum: Upheavals of Thought. The Intelligence of Emotions (2001)
Noch nicht sicher belegt
- Dass sie 1975 in Harvard promovierte, stammt aus einer Kopie eines Wikipedia-Artikels.
- Die Kritik an ihr ist dünn belegt, nämlich nur durch eine Rezension.
- Das Verhältnis ihrer Emotionstheorie zur stoischen Sicht bezeichnet sie selbst als „modifiziert“.
- Der Bezug zu Epiktet ist nicht eigens geprüft.
- Ob Brown 1982 oder bis 1994/95 ihr Arbeitsort war, schwankt zwischen den Quellen. Die genaue Dauer ihrer Chicagoer Professur ist nicht angegeben.
- Der Bezug zu Kant steht nur in Wikipedia.
- Die Stoiker sind nicht einzeln verbunden, weil die Quellen nur die Gruppe nennen.
- Die deutschen Titel sind nicht geprüft.
Wege durchs Netz
Von der Seelenheilkunde zur Verhaltenstherapie
Nussbaum: Emotionen sind Urteile über den Wert von Dingen und Menschen.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Stoa und Epikur. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Nussbaum
- [1]Martha Nussbaum · Wikipedia
- [2]The Gifford Lectures: Martha C. Nussbaum · Webseite
- [3]The Therapy of Desire, Verlagstext · Buch
- [4]books.google.com/books/about/Upheavals_of_Thought.html · Buch
- [5]catholicbooksreview.org/2002/nussbaum.htm · Webseite
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]Martha Nussbaum · Britannica
- [8]Amartya Sen · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [9]Martha Nussbaum · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20