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Landkarte der Philosophie

Bertrand Russell

1872–1970 · Wales, Cambridge, London

Strömung
Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Kommt in diesen Denkwegen vor

Logiker und Philosoph, der mit Alfred North Whitehead (Mathematiker und Philosoph, Freund aus Cambridge) die Principia Mathematica schreibt und Freges Logik in die englischsprachige Welt trägt.

Russell verbindet Freges Logik mit der Cambridge-Philosophie von Moore und Whitehead und wird zum Lehrer Wittgensteins. Er ist damit die Brücke, über die Freges Werkzeuge die analytische Philosophie erreichen.

Kernidee

Russell will die Mathematik aus der Logik ableiten und entdeckt dabei, dass naive Mengenbildung (die Annahme, dass jedem Begriff eine Menge entspricht) zu einem Widerspruch führt. Er zeigt, dass Sätze mit Beschreibungen wie „der König von Frankreich“ logisch anders gebaut sind, als ihre Oberfläche vermuten lässt. Die Welt versteht er als Gefüge aus Tatsachen, die sich logisch analysieren lassen.

Bekannt für

Russell ist bekannt für das nach ihm benannte Paradox (der Widerspruch, der entsteht, wenn man die Menge aller Mengen bildet, die sich nicht selbst enthalten) und die Principia Mathematica. Zugleich war er ein öffentlicher Intellektueller, erhielt 1950 den Nobelpreis für Literatur und engagierte sich gegen Krieg und Atomwaffen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Russells Paradox und Typentheorie

Die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, führt zu einem Widerspruch. Russell begegnet dem mit einer Hierarchie von Typen, in der eine Menge nie von derselben Stufe sein darf wie ihre Elemente. Wenn eine Regel wie „Diese Regel gilt für alle Regeln“ im Unternehmen Verwirrung stiftet, hilft oft eine Ebenentrennung zwischen Regel und Metaregel.

Theorie der Kennzeichnungen

Ausdrücke wie „der gegenwärtige König von Frankreich“ sind nach Russell keine Namen, sondern werden logisch zerlegt. Dadurch klärt sich, wie ein Satz sinnvoll sein kann, obwohl es den Gegenstand nicht gibt. Wenn ein Kollege sagt „der perfekte Kandidat“, lohnt die Frage, ob es überhaupt jemanden gibt, auf den das zutrifft.

Bekanntschaft und Beschreibung

Direkt bekannt ist uns nach Russell nur, was uns unmittelbar gegeben ist, etwa Sinneseindrücke. Alles andere kennen wir durch Beschreibung, und das ist fehleranfälliger. Wenn du im Gespräch über einen Mitarbeiter nur Berichte anderer hast, kennst du ihn durch Beschreibung, nicht durch Bekanntschaft.

Begriffe

Russells Paradox
: der Widerspruch der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, der die naive Mengenlehre und Freges Logik erschütterte
Typentheorie
: Russells Lösung des Paradoxes: Eine Menge hat einen höheren Typ als ihre Elemente, sodass sie sich nicht selbst enthalten kann
Theorie der Kennzeichnungen
: Russells Analyse von 1905: Beschreibungen wie „der König von Frankreich“ gelten nicht als Namen, sondern werden logisch in mehrere Aussagen zerlegt
logischer Atomismus
: Russells Annahme, dass die Welt aus Tatsachen besteht und sich gewöhnliche Aussagen auf einfache, nicht weiter zerlegbare logische Fakten zurückführen lassen
Bekanntschaft und Beschreibung
: Russells Unterscheidung: Direkt bekannt ist uns nur, was uns unmittelbar gegeben ist, alles andere kennen wir durch Beschreibung
Logizismus
: der Versuch, die gesamte Mathematik auf Logik zurückzuführen, den Frege begann und Russell in der Principia Mathematica fortsetzte
Kennzeichnungstheorie
: eine Methode, Aussagen wie „der heutige König von Frankreich“ logisch sauber aufzulösen

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

15 Verbindungen im Netz, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Russell unterrichtet.

  • Alfred North WhiteheadDeutung

    Whitehead lehrte Russell ab 1890 in Cambridge und schrieb mit ihm die Principia Mathematica.

Schüler

Persönliches Lehrverhältnis: wurde von Russell unterrichtet.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Alfred Jules AyerDeutung

    Ayer trat mit Russell in Fernsehdebatten auf, schrieb 1972 ein Buch über ihn und sah ihn als wichtigsten britischen Philosophen des Jahrhunderts.

  • Alfred North WhiteheadDeutung

    Russell und Whitehead schrieben gemeinsam die Principia Mathematica.

  • George Edward MooreDeutung

    Freund und Mitstreiter, beide gelten als Begründer der analytischen Philosophie.

Kritisiert

Russell kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Gottlob Fregebelegt

    Am 16. Juni 1902 erhielt Frege einen Brief von Russell, nach dem sich aus seinen Grundgesetzen ein Widerspruch ableiten lässt. Er betrifft die Klasse aller Klassen, die sich nicht selbst enthalten, und heißt heute Russellsche Antinomie. Frege gestand 1903 im Nachwort der „Grundgesetze der Arithmetik“ ein, dass damit die Grundlagen seines Baus erschüttert waren.

  • Immanuel Kantungeprüft

    Laut SEP gab er gegen 1898 den Idealismus und die ursprünglich kantische Methode auf

Wird kritisiert von

Kritik an einer bestimmten These von Russell. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Peter Frederick StrawsonDeutung

    Strawson kritisierte in On Referring (1950) Russells Kennzeichnungstheorie.

  • Saul Aaron KripkeDeutung

    Kripke widerspricht der Auffassung, Eigennamen seien abgekürzte Beschreibungen.

Baut auf

Russell übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Gottlob Fregebelegt

    Russell wollte Freges neue Logik verfeinern und auf die Mathematik anwenden. Wie Frege wollte er zeigen, dass sich die Mathematik auf Logik zurückführen lässt, und wie Frege fasste er Zahlen als Klassen von Klassen auf. Nach der deutschen Wikipedia schuf Frege damit die Grundlagen, auf denen Russell aufbaute.

  • Ludwig Wittgensteinungeprüft

    Russell war Wittgensteins Lehrer in Cambridge ab 1911, später beeinflusste dieser ihn zurück

Grundlage für

Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Russell weiter, meist über Texte.

  • Gilbert RyleDeutung

    Die SEP nennt Russells Theorie der Kennzeichnungen als Einfluss auf Ryle.

  • Lizzie Susan StebbingDeutung

    Ihr Lehrbuch von 1930 verband die traditionelle Logik mit der neuen Logik von Russell und Whitehead; mit Russells logischem Atomismus setzte sie sich kritisch auseinander.

  • Rudolf CarnapDeutung

    Russells Our Knowledge of the External World gab 1922 den entscheidenden Ansatz für den Aufbau.

  • Willard Van Orman QuineDeutung

    Quines Dissertation behandelte Whitehead und Russells Principia Mathematica (SEP), und On What There Is (1948) klärt Russells Theorie der Kennzeichnungen (Wikipedia).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Wegen seiner Antikriegsschriften wurde Russell 1916 aus dem Trinity College entlassen und 1918 inhaftiert. Er schrieb im Gefängnis weiter.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    1940 wurde seine Berufung ans City College New York nach Protesten und einem Gerichtsurteil zurückgenommen, weil er als moralisch ungeeignet galt. 1942 verlor er auch seine Stelle bei der Barnes Foundation (der Stiftung von Albert C. Barnes, an der er Vorlesungen hielt).[1]

  • Biografie belegt

    1910 verweigerte ihm die Liberale Partei die Nominierung wegen seines Atheismus. Ob das sein Denken geprägt hat, sagen die Quellen nicht.[1]

Kritik

Die einfache Typentheorie von 1903 galt als zu schwach, die verzweigte von 1908 als zu stark, und das Reduzibilitätsaxiom als philosophisch kaum begründet. Kritisiert werden auch seine frühe Begeisterung für den britischen Imperialismus und seine Äußerungen zu Eugenik und „Rasse“. Nach 1945 befürwortete er einen präventiven Atomkrieg gegen die Sowjetunion; später bestritt er das, doch sein Biograf Ronald Clark hält dieses Dementi laut SEP für nicht gedeckt.

Wirkung heute

Die Theorie der Kennzeichnungen gilt als Musterbeispiel philosophischer Analyse. Die Principia Mathematica sind ein Meilenstein der formalen Logik, auch wenn das Programm in der ursprünglichen Form als nicht gelungen gilt.

Brücke zu Führung und Coaching

Russell hilft dir, hinter eine glatte Formulierung zu schauen. Wenn dein Team sagt „der Kunde will das so“, frag nach: Welcher Kunde, woher wissen wir das, und kennen wir ihn selbst oder nur durch Berichte? So trennst du Gewissheit von Hörensagen.

Lebensstationen

  1. 1872Geboren in Trellech, Wales
  2. 1890Studium am Trinity College in Cambridge, Begegnung mit Whitehead
  3. 1903The Principles of Mathematics erscheint
  4. 1910Erster Band der Principia Mathematica mit Whitehead (bis 1913)
  5. 1916Entlassung aus dem Trinity College wegen Antikriegsschriften
  6. 1950Nobelpreis für Literatur, gestorben 1970 in Penrhyndeudraeth

Werke

  • Principia Mathematica (1910 bis 1913, mit A. N. Whitehead)
  • Probleme der Philosophie (1912)

The Principles of Mathematics (1903); On Denoting (1905); Principia Mathematica mit Whitehead (1910–1913); The Problems of Philosophy (1912); Introduction to Mathematical Philosophy (1919); A History of Western Philosophy (1945)

Anekdote überliefert

Russell erlebte seine Haft von 1918 als vergleichsweise mild, weil er lesen und schreiben durfte. Er nutzte die Zeit zum Schreiben.[2]

Lesetipps

Einstieg
Bertrand Russell: Probleme der Philosophie, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Eberhard Bubser, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967 (ISBN 3-518-10207-9): eine kurze Einführung vom Autor selbst.

Noch nicht sicher belegt

  • Die Beispiele zur Kennzeichnungstheorie und zum Atomismus in den Erklärungen sind vereinfacht.
  • Der deutsche Titel von „The Problems of Philosophy“ folgt der üblichen Übersetzung und ist in den Quellen nicht geprüft.
  • Die Kritik an Kant ist als Abkehr vom Idealismus belegt, nicht als direkter Streit.
  • Die Haftdauer 1918 ist widersprüchlich (fünf Monate in Brixton laut Stanford Encyclopedia of Philosophy, sechs Monate laut deutscher Wikipedia) und wird deshalb nicht genannt.
  • Dass Whitehead sein Lehrer war, steht im Whitehead-Artikel der deutschen Wikipedia und der Stanford Encyclopedia, nicht im Russell-Artikel.
  • Der Geburtsort wird unterschiedlich angegeben: Ravenscroft in Trelleck (Stanford Encyclopedia) oder Trellech (deutsche Wikipedia).

Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Russell

  1. [1]Bertrand Russell · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Bertrand Russell · Wikipedia
  3. [3]Russellsche Antinomie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  4. [4]Logischer Atomismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  5. [5]Knowledge by acquaintance · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Logizismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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