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Landkarte der Philosophie

Thomas von Aquin

um 1225–1274 · wirkte in Paris, Köln und Neapel, Roccasecca bei Aquino, Paris, Neapel

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Kommt in diesen Denkwegen vor

Dominikaner, der Aristoteles zur Grundlage einer christlichen Philosophie und Theologie macht.

Er steht auf Augustinus und Aristoteles und streitet mit Averroisten. Anscombe und MacIntyre greifen ihn im 20. Jahrhundert wieder auf.

Kernidee

Thomas denkt: Der Glaube braucht gute Philosophie, und die Natur wird durch die Gnade nicht zerstört, sondern vollendet. Er übernimmt viel von Aristoteles, passt es aber dort an, wo der christliche Glaube etwas anderes lehrt, etwa bei der Erschaffung der Welt aus dem Nichts. So entsteht eine geordnete Gesamtschau.

Bekannt für

Er gilt als der bedeutendste Denker der Hochscholastik, der Wissenschaft der neuen Universitäten. Nach der SEP prägte seine Neubearbeitung des Aristotelismus die westliche Philosophie und löste zahllose Auseinandersetzungen aus.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Gnade baut auf Natur

Thomas hält fest, dass Glaube die natürliche Vernunft voraussetzt und vollendet. Gute Theologie braucht deshalb gute Philosophie, und umgekehrt muss Philosophie ihre Grenzen anerkennen. Wie in einer Firma, in der solide Prozesse die Voraussetzung für gute Kultur sind und nicht ihr Gegenspieler.

Aristoteles taufen

Er wertet die ganze aristotelische Schriftengruppe aus, die im 13. Jahrhundert neu auf Latein vorlag, und verändert sie behutsam. Zum Beispiel lehrt er gegen die Aristoteliker, dass die Welt nicht ewig, sondern erschaffen ist, und dass Gott sie frei geschaffen hat. Wer eine fremde Methode übernimmt, prüft, wo sie zur eigenen Haltung passt und wo man sie anpassen muss.

Mitte zwischen Extremen

In seiner zweiten Pariser Amtszeit versuchte er, die Streitparteien zu versöhnen: Er schrieb über die Frage, ob die Ewigkeit der Welt beweisbar ist, und gegen die Lehre, alle Menschen hätten einen einzigen Intellekt. Das war ein Vermittlungsangebot, kein Kompromiss um des Friedens willen. In einer Konfliktmoderation ist das der Unterschied zwischen Mitte und Mittelmaß.

Begriffe

Naturrecht
: Naturrecht sind Grundsätze des richtigen Zusammenlebens, die nicht erst Menschen beschließen, sondern die sich aus der Natur des Menschen, aus der Vernunft oder aus Gottes Willen erkennen lassen und deshalb für alle gelten sollen.
Analogie
: von Gott kann man in abgestufter Ähnlichkeit sprechen, ohne ihn dem Menschen gleichzusetzen
Gnade vollendet die Natur
Schöpfung aus dem Nichts
Tugenden
Scholastik
: die Methode der mittelalterlichen Universitäten, Fragen durch Gegenargumente und Antworten systematisch zu klären

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

17 Verbindungen im Netz, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Thomas unterrichtet.

  • Albertus MagnusDeutung

    Thomas begleitete ihn von Paris nach Köln, wo Albert das Studium generale aufbaute (SEP, Britannica).

Kritisiert

Thomas kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Ibn Ruschd (Averroes)ungeprüft

    Thomas schrieb gegen die These eines gemeinsamen Intellekts aller Menschen, die man mit Averroes verbindet (Deutung).

Wird kritisiert von

Kritik an einer bestimmten These von Thomas. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Johannes Duns ScotusDeutung

    Scotus lässt univoke Prädikation bei Gott und Geschöpfen zu, Thomas besteht auf Analogie (SEP).

  • Pietro PomponazziDeutung

    Er respektierte ihn, argumentierte aber gegen dessen Lehre vom unsterblichen Einzelverstand.

  • Wilhelm von OckhamDeutung

    stellte dessen Realismus der Allgemeinbegriffe radikal infrage

Baut auf

Thomas übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Anicius Manlius Severinus BoethiusDeutung

    Laut SEP benutzte Thomas von Aquin Boethius' Logikkommentare, schrieb Kommentare zu den theologischen Traktaten I und III, und seine Lehre vom höchsten Gut in der Summa Theologiae baut auf dem Trost der Philosophie auf.

  • Aristotelesungeprüft

    Er schrieb Kommentare zu allen Hauptwerken des Aristoteles und baute seine Philosophie darauf.

  • Augustinus von Hippoungeprüft

    Thomas gilt als Gipfel der christlichen Tradition, die auf Augustinus zurückgeht.

  • Moses MaimonidesDeutung

    kannte und nutzte dessen Führer der Unschlüssigen

  • Pseudo-Dionysius AreopagitaDeutung

    Laut SEP schrieben Albert und Thomas Kommentare zu Dionysius, und das Schema Verbleiben, Hervorgehen, Rückkehr bildet die Struktur der Summa.

Grundlage für

Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Thomas weiter, meist über Texte.

  • Alasdair MacIntyreungeprüft

    Er sieht in den Schriften des Thomas die Erfüllung der aristotelischen Ethik.

  • Christine de PizanDeutung

    Dieselbe SEP-Stelle (König-Pralong 2012) nennt Aquin als Bezugspunkt.

  • Francisco SuárezDeutung

    Suárez steht stark unter dem Einfluss von Thomas, widerspricht ihm aber bei Gesetzesbegriff und Naturrecht (Wikipedia en).

  • G. E. M. Anscombe (Elizabeth Anscombe)ungeprüft

    Sie schrieb gemeinsam mit Peter Geach das Buch Three Philosophers: Aristotle, Aquinas, Frege.

  • Jacopo ZabarellaDeutung

    Thomas wird neben Alexander von Aphrodisias und Walter Burley unter den Quellen genannt.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • BonaventuraDeutung

    Lehrgegensatz, kein persönlicher Streit: Beide wurden 1257 gemeinsam als Magister in Paris anerkannt (SEP). In der Frage des Lichts steht Thomas laut SEP für die aristotelische Position (Licht als akzidentelle Form), Bonaventura hält Licht mit Grosseteste für eine substanzielle Form; insgesamt ging er mit Aristoteles anders um als Albert und Thomas (SEP).

  • Marsilius von PaduaDeutung

    Marsilius nimmt göttlichem Gesetz jede Zwangsgewalt im Diesseits und entzieht dem Naturrecht anders als Thomas jede entscheidende Rolle für menschliche Gesetze (SEP, nach Iacopo Costa).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Als Dominikaner und Magister der Theologie schrieb Thomas im Auftrag seines Ordens und der Universität. Sein Denken bleibt dem Glauben der Kirche verpflichtet.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Im 13. Jahrhundert waren die Schriften des Aristoteles frisch ins Lateinische übersetzt und lösten an den neuen Universitäten heftige Debatten aus. Thomas gehörte zu denen, die den neuen Stoff nutzen wollten, statt ihn zu verbieten.[1]

  • Biografie belegt

    Ab 1268 kehrte er für eine ungewöhnliche zweite Amtszeit nach Paris zurück und schrieb dort Kommentare zu fast allen Hauptwerken des Aristoteles. Gegen Ende seines Lebens hörte er auf zu schreiben, weil ihm das Geschriebene „wie Stroh“ erschien.[1]

Kritik

Nach der SEP provozierte sein Umbau des Aristotelismus unzählige Auseinandersetzungen unter späteren mittelalterlichen und modernen Philosophen. Umstritten war etwa, ob sich die Ewigkeit der Welt beweisen lässt, wo er einen Mittelweg zwischen Extremen suchte. Er stellte sich damit gegen die Aristoteles-Tradition, die die Welt für ewig hielt.

Wirkung heute

Seine Naturrechtslehre und seine Tugendethik wirken in der Rechts- und Wirtschaftsethik weiter (Deutung). Auch die Haltung, Gegner ernsthaft zu lesen, bevor man widerspricht, bleibt ein Vorbild für jede Debattenkultur.

Brücke zu Führung und Coaching

Thomas würde dich fragen, ob du einen Einwand erst in seiner stärksten Form wiedergeben kannst, bevor du antwortest. Wähle eine Auseinandersetzung im Team und formuliere den Standpunkt des anderen so, dass er sagt, genau so sei es gemeint. Erst danach beginnt deine Antwort.

Lebensstationen

  1. 1225Geboren (um 1225; IEP nennt 1224/26)
  2. 1248Studium in Köln bei Albert dem Großen
  3. 1268Zweite Amtszeit als Magister in Paris, Kommentare zu Aristoteles
  4. 1272Rückkehr nach Italien, Neapel
  5. 1274Tod am 7. März in der Abtei Fossanova

Werke

  • Summa theologiae (1265 bis 1274)
  • Über das Seiende und das Wesen (De ente et essentia)

Summa theologiae (unvollendet, ab 1265/68 bis 1273)

Summa contra gentiles, Kommentare zu den Hauptwerken des Aristoteles (darunter zur Metaphysik, 1270–73)

Über die Ewigkeit der Welt (1271).

Anekdote überliefert

Gegen Ende seines Lebens soll Thomas das Schreiben eingestellt haben und gesagt haben, alles Geschriebene komme ihm wie Stroh vor im Vergleich zu dem, was ihm nun offenbart worden sei. Wenige Monate später starb er.[1]

Lesetipps

Einstieg
Thomas von Aquin, Summa theologiae (Teil I, Fragen 1 und 2). Sie zeigt seine Methode im Original, eine bestimmte deutsche Ausgabe wurde nicht geprüft.
Vertiefung
Josef Pieper, Thomas von Aquin: Leben und Werk (Kösel, 1986; spätere Auflagen 2000). Eine leicht lesbare Einführung für Laien.

Noch nicht sicher belegt

  • Das Geburtsjahr ist nur ungefähr bekannt: 1224 bis 1226 (Internet Encyclopedia of Philosophy) oder um 1225 (Stanford Encyclopedia of Philosophy und Wikipedia).
  • Die Entstehungszeit der Summa theologiae (1265/68 bis 1273) und der Summa contra gentiles stammt nicht aus den genutzten Quellen und sollte vor der Veröffentlichung geprüft werden.
  • Der Stroh-Ausspruch wird von der Stanford Encyclopedia als berühmt berichtet; ein Beleg von Zeitzeugen wurde nicht geprüft.
  • Zu Piepers Buch „Thomas von Aquin. Leben und Werk“ stammt die Angabe „seit 1986“ aus einem Aufsatz von Nissing, die Kösel-Auflage 2000 aus einer Händlerangabe.
  • Die Verbindung der Gegner mit „Averroisten“ ist eine Deutung.
  • Die Methode der Summa (Frage, Einwand, Antwort) beruht auf der Beschreibung des Fordham-Sourcebook.
  • Die Nutzung des Maimonides gilt in der Fachliteratur als Standard, ist aber in den genutzten Quellen nicht belegt.

Wege durchs Netz

  • Ideen oder Dinge?

    Thomas von Aquin: Der Glaube braucht gute Philosophie, die Gnade vollendet die Natur.

  • Die Rückkehr der Tugend

    Thomas von Aquin: Er übernimmt Aristoteles und verbindet ihn mit dem christlichen Glauben.

Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Thomas

  1. [1]Aquinas · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Thomas Aquinas · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]amazon.de/Thomas-von-Aquin-Leben-Werk/dp/3466401143 · Webseite
  4. [4]suhrkamp.de/buch/ibn-rushd-massgebliche-abhandlung-fasl-al-maqal-t-9783458700265 · Buch
  5. [5]Thomas von Aquin · Wikipedia
  6. [6]Summa Theologica · Wikipedia

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