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Landkarte der Philosophie

Søren Kierkegaard

1813–1855 · Kopenhagen

Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Kommt in diesen Denkwegen vor

Dänischer Philosoph und Theologe, der die Frage in den Mittelpunkt stellt, wie ein einzelner Mensch sein Leben verantwortlich und mit Leidenschaft führt, und der deshalb oft als Vater des Existenzialismus (einer Strömung, nach der der Mensch sich durch eigene Entscheidungen selbst bestimmt) gilt.

Kierkegaard ist die Wurzel, auf die sich später Jaspers und Heidegger beziehen, und er ist mit Hegel im Streit über die Frage, ob sich Existenz in ein System fassen lässt. Über Georg Brandes (einen dänischen Literaturkritiker, der Kierkegaard 1879 auch im deutschen Sprachraum bekannt machte) wurde auch Nietzsche auf ihn aufmerksam.

Kernidee

Wahrheit über das eigene Leben lässt sich nicht von außen beweisen, sondern nur in persönlicher Entscheidung leben. Angst ist für Kierkegaard das Bewusstsein der eigenen Freiheit, und Verzweiflung entsteht, wenn jemand sich selbst nicht als Einheit von Möglichkeit und Notwendigkeit annimmt. Den entscheidenden Schritt, etwa in den Glauben, kann keine Vernunft für uns gehen: Er bleibt ein Sprung.

Bekannt für

Man kennt Kierkegaard für die Lehre von den drei Stadien des Lebens (ästhetisch, ethisch, religiös) und für den Gedanken des Sprungs in den Glauben. Bekannt ist auch seine gelöste Verlobung mit Regine Olsen, die er in seinen Büchern immer wieder verarbeitet.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die drei Stadien der Existenz

Kierkegaard unterscheidet drei Lebensweisen: die ästhetische, in der man nach Genuss und Abwechslung lebt, die ethische, in der man sich bindet und Verantwortung übernimmt, und die religiöse, in der man sich auf Gott bezieht. Die Übergänge laufen über Grenzzonen wie Ironie und Humor, und jeder Wechsel verlangt eine Entscheidung. Ein Beispiel aus dem Berufsleben: Wer von Projekt zu Projekt springt, solange es spannend bleibt, lebt ästhetisch, und wer bei einer Aufgabe bleibt, obwohl sie langweilig wird, hat sich ethisch gebunden.

Angst und Verzweiflung

Angst ist bei Kierkegaard keine Furcht vor einem Gegenstand, sondern das Schwindelgefühl vor der eigenen Freiheit, weil alles möglich ist. Verzweiflung entsteht, wenn jemand die gegensätzlichen Seiten seines Selbst nicht zusammenbringt, etwa Möglichkeit und Notwendigkeit. Eine Führungskraft, die sich nur Optionen offenhält und nie festlegt, kennt diese Verzweiflung der Möglichkeit sehr gut.

Der Sprung und der Einzelne

Moralische und religiöse Entscheidungen lassen sich nach Kierkegaard nicht vollständig durch Vernunft begründen, am Ende steht ein Sprung. In Furcht und Zittern steht der Einzelne mit seiner Entscheidung sogar über dem allgemein Gültigen, so wie Abraham in der biblischen Erzählung vom Opfer seines Sohnes (er ist bereit, Isaak auf Gottes Befehl zu opfern). Im Alltag kennst du das, wenn du eine unpopuläre Entscheidung triffst, für die dir niemand die Verantwortung abnehmen kann, auch kein Gutachten.

Begriffe

Stadien der Existenz
: drei Lebensweisen: ästhetisch (Genuss und Abwechslung), ethisch (Entscheidung und Verantwortung) und religiös (Beziehung zu Gott); der Übergang geschieht durch eigene Entscheidung
Angst
: bei ihm keine Furcht vor einem Gegenstand, sondern der „Schwindel der Freiheit“, das Bewusstsein, dass alles möglich ist; sie gehört zur menschlichen Bedingung
Verzweiflung
: das Scheitern, ein wahres Selbst zu werden, etwa als Flucht in bloße Möglichkeiten oder als Resignation ohne Spielraum; beschrieben in Die Krankheit zum Tode
Sprung
: der Übergang etwa vom ethischen zum religiösen Stadium, den kein Beweis ersetzt; der Mensch muss ihn immer wieder neu vollziehen
der Einzelne
: der Mensch in direkter Beziehung zu Gott; in Furcht und Zittern steht er über dem Allgemeinen der Ethik und schuldet nur Gott Gehorsam
Innerlichkeit
: das persönliche Innenleben, in dem sich echte religiöse Existenz vollzieht; bloß objektives Wissen oder distanzierte Reflexion führt nach ihm vom Selbstsein weg
indirekte Mitteilung
: ethische und religiöse Wahrheit lässt sich nicht direkt mitteilen, darum schreibt er unter Pseudonymen, die Lebensansichten verkörpern; die Leser müssen sie selbst nachvollziehen
Existenz
: das konkrete, entscheidende Leben eines einzelnen Menschen, im Gegensatz zu einem abstrakten System
Sprung des Glaubens
: eine Entscheidung, die sich nicht rein logisch herleiten lässt

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

16 Verbindungen im Netz, davon 14 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Kritisiert

Kierkegaard kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Kierkegaard gilt als Kritiker Hegels, zielt nach der IEP aber vor allem auf dänische Hegelianer wie Heiberg und Martensen.

Wird kritisiert von

Kritik an einer bestimmten These von Kierkegaard. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Albert Camusbelegt

    Er warf Kierkegaard, Jaspers und Heidegger vor, sich am Ende auf etwas Transzendentes zu stützen.

  • Martin Buberungeprüft

    In seinem Essay von 1936 kritisiert Buber Kierkegaards Gottesliebe, die Nächstenliebe ausschließe.

  • Theodor W. Adornobelegt

    Adornos Habilitationsschrift „Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen“ entstand bei Paul Tillich (Habilitation im Februar 1931, stark überarbeitetes Buch 1933). Die SEP nennt sie eine „rettende Kritik“: Adorno zeigt, dass Kierkegaards reine Innerlichkeit ungewollt von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt ist, und greift damit die existenzphilosophische Lesart an. Zugleich übernahm Adorno von Kierkegaard dessen Kritik an Hegels Geringschätzung des Einzelnen.

Baut auf

Kierkegaard übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Blaise Pascalungeprüft

    Wikipedia de nennt Pascal und seine Pensées als Einfluss, der spätere existenzialistische Themen vorwegnimmt.

  • Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingungeprüft

    Kierkegaard hörte 1841/42 Schellings Berliner Vorlesungen und freute sich zunächst über dessen Rede von der Wirklichkeit.

  • Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Er wandte sich gegen Hegels System, obwohl manche seiner Ideen Hegel weiterentwickeln.

  • Sokratesungeprüft

    Sein Vorbild: Sokrates als Denker, der Menschen zum Selbstdenken bringt

Grundlage für

Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Kierkegaard weiter, meist über Texte.

  • José Ortega y Gassetungeprüft

    Laut Wikipedia (de) ist Kierkegaard ein Einfluss bei Ortegas Massenthematik.

  • Karl Jaspersungeprüft

    Jaspers wurde nach Wikipedia de stark von Kierkegaard beeinflusst.

  • Martin Heideggerungeprüft

    Wikipedia de nennt Kierkegaard in Sein und Zeit, sein Einfluss reichte weiter als die Verweise.

  • Rollo Mayungeprüft

    May zitierte Kierkegaard mit der Bestimmung der Angst als Schwindel der Freiheit (Wikipedia en).

  • Simone de Beauvoirungeprüft

    Die Beschäftigung mit Kierkegaard führte sie laut SEP zu einer existentialistischen Ethik der Freiheit

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Albert Camusungeprüft

    Fachliteratur stellt Camus' Absurdismus häufig neben Kierkegaards Sprung des Glaubens, hier nicht eigens belegt

  • Friedrich Nietzscheungeprüft

    Georg Brandes machte laut Wikipedia de 1879 die deutschen Leser und auch Nietzsche auf Kierkegaard aufmerksam.

  • Karl Marxungeprüft

    Beide lösen sich nach Löwith von Hegel, jeder auf seine Weise.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Kierkegaard lebte von einem väterlichen Erbe von 30.000 Reichstalern und konnte deshalb ohne Brotberuf schreiben. Nach der Revolution von 1848 verlor das Vermögen stark an Wert, und seine späten Jahre waren von Geldsorgen geprägt.[3]

  • Biografie belegt

    Die Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen 1841 prägte nach der Internet Encyclopedia of Philosophy seine wiederkehrenden Themen Ehe und Opfer. Dass die Biografie das Denken verzerrt, ist eine mögliche Lesart, die Biografen unterschiedlich gewichten.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Der Spott der Zeitschrift Corsaren (einer dänischen Satirezeitschrift) 1845–46 trieb ihn laut IEP in die Zurückgezogenheit und in sein zweites, stärker christlich-erbauliches Schreiben. Sein Angriff auf die Staatskirche 1854–55 richtete sich gegen eine Institution, in der er selbst nie ein Amt hatte, denn er ließ sich nicht ordinieren.[1]

Kritik

Adorno las Kierkegaard 1933 kritisch gegen dessen eigenen Anspruch und warf ihm eine weltabgewandte Innerlichkeit vor. Alasdair MacIntyre hielt die Wahl zwischen ästhetischem und ethischem Leben für kriterienlos, also nicht begründbar.

Wirkung heute

Die Frage, wie man mit der eigenen Freiheit und der Angst vor Festlegung umgeht, trägt bis heute in Coaching und Psychotherapie. Auch die Idee, dass Entscheidungen nicht vollständig berechenbar sind, bleibt für Führung aktuell.

Brücke zu Führung und Coaching

Kierkegaards Angst vor der Freiheit zeigt sich in Teams oft als Dauerabwägen, bei dem alle Optionen offenbleiben und niemand entscheidet. Frage dich oder dein Führungsteam: Welche Entscheidung vertagen wir seit Wochen, weil sie uns festlegen würde? Und was würde ich tun, wenn ich sie ohne endgültige Sicherheit treffen müsste?

Lebensstationen

  1. 1813Geboren am 5. Mai in Kopenhagen
  2. 1840Verlobung mit Regine Olsen
  3. 1841Auflösung der Verlobung, Magister (ein damals der heutigen Promotion entsprechender Abschluss) mit der Arbeit über den Begriff der Ironie, Aufenthalt in Berlin
  4. 1843Entweder, Oder, Furcht und Zittern und Die Wiederholung erscheinen
  5. 1846Höhepunkt der Corsaren-Affäre, Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift
  6. 1855Angriff auf die Kirche in Der Augenblick, Tod am 11. November in Kopenhagen

Werke

  • Entweder, Oder (1843)
  • Furcht und Zittern (1843)

Über den Begriff der Ironie (1841)

Entweder, Oder (1843)

Furcht und Zittern (1843)

Die Wiederholung (1843)

Philosophische Brocken (1844)

Der Begriff Angst (1844)

Stadien auf dem Lebensweg (1845)

Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift (1846)

Taten der Liebe (1847)

Die Krankheit zum Tode (1849)

Einübung im Christentum (1850)

Der Augenblick (1855)

Anekdote belegt

1845–46 karikierte die Satirezeitschrift Corsaren Kierkegaard wiederholt, auch mit Anspielungen auf sein Aussehen und auf Regine. Danach zog er sich zurück und gab den Gedanken auf, Pfarrer zu werden.[2]

Lesetipps

Einstieg
Die Krankheit zum Tode (1849): hier erklärt er Verzweiflung als Frage nach dem eigenen Selbst.
Vertiefung
Alastair Hannay, Kierkegaard: A Biography (Cambridge University Press, 2001), englisch; eine deutsche Einführung ist nicht bestätigt.

Noch nicht sicher belegt

  • Beim Todesort nennen die Stanford Encyclopedia of Philosophy und die deutsche Wikipedia Kopenhagen und ein Hospital, die Internet Encyclopedia of Philosophy das Frederiksberg Hospital. Hier steht nur Kopenhagen.
  • Das Verlobungsdatum (September 1840) nennt nur die deutsche Wikipedia.
  • Die Werkjahre (Entweder/Oder und Furcht und Zittern, beide 1843) sind in den genutzten Quellen nicht belegt.
  • Der empfohlene Einstiegstext ist nicht abschließend geprüft.
  • Die Verbindung zu Nietzsche ist in der Literatur üblich, aber hier nicht einzeln belegt.
  • Das bekannte Bild vom Palast und der Pförtnerloge in seiner Hegel-Kritik fand sich nur auf Englisch in einer Sekundärquelle und ist deshalb kein Zitat.
  • Die Höhe seines Erbes (31.000 Reichstaler) nennt nur die englische Wikipedia.
  • Dass er Marx nahesteht, beruht auf einer Rezension von Löwiths „Von Hegel zu Nietzsche“, nicht auf der Lektüre der Schriften selbst.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kant und Deutscher Idealismus, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Kierkegaard

  1. [1]Kierkegaard · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Søren Kierkegaard · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Søren Kierkegaard · Wikipedia
  4. [4]cambridge.org/core/books/kierkegaard-a-biography/167A11BA827E9B2039736107A8DB6513 · Webseite
  5. [5]Søren Kierkegaard (Wikipedia en)
  6. [6]chbeck.de/pieper-sren-kierkegaard/product/13835152 · Buch
  7. [7]Existenzialismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Georg Brandes · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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