Jean-Jacques Rousseau
1712–1778 · Genf, Genf, Ermenonville
- Kapitel
- Empirismus und Aufklärung (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der Genfer Querdenker, dessen Idee der selbstgegebenen Gesetze in Kants Autonomie weiterlebt und der Kant, nach dessen Worten, die Menschen ehren lehrte.
Rousseau gibt Kant den zweiten großen Anstoß neben Hume: Aus seiner moralischen Freiheit wird Kants Autonomie. Mit Hume brach er 1766, und Mendelssohn übersetzte und besprach schon 1756 seinen zweiten Diskurs.
Kernidee
Rousseau meint, der Mensch sei von Natur gut und werde erst durch die Gesellschaft verdorben. Im Gesellschaftsvertrag sucht er eine Ordnung, in der jeder nur sich selbst gehorcht, weil die Gesetze vom gemeinsamen Willen aller Bürger stammen. Freiheit ist dann nicht Willkür, sondern Gehorsam gegen ein Gesetz, das man sich selbst gegeben hat.
Bekannt für
Rousseau ist bekannt für den Satz, der Mensch sei frei geboren und liege überall in Ketten, und für den Gesellschaftsvertrag. Er gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Revolution, und Robespierre besuchte ihn 1778 in Ermenonville.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Gemeinwille
Der Gemeinwille ist der Wille der Bürgerschaft als Ganzer und die Quelle der Gesetze. Wer ihm folgt, gehorcht nach Rousseau seinem eigenen Willen und bleibt darum frei. Ein Team, das seine Spielregeln selbst vereinbart, hält sie eher ein als eines, dem man sie von oben verordnet.
Selbstliebe und Eitelkeit
Amour de soi ist die gesunde Selbstliebe, die für das eigene Wohl sorgt. Amour-propre entsteht erst im Vergleich mit anderen und kann zu Eitelkeit und Rivalität anschwellen, doch Rousseau sah auch, dass sie bei richtiger Erziehung und Ordnung gutartig bleiben kann. Wer in einem Unternehmen vor allem Rankings und Boni vergleicht, nährt die zweite Form.
Begriffe
- Gesellschaftsvertrag
- : Der Gesellschaftsvertrag ist ein Denkmodell, das staatliche Herrschaft damit begründet, dass die Menschen ihr zustimmen oder vernünftigerweise zustimmen würden.
- Gemeinwille (volonté générale)
- : der Wille aller Bürger auf das gemeinsame Wohl, mehr als die Summe der Einzelinteressen
- moralische Freiheit
- amour de soi und amour-propre
- natürliche Güte des Menschen
- Naturzustand
- : ein gedachter Zustand vor jeder Gesellschaft
- Entfremdung
- : der Mensch lebt nach dem Urteil anderer, statt nach sich selbst
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
22 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 9 Deutung, 9 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Denis DiderotPrüfstand: Deutung
Enge Freunde ab 1742, Rousseau beendete die Beziehung Mitte der 1750er Jahre, Diderot blieb ihm laut Wikipedia (de) freundlich gesinnt.
Étienne Bonnot de CondillacPrüfstand: Deutung
Rousseau, Condillac und Diderot trafen sich regelmäßig im Panier fleuri und planten die Zeitschrift Le Persifleur.
David HumePrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
folgte 1766 dessen Einladung nach England
Kritisiert
Rousseau kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Hugo GrotiusPrüfstand: Deutung
Rousseau verglich Grotius' Prinzipien mit denen von Hobbes und nannte ihn einen Komplizen des Despotismus (SEP, Wikipedia de).
Thomas HobbesPrüfstand: belegt
Rousseau lehnt Hobbes' Gedanken ab, ein Volk könne seinen gesetzgebenden Willen einer Person oder Versammlung übertragen, die dann in seinem Namen über es herrscht. Wer das Recht, sich selbst zu regieren, an einen anderen abgibt, macht sich nach Rousseau zum Sklaven.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Rousseau. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Adam SmithPrüfstand: Deutung
Smith gehörte zu den Zeitgenossen, die sich eng mit Rousseau auseinandersetzten. Er besprach Rousseaus „Diskurs über die Ungleichheit“ in der Zeitschrift „Edinburgh Review“. Ein Teil der Forschung liest außerdem Smiths Tugendlehre als Kritik an Rousseau: Smith hält auch für Gesellschaften, die vom Handel leben, an einem hohen Ideal des Charakters fest.
Mary WollstonecraftPrüfstand: belegt
In der „Verteidigung der Rechte der Frau“ kritisiert Wollstonecraft die Erziehungslehren ihrer Zeit, allen voran Rousseaus „Emile“ (1762). Sie verlangt, dass Frauen an Geist und Körper geschult werden, damit sie zu Menschen werden, die von Vernunft und Selbstbeherrschung bestimmt sind.
David HumePrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Hume nahm Rousseau 1766 in England auf, danach zerbrach die Freundschaft in öffentlichem Streit.
Gegenseitige Kritik
Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.
Isaiah BerlinPrüfstand: Deutung
Berlin hielt Rousseaus Gleichsetzung von Freiheit mit Gehorsam gegenüber dem Gemeinwillen für gefährlich, weil sie ein einziges wahres Gemeininteresse unterstellt (SEP § 5.1).
Baut auf
Rousseau übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Niccolò MachiavelliPrüfstand: Deutung
Rousseau sah in Machiavelli laut der deutschen Wikipedia (nach Reinhardt) einen verkappten Revolutionär, der zeigt, wie man Tyrannen loswird, und las bei ihm, dass eine gute Republik eine Bürgerreligion braucht; die SEP nennt Rousseaus Lesart des Fürsten.
Thomas HobbesPrüfstand: belegt
Rousseaus Begriff der natürlichen Freiheit als uneingeschränktes Recht auf alle Dinge erinnert an Hobbes' Naturrecht im „Leviathan“. Auch seine Auffassung der Souveränität ähnelt der von Hobbes: Bei beiden bestimmt allein der Souverän, welche Rechte der Einzelne an sich selbst und an seinem Besitz hat. Nach der Stanford Encyclopedia gehört Hobbes zu den unmittelbaren Einflüssen auf Rousseaus politische Philosophie, und seine Auffassung der souveränen Macht prägt den „Gesellschaftsvertrag“ deutlich, wenn auch abgewandelt durch Rousseaus Ablehnung der Stellvertretung.
John LockePrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
SEP: nennt Locke als unmittelbaren Einfluss
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Rousseau weiter, meist über Texte.
Immanuel KantPrüfstand: belegt
Rousseaus moralische Freiheit als selbstgegebenes Gesetz wird bei Kant zur Autonomie.
Mary WollstonecraftPrüfstand: Deutung
Nach der Stanford Encyclopedia war Wollstonecrafts Lehre vom Erkennen neben Locke, Hume und Adam Smith auch von Rousseau stark beeinflusst. Die Forscherin Laura Kirkley meint, Rousseau habe ihren Sinn für das Weltbürgertum geweckt. Ihr Verhältnis zu Rousseau gilt als vielschichtig und wird weiter erforscht.
Arthur SchopenhauerPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Für seine Ethik des Mitleids zitiert er ausführlich Rousseaus Ausführungen zum Mitleid.
Claude Lévi-StraussPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Rousseau gilt in der Fachliteratur als wichtiger Bezugspunkt, in den abgerufenen Quellen aber nicht bestätigt
Germaine de StaëlPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Ihre erste Schrift von 1788 galt den Werken und dem Charakter Rousseaus.
Johann Gottfried HerderPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Rousseaus Schriften beeindruckten Herder tief, seine Kulturkritik prägte Herders Denken.
John RawlsPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Vertragstradition, so von Rawls selbst eingeordnet
Untersucht von
Untersucht, kommentiert oder deutet das Werk von Rousseau, ohne es als eigene Position weiterzuführen.
untersucht von Moses MendelssohnPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Mendelssohn übersetzt und bespricht 1756 Rousseaus zweiten Diskurs.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Adam SmithPrüfstand: Deutung
Manche Forscher lesen Smiths Tugendlehre pessimistischer und sehen darin ein Echo von Rousseaus Sorge, dass der Handel die Menschen verdirbt. Diese Lesart stellt eine Ähnlichkeit fest. Dass Smith den Gedanken von Rousseau übernommen hat, behauptet sie nicht.
Charles-Louis de Secondat, Baron de MontesquieuPrüfstand: Deutung
Die von Rousseau inspirierte Lehre der ungeteilten Volkssouveränität stand laut Wikipedia (de) gegen Montesquieus Gewaltenteilung.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
1762 wurde der Emile in Paris verurteilt, und in Genf wurden Emile und Gesellschaftsvertrag wegen religiöser Abweichung verurteilt. Rousseau gab im Mai 1763 sein Genfer Bürgerrecht auf und floh vor der Verhaftung.[1]
Abhängigkeit belegt
Rousseau lebte lange von Gönnern: Madame de Warens, später Madame d'Épinay und das Herzogspaar von Luxembourg. In der Verfolgung nahm er im Januar 1766 Humes Einladung nach England an.[1]
Biografie belegt
Nach eigenem Bericht gab Rousseau alle fünf Kinder, die Thérèse Levasseur ihm gebar, ins Findelhaus, was im Frankreich des 18. Jahrhunderts fast ein Todesurteil war. Voltaire nutzte das später gegen ihn.[1]
Kritik
Voltaire griff den Menschen an und besonders die ausgesetzten Kinder. Feindliche Autoren machten Rousseau zum Ideengeber für autoritäre Züge der Revolution; sein Wort, man müsse zur Freiheit „gezwungen“ werden (Gesellschaftsvertrag I, 7), gilt als heikle Stelle. Mary Wollstonecraft warf ihm vor, dass seine Freiheitsidee Frauen ausschließt.
Wirkung heute
Die Idee, dass legitime Gesetze auf der Zustimmung der Betroffenen beruhen, trägt moderne Demokratietheorien. Auch die Einsicht, dass ständiger Vergleich mit anderen Selbstwert und Gemeinschaft vergiften kann, ist so aktuell wie je.
Brücke zu Führung und Coaching
Rousseaus Gedanke der selbstgegebenen Regeln hilft bei Teamvereinbarungen: Regeln, die das Team selbst formuliert, werden eher gelebt als verordnete. Frage in Deinem nächsten Workshop: Welche Regeln würden wir uns geben, wenn wir sie nur für uns selbst aufstellen müssten? Beobachte außerdem, wo im Team Vergleich und Rangordnung die Zusammenarbeit vergiften.
Zitate
„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden.“
„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“
Lebensstationen
- 1712Geboren in Genf
- 1749Erleuchtung auf dem Weg nach Vincennes beim Lesen der Dijoner Preisfrage
- 1755Zweiter Diskurs über die Ungleichheit
- 1762Emile und Gesellschaftsvertrag erscheinen und werden verurteilt
- 1766Reise nach England auf Humes Einladung, danach Bruch
- 1778Tod bei Paris (Ermenonville)
Werke
- Abhandlung über die Ungleichheit (1755)
- Vom Gesellschaftsvertrag (1762)
Abhandlung über die Wissenschaften und Künste (Erster Diskurs, 1751); Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit (Zweiter Diskurs, 1755); Julie oder Die neue Héloïse (1761); Emile oder Über die Erziehung (1762); Vom Gesellschaftsvertrag (1762); Bekenntnisse (Confessions)
Anekdote überliefert
Der Legende nach versäumte der sonst auf die Minute pünktliche Kant seinen täglichen Spaziergang nur ein einziges Mal: als er Rousseaus Emile las. Ebenso soll ein Bild Rousseaus das einzige Bild in Kants Haus gewesen sein.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Jean-Jacques Rousseau, Du contrat social / Vom Gesellschaftsvertrag, Französisch/Deutsch, hrsg. von Hans Brockard (Reclam): kurzer Grundtext, zweisprachig und gut zum Mitlesen
- Vertiefung
- Iring Fetscher, Rousseaus politische Philosophie (Suhrkamp, 1975)
Noch nicht sicher belegt
- Die Kant-Anekdote ist nur als Legende überliefert; ein Primärbeleg ist nicht geprüft.
- Die deutsche Fassung des Zitats ist eine Übersetzung des 19. Jahrhunderts; andere Ausgaben formulieren „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“.
- Das Erscheinungsjahr der Confessions ist nicht geprüft.
- Die Rückkehr nach Frankreich wird auf 1767 (Stanford Encyclopedia of Philosophy) oder 1770 (deutsche Wikipedia) datiert; hier steht 1767.
- Der Hinweis auf einen Besuch Robespierres stammt aus der deutschen Wikipedia.
- Rousseau ist kein Empirist im engen Sinn; die Zuordnung zur Strömung „Empirismus und Aufklärung“ ist eine Einordnung der Redaktion.
- Die Zusammenfassungen und die Brücke zu Führung und Coaching sind eigene Formulierungen der Redaktion.
Wege durchs Netz
Rousseau: Eine gerechte Ordnung ist eine, in der jeder am Ende nur sich selbst gehorcht.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Rousseau
- [1]Rousseau · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Jean-Jacques Rousseau · Wikipedia
- [3]zeno.org/Philosophie/M/Rousseau,+Jean-Jacques/Der+Gesellschaftsvertrag/Erstes+Buch/1.+Inhalt+des+ersten+Buches · Webseite
- [4]suhrkamp.de/buch/iring-fetscher-rousseaus-politische-philosophie-t-9783518277430 · Buch
- [5]eckhard-ullrich.de/alte-sachen/452-ueber-emile-vergass-kant-den-spaziergang · Webseite
- [6]Jean Jacques Rousseau · Britannica