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Landkarte der Philosophie

Judith Butler

geb. 1956 · Berkeley

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Kommt in diesen Denkwegen vor

US-amerikanische Philosophin und Gendertheoretikerin, deren Idee der Performativität von Geschlecht die Queer-Theorie (einen Ansatz, der Normen und Machtverhältnisse rund um Geschlecht und Sexualität hinterfragt) stark geprägt hat.

Butler ist die jüngste Stimme der feministischen Linie im Strukturalismus und Poststrukturalismus. In Das Unbehagen der Geschlechter setzt sie sich mit Freud, Beauvoir, Kristeva, Lacan, Irigaray, Wittig, Derrida und Foucault auseinander und führt deren Gedanken in die Frage nach der Entstehung von Geschlecht weiter.

Kernidee

Butler sagt, dass Geschlecht keine feste Natur ist, sondern durch wiederholte Handlungen und Sprechakte immer wieder hergestellt wird, und zwar innerhalb von Normen, die vorgeben, was als normal gilt. Dadurch werden manche Menschen und Lebensweisen als nicht lebbar ausgeschlossen. In späteren Arbeiten fragt sie, wessen Leben betrauert wird, und stellt Gewaltlosigkeit ins Zentrum.

Bekannt für

Man kennt Butler für Das Unbehagen der Geschlechter von 1990, das die Debatte um Gender und die Queer-Theorie ausgelöst hat. Das Buch wirkt weit über die Universität hinaus und wird immer wieder in öffentlichen Auseinandersetzungen um Geschlechterfragen genannt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Performativität von Geschlecht

Kategorien wie männlich und weiblich entstehen laut Butler dadurch, dass Menschen bestimmte Handlungen, Gesten und Sprechweisen ständig wiederholen, die als geschlechtstypisch gelten. Dahinter steht kein vorgegebener Kern, sondern ein Netz aus Normen, das durch Wiederholung stabil wirkt. Wenn in einem Unternehmen alle erwarten, dass Führungskräfte auf eine bestimmte Weise auftreten, wird dieses Auftreten durch genau diese Erwartung ständig neu hergestellt.

Ausgeschlossene Leben und Betrauerbarkeit

Butler zeigt, dass Normen nicht nur ordnen, sondern auch bestimmen, welche Körper und Lebensweisen als lebbar und betrauerbar gelten, also als Leben, dessen Verlust als Verlust zählt. Wer außerhalb dieser Normen steht, wird unsichtbar oder abgewertet. In der Arbeitswelt kann das heißen, dass bestimmte Biografien in Stellenprofilen oder Beförderungsrunden gar nicht erst vorkommen.

Verletzlichkeit und Gewaltlosigkeit

In späteren Büchern wie Precarious Life (2004) und Die Macht der Gewaltlosigkeit (2020) behandelt Butler Verletzlichkeit, Trauer und die Frage, wie sich Gewalt vermeiden lässt. Sie sieht Verletzlichkeit als gemeinsame Grundlage, die Menschen aneinander bindet. Im Team kann das heißen, Konflikte nicht als Sieg und Niederlage zu führen, sondern die Abhängigkeit voneinander ernst zu nehmen.

Begriffe

Performativität
: Geschlecht ist nicht naturgegeben, sondern entsteht durch ständig wiederholte Sprechakte, Gesten und Inszenierungen
Geschlechternormen
: Ideale davon, wie Körper und Lebensweisen zu sein haben; sie bestimmen, wer als normal gilt und wer als nicht lebbar verworfen wird
Anrufung
: ein von Althusser übernommener Gedanke: Menschen werden zu Subjekten, indem sie sich Einrichtungen wie Familie und Schule unterwerfen
betrauerbares Leben
: manche Menschenleben werden stark geschützt, andere gelten nicht als betrauernswert; Butler fragt, wessen Verlust überhaupt als Verlust zählt
Gewaltlosigkeit
: eine Ethik, die Individualismus kritisiert und Gewalt gegen andere zugleich als Gewalt gegen sich selbst sieht; Butler arbeitet daran seit 2002

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Gayatri Chakravorty SpivakDeutung

    Butler verteidigte Spivaks Werk in einer Antwort auf Eagletons Kritik; beide schrieben gemeinsam Who Sings the Nation-State? (dt. Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Diaphanes 2007).

Kritisiert

Butler kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Julia Kristevabelegt

    In „Gender Trouble“ (Kapitel 3) kritisiert Butler Kristeva ausdrücklich. Kristevas Vorstellung eines Mütterlichen, das vor aller Kultur liegt und in poetischer Sprache wiederkehrt, sei essentialistisch, also auf ein angeblich natürliches Wesen der Frau gegründet. Für Butler ist auch die Mutterschaft als Bestimmung der Frau ein Ergebnis gesellschaftlicher Redeweisen.

  • Luce Irigaraybelegt

    In „Gender Trouble“ (1990, Kapitel 1) setzt sich Butler mit Irigaray auseinander. Für Irigaray schließt die von Männern geprägte Sprache Frauen von jeder Darstellung aus. Butler hält dagegen, dass diese Sicht ein schon feststehendes weibliches Selbst voraussetzt, und vertritt, dass Geschlecht erst durch wiederholtes Handeln entsteht.

Baut auf

Butler übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Friedrich NietzscheDeutung

    Nach Wikipedia en und de greift Butler bei der Theorie, wie ein Mensch zum Subjekt gebildet wird, unter anderem auf Nietzsche zurück (neben Adorno, Foucault, Laplanche, Cavarero und Levinas, nach Wikipedia de auch Hegel, Althusser und Freud). Welche Gedanken Nietzsches das sind, sagen die Quellen nicht.

  • Michel FoucaultDeutung

    Butler knüpft an Foucaults Idee der diskursiven Macht an und führt sie auf die Entstehung von Geschlecht weiter.

  • Simone de BeauvoirDeutung

    In „Performative Acts and Gender Constitution“ (1988) stützt sie sich auf Beauvoirs Das andere Geschlecht.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie Deutung

    Butler stammt aus einer jüdischen Familie ungarischer und russischer Herkunft, ein Großteil der Familie der Großmutter mütterlicherseits wurde im Holocaust ermordet. Butler bezeichnet den Unterricht in jüdischer Ethik als erste philosophische Ausbildung, was ihr Interesse an Ethik und Gewalt mitgeprägt haben könnte.[2]

  • Abhängigkeit Deutung

    Butler lehrt seit 1993 an der University of California in Berkeley, mit dem Lehrstuhl für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft ab 1998. Eine universitäre Stellung in den USA ist der Rahmen, in dem die französische Theorie zur Gendertheorie wurde.[2]

Kritik

Martha Nussbaum bemängelt in „The Professor of Parody“, dass Butler Austins Begriff der performativen Äußerung (einer Äußerung, mit der man etwas tut und die gelingen oder misslingen kann, statt wahr oder falsch zu sein) falsch lese, juristisch irre und keine Theorie sozialer Gerechtigkeit anbiete. Nancy Fraser meint, die Konzentration auf Performativität entferne Butler von der Art, wie Menschen im Alltag über sich sprechen. 1998 erhielt Butler den ersten Preis im „Bad Writing Contest“ der Zeitschrift Philosophy and Literature für schwer lesbare Prosa.

Wirkung heute

Die Idee, dass Rollen und Normen gemacht und nicht gegeben sind, prägt Geschlechterforschung und Diskussionen über Vielfalt. Butlers neuere Bücher greifen die Debatten um Gewalt, Trauer und den Widerstand gegen die Anti-Gender-Bewegung auf.

Brücke zu Führung und Coaching

Butler schärft den Blick dafür, dass Rollenerwartungen im Team durch Wiederholung entstehen und sich dadurch auch verändern lassen. Frag dich: Welche Verhaltensweisen erwarten wir bei uns von einer Führungskraft, und wer erfüllt sie ohne Mühe, wer nur mit Anstrengung? Probiere aus, eine Besprechungsregel zu ändern, und beobachte, wer dann anders spricht.

Lebensstationen

  1. 1956Geboren in Cleveland, Ohio
  2. 1984Promotion in Yale über Hegels Begriff des Begehrens und seine Rezeption in Frankreich
  3. 1990Gender Trouble erscheint
  4. 1993Wechsel an die University of California in Berkeley
  5. 2012Adorno-Preis der Stadt Frankfurt, erste Frau als Preisträgerin
  6. 2020The Force of Nonviolence

Werke

Subjects of Desire (1987)

Gender Trouble (1990, dt. Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp 1991)

Bodies That Matter (1993, dt. Körper von Gewicht, 1995)

Excitable Speech (1997, dt. Haß spricht, 1998)

Antigone's Claim (2000, dt. Antigones Verlangen, 2001)

Undoing Gender (2004, dt. Die Macht der Geschlechternormen, 2009)

Precarious Life (2004)

Giving an Account of Oneself (2005)

The Force of Nonviolence (2020, dt. Die Macht der Gewaltlosigkeit, Suhrkamp 2020)

Who's Afraid of Gender? (2024)

Anekdote belegt

1998 erhielt Butler vom Journal Philosophy and Literature den ersten Preis im vierten „Bad Writing Competition“, der besonders schwer lesbare wissenschaftliche Sätze auszeichnet. 2017 wurde Butler vor einer Demokratiekonferenz in Brasilien in effigie verbrannt, das heißt stellvertretend an einem Abbild von ihr.[1]

Lesetipps

Einstieg
Das Unbehagen der Geschlechter, übersetzt von Kathrina Menke, Suhrkamp 1991: das Hauptwerk, das die Idee der Performativität entfaltet.

Noch nicht sicher belegt

  • Die Verbindungen zu Irigaray und Kristeva beruhen nur auf der Auseinandersetzung in Gender Trouble und sind eine Deutung.
  • Den Holocaust-Bezug der Familie nennt nur die englische Wikipedia.
  • Dass Butler als erste Frau den Adorno-Preis erhielt, nennt nur die deutsche Wikipedia.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Butler

  1. [1]Judith Butler · Wikipedia
  2. [2]Judith Butler · Wikipedia
  3. [3]complit.berkeley.edu/people/judith-butler · Webseite
  4. [4]Queer-Theorie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  5. [5]John L. Austin · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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