John Rawls
1921–2002 · Harvard, Cambridge (Massachusetts), Baltimore, später Harvard
- Strömung
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Der amerikanische Philosoph, der Kants Idee der gleichen Würde in eine Theorie gerechter Institutionen für moderne Demokratien übersetzt.
Er trägt Kants Moralphilosophie in die Gegenwart und bildet Korsgaard aus. Mit Habermas verbindet ihn der Versuch, Kant für moderne Demokratien neu zu denken.
Kernidee
Rawls fragt, welche Regeln für die Gesellschaft wir wählen würden, wenn wir nicht wüssten, wer wir in ihr sind. Hinter diesem Schleier des Nichtwissens, so seine Antwort, würden wir gleiche Grundrechte für alle und nur solche Ungleichheiten wählen, die auch den am schlechtesten Gestellten nützen. Damit macht er Kants Gedanken der Selbstgesetzgebung zur Grundlage einer Gerechtigkeitstheorie.
Bekannt für
Man kennt Rawls für das Gedankenexperiment des Schleiers des Nichtwissens. Seine Theorie der Gerechtigkeit gilt als einer der einflussreichsten Texte der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Urzustand und Schleier des Nichtwissens
Rawls stellt sich Vertreter von Bürgern vor, die Regeln für die Gesellschaft vereinbaren, ohne Rasse, Klasse, Geschlecht, Alter oder Begabung der Vertretenen zu kennen. So können willkürliche Vorteile nicht in die Regeln einfließen. Wer in einem Unternehmen eine Gehaltsregel entwirft, ohne zu wissen, in welcher Stufe er selbst landet, wendet diesen Gedanken an.
Das Differenzprinzip
Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen sind nach Rawls erlaubt, wenn sie zum größten Vorteil der am schlechtesten Gestellten wirken. Sie dürfen nicht dazu führen, dass die Reichen auf Kosten der Armen reicher werden. Ein Bonussystem, das Spitzenleistung belohnt und zugleich das Fundament für alle im Team stärkt, folgt diesem Prinzip.
Politischer Liberalismus
In seinem späteren Werk fragt Rawls, wie Bürger mit sehr verschiedenen Weltanschauungen in einer Demokratie zusammenleben können. Er sucht Regeln, die jeder aus seinen eigenen Gründen mittragen kann. In einem Team mit unterschiedlichen Wertvorstellungen geht es ähnlich darum, Verfahren zu finden, die alle anerkennen.
Begriffe
- Gerechtigkeit als Fairness
- : So nennt John Rawls seine Theorie der Gerechtigkeit, die er 1971 in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ausführlich darlegte. Fair sind die Grundsätze für die wichtigsten Einrichtungen einer Gesellschaft, wenn freie und gleiche Menschen sich unter fairen Bedingungen auf sie einigen würden, nämlich im Urzustand hinter dem Schleier des Nichtwissens; die Fairness der Ausgangslage überträgt sich auf das Ergebnis.
- Urzustand
- : Der Urzustand ist Rawls' Gedankenexperiment für die Frage, welche Grundsätze der Gerechtigkeit fair sind: Vertreter freier und gleicher Bürger einigen sich unter fairen Bedingungen auf die Regeln für die Grundordnung der Gesellschaft. Gemeint ist eine gedachte Lage, nicht eine wirkliche Versammlung in der Geschichte. Rawls setzt ihn an die Stelle des Naturzustands, von dem ältere Vertragstheorien wie die von Hobbes und Locke ausgingen.
- Schleier des Nichtwissens
- : Der Schleier des Nichtwissens ist eine Bedingung in Rawls' Gedankenexperiment vom Urzustand: Wer die Grundsätze der Gerechtigkeit wählt, weiß nicht, welchen Platz er später in der Gesellschaft einnimmt, also etwa welches Geschlecht, welche Herkunft, welche Begabungen oder wie viel Vermögen er hat. Allgemeines Wissen über Gesellschaft und Wirtschaft bleibt erlaubt. So kann niemand die Regeln zu seinem eigenen Vorteil zuschneiden.
- Differenzprinzip
- : Das Differenzprinzip ist ein Teil von Rawls' Grundsätzen der Gerechtigkeit: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind nur gerecht, wenn sie den am schlechtesten Gestellten den größten Vorteil bringen. Es kommt erst zum Zug, wenn gleiche Grundfreiheiten für alle und faire Chancengleichheit gesichert sind.
- politischer Liberalismus
- Gesellschaftsvertrag
- : Der Gesellschaftsvertrag ist ein Denkmodell, das staatliche Herrschaft damit begründet, dass die Menschen ihr zustimmen oder vernünftigerweise zustimmen würden.
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
8 Verbindungen im Netz, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Schüler
Persönliches Lehrverhältnis: wurde von Rawls unterrichtet.
Christine Korsgaardungeprüft
Korsgaard promovierte unter anderem bei ihm.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Derek ParfitDeutung
Wikipedia: Parfit traf Rawls während seines Stipendiums in den USA 1965/66.
Baut auf
Rawls übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Immanuel Kantbelegt
Seine Theorie der Gerechtigkeit übersetzt Kants Selbstgesetzgebung in einen fairen Urzustand.
Jean-Jacques Rousseauungeprüft
Vertragstradition, so von Rawls selbst eingeordnet
John Lockebelegt
Vertragstradition: Der Urzustand knüpft an die Ausgangssituationen der Vertragsdenker an
Thomas Hobbesungeprüft
ebenfalls Vertragstradition, laut Wikipedia Teil der Inspiration für den Urzustand
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Rawls weiter, meist über Texte.
Martha Nussbaumbelegt
Nussbaum meint, ihre Liste zentraler Fähigkeiten lasse sich aus einem überlappenden Konsens im Sinne von Rawls gewinnen, und schlägt Fähigkeiten zugleich als Alternative zu Rawls' Maßstab der Grundgüter vor.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Jürgen Habermasungeprüft
Beide erneuern Kants Moralphilosophie für moderne Demokratien, mit unterschiedlichen Mitteln.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Rawls entwickelte seine Theorie als Gegenentwurf zum damals vorherrschenden Utilitarismus. Das prägt den Zuschnitt seiner Fragen: Es geht ihm um Rechte, die auch dann gelten, wenn der Gesamtnutzen größer wäre.[4]
Abhängigkeit Deutung
Er arbeitete an amerikanischen Eliteuniversitäten, zuletzt als Professor in Harvard. Dass die Theorie aus dieser privilegierten Lage kommt, ist ein häufiger Kritikpunkt (Deutung).[3]
Biografie belegt
Nach mehreren Schlaganfällen ab 1995 schränkte Krankheit seine Arbeit stark ein. Dennoch beendete er 1998 Das Recht der Völker und 2001 seinen Neuentwurf.[4]
Kritik
Libertäre und kommunitaristische Kritiker bestreiten, dass Menschen hinter dem Schleier des Nichtwissens von ihrer Herkunft und Gemeinschaft absehen können oder sollten. Andere sehen im Differenzprinzip zu viel Umverteilung. Eine genaue Zuordnung zu Personen ist in den geprüften Quellen nicht enthalten.
Wirkung heute
Seine Idee, Regeln so zu entwerfen, dass sie auch für den Schwächsten tragen, wird in Politik, Recht und Organisationsgestaltung weiter angewendet. Der Schleier des Nichtwissens bleibt ein Standardwerkzeug für faire Entscheidungen.
Brücke zu Führung und Coaching
Der Schleier des Nichtwissens eignet sich für Teams, die über Regeln streiten, bei denen jeder zuerst an seine eigene Lage denkt. Frag: Welche Regel würdest du für Beförderung oder Arbeitszeit wählen, wenn du nicht wüsstest, ob du morgen die Führungskraft oder der Neueinsteiger bist? Und wem nützt unsere aktuelle Regel am wenigsten?
Lebensstationen
- 1921Geboren in Baltimore
- 1950Promotion in Princeton
- 1971Eine Theorie der Gerechtigkeit erscheint
- 1993Politischer Liberalismus erscheint
- 1999Das Recht der Völker erscheint, Nationalmedaille für Geisteswissenschaften
- 2002Stirbt in Lexington, Massachusetts
Werke
- Eine Theorie der Gerechtigkeit (1971)
- Politischer Liberalismus (1993)
Eine Theorie der Gerechtigkeit (A Theory of Justice, 1971)
Politischer Liberalismus (Political Liberalism, 1993)
Das Recht der Völker (The Law of Peoples, 1999)
Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf (2001)
Anekdote belegt
Nachdem er 1995 den ersten von mehreren Schlaganfällen erlitten hatte, arbeitete Rawls weiter. 1998 schloss er Das Recht der Völker ab, 2001 erschien sein letztes Buch.[4]
Lesetipps
- Einstieg
- Eine Theorie der Gerechtigkeit (Suhrkamp, übersetzt von Hermann Vetter): der Klassiker, am besten mit den Kapiteln zum Urzustand beginnen
- Vertiefung
- Otfried Höffe (Hrsg.), Über John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit (Suhrkamp, 1977)
Noch nicht sicher belegt
- Das Jahr der deutschen Erstausgabe der Theorie der Gerechtigkeit ist nicht bestätigt.
- Die Namen der libertären und kommunitaristischen Kritiker sind nicht belegt und werden deshalb nicht genannt.
- Der Abschnitt zur Abhängigkeit von Harvard ist eine Deutung.
- Die Auszeichnung mit der National Humanities Medal 1999 stammt nur aus der englischen Wikipedia, der Todesort Lexington aus der Wikipedia.
- Eine Verbindung zu Bentham oder Mill ist mangels Einzelbeleg nicht aufgenommen.
- Die deutschen Titel und der Lesetipp sind in den Quellen nicht geprüft.
Wege durchs Netz
Rawls: Gerechte Regeln sind die, die wir wählen würden, ohne zu wissen, wer wir in der Gesellschaft sind.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Rawls
- [1]John Rawls · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]John Rawls · Wikipedia
- [3]John Rawls (Britannica)
- [4]John Rawls (New World Encyclopedia) · Webseite
- [5]A Theory of Justice · Wikipedia