Herbert A. Simon
Sozialwissenschaftler und Informatiker · 1916–2001 · Pittsburgh, Carnegie Mellon University
- Kapitel
- Geist und Technik, System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- SystemtheorieDeutung[1]
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Wann ist eine Entscheidung gut genug, und woher weißt du, dass du nicht länger suchen solltest?
- Position
- Simon antwortet, dass Menschen eine Schwelle festlegen und die erste Möglichkeit nehmen, die sie erreicht. Er begründet das damit, dass Informationen unvollständig und die Beschaffung teuer ist. Dasselbe Denken über Informationsverarbeitung nutzte er, um Problemlösen als Programm zu beschreiben.
- Einwand
- Hubert Dreyfus hält dagegen, dass sich menschliches Können nicht als regelgeleitete Informationsverarbeitung beschreiben lässt, weil es auf einem Hintergrund aus Körper, Zielen und Kultur beruht.
- Verbindung
- Im Kapitel zu System, Organisation und Lernen ist Simon der Theoretiker der Entscheidung. Hier führt er zu Dreyfus und Searle als Gegnern der starken Idee künstlicher Intelligenz.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Kommt in diesen Denkwegen vor
Amerikanischer Wissenschaftler, der erforschte, wie Menschen in Organisationen mit begrenztem Wissen entscheiden, und der mit Allen Newell frühe Programme für künstliche Intelligenz schrieb.
Simon steht in zwei Kapiteln: Hier gehört er zu den Gründern der künstlichen Intelligenz, im Kapitel zu System, Organisation und Lernen zu den Theoretikern des Entscheidens in Organisationen. Im Kapitel zu Geist und Maschine kritisiert ihn vor allem Dreyfus.
Kernidee
Simon vertritt, dass Menschen selten die beste Wahl treffen, weil sie nicht alle Informationen haben und die Beschaffung von Informationen Kosten verursacht. Sie wählen eine Möglichkeit, die gut genug ist, und er nennt das zufriedenstellendes Entscheiden. Dieselbe Frage, wie Entscheiden und Problemlösen abläuft, untersuchte er mit Computerprogrammen, die wie ein Mensch Schritt für Schritt Probleme lösen sollten.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
„Administrative Behavior“ beruht auf Simons Doktorarbeit; nach Wikipedia bildete das Buch die Grundlage seines Lebenswerks. Ab 1954 untersuchte er Problemlösen mit Computersimulationen.[1][2]
Fundstelle: Abschnitt Decision-making
Bekannt für
Man kennt Simon für die Idee der begrenzten Rationalität und für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 1978. Zusammen mit Allen Newell erhielt er 1975 den Turing-Preis der Association for Computing Machinery für Beiträge zur künstlichen Intelligenz.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Begrenzte Rationalität und Zufriedenstellen
Simon geht davon aus, dass Entscheidende nur unvollständige Informationen haben und Informationsbeschaffung Kosten verursacht. Deshalb wählen sie nicht das Beste, sondern das, was ihnen gut genug erscheint. Bei der Wohnungssuche hörst du auch irgendwann auf, wenn eine Wohnung deine Mindestanforderungen erfüllt.
Entscheidungen in Organisationen
In „Administrative Behavior“ von 1947 untersucht Simon, wie Menschen in Verwaltungen entscheiden. Er fragt nach Fähigkeiten, Führungstechniken, Personalpolitik, Schulung und Kommunikation, weil sie bestimmen, wie Entscheidungen zustande kommen. Übertragen auf heute: Im Betrieb zeigt sich das, wenn zwei Abteilungen mit unterschiedlichen Informationen zu verschiedenen vernünftigen Schlüssen kommen.
Denken als Informationsverarbeitung
Mit Allen Newell schrieb Simon 1956 die Logic Theory Machine, die elementare logische Sätze beweisen konnte, und 1957 den General Problem Solver, der das Vorgehen beim Problemlösen von den Inhalten des einzelnen Problems trennen sollte. Übertragen auf heute: Du kannst eine Aufgabe in Teilprobleme zerlegen und das Vorgehen von der Fachfrage trennen, wie es Simon mit dem Programm versuchte.
Begriffe
- begrenzte Rationalität
- Zufriedenstellen
- Entscheidungsprozesse
- Problemlösen
- Logic Theorist
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 2 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- In der angegebenen Quelle dokumentiert und anhand dieser Quelle geprüft. Die philosophische These ist dadurch nicht bewiesen.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung, anhand der angegebenen Quellen geprüft. Andere Lesarten sind möglich.
- überliefert
- In den angegebenen Quellen überliefert, historisch aber nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Simon. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Hubert DreyfusPrüfstand: belegt
Dreyfus kritisiert Simons Vorhersagen und das Modell des Denkens als Informationsverarbeitung nach Regeln, das Newell und Simon vertraten.
Lucy SuchmanPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Suchman antwortete 1993 in Cognitive Science auf Vera und Simons „Situated Action: A Symbolic Interpretation“ und kritisierte das Planungsmodell der künstlichen Intelligenz.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Simon weiter, meist über Texte.
Niklas LuhmannPrüfstand: belegt
Luhmann entwickelte Herbert Simons Gedanken weiter, dass Organisationsstrukturen Entscheidungen sind, die als Prämissen für andere Entscheidungen dienen.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Karl WeickPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Simon fragt, wie Entscheidungen Organisationen formen, Weick dagegen, wie Sinnbildung das Organisieren antreibt; ein direkter Bezug ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
Kurt LewinPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Lewin erklärt einen festgefahrenen Zustand mit einem Gleichgewicht treibender und hemmender Kräfte, Simon mit Menschen, die mit begrenztem Wissen die erste ausreichend gute Möglichkeit wählen. Simon hat das nicht gegen Lewin vorgebracht.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Die frühen Programme entstanden in gemeinsamer Arbeit mit Allen Newell und zunächst mit Cliff Shaw bei der RAND Corporation, später an der Carnegie-Mellon-Universität.[1]
Zeitgeschehen belegt
1956 stellten Newell und Simon auf der Dartmouth-Konferenz das Programm Logic Theorist vor. Auf derselben Konferenz wurde der Begriff „künstliche Intelligenz“ geprägt.[4]
Kritik
Simon sagte 1956 voraus, dass denkende Maschinen, die dem menschlichen Geist entsprechen, bald verfügbar seien. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy stellt fest, dass diese Erwartung weit verfehlt wurde. Auch seine Vorhersage von 1957, Computerschach werde in zehn Jahren Menschen übertreffen, traf nach Wikipedia erst nach ungefähr vierzig Jahren zu. Dreyfus griff diese Versprechen schon 1965 an.
Wirkung heute
Die Idee, dass Menschen nicht optimieren, sondern zufriedenstellend entscheiden, wird in Wirtschaft, Psychologie und Maschinenlernen weiter angewendet. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt Anwendungen zum Beispiel bei Geschäftsentscheidungen, bei der Suche nach einem Parkplatz und bei Verfahren des Maschinenlernens.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Bevor du dein Team mit weiteren Daten versorgst, kannst du fragen, ab wann eine Lösung gut genug ist, damit die Entscheidung nicht endlos aufgeschoben wird. Das ist eine Analogie zu Simons Zufriedenstellen und keine Handlungsanweisung von ihm.
Lebensstationen
- 1916Geburt am 15. Juni in Milwaukee, Wisconsin
- 1947„Administrative Behavior“ erscheint, auf Grundlage seiner Doktorarbeit
- 1949Professor für Verwaltung am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh
- 1956Logic Theory Machine mit Allen Newell; Teilnahme an der Dartmouth-Konferenz
- 1975Turing-Preis zusammen mit Allen Newell
- 1978Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften
- 2001Tod am 9. Februar
Werke
- Administrative Behavior: A Study of Decision-Making Processes in Administrative Organization (1947)
Ersterscheinung: Macmillan, New York, 1947; zweite Auflage 1957. Deutsche Ausgabe: „Das Verwaltungshandeln. Eine Untersuchung der Entscheidungsvorgänge in Behörden und privaten Unternehmen“ (1955).
- Logic Theory Machine (1956)
Ersterscheinung: Computerprogramm, entwickelt mit Allen Newell; 1956 auf der Dartmouth-Konferenz vorgestellt (Name des Programms nach Wikipedia „Logic Theory Machine“, nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy „Logic Theorist“). Zuerst als Vortrag 1956, Dartmouth-Konferenz; die gedruckte Fassung ist davon getrennt angegeben.
Lesetipps
- Einstieg
- Herbert A. Simon, Administrative Behavior: A Study of Decision-Making Processes in Administrative Organization (Macmillan, 1947); das Grundlagenwerk zum Entscheiden in Organisationen.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Bounded Rationality“, Abschnitt 2.2 zum Zufriedenstellen
Noch nicht sicher belegt
- Eine belegte Verbindung zu einer Person des Kapitels System, Organisation und Lernen fehlt noch.
- Belegt ist bisher nur die Gegenrichtung: Dreyfus kritisiert Simon.
- Für den Logic Theorist nennt die Wikipedia den Namen „Logic Theory Machine“ (1956), die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt „Logic Theorist“.
- Die deutsche Ausgabe von „Administrative Behavior“ („Das Verwaltungshandeln“, 1955) ist nur durch die deutsche Wikipedia belegt.
- Der Nobelpreis 1978 und der Turing-Preis 1975 stehen nur in der englischen Wikipedia.
Wege durchs Netz
Simon schrieb mit Allen Newell frühe Programme für künstliche Intelligenz und erforschte, wie Menschen mit begrenztem Wissen entscheiden.
1. Individuelles Handeln und Wissen
Simon erforschte, wie Menschen in Organisationen mit begrenztem Wissen entscheiden.
Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Simon
- [1]Herbert A. Simon – Wikipedia (en), Abschnitt Artificial intelligence
- [2]Herbert A. Simon – Wikipedia (de)
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Artificial Intelligence, Abschnitt 8 · Stanford Encyclopedia of Philosophy