Michel Foucault
1926–1984 · Paris, Poitiers, später Paris
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Französischer Denker, der sich nach existenzialistischen Anfängen vom Existenzialismus (einer Strömung, nach der der Mensch keine feste Natur hat, sondern sich durch Entscheidungen selbst bestimmt) und von der Philosophie des freien Subjekts abwandte und zeigte, wie Macht und Wissen Menschen formen.
Für Phänomenologie und Existenzialismus ist Foucault der große Nachbar und Gegenspieler: Sein frühes Denken war von Existenzialismus und Phänomenologie geprägt, er wandte sich aber von ihnen ab, kritisierte Sartres Bild des Einzelsubjekts und verstand sich als Nietzscheaner. Sein Lehrer Merleau-Ponty und die Ablehnung des Subjekts als Ausgangspunkt machen ihn zum Prüfstein für die Existenzphilosophie.
Kernidee
Foucault fragt, wie Wissen und Macht zusammenwirken und Menschen zu Subjekten machen, die sich selbst für frei halten. Er untersucht dafür Psychiatrie, Gefängnis und Sexualität und zeigt, dass Selbstverständliches eine Geschichte hat. In seinen letzten Werken geht es um die Sorge um sich, also die ethische Selbstformung.
Bekannt für
Man kennt Foucault für „Überwachen und Strafen“ (1975, ein Buch über Gefängnisse und andere Formen der Kontrolle) und die Idee des Panoptikums, eines Gefängnisses mit ständiger Beobachtung als Bild für moderne Disziplinarmacht. Am Ende von „Die Ordnung der Dinge“ (1966, ein Buch über die Denkordnungen der Wissenschaften mit Brüchen im 17. Jahrhundert und um 1800) lässt er den Menschen wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer verschwinden.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Macht und Wissen
Nach Foucault gehen Wissen und Macht ineinander über: Wer erkennt, kontrolliert, und wer kontrolliert, erkennt. Macht ist für ihn nicht nur verbietend, sondern bringt auch hervor, etwa Wissen und Subjekte. In Unternehmen zeigt sich das an Beurteilungsgesprächen und Kennzahlen, die nicht nur messen, sondern auch formen, wie Menschen sich selbst sehen.
Disziplin und Biomacht
Disziplinarmacht arbeitet mit hierarchischer Beobachtung, normierendem Urteil und Prüfung, das Panoptikum dient als Modell. Biomacht verwaltet und optimiert Leben im Unterschied zur alten Macht über Leben und Tod. Ein Dashboard, das Verhalten sichtbar macht, kann dieselbe Wirkung entfalten wie der Blick des Aufsehers.
Genealogie und Sorge um sich
Foucault zeigt mit der Genealogie, dass Denksysteme aus zufälligen historischen Wendungen entstanden sind und nicht aus notwendigem Fortschritt. In den späten Werken untersucht er die antike Praxis der Selbstformung. Eine Führungskraft kann sich fragen, welche scheinbar natürlichen Selbstverständlichkeiten ihres Berufs historisch gewachsen und damit veränderbar sind.
Begriffe
- Macht und Wissen
- : Machtbeziehungen bringen Wissen hervor und Wissen erzeugt Macht; Macht ist für ihn produktiv und strategisch und wirkt nicht nur verbietend
- Diskurs
- : ein System von Regeln, das festlegt, was in einer Zeit sagbar und denkbar ist; diese Regeln liegen jenseits von Grammatik und Logik
- Archäologie
- : seine Methode der 1960er Jahre: Sie untersucht die Regeln der Denksysteme einer Epoche, die festlegen, was damals überhaupt denkbar war
- Genealogie
- : von Nietzsche übernommene Methode, die zeigt, dass scheinbar feststehende Denk- und Machtformen aus zufälligen, unscheinbaren historischen Entwicklungen entstanden sind
- Disziplin
- : Macht, die durch hierarchische Überwachung, normierendes Urteil und Prüfung wirkt und gelehrige Körper erzeugt, die nützlich und zugleich kontrollierbar sind
- Biomacht
- : Macht, die Leben fördert, verwaltet und optimiert, etwa durch Medizin, Versicherung und Stadtplanung, statt wie alte Herrschermacht über Leben und Tod zu verfügen
- Subjektivierung
- : Menschen werden durch Macht und Wissen zu Subjekten, die sich zugleich selbst prüfen und formen, etwa wenn sie dem Arzt ihre Sexualität bekennen
- Sorge um sich
- : antike Ethik als Praxis der Selbstbildung mit dem Ideal einer „Ästhetik der Existenz“, also einer bewussten Lebensführung statt detaillierter Verbotsregeln
- Macht/Wissen
- : Wer Menschen erfasst und prüft, kontrolliert sie zugleich, so wie eine Prüfung über jemanden Wahrheit herstellt und ihn lenkt
- Disziplinarmacht
- : Macht, die durch Beobachtung, normierende Urteile und Prüfungen wirkt, am Bild von Benthams Panopticon, dem Gefängnis mit zentralem Wachturm
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
13 Verbindungen im Netz, davon 8 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: haben Foucault unterrichtet.
Louis AlthusserDeutung
Foucault zählt zu seinen Studierenden und Kollegen an der ENS (SEP, Wikipedia de).
Maurice Merleau-Pontyungeprüft
Merleau-Ponty war Foucaults Lehrer an der ENS, dessen Vorlesungen er besuchte (SEP, Wikipedia de).
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Félix GuattariDeutung
Foucault schrieb das Vorwort zu Anti-Ödipus.
Gilles DeleuzeDeutung
Enge Freundschaft und gemeinsame Nietzsche-Ausgabe (Wikipedia de).
Kritisiert
Foucault kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Jacques Derridaungeprüft
Streit seit 1963 um die Lesart von Descartes in Foucaults Wahnsinnsbuch, erst 1981 versöhnt
Jean-Paul Sartreungeprüft
Foucault lehnte Sartres Vorrang des Einzelsubjekts („transzendentaler Narzissmus“) und dessen Rolle als universeller Intellektueller ab (SEP).
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Foucault. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Jacques Derridaungeprüft
Derridas Aufsatz von 1963 kritisierte Foucaults Descartes-Lektüre und führte zum Bruch (SEP).
Jürgen Habermasungeprüft
Habermas kritisiert Foucault als Vernunftkritiker ohne Maßstab.
Baut auf
Foucault übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Friedrich Nietzscheungeprüft
Foucault nennt Nietzsches Genealogie als Vorbild seiner eigenen Methode und verstand sich als Nietzscheaner (SEP, Wikipedia de).
Immanuel Kantungeprüft
Er kehrt Kants kritische Frage um: Was am scheinbar Notwendigen ist in Wahrheit zufällig?
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Foucault weiter, meist über Texte.
Giorgio AgambenDeutung
Agamben übernimmt Foucaults Biopolitik und verbindet sie mit der Lehre von der Souveränität.
Judith ButlerDeutung
Butler knüpft an Foucaults Idee der diskursiven Macht an und führt sie auf die Entstehung von Geschlecht weiter.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Max Horkheimerungeprüft
Ähnliche These: Vernunft, Rationalität und Macht hängen eng zusammen.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Foucault reiste 1978 für den Corriere della Sera in den Iran, traf Oppositionsführer und besuchte Khomeini (den Anführer der Islamischen Revolution, die 1979 den Schah stürzte). Sein Bericht, der in der Islamischen Revolution breite Unterstützung sah, wurde in der französischen Presse und von Exil-Iranern heftig kritisiert.[2]
Zeitgeschehen belegt
Foucault unterzeichnete 1977 eine Petition, die einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern unter einem niedrigeren Schutzalter diskutierbar machen wollte; die deutsche Wikipedia nennt auch Sartre als Mitunterzeichner. Die 2021 von Guy Sorman erhobenen Vorwürfe zu seinem Privatleben sind laut dieser Quelle nicht belegt, werden aber diskutiert und gelten als potenziell schädlich für sein Erbe.[2]
Biografie Deutung
Foucaults frühe Arbeit war vom Existenzialismus geprägt, er wandte sich aber bald ab und nannte Sartres Fokus auf das einzelne Subjekt „transzendentalen Narzissmus“. Dass dieser Bruch auch mit dem Streben nach einer eigenen Position gegenüber der Generation Sartres zusammenhing, ist eine Deutung.[1]
Kritik
Sartre und die französische Linke lehnten Foucaults Abkehr von marxistischen Begriffen wie Dialektik, Ideologie und Entfremdung ab, und auch die Frankfurter Schule (eine Gruppe von Gesellschaftskritikern um Horkheimer und Adorno, die an Marx und Hegel anknüpften) widersprach. Sein Iran-Bericht von 1978 zog heftige Kritik nach sich. Jacques Derrida kritisierte 1963 Foucaults Lektüre von Descartes, was zu einem Bruch führte.
Wirkung heute
Seine Frage, wie Macht Menschen formt, ohne zu verbieten, prägt Soziologie, Pädagogik und Organisationsforschung. Die Sorge um sich wird in der Ethik als Gegenmodell zur reinen Selbstoptimierung gelesen.
Brücke zu Führung und Coaching
Foucault macht sichtbar, wie Beurteilungssysteme, Kennzahlen und Rankings das Verhalten formen, auch ohne Zwang. In Führungsrunden lohnt es sich zu fragen, welche Messung welches Verhalten erzeugt. Frage dich: Welche Kennzahl in meinem Team formt gerade, wie die Leute sich selbst sehen, und wollen wir das?
Lebensstationen
- 1926Geburt in Poitiers
- 1946Eintritt in die École Normale Supérieure
- 1961Erscheinen von „Wahnsinn und Gesellschaft“
- 1970Lehrstuhl für Geschichte der Denksysteme am Collège de France (einer öffentlichen Pariser Hochschule ohne eingeschriebene Studierende, deren Vorlesungen für alle kostenlos sind)
- 1978Reise in den Iran
- 1984Tod in Paris
Werke
- Überwachen und Strafen (1975)
- Die Ordnung der Dinge (1966)
Wahnsinn und Gesellschaft (1961); Die Geburt der Klinik (1963); Die Ordnung der Dinge (1966); Archäologie des Wissens (1969); Überwachen und Strafen (1975); Der Wille zum Wissen (1976); Der Gebrauch der Lüste und Die Sorge um sich (beide 1984)
Anekdote überliefert
Foucault besuchte als Student die Vorlesungen von Merleau-Ponty an der ENS (der École normale supérieure in Paris) und wurde 1951 dessen Nachfolger in der Philosophie-Zulassung. Von ihm lernte er laut Wikipedia auch die Linguistik kennen.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Michel Foucault, Überwachen und Strafen (1975): das Buch zum Panoptikum und zur Disziplinarmacht
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, Eintrag „Michel Foucault“ (online); eine gedruckte Einführung ist nicht bestätigt
Noch nicht sicher belegt
- Uppsala, Warschau, Hamburg, Clermont-Ferrand, Tunis und Vincennes erwähnt nur die deutsche Wikipedia. Die Wahl ans Collège de France nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy 1969, die Wikipedia für den Lehrstuhl 1970.
- Der Bruch mit Derrida stammt aus dem Eintrag zu Derrida, nicht aus dem zu Foucault. Ein Streit mit Sartre über das Ende des Menschen wird nicht behandelt. Kritik von Habermas wird in den genutzten Quellen nicht erwähnt.
- Die Petition von 1977, die Vorwürfe von 2021 und die Anekdote um die Nachfolge Merleau-Pontys sind nur durch die deutsche Wikipedia belegt. Schüler sind nicht belegt, nur Zuhörer.
- Die deutschen Werktitel wurden nicht geprüft. Ob Foucault selbst als Poststrukturalist zählt, ist in der Literatur umstritten.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kritische Theorie, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Foucault
- [1]Michel Foucault, Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Michel Foucault, Wikipedia (de)
- [3]Jacques Derrida · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Michel Foucault · Wikipedia
- [5]New Politics: Revisiting Foucault and the Iranian Revolution · Webseite
- [6]The Baffler: Foucault in the Valley of Death · Webseite
- [7]Existenzialismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Frankfurter Schule · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [9]Islamische Revolution · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [10]Collège de France · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20