Georg Wilhelm Friedrich Hegel
1770–1831 · Berlin, Stuttgart, Berlin
- Strömung
- Kant und Deutscher Idealismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Der Denker, der Kants Bruch zwischen Ich und Welt in eine große Geschichte der Vernunft verwandelte und damit Marx und der Kritischen Theorie den Boden bereitete.
Hegel verbindet Kant, Fichte und Schelling zu einem eigenen System, Hölderlin war sein Freund und Mentor. Über seine Schüler Marx und Feuerbach führt der Weg zur Kritischen Theorie.
Kernidee
Hegel denkt Wahrheit nicht als fertigen Satz, sondern als Bewegung, in der sich Gegensätze gegenseitig vorantreiben. Der Geist, also das Denken und Handeln der Menschen, entwickelt sich durch Widersprüche, und die Weltgeschichte ist für ihn ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Kants Grenzen der Erkenntnis erscheinen so als Stufe auf einem Weg und nicht als Endpunkt.
Bekannt für
Hegel ist der Philosoph der Dialektik und der Geschichte als Weg zur Freiheit. Sein Satz „Das Wahre ist das Ganze“ steht für den Anspruch, nichts isoliert zu betrachten, sondern alles in seiner Entwicklung.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Dialektik: Gegensätze treiben das Denken voran
Hegel beschreibt das Denken in drei Schritten: Der Verstand legt etwas fest, die Vernunft erkennt die Einseitigkeit und verneint es, und im dritten Schritt werden beide Seiten in einer höheren Einheit bewahrt. Dieses „Aufheben“ meint also zugleich beenden und aufbewahren. Ein Team, das zwischen „schnell liefern“ und „gründlich arbeiten“ streitet, löst das selten durch den Sieg einer Seite, sondern durch eine neue Arbeitsweise, die beides enthält.
Herr und Knecht: Selbstbewusstsein durch Anerkennung
In der Phänomenologie beschreibt Hegel einen Kampf um Anerkennung: Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein daraus, dass andere ihn anerkennen und für ihn arbeiten. Der Knecht dagegen formt durch seine Arbeit die Dinge und lernt sich dabei selbst kennen. Eine Führungskraft, die alles delegiert, sollte sich fragen, was ihr Team durch die Arbeit gewinnt, das ihr selbst fehlt.
Weltgeschichte als Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit
Für Hegel ist die Geschichte nicht bloß eine Abfolge von Ereignissen, sondern ein Prozess, in dem die Menschen sich ihrer Freiheit immer klarer bewusst werden. Er schreibt in der Einleitung zur Philosophie der Geschichte, dies sei ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben. Wer Veränderungsprojekte plant, kann daraus lernen, den Wandel als Entwicklung zu verstehen und Rückschläge als Teil des Weges zu lesen.
Begriffe
- Dialektik
- : das Gespräch in Frage und Antwort, das Behauptungen prüft
- Geist
- : das gemeinsame Denken und Handeln der Menschen, das sich geschichtlich entfaltet
- Aufhebung
- Anerkennung
- : Anerkennung heißt, dass andere dich als Person gelten lassen und positiv würdigen; das ist mehr, als nur zu bemerken, dass es dich gibt. In der Tradition Hegels ist Anerkennung gegenseitig gedacht: Du wirst dir deiner selbst als freie Person erst bewusst, wenn andere dich anerkennen und du sie ebenso.
- Herr und Knecht
- Sittlichkeit
- Weltgeschichte
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
27 Verbindungen im Netz, davon 17 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Schüler
Persönliches Lehrverhältnis: wurden von Hegel unterrichtet.
Bruno BauerDeutung
Bauer studierte bei Hegel, gab 1840 die zweite Auflage von dessen Vorlesungen über die Philosophie der Religion heraus und baute dessen Lehre vom Selbstbewusstsein aus.
Ludwig Feuerbachungeprüft
Er studierte zwei Jahre bei Hegel in Berlin und löste sich dann vom System.
Max StirnerDeutung
Stirner hörte in Berlin drei Vorlesungsreihen Hegels; die dreiteilige Gliederung seines Buches gilt teils als Hegel-Prägung, teils als Parodie darauf.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Friedrich Hölderlinungeprüft
Der Stiftsfreund war von 1797 bis 1800 Hegels philosophischer Gesprächspartner und Mentor.
Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingbelegt
Hegel und Schelling studierten gemeinsam mit Hölderlin am Tübinger Stift und waren dort eng befreundet. In Jena gaben sie 1802 und 1803 zusammen das „Kritische Journal der Philosophie“ heraus.
Kritisiert
Hegel kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacherungeprüft
Hegel griff Schleiermachers Gefühlsbegriff der Religion 1822 scharf an.
Immanuel Kantungeprüft
führt Kants Kritik weiter und wirft ihm Formalismus vor
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Hegel. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Arthur Schopenhauerungeprüft
Er bekämpfte Hegels Philosophie als Hegelei und konkurrierte in Berlin mit ihm um Hörer.
Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingbelegt
Ab den 1820er Jahren wandte Schelling gegen Hegels System ein, dass ein Denken, das alles aus sich selbst entwickeln will, seinen eigenen Grund immer schon voraussetzt. Dass es die Welt überhaupt gibt, lässt sich für Schelling aus Begriffen nicht ableiten. Diese späte „positive Philosophie“ wirkte auf Hegels spätere Kritiker wie Kierkegaard.
Karl Popperungeprüft
In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ als Vertreter des Historizismus kritisiert, in den abgerufenen Auszügen nur sinngemäß belegt
Søren Kierkegaardungeprüft
Kierkegaard gilt als Kritiker Hegels, zielt nach der IEP aber vor allem auf dänische Hegelianer wie Heiberg und Martensen.
Baut auf
Hegel übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Baruch de Spinozaungeprüft
nimmt die Idee des Ganzen auf
Immanuel Kantungeprüft
Hegel nimmt Kants Frage nach der Vernunft und macht daraus eine Geschichte der Vernunft in Bewegung.
Johann Gottlieb Fichtebelegt
Hegel führt Fichtes Gedanken weiter, dass wir uns unserer selbst durch die Aufforderung eines anderen freien Subjekts bewusst werden, und verbindet ihn mit dem Gedanken eines Kampfes um Anerkennung.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Hegel weiter, meist über Texte.
Axel Honnethbelegt
Honneth baut seine Anerkennungstheorie auf Schriften des jungen Hegel.
Frantz Fanonungeprüft
Laut Stanford-Enzyklopädie greift Fanon Hegels Dialektik auf, vor allem Anerkennung und das Wagnis des Lebens.
Friedrich EngelsDeutung
Engels übernahm die dialektische Methode Hegels, kritisierte aber das idealistische System.
Georg Lukácsungeprüft
Lukács holt Hegels Totalitätsdenken in den Marxismus zurück.
George Herbert Meadbelegt
Nach der Stanford Encyclopedia verdankt Mead Hegels Werk viel: Hegel war eine Zeit lang die für ihn wichtigste philosophische Figur, er studierte bei dem von Hegel geprägten Josiah Royce, und sein Werk verbindet Darwin, Hegel, Deweys Psychologie und Gedanken von James. Wie weit das reife Werk hegelianisch bleibt, ist umstritten.
Herbert Marcuseungeprüft
Marcuse verteidigt Hegel als Denker der Befreiung in „Vernunft und Revolution“.
John Deweyungeprüft
Dewey wurde früh von Hegel geprägt, in der Literatur üblich
Karl Marxungeprüft
Marx übernimmt die Dialektik, aber materialistisch: Wirtschaft statt Weltgeist treibt die Geschichte.
Robert BrandomDeutung
Brandom stützt sich auf Kant und Hegel und schrieb 2019 A Spirit of Trust zu Hegels Phänomenologie (Wikipedia, SEP).
Simone de Beauvoirungeprüft
Ihr Begriff des Anderen ist laut SEP stark von Hegel geprägt
Søren Kierkegaardungeprüft
Er wandte sich gegen Hegels System, obwohl manche seiner Ideen Hegel weiterentwickeln.
Theodor W. Adornoungeprüft
Adorno denkt Dialektik ohne versöhnendes Happy End: die „Negative Dialektik“.
W. E. B. Du BoisDeutung
Ein Teil der Forschung liest besonders Souls im Licht von Hegels Phänomenologie des Geistes (SEP); das ist eine Deutung, Taylor hält Hegel und Pragmatismus für vereinbar.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Hegel unterstützte in Berlin die konstitutionelle Monarchie Preußens, und Minister Altenstein förderte seine Philosophie. Kritiker machten ihn deshalb zum „preußischen Staatsphilosophen“; ob die Nähe zum Staat sein Denken zähmte, bleibt Deutung.[2]
Zeitgeschehen belegt
Am Tag der französischen Besetzung Jenas, dem 13. Oktober 1806, schrieb Hegel, er habe Napoleon, „diese Weltseele“, durch die Stadt reiten sehen, und bat im selben Brief dringend um Geld. Die Besetzung beendete zugleich seine Jenaer Zeit.[3]
Zeitgeschehen belegt
In den Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte äußerte sich Hegel abwertend über Afrikaner, die er als „Kindernation“ beschrieb, nannte die Sklaverei aber zugleich Unrecht und zeigte Sympathie für die Haitianische Revolution. Forschende erklären das teils mit dem damals verbreiteten Rassismus und sehen keine zwingende Folge seines Systems.[2]
Kritik
Schopenhauer griff Hegel scharf an, teils aus akademischer Rivalität, und Schelling warf ihm in Berlin einen überzogenen Rationalismus vor. Marx und die Junghegelianer drehten das System um: Nicht die Idee, sondern die materiellen Verhältnisse bestimmten die Geschichte. Dazu kommt der Vorwurf des „preußischen Staatsphilosophen“ und die Kritik an seinen rassistischen Aussagen.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass Selbstbewusstsein durch die Anerkennung anderer entsteht, wirkt in der Sozialphilosophie bis heute. Seine Dialektik bildet außerdem die Grundlage, auf der Marx seine Gesellschaftsanalyse aufbaute, und reicht so bis in die Kritische Theorie.
Brücke zu Führung und Coaching
Hegels Dialektik hilft bei festgefahrenen Konflikten im Team: Suche statt der Frage, wer recht hat, die Frage, was jede Seite richtig sieht. Seine Szene von Herr und Knecht stellt eine unbequeme Frage an Führungskräfte: Woher beziehst du dein Selbstbild, und wie sehr hängt es davon ab, dass andere für dich arbeiten und dich bestätigen? Frage dein Team einmal offen, was ihm die eigene Arbeit an Selbstvertrauen gibt.
Zitate
„Das Wahre ist das Ganze.“
„Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“
Lebensstationen
- 1770Geboren in Stuttgart
- 1788Beginn des Studiums im Tübinger Stift, Freundschaft mit Hölderlin und Schelling
- 1807Phänomenologie des Geistes erscheint, Ende der Jenaer Zeit
- 1818Berufung auf Fichtes früheren Lehrstuhl in Berlin
- 1821Grundlinien der Philosophie des Rechts
- 1831Tod in Berlin, offiziell an Cholera
Werke
- Phänomenologie des Geistes (1807)
- Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820)
Phänomenologie des Geistes (1807)
Wissenschaft der Logik (Nürnberger Zeit)
Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817)
Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821)
Anekdote belegt
Am 13. Oktober 1806 schrieb Hegel in Jena an Niethammer, er habe den Kaiser, „diese Weltseele“, zur Erkundung der Stadt hinausreiten sehen. Die beliebte Erzählung, er habe die Phänomenologie unter dem Kanonendonner der Schlacht vollendet, gilt dagegen als nicht belegt.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Vorrede zur Phänomenologie des Geistes (1807), Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 414 (auch online auf zeno.org): legt Hegels Programm offen und enthält den Satz vom Ganzen.
- Vertiefung
- Klaus Vieweg, Hegel. Der Philosoph der Freiheit (2019)
Noch nicht sicher belegt
- Die rassistischen Passagen sind nur über die deutsche Wikipedia belegt, die Originalstellen wurden nicht geprüft. Die Todesursache Cholera ist die offizielle Angabe, neuere Forschung vermutet ein Magenleiden (chronisches Magenleiden laut deutscher Wikipedia). Marx und Feuerbach sind keine persönlichen Schüler, sondern Rezipienten.
- Dass die Phänomenologie nicht unter Kanonendonner vollendet wurde, stützt sich auf einen Essay, nicht auf eine Fachquelle.
- Die Wissenschaft der Logik erschien laut Stanford Encyclopedia of Philosophy 1812, 1813 und 1816; die deutsche Wikipedia nennt kein Jahr. Sterbedatum (14. November 1831 in Berlin), Todesursache und Geburtsdatum stehen nur in der deutschen Wikipedia.
- „Aufhebung“ ist laut Stanford Encyclopedia eine triadische Struktur, in der die ersten beiden Momente verneint und doch bewahrt werden; „oft in drei Schritten“ ist daher eine Vereinfachung. Auch die Aussage, Selbstbewusstsein sei ohne Anerkennung unvollständig, vereinfacht die Darstellung. Der Bezug der Anerkennung zu Respekt am Arbeitsplatz ist eine Anwendung ohne Quelle.
- Die Verbindung zu Adorno stützt sich nur auf die allgemeine Aussage zur Frankfurter Schule und ist schwach. Als Gegenspieler der Existenzphilosophie wird Hegel nicht bezeichnet; die Quelle zeigt nur, dass Kritik an seinem Rationalismus über Schelling und Kierkegaard in den Existentialismus einging. Die Verbindungen zu Preußen, Schopenhauer und Herr und Knecht sind ungeprüft. Eine bestätigte deutsche Ausgabe und Sekundärliteratur zum Lesen liegen nicht vor.
Wege durchs Netz
Hegel: Wahrheit ist eine Bewegung, in der sich Gegensätze gegenseitig vorantreiben.
Hegel: Der Geist, also das Denken und Handeln der Menschen, entfaltet sich in der Geschichte.
Hegel: Vernunft entfaltet sich in der Geschichte.
Hegel: Der Geist entfremdet sich von sich selbst und findet zu sich zurück.
Hegel: Selbstbewusstsein entsteht durch Anerkennung.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Kritische Theorie, Kant und Deutscher Idealismus, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Hegel
- [1]Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
- [2]Georg Wilhelm Friedrich Hegel · Wikipedia
- [3]Hegel an Niethammer, 13. Oktober 1806 · Webseite
- [4]marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm · Webseite
- [5]Wikipedia (de): Herrschaft und Knechtschaft
- [7]Søren Kierkegaard · Internet Encyclopedia of Philosophy